EuroPride Vienna 2019: 500.000 Menschen bei der 24. Regenbogenparade rund um den Ring!

Die Zeiten haben sich verändert. Keine eingetragene Partnerschaft, geschweige denn eine Ehe für alle, keine Pride Village auf dem Rathausplatz, kein Youtube, keine sozialen Medien, nur eine unerträgliche schwarz-blaue Koalition existierte schon damals. 2001 fand in Wien zum ersten Mal die seit 1992 inszenierte EuroPride statt. Im Oktober 2016 bekam die Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien auf der EPOA-Jahreskonferenz für den Juni 2019 erneut den Zuschlag.

 

EuroPride Vienna 2019 unter dem Motto "Together & Proud" - Das waren 2 Wochen spannende, unterhaltsame, informative und nachdenkliche Special Events von Diskussionsrunden, Bus Tours, Uni-Führungen, Pride Run, Life Ball bis hin zu Beach Parties, Ausstellungen, Konzerten und Kinoabenden. Der Höhepunkt jeder EuroPride ist stets der abschließende "Christopher Street Day"-Umzug, benannt nach jener Straße, in der das New Yorker "Stonewall Inn" liegt. Vor genau 50 Jahren war dies jener Ort, an dem Schwule, Lesben und Transgender sich zum ersten Mal gegen die Schikanen der Polizei gewaltsam wehrten und für ihre Rechte kämpften, der Geburtsort der LGBITQ-Bewegung. In Österreich nennt sich der der seit 1996 stattfindende Umzug "Regenbogenparade", Gay-Ikone Judy Garland ("Somewhere over the Rainbow") wurde am Tag der Stonewall Riots beerdigt, und das Märchen aus dem "Zauberer von Oz" mit der Sehnsucht, ein Land zu finden jenseits des Regenbogens, um glücklich zu werden, das passt haargenau zu den persönlichen Schicksalen vieler, für die alljährlich hunderttausende auf die Straße gehen.

 

Bei brütender Hitze waren es 2019 500.000 Menschen, die auf der Regenbogenparade den Ring andersrum demonstrierten, Party feierten oder ganz einfach durch ihre stille Teilnahme ein Zeichen für Gleichstellung, Toleranz und Diversität setzten. Insgesamt 107 Trucks nahmen bei dem mehr als 2 km langen Demonstrationszug teil, eine Steigerung um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

 

 

 

mehr lesen

Bier, Blasmusik und Volkstanz: Pfingstkirtag im Waldviertler Ort Els!!

Els ist ein kleiner Ort mit 60 Häusern und 190 Einwohnern 2,5 km südlich von Albrechtsberg im Bezirk Krems. Es gibt allerdings Tage, bei denen die Anzahl der dort lebenden Waldviertler durch die Besucheranzahl stark überschritten wird.

 

Zu diesen zählt der traditionelle Pfingstkirtag, der dieses Jahr aufgrund des späten Ostertermins auf den 10. Juni fiel. Die brütende Hitze auf dem Dorfplatz und in den engen Straßen, wo ca. 60 Händler ihre Waren von selbstgefertigten Kreationen bis Massenprodukten anboten, erinnerte an ibizenkische Rekordtemperaturen. Im Gegensatz zu den Spaniern, die zu diesen Tageszeiten gerne eine Siesta einlegen, verlegten sich die Kirtagsbesucher auf kühle Biergetränke, Grillhendl und Mehlspeisen. Und auf unterhaltsame Gespräche über Gott, Kurz und die Welt. 

 

Neben einer heiligen Messe in der Pfarrkirche hl. Pankraz (die aus dem 11. Jahrhundert stammt), zählten die Auftritte der Trachtenkapelle Nöhagen und der Kindervolkstanzgruppe Albrechtsberg zu den Höhepunkten des diesjährigen Pfarrkirtags. Letztere wurde 1998 gegründet und besteht derzeit aus über 20 Kindern im Alter von 7-13 Jahren, die alle 3 Wochen von Cornelia Bernleitner im Kultursaal Albrechtsberg "trainiert" werden. Als musikalische Untermalung dient dabei "Quetsch´n"-Man Willi Mladek.

 

Bereits seit 1951 existiert die Trachtenkapelle Nöhagen, die einst den Namen "Die jungen Waldbauernbuam" trug. Aufgrund des Frauenbooms in der Kapelle wurde der Verein im Jahr 2000 umbenannt. Heute spielen in der Kapelle unter der Leitung von Robert Weidenauer 55 MusikerInnen, davon 23 weiblich (= 41,8 %). Kein Wunder, dass die in neuer, schicker Tracht mit coolen Sunglasses auftretenden Ladies in die erste Reihe der Kapelle platziert wurden und dort bei tropischen Temperaturen die Kirtagsbesucher bestens unterhielten.

 

Anm.:  Ob die vielen Che Guevara-Artikel bei den Kirtagsständen zu einem Linksruck im Waldviertel führen werden, wird die Zukunft weisen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. :-)

Landesgalerie Krems: 5 Ausstellungen auf fünf Ebenen im Marte-Kubus!

Das neue Flaggschiff der Kunstmeile Krems hat jetzt endgültig seine Pforten geöffnet. Nach dem Pre-Opening im März, bei dem das Roh-Gebäude der vom Vorarlberger Architekten-Duo Bernhard und Stefan Marte konzipierten Landesgalerie Niederösterreich besichtigt werden konnte, besuchten beim Grand Opening am ersten Wochenende knappe 11.000 Personen die auf 3000 m2 auf fünf Ebenen präsentierten fünf Ausstellungen.

 

Basis des Museums-Konzepts sind die rund 60.000 Objekte der Kunstsammlung Niederösterreichs, die in den letzten 100 Jahren aufgebaut wurde und mit Werken aus Privatkollektionen ergänzt wird. Der Schwerpunkt liegt in der Kunst vom 19. Jahrhundert bis zum zeitgenössischen Schaffen, sämtliche Sparten von Grafiken, Fotografien und Gemälden bis zu Skulpturen, Medienkunst und Installationen sind vertreten. Die oft vor der Eröffnung aufgeworfene Frage, wie die Kunstwerke angesichts der schiefen Wände platziert werden, wurde kongenial durch Zwischenwände gelöst. 

 

Im Untergeschoß stellt die Landesgalerie Krems die Sammlung Franz Hauers vor, der als „Selfmademan“ zu den wichtigsten europäischen Kunstsammlern zählt. Der in Weißenkirchen 1867 geborene Hauer arbeitete zuerst als Hausknecht im Kremser Hotel „Zur weißen Rose“ und eröffnete später in Wien das legendäre Griechenbeisl. Das verdiente Geld investierte er in der Sammlung von Kunst. Ihn interessierten nicht die arrivierten Maler, sondern junge Talente, die er auch persönlich in den Ateliers besuchte. Ein Großteil der Sammlung Hauers stammt aus dem Nachlass seiner Enkelin und renommierten Künstlerin Christa Hauer (1925-2013), die diese an das Land Niederösterreich vermachte. Darunter das Porträt Franz Hauers von Oskar Kokoschka oder Werke von Schiele („Agonie“, „Wally“).

 

„Ich bin alles zugleich“, ein bekanntes Schiele-Zitat, ist der egomanische Titel der publikumswirksamen Ausstellung im ersten Obergeschoß, die sich mit der Selbstdarstellung in der Kunst bis hin in die Gegenwart beschäftigt und viele verschiedene Künstler unterschiedlicher Genres vereinigt: Schiele, Kokoschka, Gottfried Helnwein (mit seinen typischen mit Verbandsmaterial bandagierten Köpfen aus den 80ern), Christian Ludwig Attersee (mit 60er-Selbstporträt), Manfred Deix, Arnulf Rainer, Aktionskünstler Hermann Nitsch (mit „Bluthemd“) oder das teilweise aus Krems stammende progressive Künstler-Kollektiv Gelatin. Nichts passt allerdings besser zur aktuellen Ich-Bezogenheit der Gesellschaft als ein ganz in schwarz gehaltenes Gemälde mit lapidarem, weißem Schriftzug „Ich“. Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass durch die Digitalisierung die Privilegierung kleiner Minderheiten gefallen ist. „Durch Bildtypen wie Selfies (so auch der Titel seines jüngsten Buches) könne eine Mehrheit der Menschen Bilder produzieren und auch publizieren.“

 

Das dritte Obergeschoß stellt unter dem Titel „Sehnsuchtsräume – Berührte Natur und besetzte Landschaften“ Fragen zum Verhältnis von Mensch und Natur. Dieser weite Bogen umfasst nicht nur Kunstwerke des Impressionismus und der klassischen Moderne, sondern konfrontiert den Besucher durch Fotos niederösterreichischer Landschaften auch damit, wie der Mensch die Natur und die Umwelt in Verbindung mit seinen persönlichen Interessen nutzt, und hinterlässt nicht selten den Eindruck, dass hier nicht die optimalsten Lösungen getroffen wurden. Installationen wie „Wohin verschwinden die Grenzen?“ oder Fotos von Flüchtlingen in ihrer neuen Heimat, beispielsweise stehend in einem Weingarten vor der Donaulandschaft von Weißenkirchen, rufen das (leider) hochbrisante Thema Migration in die Gedächtnisse der Besucher.

 

Auf der höchsten Ebene der Landesgalerie besteht die Gelegenheit, sich mit dem Werk des österreichischen Fotografen, Schriftsteller und Aktionskünstlers Heinz Cibulka vertraut zu machen. Dazu zählen nicht nur Bildgedichte und digitale Bildcollagen, sondern auch eine Augmented Reality-Erweiterung in Zusammenarbeit mit dem Medienkünstler Bobby Rajesh Maholtra. Eine Aussichtsplattform bietet eine wunderschöne Aussicht auf die Donau und das Stift Göttweig und mittels einer kleinen dreieckigen Seitenfront auch auf die Altstadt von Stein.

 

Zurück per Lift oder mit etwas körperlicher Anstrengung per Stufen gelangt man im Erdgeschoß zur Ausstellung der österreichischen Künstlerin Renate Bertlmann, die dieses Jahr auch bei der Biennale in Venedig vertreten war. Eines der zentralen Werke eine meterlange „Urnenwand“. Bertlmann bat im Rahmen dieses Projekts Bekannte um die Zusendung persönlicher Urnenbeigaben, die eingerollt in Urkundenzylinder, aber unsichtbar für die Besucher, platziert wurden. 

 

Im Hintergrund sieht man den außerhalb der Landesgalerie situierten Schriftzug des Kremser Künstlers Leo Zogmayer. „Wenn ich Kunst sage, meine ich das Ganze.“ Nach den ersten Eindrücken: Das ist den kreativen Köpfen der Landesgalerie gelungen...

"After Stonewall - 50 Years of Pride" - Fotoausstellung in Wien!

Es war in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969, als die New Yorker Polizei wieder einmal im Stonewall Inn, einer Bar für Homosexuelle und Transgender in der Christopher Street, eine schikanöse Razzia durchführte. Dieses Mal war die Situation anders, die Gäste wehrten sich mit Gewalt gegen die Diskriminierungen, tagelange Auseinandersetzungen waren die Folge. Der legendäre Widerstand gilt als Geburtsstunde der LGBTIQ-Bewegung, die sich symbolisch weltweit mit der Regenbogenfahne schmückte.

 

50 Jahre später konzipierte das Rainbow Cities Network (RCN) seine bislang 4. Fotoausstellung in Wien, kongenial zur Europride 2019. Das RCN, ein Zusammenschluss von über 30 Städten mit dem Ziel, kommunale Strategien für Gleichstellung und Antidiskriminierung zu entwickeln, wählte als Ort der Ausstellung die Fenster-Fassaden des Aids Hilfe-Hauses am Mariahilfergürtel.

 

Der Titel der Ausstellung (die noch bis zum 16. Juni zu sehen ist) lautet: "After Stonewall - 50 Years of Pride". Sie beinhält Fotoaufnahmen und Texte 17 verschiedener Städte, die alle einen gewissen Bezug zur LGBT-Bewegung aufweisen. Genf präsentiert den mit Regenbogenfarben beleuchteten 140 Meter hohen Wasserstrahl des Jet déau-Springbrunnens im Genfer See, deutsche Städte wie Köln, München und Hamburg zeigen CSD-Umzüge der 80er, Spaniens Gay-Metropole Barcelona eine Collage verschiedener Pride-Paraden direkt in den Ramblas. Paris setzt der Aktivisten-Ikone Francis Carrier ein Denkmal, während Sao Paulo die erste Anlaufstelle für Homosexuelle porträtiert. Brighton verbindet seine legendären Pride-Demonstrationen mit dem Thema Migration.

 

Das Wiener Foto von Martin Votava zeigt die im November 2016 vorgenommene Verleihung des Goldenen und Silbernen Wiener Verdienstzeichens an Rechtsanwalt Helmut Graupner (der durch VfGH-Beschwerden die "Ehe für alle" Ende 2018 ermöglicht hat) und an den Mitinitiator der ersten Wiener Regenbogenparade, Andreas Brunner. Die erste Ordensverleihung für LGBTIQ-Aktivismus in Österreich.

 

Das pfiffigste Zitat liefert der Züricher Beitrag: "We didn´t choose it, we were just lucky." Sic est, live and love your life, egal mit wem und wo...

"Deix in the City" - Wanderausstellung des Kult-Karikaturisten in Wien!

Am 22. Februar 2019 hätte einer der bekanntesten und provokantesten Karikaturisten Österreichs seinen 70. Geburtstag gefeiert: Manfred Deix. 

 

Aufgewachsen in Niederösterreich (Böheimkirchen, St. Pölten) lernte er dort als Schankbursche im elterlichen Gasthaus im zarten Alter von 12 die Menschen von der Pike auf kennen. Die Idee der "Deixfiguren" war geboren. Der Wien-Konnex begann, als Deix ab 1965 die Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt gemeinsam mit Gottfried Helnwein besuchte und 1968 an der Akademie der bildenden Künste inskribierte. Die ersten Erfolge kamen in den 70ern mit Veröffentlichungen in Magazinen wie Profil, Spiegel, Stern, Tempo oder Playboy, sein erstes Buch "Cartoons" erschien 1980.

 

Im Rahmen des Bezirks-Festivals "Wir sind Wien" widmet die Basis.Kultur.Wien dem genialen Karikaturisten und Satiriker eine Wanderausstellung unter dem Titel "Deix in the City". Viele bekannte Zeichnungen und Cartoons des Künstlers, der seit 2005 auch Träger des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien ist, werden täglich in einem Bezirk platziert, und zwar in weitläufigen Parks (wie dem Stadtpark, Resselpark, dem Bruno Kreisky-Park oder dem Türkenschanzpark). Die Themen seiner Zeichnungen, so bunt wie das Leben. Gesellschaftskritik, Korruption in der Politik, Kirche, Gleichberechtigung, Beach Boys (seine Lieblingsband), Sex (mit eigener "Ü-18-Zone") oder Porträts von Katzen (von denen auch bei seinem Tod 23 gemeinsam mit seiner Frau Marietta in seiner Wohnung hausten).

 

Wer mehr Kreationen von Manfred Deix sehen will, kann einen Ausflug nach Krems buchen. 2001 wurde das Karikaturmuseum in der Kremser Kunstmeile eröffnet. Die Werke von Deix werden dort in einer Dauerausstellung präsentiert, aktuell unter dem Titel "Immer wieder Deix!" Dieser Aufforderung kann man nur schwer widersprechen :-)

"Farewell": "Rocket Man" Elton John auf Abschieds-Tour in der Wiener Stadthalle

Paradiesvogel, Pianist, Exzentriker, Musikgenie, Aids-Aktivist, Brillenfetischist oder ganz simpel: Elton John. 350 Millionen Tonträger hat der in London unter schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsene Reginald Dwight in seiner Karriere verkauft. Derzeit befindet sich der 72jährige auf einer 3 Jahre dauernden Abschiedstournee, bei der er auch zwei Auftritte in der ausverkauften Wiener Stadthalle absolvierte.

 

Die Tour steht unter der Trademark "Farewell Yellow Brick Road" und bezieht sich dabei auf sein erfolgreichstes Album "Goodbye Yellow Brick Road" aus dem Jahre 1973, das 30 Millionen Exemplare verkaufte. Die "gelbe Backsteinstraße", das ist jener Weg aus dem Kinderbuch und Film "Der Zauberer von Oz", der in die Smaragdstadt führt. Passt kongenial zu Elton John, der seit Beginn seiner Karriere mit extravaganten Inszenierungen und Kostümierungen glänzte.

 

Seine erste Single "Border Song", gerademal auf Platz 92 in den US-Charts, veröffentlichte Elton John im Jahr 1970, die Lyrics stammten schon damals vom Textdichter Bernie Taupin, mit dem der Sänger jahrzehntelang zusammenarbeitete. Eine der Raritäten, die Elton John mitten im Hit-Reigen auch in Wien präsentierte. Im Mittelpunkt standen aber natürlich die großen Hits der 70er, als Elton John - vor dem Aufblühen von Disco, New Wave und Hip Hop - zu den renommiertesten Künstlern zählte: "Your Song", der erste Top Ten-Hit, "Tiny Dancer" (in den 90ern auch im Kino-Retro-Hit "Almous Famous" zu hören), "Daniel", das rockige "Saturday Night´s Alright for Fighting", die erfolgreichste Single aller Zeiten, "Candle the Wind" (beim Wien-Konzert in der originalen Monroe-Version), die später durch das legendäre George Michael-Duett noch populärer gewordene Ballade "Don´t let the Sun go down on me"  und natürlich "Crocodile Rock", bei dem jenseits aller Altersgrenzen das gesamte Publikum der ausverkauften Wiener Stadthalle mitsang und mittanzte.

 

Zwischen Balladen und Up-Tempo-Tracks lieferte Elton John auch leise Untertöne. Er erzählte von seiner 16jährigen Drogen- und Alkoholsucht und dankte pauschal jenen Personen, die ihn Anfang der 90er in eine Entzugsklinik einlieferten und ihm vermutlich das Leben retteten. Nicht erst seit dem Aids-Tod von Freund Freddie Mercury 1991 setzte sich der bisexuelle Künstler auch immer für die Rechte von Diskriminierten und Minderheiten ein. Er war aber der Anlass für die Gründung der Elton John Aids Foundation, die bis dato 450 Millionen Dollar für Projekte weltweit im Kampf gegen HIV sammelte. Kein Wunder, dass der Musiker oft auch Stargast beim Wiener Life Ball war.

 

Elton John will sich in Zukunft mehr seiner Familie widmen. Er lebt seit 2005 in einer Lebenspartnerschaft mit David Furnish, die 2014 in eine Ehe umgewandelt wurde, und hat 2 Kinder im Alter von 8 und 6 Jahren.  Bei der "Farewell"-Abschiedstournee wird Elton nach dem letzten Song "Goodbye Yellow Brick Road" per Schrägaufzug hinter die Bühnenkulisse gerollt. Ob es tatsächlich der letzte Auftritt in Wien war, wird sich weisen.

 

Aktuell ist Elton John auch im Kino zu sehen. Oder besser gesagt, seine Biographie und seine Songs. "Rocket Man" beleuchtet die Lebensgeschichte von Elton John bis zum 40. Lebensjahr, Taron Egerton überzeugt in dem vom "Bohemian Rhapsody"-Regisseur Dexter Fletcher inszenierten Streifen nicht nur als Darsteller, sondern auch als Sänger.  Mit dem Sanktus des musikalischen Großmeisters :-)

mehr lesen

Classics & New Stuff: Peter Doherty mit neuer Band Puta Madres im WUK!

"Does he really play?" - Eine Frage, die zwei Konzertbesucher dem Merchandising-Verkäufer im Wiener WUK stellten. "Yes", lächelt dieser zurück, und verkauft einem der beiden um 130 Euro handschriftliche Original-Notizen des aus Liverpool stammenden Indie-Kult-Stars.

 

Sind die wilden Jahre des gerade einmal 40 gewordenen Peter Doherty schon vorbei? Das kann vielleicht nicht einmal er selbst beantworten. Turbulente Zeiten prägten auf jeden Fall die bisherige Rock-Karriere des egozentrischen Musikers: 2 großartige Bands, The Libertines (mit seinem Jugendfreund Carl Barat) und die Babyshambles, deren kreative Ära immer wieder durch Drogenexzesse unterbrochen wurde, eine leidenschaftliche Affäre mit Supermodel Kate Moss, zwei Kinder (davon eines mit R&B-Sängerin Lisa Moorish, die auch mit Brit Pop-Legende Liam Gallagher ein Kind hat), zahlreiche Entziehungskuren und Haftaufenthalte wegen Drogenbesitzes, aber auch viele "Guerilla"-Gigs zwischen Genie und Wahnsinn. Einer davon im Wiener Flex 2006.

 

Im Mai 2019 kehrt Doherty in die Bundeshauptstadt zurück, mit einer neuen Band namens "The Puta Madres" (was soviel wie "Motherfucker" bedeutet). Eine multikulturelle, bunte Truppe. Mit dabei ist seine dunkelhaarige (Ex)-Freundin Katia deVidas, Ex-Trampolene Sänger und Gitarrist Jack Jones, der französische Bassist Miggles, den Doherty aus der Arbeits- und Obdachlosigkeit gerettet hat und on the Drums der aus Barcelona stammende Straßenmusiker Rafa.

 

Das erste Album wurde in Nordfrankreich live innerhalb weniger Tage aufgenommen und steht - neben Doherty-Classics wie "Last of the English Roses", "Kolly Kibber" und "I don´t love anyone" - im Mittelpunkt des ambivalenten Auftritts im Wiener WUK. Bei der rockigen Single "Who´s been having you over" zitiert Doherty Dialoge aus Graham Greene´s Roman "Brighton Rock", beim melancholischen "Someone else to be" Velvet Underground und sogar Oasis. Brillant die Landstreicher-Ballade "Paradise is under your Nose".

 

Schnelle Brit Pop-Tracks wie das neue "Steam" wechseln mit minutelangen Jam Sessions, bei denen Doherty mit seinen Bandkollegen rückwärtsgewandt zum Publikum aufspielt. Zuerst noch im lässigen Trenchcoat, dann mit Hosenträgern und gegen Ende mit nacktem Oberkörper. Dazu eine fast viertelstündige Pause zwischen Main Part und den Zugaben.

 

Pure Inszenierung oder notwendiger Break, um neue Kräfte für das Finale zu sammeln. Die Wahrheit kennen wohl nur die Puta Madres selbst. Beim trashigen Final Track "Fuck Forever", in der Babyshambles-Ära der Nullerjahre Platz 3 der Pop-Charts,  brennen die Sicherungen durch: Die Mikrofonständer fallen, ein volles Bier fliegt in die Menge,  Doherty liegt auf der Bühne, rappelt sich wieder auf und drischt mit den Händen auf die Drums. That´s Entertainment, hoffentlich auch noch die nächsten 20 Jahre lang...

 

mehr lesen

Mythos "Verwaltungsmoloch" Brüssel: In Österreich 7mal so viel Bedienstete wie in der EU!

Brüssel: Der Bürokratiemoloch, das zentralistische Epizentrum der Europäischen Union, in dem in gläsernen Wolkenkratzern tausende Beamte die 500 Millionen Bürger des Binnenmarktes mit Vorschriften schikanieren, ohne Mitspracherecht der 28 Mitgliedstaaten. Das sind jene Narrative, die gerne von EU-Kritikern und Rechtspopulisten verwendet werden, um die EU zu diskreditieren und sich selbst gleichzeitig als Vertreter nationaler Werte zu positionieren. Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Tatsächlich ist die Verwaltung der EU in Brüssel im Vergleich zu jener der nationalen Gebietskörperschaften gering ausgeprägt.

 

In der Kommission, gleichzeitig "Regierung" und Initiativorgan für Richtlinien und Verordnungen, arbeiten aktuell rund 32.000 Personen. Im Europäischen Parlament sind - neben den 751 Abgeordneten und deren Mitarbeitern - 7.500 Personen im Generalsekretariat und in den Fraktionen beschäftigt. Im Generalsekretariat des Rates arbeiten ca. 3500 Personen. Rund 4300 Übersetzer und 800 Dolmetscher dienen der gegenseitigen Verständlichmachung von 24 EU-Amtssprachen. Insgesamt sind dies rund 50.000 Personen für 28 Mitgliedstaaten.

 

Das Jahresbudget für Personal, Verwaltung und Instandhaltung der Gebäude beträgt knapp über 8 Milliarden Euro, das sind ca. 6 % des Jahreshaushalts der EU.

 

Blicken wir zuerst nach Wien: Dort sind alleine in der Bundeshauptstadt mit 65.000 Beamten mehr Personen beschäftigt als in Brüssel. In der "EU-Hauptstadt" kommen 10.000 Bürger auf einen Beamten, in Wien gerade einmal 29.

 

Noch bahnbrechender ist der Vergleich zwischen der EU und Österreich, wenn man die gesamte Verwaltung der Alpenrepublik betrachtet. Alleine der Bund beschäftigt rund 135.000 Bedienstete. Dazu kommen neun Landesverwaltungen mit 94 Bezirken und 2100 Gemeinden, in denen 140.000 Landesbedienstete und 74.000 Gemeindebedienstete ihre Arbeit verrichten.

 

Diese Zahlen notieren und vorweisen, wenn Politiker, Wutbürger, Stammtischpropheten, Freunde oder Bekannte wieder einmal über den "aufgeblähten Verwaltungsapparat" der Europäischen Union schimpfen...

 

 

Europäische Bürgerinitiative - Direkte Demokratie mit Millionen-Stimmen-Aufwand

Demokratiedefizit, Bürokratiestarre und ein Parlament, das abgehoben und weit entfernt von den Wünschen der EU-Bürger platziert ist. Das sind Vorurteile, die von EU-Kritikern gestreut werden, die aber keineswegs der Wahrheit entsprechen. Tatsächlich haben trotz der Größe des Binnenmarkes sogar einzelne Bürger die Möglichkeit, Themen in den europäischen Institutionen unterzubringen, wenn auch mit großem Aufwand.

 

In der österreichischen Verfassung existiert als Mittel der direkten Demokratie das Volksbegehren, in der EU die "Europäische Bürgerinitiative", die 2012 durch den Vertrag von Lissabon und eine ergänzende Verordnung eingeführt wurde. Um eine Bürgerinitiative zu starten, muss ein Bürgerausschuss gebildet werden, der aus mindestens 7 EU-Bürgern besteht, die in mindestens 7 verschiedenen Mitgliedstaaten wohnhaft sind. Eine Bürgerinitiative ist in jenen Bereichen möglich, in denen die Kommission Rechtsakte setzen darf. Der Bürgerausschuss muss die Initiative - in einem (leider) sehr formellen Verfahren - auf einem Internetportal registrieren. Nach einer Registrierungsbestätigung haben die Organisatoren dann ein Jahr Zeit, die notwendigen Unterschriften zu sammeln. Die Mindestanzahl beträgt aktuell 1 Million, wobei in allen 7 Mitgliedstaaten separat eine Mindestanzahl von Stimmen (in Österreich: 14250) erreicht werden muss.

 

Nach einer Prüfung der Unterstützungsbekundungen wird die Initiative bei der Kommission vorgelegt. Es besteht auch die Möglichkeit, die Initiative bei einer öffentlichen Anhörung im Parlament vorzustellen. Innerhalb von maximal drei Monaten erfolgt eine offizielle Antwort der EU-Kommission, ob und welche Maßnahmen sie als Antwort auf die Bürgerinitiative vorschlägt. Die Kommission ist allerdings nicht dazu verpflichtet, einen Gesetzesvorschlag zu erstellen. (Dies ist allerdings in Österreich bei Volksbegehren nicht anders.) Wird eine Verordnung oder eine Richtlinie konzipiert, dann muss diese im ordentlichen Gesetzgebungsverfahren vom Rat und dem Europäischen Parlament genehmigt werden.

 

4 Europäische Bürgerinitiativen erfüllten seit 2012 die notwendigen Voraussetzungen, bei dreien (Gegen Tierversuche, Schutz von Trinkwasser, Verbot von Glyphosat) hat die Kommission Folgemaßnahmen eingeleitet, beim "Schutz menschlicher Embryonen" wurde auf die aktuelle EU-Politik verwiesen. Aktuell laufen 13 Bürgerinitiativen, darunter "Housing for all" (für leistbares Wohnen), "Stop Extremism", "New Rights Now" (für bessere Rechte von prekär Beschäftigten) und "Achtung der Rechtsstaatlichkeit in der EU". 

 

Ab 2020 soll eine neue Online-Plattform errichtet und die Formalitäten des Verfahrens erleichtert werden. Aufrecht bleiben aber die Millionen-Stimmen-Hürde und die (allerdings auch gut argumentierbare) Unverbindlichkeit der Initiative bei Erfüllung aller Kriterien. Die Motivation, eine EBI einzuleiten, bzw. der Bekanntheitsgrad dieser Form direkter EU-Demokratie werden dadurch aber nicht steigen.

 

EU-Richtlinie: Neue Rechte für atypisch Beschäftigte und "Gig Economy"-Jobs!

Befristete, unsichere Arbeitsverhältnisse, kein arbeits- und sozialrechtlicher Schutz, "Working Poor"-Einkommen am Rande bzw. unter der Mindestsicherung,.... - Immer mehr in Österreich lebende Menschen, 34,6 % laut einer Untersuchung der Autorin und Gewerkschafterin Veronika Bohrn Mena, sind atypisch beschäftigt und werden - als Teilzeitbeschäftigte, freie Dienstnehmer oder Leiharbeiter - durchschnittlich um 25 % schlechter entlohnt als stabil Beschäftigte. Betroffen sind Personen aller Qualifikationen (vom Pflichtschul- bis zum Hochschulabsolventen), im besonderen Frauen und Migranten.

 

Die schwarz-blaue, neoliberale Bundesregierung negiert diese Thematik komplett. Im Gegenteil. Sie verschärft die arbeitsrechtlichen Schutzgesetze, führt den "freiwilligen" 12 Stunden-Tag ein, eliminiert Überstundenansprüche, erweitert die Ausnahmen beim Arbeitszeitrecht und minimiert Ruhezeiten im Tourismusgewerbe.

 

Die Arbeitnehmer können insofern froh sein, dass Österreich Teil der Europäischen Union ist, die sich im Gegensatz zu ÖVP und FPÖ für den Schutz der Arbeitnehmer einsetzt. Am 16. April 2019 wurde eine neue Richtlinie über transparente und verlässliche Arbeitsbedingungen verabschiedet, die neue Rechte für atypische Beschäftigte und auf Abruf Beschäftigte ("Gig Economy") gewährt.

 

Als Arbeitnehmer im Sinne dieser Richtlinie gilt jemand, der für eine andere Person und nach deren Weisung Leistungen im Ausmaß von mindestens drei Stunden pro Woche bzw. 12 Stunden pro 4 Wochen erbringt. Inkludiert sind nicht nur Arbeitnehmer, die auf Abruf, intermittierend oder auf Plattformen beschäftigt sind (wie Uber), sondern auch Praktikanten und Auszubildende. Personen, die tatsächlich selbständig sind, fallen nicht darunter. (Es ist zu befürchten, dass hier Umgehungskonstruktionen seitens der Arbeitgeber gebastelt werden).

 

Alle Arbeitenden müssen aufgrund dieser EU-Richtlinie vom ersten Tag an, in Ausnahmefällen spätestens am siebten Tag, über die wesentlichen Aspekte ihres Arbeitsvertrags informiert werden. Dazu gehören eine Beschreibung der Aufgaben, das Startdatum, die Dauer des Vertrages, die Vergütung, die Länge des Standardarbeitstages. und ein Referenzrahmen für Aufgaben mit unvorhersehbaren Arbeitszeiten. Dies gilt in Österreich ab Umsetzung der Richtlinie neu auch für Praktikanten und Crowdworker.

 

Bei Abrufverträgen muss ein Mindestmaß an Vorhersehbarkeit festgelegt werden im Sinne von Referenzzeiträumen (beispielsweise von Montag bis Freitag zu bestimmten Stunden). Eine ständige Dienstbereitschaft, wie sie vor allem in Großbritannien praktiziert wurde, wird somit unzulässig. Crowdworker dürfen nicht mehr vertraglich gehindert werden, auch für andere Plattformen zu arbeiten.

 

Befristet Beschäftigte und Praktikanten haben zukünftig das Recht, nach 6 Monaten ihren Arbeitgeber um eine "Beschäftigungsform mit verlässlicheren und sicheren Arbeitsbedingungen" zu ersuchen. Lehnt der Arbeitgeber ein unbefristetes Arbeitsverhältnis ab, muss er dies begründen. 

 

Außerdem müssen Arbeitgeber kostenlose, verpflichtende Weiterbildungen anbieten. Aus- und Weiterbildungen sollten, wenn möglich, innerhalb der Arbeitszeit liegen, zählen aber in jedem Fall als gearbeitete Zeit.

 

Die in der Richtlinie festgelegten Mindeststandards für flexible und atypische Beschäftigungsverhältnisse müssen innerhalb der nächsten 3 Jahre von den Mitgliedstaaten in nationales Recht umgesetzt werden.

 

Dies sollte aufgrund der bisherigen arbeitnehmerfeindlichen Agitationen der schwarz-blauen Bundesregierung mit Argusaugen betrachtet werden. Vielleicht ist diese allerdings in 3 Jahren längst passe, nachweinen würde ihr kaum jemand...

Trilog Kommission, Parlament, Rat: Das EU-Gesetzgebungsverfahren!

Kurz vor der EU-Wahl behelligt uns ÖVP-Bundeskanzler Kurz im "Balkanrouten"-Mantra wieder mit populistischen Sagern über den scheinbaren "Regelungswahnsinn" in der EU und beschuldigt sich damit eigentlich selbst. 

 

Das seit dem Vertrag von Lissabon 2007 normierte "ordentliche Gesetzgebungsverfahren" verteilt die legislativen Kompetenzen auf Kommission, Europäisches Parlament und Rat. In letzterem sitzen die jeweiligen Fachminister seiner Regierung, im "Europäischen Rat" (der die allgemeinen Prioritäten der EU festsetzt), treffen sich die Regierungschefs (inklusive Kurz). Entscheidungen werden dort meistens einstimmig getroffen, kritische Stellungnahmen des Bundeskanzlers aus diesem Gremium sind nicht bekannt.

 

Rechtsgrundlage des Gesetzgebungsverfahrens sind die Artikel 289 und 294 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union. Die EU-Kommission, gleichzeitig auch Exekutive der Europäischen Union, ist als einziges Organ befugt, EU-Rechtsakte vorzuschlagen. Darunter versteht man einerseits Verordnungen, die unmittelbar in jedem Mitgliedstaat gelten, andererseits Richtlinien, die nur hinsichtlich des zu erreichenden Ziels verbindlich sind und bei denen die Mitgliedstaaten Form und Verfahren selbst bestimmen können. Rat und Kommission können allerdings die Kommission auffordern, Gesetzgebungsvorschläge vorzulegen.

 

In einer ersten Lesung prüft das Europäische Parlament den Vorschlag der Kommission, kann diesen billigen oder Änderungen vorschlagen. Stimmt der Rat dem Standpunkt des Parlaments zu, dann gilt der Rechtsakt als erlassen. Ansonsten wird der geänderte Vorschlag an das Parlament zur zweiten Lesung verwiesen.

 

Die aktuell 751 Abgeordneten des Europäischen Parlaments haben in der zweiten Lesung drei Möglichkeiten: a) Den Standpunkt des Rats billigen (= Rechtsakt erlassen), b) ablehnen (= Verfahrensbeendigung) oder c) Abänderungen vorschlagen.

 

In der dritten Variante wird der Gesetzesvorschlag an den Rat zur zweiten Lesung weitergeleitet. Dieser hat zwei Optionen: Alle Abänderungen billigen (= Rechtsakt erlassen) oder nicht alle Abänderungen billigen. Bei einer ablehnenden Stellungnahme der Kommission zu den Änderungsvorschlägen des Parlaments muss der Rat einstimmig entschieden, ansonsten reicht eine qualifizierte Mehrheit.

 

Billigt der Rat nicht alle Abänderungen des Parlaments, dann wird ein Vermittlungsausschuss einberufen, der sich zu gleichen Teilen aus Mitgliedern des Parlaments und Vertretern des Rates zusammensetzt. Man bezeichnet dieses informelle Verfahren auch als "Trilog-Verhandlung", die fast 90 % aller EU-Gesetze betrifft.

 

Der Vermittlungsausschuss hat 6 Wochen Zeit, um eine Einigung über einen gemeinsamen Entwurf zu erzielen. Die darauffolgende Beschlussfassung in der 3. Lesung (innerhalb einer weiteren Frist von 6 Wochen) ist dann meistens nur noch Formsache. Das Parlament entscheidet mit einfacher Mehrheit der abgegebenen Stimmen, der Rat mit qualifizierter Mehrheit. Bei zwei positiven Entscheidungen wird der Rechtsakt als Richtlinie oder Verordnung des Parlaments und des Rats kundgemacht.

 

Wie man anhand des Verfahrensablaufes sieht, ist der Rat bei allen Entscheidungsschritten gemeinsam mit dem EU-Parlament als Gesetzgebungsorgan eingebunden. Die Äußerungen von BK Kurz haben insofern einen rein populistischen, wahltaktischen und opportunistischen Charakter. Dass deren Absichten in den diversen Medien nicht schonungslos aufgedeckt werden, liegt (vermutlich) nicht nur an deren rechtskonservativen Blattlinien, sondern auch an den sündteuren Regierungsinseraten, im Jahr 2018 konkret 24,5 Millionen Euro.

Donaufestival Week 2: Future Sound im Traditionsstädtchen Krems!

"I dance Alone" - So nennt sich eine Installation von Bogomir Doringer, die direkt vor der DJ-Lounge des Kremser Donaufestivals in der Österreichhalle platziert worden ist. Der Künstler hat Dancefloors aus der Vogelperspektive fotografiert und zeigt auf Bildschirmen das instabile Verhältnis von Kollektivität und Individualität. Und wirft damit auch die Frage auf, ob man trotz der (scheinbaren) Gemeinschaft auf der Tanzfläche eigentlich nicht doch allein ist oder sich zumindest allein fühlt.

 

Interpreten, die künftig flächenmäßig die Konzert- und Dancefloors füllen sollen und gleichzeitig auch einen künstlerischen Anspruch haben, die präsentierte Kurator Thomas Edlinger am zweiten Wochenende des Donaufestivals. Avantgardistischer Future Sound für großteils internationales und urbanes Publikum in einer traditionsverhafteten Stadt wie Krems (in der Volksmusikant Hansi Hinterseer drei Wochen später die Einheimischen vor einem Hofbräuhaus begeistern wird).

 

Aus Istanbul stammt beispielsweise  Hüma Utku, die man in der Undergroundszene unter dem Pseudonym R.A.N. (= Roads at Night) kennt. In Berlin, wo sich eine türkische Club- und Lokalkultur entwickelt hat, kann sich die Produzentin seit einigen Jahren selbstverwirklichen. Beim Donaufestival präsentierte sie im roten Schimmerlicht progressive Tracks aus ihrer EP "Seb-i Yelda", die gekonnt orientalische Traditionals mit technoiden Ambient-Sound verbinden.

 

Queens New York ist die Heimat von Alexandra Drewchin aka Eartheater. Der Name ihrer Kunstfigur stammt aus dem Buch "100 Years of Solitude", die einen Charakter enthält, der immer dann Dreck und Erde frisst, wenn er seine Gefühle nicht mit Worten ausdrücken kann. Ähnlich unberechenbar und heftig ist auch der Sound der Performance-Künstlerin, zumindest die erste Hälfte des Sets. Danach transformiert sich Miss Eartheater in eine gitarrenspielende Folk-Sängerin mit bezaubernden Melodien. Genial.

 

Den traditionellen Sound der Golfregion vermischt die aus Kuwait stammende Fatima Al Qadiri mit innovativen Trap- und Grimebeats. Im Mittelpunkt ihres Sets steht ihr brandneues Album "Shaneera", das herrlich doppeldeutig interpretiert werden kann. Einerseits ein Slang-Ausdruck für eine queere Person, andererseits eine falsche Aussprache des arabischen Wortes "shaneeá" (= schändlich). Im Stadtsaal zucken nicht nur die Beats, sondern auch die Visuals im Background.

 

In den heiligen Gemäuern der Minoritenkirche, im historischen Stadtteil Stein, versetzen um 15 Uhr nachmittags die aus Sao Paolo stammenden Rakta die Donaufestival-Besucher in düster-schaurige Endzeitstimmung. Brasilianischer Sound einmal anders - Die coolen Front-Ladies erinnern mit ihrer genialen Mischung aus Post Punk, Electro und Gothic an 70er-80er-Ikonen wie Joy Division oder Killing Joke. Höllisch heiß!

 

Auch beim diesjährigen 15. Donaufestival wieder mit dabei: Camae Ayewa aka Moor Mother. Die Polit-Aktivistin steht 2019 mit den "Irreversible Entanglements", einer Free-Jazz-Formation mit Saxophon, Trompete, Bass und Drums, auf der Bühne. Die zornigen Messages, die sind dieselben wie bei ihren Solo-Gigs: Gegen Polizeigewalt, gegen Rassismus und gegen Diskriminierung der Frauen.

 

Als Aktivistin kann man auch die aus dem Kongo stammende Musikerin Melika Ngombe Kolongo aka Nkisi (zu deutsch: "Geist") bezeichnen. Ihr Label NON Worldwide inkludiert nicht nur innovativen Sound, sondern auch Art und ein politisch-soziales Kommunikationsnetzwerk. In den Österreichhallen fasziniert Nkisi mit Live Vocals und treibenden Beats zwischen Electro und African Traditionals. Ihr gerade erschienenes Album heißt "7 Directions", die Richtung beim Donaufestival war eindeutig: Noch einmal tanzen, bevor die Party zu Ende ist.

 

"Europe is lost, America lost, London lost. Still we are clamouring victory. All that is meaningless rules. We have learned nothing from history. The people are dead in their lifetimes. Dazed in the shine of the streets. But look how the traffic's still moving. System’s too slick to stop working."  Es sind traurige Wortkreationen, die man vom letzten Act des Kremser Donaufestivals im Stadtsaal hört. Geschrieben noch vor dem Brexit selbst. Kate Tempest, die aus Südlondon stammende Künstlerin, ist zum ersten Mal in Österreich. Ein Multi-Talent: Musikerin, Lyrikerin, Dramatikerin ("Wasted") und Romanschriftstellerin.

 

Und tatsächlich sind auch ihre musikalischen Werke so aufgebaut wie ein Buch. Ihr letztes Album "Let them eat chaos" (2016) - das neue erscheint im Juni - handelt, verpackt in 13 Songs, von 7 Menschen, die in prekären Verhältnissen leben. Inmitten von Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Schlaflosigkeit, Depression und Frustration. London, wie es gegenwärtig leibt und lebt. Tempest bittet bei ihrem Auftritt, die Handys in den Taschen zu lassen und zuzuhören. Bei ihren berührend-intensiven Geschichten über das Leben, unterlegt mit Hip Hop- und Electro-Beats.

 

Man wünscht sich, dass die im ländlichen Bereich lebenden Briten Tempest konzentrierter zugehört hätten. Ist Europa tatsächlich lost? Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch die auf eine "New Society" in einer Welt ohne Diskriminierung, Nationalismus und Rassismus. 

mehr lesen

"Gegen das Vergessen": Porträts von NS-Überlebenden am Wiener Burgring!

"Gegen das Vergessen" ist ein Erinnerungsprojekt des deutsch-italienischen Fotografen und Filmemachers Luigi Toscano. Der Künstler porträtierte dafür mehr als 300 Überlebende der NS-Verfolgung in Österreich, den USA, Deutschland, Russland, Israel und den Niederlanden.

 

Von 7. Mai bis 31. Mai sind ca. 100 überlebensgroße Porträts direkt am Burgring aufgestellt. Die Freiluft-Ausstellung wurde von Toscano gemeinsam mit dem Psychosozialen Zentrum ESRA (das NS-Überlebende und deren Angehörige betreut) initiiert und steht unter dem Ehrenschutz von Bundespräsident Alexander van der Bellen.

 

An den Porträts beigehaftet sind kleine Informationszettel, die das persönliche Schicksal der Holocaust-Überlebenden dokumentieren. Diese wahren Geschichten machen - in Verbindung mit der unmittelbaren Konfrontation mit der Person dahinter - sehr betroffen. Man liest von Deportationen, Todesmärschen in Konzentrationslager, Schüsse auf Kinder (durch "lächelnde Piloten"), Leben im Untergrund in Amsterdam, Paris oder Warschau (mit der Angst, jede Sekunde von den Nazis entdeckt zu werden), Fluchtstrapazen quer durch Europa nach Amerika und der Auslöschung ganzer Familien durch den NS-Terror.

 

"Gegen das Vergessen" wurde zum ersten Mal im Herbst 2015 in Mannheim gezeigt, es folgten weitere Stationen u.a. in Kiew, Berlin oder in New York beim Internationalen Holocaust-Tag. 

 

Das Projekt soll allerdings nicht nur einen Blick auf die (grauenvolle) Vergangenheit der NS-Überlebenden werfen, sondern soll die Besucher auch für aktuelle gesellschaftlich ausgrenzende Tendenzen (wie Rassismus, Nationalismus oder Rechtsextremismus) sensibilisieren. "Es fordert jeden einzelnen auf, alles zu tun, dass so etwas nie wieder geschehen kann". 

 

In einem Waisenhaus in Chemnitz wurde bei allen Kindern, die ein KZ überlebt haben, der Tag des Kriegsendes in Europa als Geburtsdatum angegeben. Dieser Tag, der 8. Mai, sollte endlich zum europäischen Feiertag erklärt werden.

Hass im Netz-Gesetz: Klagsflut gegen Regierungskritiker und Whistleblower?

Journalisten, Frauen, Politiker, Migranten,... - Das Thema "Hass im Netz" betrifft so gut wie jede gesellschaftliche Schicht, seitdem sich viele Bürger in den sozialen Medien bewegen und dort als "Medieninhaber" Kommentare, Meinungen, Bilder und Videos posten, manchmal und immer öfter auch jenseits der rechtlichen Grenzen.

 

Der sogenannte "rechtsfreie Raum", wie er von Kulturminister Blümel bezeichnet wird, der existiert bereits jetzt nicht. Im Netz gelten dieselben rechtlichen Maßstäbe wie in der "analogen Welt", die Rechtsdurchsetzung mag diffiziler sein. Die schwarz-blaue Bundesregierung will durch ein "Bundesgesetz über Sorgfalt und Verantwortung im Netz", das im September 2020 in Kraft treten soll, den Hass im Netz bekämpfen. Behauptet sie. Studiert man einige Paragraphen durch, dann hat sie wohl eher das Ziel, Kritiker und Gegner in ihrer Meinungsfreiheit zu beschränken und mundtot zu machen.

 

So sollen Diensteanbieter eines Online-Forums verpflichtet werden, von jedem Poster vorab (!) ein Registrierungsprofil zu erstellen. Dieses umfasst Vorname, Nachname und Adresse. Privatpersonen sollen also ihre Daten an soziale Netzwerke weiterleiten, ohne jeglichen Anlass. Sozusagen eine "Vorratsdatenspeicherung auf Userdaten" (wie es Medienanwältin Windhager kongenial formuliert). Diese Maßnahme der rechtskonservativen Regierung widerspricht auch jeglichen Expertenmeinungen. Ca. 80 % der "Hassposter" verwenden ihren eigenen Namen, und auch der Rest ist - mit wenigen Ausnahmen - leicht ausforschbar, da Provider bei Straftaten verpflichtet sind, die IP-Adresse herauszurücken.

 

Die besondere Gefährlichkeit des Gesetzesvorschlags wird durch den § 4 evident. So müssen Diensteanbieter Vorname, Nachname und Adresse nicht nur der Polizei, der Staatsanwaltschaft und Gerichten (bei Ermittlungen in Zusammenhang mit einem Posting) bekanntgeben, sondern auch dritten Personen (!!!).

 

Diese Voraussetzung ist dann erfüllt, wenn diese dritte Person aufgrund eines Postings eine (strafrechtliche) Privatanklage wegen übler Nachrede (§ 111/2 StGB) bzw. Beleidigung (§ 115 StGB) oder eine (zivilrechtliche!) Klage wegen "Verletzungen an der Ehre" (§ 1330 ABGB) einleiten will. Für Großkonzerne, Arbeitgeber oder politische Parteien existiert damit ein ideales Druckmittel, gegen unliebsame Poster, Betreiber regierungskritischer Facebook-Seiten und Whistleblower vorzugehen und sie de facto in ihrer Meinungsfreiheit einzuschränken. Eine Klage einleiten heißt nicht, dass die jeweilige Person verurteilt wird, aber die gegnerische Partei erhält durch diesen Paragraphen alle Informationen über den Poster und kann gegen diesen rechtliche Schritte unternehmen. 

 

Der Diensteanbieter - nicht eine Behörde - hat selbst zu entscheiden, ob er die Daten an den Kläger zu übermitteln hat. Macht er das nicht und verstößt er dabei gegen rechtliche Grundsätze, dann droht ihm laut § 7 eine Geldbuße bis zu 500.000 Euro, im Wiederholungsfall bis zu 1.000.000 Euro. In welche Tendenz seine Entscheidung gehen wird, ist wohl unbestritten.

 

Umfasst von der Übermittlungspflicht ist auch der zivilrechtliche Tatbestand der Kreditschädigung. Hier haben finanziell potente Kläger (wie politische Parteien oder Großkonzerne) die Möglichkeit, den Streitwert bis auf über 30.000 Euro festzulegen und damit den Poster finanziell zu ruinieren. Lässt sich ein Kritiker auf einen Prozess ein (der sich bis in die 3. Instanz, bis zum OGH, erstrecken kann), dann droht diesem bei einer Niederlage Kostenersatz in Form von Gebühren- und Anwaltskosten über mehrere zehntausende Euro. 

 

Die logische Folge: Kritiker werden in den öffentlichen Foren weniger posten, es werden weniger Missstände aufgedeckt, Meinungs- und Diskussionsfreiheit werden radikal eingeschränkt. Genau das, was die ÖVP-FPÖ-Regierung beabsichtigt: Eine "Message Control" indirekt auch im freien Internet...

Donaufestival-Sunday: Bannon-Ausstellung, Talk und russischer Electro-Wave von Shortparis!

Sonntag ist Schontag. Nicht so beim Donaufestival in Krems. In der historischen 30.000 Einwohner-Stadt bietet das Kuratorenteam rund um Thomas Edlinger auch am 3. Veranstaltungstag ein anspruchsvolles, spannendes Programm zum ambivalenten Thema "New Society".

 

Bereits ab 10 Uhr vormittags kann man im Museum Krems direkt bei der Dominikanerkirche die Ausstellung "Steve Bannon: A Propaganda Retrospective Model" des niederländischen Aktivisten und Künstlers Jonas Staal inspizieren. Dieser stellt frühere Filme des Trump-Beraters Steve Bannon in Zusammenhang mit dessen Propagandatätigkeit für den umstrittenen US-Präsidenten. Bannon bezieht sich dabei auf das Buch "The Fourth Turning", in dem der Gang der Geschichte in 4 Zyklen unterteilt wird: Wachstum, Reife, Dekadenz und Niedergang. Elemente, die den "clash of civilizations" ankündigen, sind u.a. der Islamismus, der Liberalismus (in Form der Hippies und 68er-Generation), das Establishment (in der Gestalt von Dinosauriern) und die "Haie" der Wirtschaftselite. Staal zeigt in seiner Installation auch mediale "Tricks" der Trump-Propaganda wie Aktenberge (die real eigentlich nur weißes Papier darstellen) oder Retuschierungen von Personen auf Fotos. Betroffener: Bannon selbst, der Opfer seiner eigenen PR-Aktivitäten wurde.

 

Im Kesselhaus-Kino läuft am Nachmittag ein avantgardistischer Streifen über die Pariser Kreativitäts-Boheme ("Ne travaille pas"), danach diskutieren Kurator Thomas Edlinger, Journalistin Isolde Charim und Autor Heinz Bude über die Zukunft der Gesellschaft, die sich auch zusehends mit Algorithmen, Echokammern und Künstlicher Intelligenz auseinandersetzen muss.

 

Sensationelles Line Up am Abend in den Österreichhallen: Die schärfste russische Rock-Band der Gegenwart namens Shortparis feiert mit Electro-New-Wave-Beats und ästhetischer Bühnendynamik bis zur Erschöpfung ihre Österreich-Premiere. Mit im Gepäck auch ihr Hit "Straschno", dessen symbolisch-provokantes Video zu einigen Konzertverboten in Russland führte. Politische Aussagen sind nicht Teil der mitreißenden Show, gibt es aber von Shortparis zur Genüge: "Das Politische sitzt heutzutage tief in uns, es ist nicht mehr nur etwas Soziales, sondern auch etwas tief Psychologisches". Die Gesellschaft in ihrer aktuellen Ausprägung setzen die St. Petersburger mit irrationaler Angst gleich, sie dürften dabei nicht falsch liegen.

 

In der Halle 2 becirct die Berliner Underground-Ikone Gudrun Gut ("Kaltes Klares Wasser") mit Vocals, Analog-Synthesizer und Minimal Beats die Donaufestival-Besucher. Den Schlusspunkt setzt die aus Manchester stammende Electro-Künstlerin Planningtorock, die mit andächtiger Moderation und gefühlvollen Tracks aus ihrem neuen Album "Powerhouse" ihre Liebe zur Musik erklärt und ein Bekenntnis für Toleranz, Frauenrechte und die Gender-Bewegung abgibt.

 

Die Party in Krems ist zu Ende, die vielen nationalen und internationalen Gäste düsen per Shuttle Bus nach Wien und danach zum Flughafen. Und kommen nächste Woche wieder. Zur Runde 2 des Donaufestivals 2019.

mehr lesen

"New Society": Das 15. Kremser Donaufestival im Zeichen der Gesellschaftskritik!

"Leben Veganerinnen und Burschenschafter, Superreiche und Geflüchtete überhaupt in der gleichen Gesellschaft?" - Eine Frage, die im Programmheft des diesjährigen Kremser Donaufestivals aufgeworfen wird. "New Society" nennt sich dementsprechend das Motto des Musik-, Performance- und Art-Events inmitten der Wachaumetropole Krems, das seit 2005 Besucher aus aller Welt an 2 aufeinanderfolgenden Wochenenden anlockt.

 

"Den sozialen Kitt namens Gesellschaft gibt es gar nicht", meinte einst Margaret Thatcher. Und tatsächlich bewegen wir uns derzeit in einer neoliberalen Epoche, die geprägt ist von einem stetigen Auseinanderdriften zwischen Arm und Reich, menschenverachtenden Slogans von Rechtspopulisten und Rechtsextremen (die - so Autorin Isolde Charim bei einer Talk-Runde - "kein Konzept einer Gesellschaft haben") und von Echo-Kammern sozialer Netzwerke, die bei mangelnder Kenntnis der Algorithmus-Systeme die eigene Meinung auf einen Sockel stellen und abweichende Argumente ausklammern.

 

Gegen den Zerfall formiert sich Widerstand, der auf Gemeinschaft statt Gesellschaft setzt, so der künstlerische Leiter Thomas Edlinger, der ein spannendes Programm für Kultur- und Subkulturinteressierte allen Genres konzipiert hat. Veranstaltungs-Location ist auch wieder die Minoritenkirche im historischen Städtchen Stein, in deren Gemäuern die Wiener Schlagzeugerin Katharina Ernst kongenial den Sound von Drums, Synthesizer, Kalimbas und Metallobjekten zu einem verschachtelten Techno-Beat vereinigte. Moderne Stadtbelebung praktizierten verschiedene Indie-Blasmusikbands unter der Leitung von Markus und Micha Acher (von The Notwist), die als "Alien Parade" von der Minoritenkirche Richtung Main Location Österreichhallen marschierten und zahlreiche Passanten mit ihrer Fröhlichkeit und Lässigkeit ansteckten.

 

Im Stadtsaal begeistert die hochtalentierte schwedische Sängerin und Pianistin Anna von Hausswolff mit düster-hymnischen Melodien zwischen Hoffnung und Verzweiflung. "Dead Magic", so heißt ihr brandneues Album, aufgenommen in der Kopenhagener Marmorkirche, die einzelnen Tracks fast alle über 10 Minuten lang. Hausswolff bekommt für die Live-Darbietung ihrer musikalischen Epen Riesen-Applaus und bedankt sich mit einer finalen Sopran-Einlage mitten im Publikum.

 

In der kleineren Halle 2 geben sich die norwegischen Noise Rocker von Arabrot ein Stelldichein. Die Band existiert seit 2001, seit 2012 ist die Electro-Popperin Karin Park mit in der Community, die zwischendurch mit wavigen Balladen für Abwechslung sorgt. Spannend auch die Bezüge zu Nick Cave (Bandleader Kjetil Nernes in stimmlicher Hinsicht), Nina Simone (durch das sinistre "Sinnerman"-Cover) und zum französischen Dichter Lautreaumont und seinen "Gesängen des Maldoror". Zu hören auch auf dem neuen Album "Who do you Love". 

 

Aus Alabama stammt der 1950 geborene farbige Musiker Lonnie Holley, der als Kind einer 27fachen Mutter in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen ist und sich mit der Erstellung von Sandstein- und Müllskulpturen einen Namen in der Kunstszene gemacht hat. Entsetzt ist Holley über den weltweit wiederaufkeimenden Rassismus. "I woke up in a  fucked up-America", beklagt er auf seinem neuen Album "Mith", das er im Stile alter Jazz-Großmeister chillig-abgeklärt in den Österreichhallen präsentierte. 

 

Nach Mitternacht werden die Donaufestival-Besucher aufgeheizt durch heiße Beats, freitags durch das Bristoler Techno-Duo Giant Swan, dessen schweißüberströmte Auftritte mehr an den Punk-Style der 70er erinnern als an die kühle Laptop-Generation der gegenwärtigen DJ-Elite,  samstags durch den italienischen Afro-House-DJ Khalab, dessen Debüt-Album "Black Noise 2084" ausgezeichnete Kritiken einheimste.

 

In die Festival-Philosophie ideal passt die Sängerin und Produzentin Lafawndah. Yasmine Dubois, so ihr bürgerlicher Name, ist in Teheran geboren, war eine Zeit lang in New York und lebt nun in Paris. Ihr Sound eine faszinierende Mischung aus R&B, Electro und orientalischen Vocals.

 

Neues Material in Form ihres Albums "Proto" existiert auch von der US-Wahlberlinerin Holly Herndon, die die menschliche Stimme wieder in den Mittelpunkt ihrer Tracks stellt und im Kremser Stadtsaal mit zahlreichen Vokalisten auftritt. Gesellschaftskritisch äußerte sich Herndon zuletzt über Künstliche Intelligenz, die Datenmacht privater Technologie-Firmen (wie Facebook, Google und Apple) und die Gefahr einer vollautomatisierten Zukunft. Themen, mit denen sich auch eine "New Society" beschäftigen muss, ob sie will oder nicht.

mehr lesen

Evolution II: ESC-Starterin Paenda präsentiert in der Grellen Forelle ihr 2. Album!

Am 18. Mai steht die 31jährige Elektro-Pop-Sängerin Paenda vor ihrem größten Auftritt. Unter der Voraussetzung, dass sie das Halbfinale übersteht, wird sie die Alpenrepublik beim diesjährigen Songcontest in Tel-Aviv mit ihrem avantgardistischen Art-Pop-Track "Limits" vertreten. Mehr als 200 Millionen Zuschauer sitzen bei diesem Event der Spitzenklasse vor den Fernsehbildschirmen. Im angesagten Wiener Szene-Club "Grelle Forelle" stellte die gebürtige Steirerin ihr neues Album "Evolution II" vor.

 

Gabriela Horn, so ihr gebürtiger Name, hat in Wien mit Auszeichnung Jazz und Pop am Vienna Music Institute studiert. Vor 3 Jahren hat Paenda mit ihrer Musik-Karriere begonnen. Produziert wird in einem eigenen Heimstudio, alleine und manchmal auch über die persönlichen Grenzen gehend bis zur völligen Erschöpfung. Dieser Zustand ist auch Thema ihres Songcontest-Beitrags "Limits", der auch ihre humane Verletzlichkeit widerspiegelt. 

 

"Limits" ist positioniert als Track Nr. 5 auf dem neuen, mehr poporientierten Album und ist gleichzeitig die einzige Ballade. Bei der Live-Präsentation läuft sie im letzten Teil der Show, ohne besondere Anmoderation. Paenda ist "keine Meisterin der Worte", wie sie selbst sagt, allerdings eine der coolen, verträumten und straighten Pop-Songs mit Understatement. Beste Beispiele: "I like the Way you hate me", "Everything I´m not" oder das romantische "Stay for the Night". Vergleiche mit Tracks zu Ariana Grande, Jessie J. (bei der sie als Support in der Arena engagiert wurde) oder mit den Chainsmokers sind keinesfalls zu hochgegriffen.

 

Gespannt sein darf man auf die ESC-Choreographie von "Limits". Auch wenn einige "Experten" den Track zu kunstvoll oder zu wenig dance-lastig sehen,  könnte dieser mit seiner verruchten Trip Hop-Stimmung a la Kate Bush oder Florence & The Machine inmitten von Euro Pop-Trash und Pseudo-Alternative Rock aus dem Rahmen fallen. 

 

Paendas Konzert-Tour ist auch - unabhängig von einem Sieg - fix gebucht. Darunter: Elwood Festival in Ort im Innkreis (3. Juli), Electric Nation Graz (13. Juli) oder Linzer Posthof (am 27. November). Vielleicht kommt ja auch das Wiener Popfest dazu :-)

mehr lesen

Sozialhilfe Neu: Radikale Kürzungen für Familien, Kinder und Asylberechtigte!

Was ist der Haupt-Unterschied zwischen Nationalratsabgeordneten und Mindestsicherungsempfängern? Die Parlamentarier erhalten - abseits von Gagen aus Zweit- und Nebenjobs, Spesen, Gesellschaftsbeteiligungen, Funktionärsentschädigungen,.. - ein Mindestgehalt von 8931 Euro 14 mal im Jahr. Den Ärmsten der Armen wird aufgrund der mehrheitlichen Beschlüsse der schwarz-blauen Abgeordneten nicht einmal ein garantierter Mindestbetrag gewährt. Und das im viertreichsten Land der EU, in Österreich, das seit der Regierungskoalition von ÖVP und FPÖ unter dem Damoklesschwert des gnadenlosen Sozialabbaus steht.

 

Am 25. April 2019 wird das neue Sozialhilfe-Grundsatzgesetz beschlossen, das am 1. Juni in Kraft tritt und die Länder zu der Erlassung von Ausführungsgesetzen bis Ende 2019 verpflichtet. Im Gegensatz zur Vorgängerregelung wird mit dem Netto-Ausgleichszulagen-Richtsatz (von aktuell 885,47 Euro) eine Höchstgrenze festgesetzt. Ein Betrag, der weit unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1238 Euro monatlich liegt. Für Paare gibt es maximal 140 % des Ausgangsbetrages (1239,66), das sind 88,55 Euro monatlich weniger als bisher. 

 

Radikale Einschnitte drohen für kinderreiche Familien. Die Kinderzuschläge werden, anders als in der alten Bund-Länder-Vereinbarung, gestaffelt. Statt mindestens 18 % pro Kind sind höchstens 25 % für das erste Kind, 15 % für das zweite und 5 % ab dem dritten Kind zulässig. Dies bedeutet, dass Familien je nach Kinderanzahl 26,57, 53,13, 168,24 bzw. 283,35 (bei 4 Kindern) monatlich weniger erhalten als bisher. Völkerrechtler kritisieren die Staffelung als einen Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention.

 

Die schwarz-blaue Bundesregierung rühmt sich stets mit einem Bonus für alleinerziehende Personen. Dieser ist laut § 5/2 Z. 4 des Sozialhilfe-Grundsatzgesetzes eine reine "Kann"-Bestimmung und muss von den Ländern nicht umgesetzt werden. Nicht nachvollziehbar ist auch die Deckelung der Leistungen für Wohngemeinschaften (bei maximal 1549 Euro).

 

Die Genfer Flüchtlingskonvention und die EU-Qualifikationsrichtlinie regeln eindeutig, dass Flüchtlinge und österreichische Staatsbürger in Bezug auf Sozialhilfe gleichzubehandeln sind. Das Sozialhilfe-Gesetz verstößt insofern dagegen, als anerkannte Flüchtlinge nur dann den vollen Mindestsicherungsbetrag erhalten, wenn sie Sprachkenntnisse auf dem Niveau B1 in Deutsch oder C1 in Englisch bzw. eine Integrationsprüfung nachweisen. Wie man mit einem reduzierten Betrag von 575,55 Euro überleben kann und gleichzeitig noch eine neue Sprache erlernen soll, das scheint den schwarz-blauen Politikern egal zu sein. 

 

Noch schlimmer trifft es subsidiär Schutzberechtigte, die mangels Verfolgung zwar kein Asyl erhalten haben, aber aufgrund von Lebensgefahr ins Heimatland nicht abgeschoben werden dürfen. Diese erhalten überhaupt keine Mindestsicherung mehr, sondern nur die Grundversorgung (Unterbringung, Verpflegung, Krankenversicherung, Taschengeld). Eine prekäre Situation, die viele Betroffene Richtung Kriminalität und psychische Aussichtslosigkeit stoßen könnte.

 

Im Jahr 2017 haben 332.000 Personen Mindestsicherung bezogen. Die Ausgaben beliefen sich - inklusive Krankenversicherung - auf 977 Millionen Euro. Das sind 0,92 % der gesamten Sozialausgaben. Die Kürzungen haben auch nicht den Zweck, die Kosten zu reduzieren. Tatsächlich werden jährliche Mehrkosten für den Bund von 19 Millionen und die Länder von 17,15 Millionen Euro prognostiziert.

 

Die Schikanen gegenüber der ärmsten Bevölkerungsschicht haben alleine den Sinn, Ressentiments gegen Ausländer, Flüchtlinge, Arbeitslose und Arme zu schüren. So soll der finanzielle Aufwand der Länder durch die neue Kinderstaffelung um 40 Millionen Euro gesenkt werden. Dies soll - wie ausdrücklich (!!!) vermerkt - vor allem Familien mit Migrationshintergrund treffen. Dass hier aufgrund der rechtlichen Gleichbehandlung auch Österreicher betroffen sind, steht außer Frage, wird aber nicht öffentlich thematisiert.

 

Peinlich und schäbig zugleich sind die ständig in den Medien bis zur Unerträglichkeit wiederholten "Argumente" schwarz-blauer Politiker für eine Reform der Mindestsicherung.

 

1.) "Die Mindestsicherung darf nicht höher sein als das Erwerbseinkommen." Das ist technisch gar nicht möglich, ein Arbeitnehmer erhält außerdem 14 und nicht 12 Gehälter. Den Abstand zwischen Mindestsicherung und Erwerbseinkommen kann man übrigens ganz leicht ausdehnen, nämlich durch eine Erhöhung der Mindestlöhne. (Die Wirtschafts-Lobby der ÖVP dürfte da allerdings etwas dagegen haben).

 

2.) "Man muss die Mindestbezieherungsbezieher aus der "sozialen Hängematte" holen." Fakt ist, dass die Mindestsicherung nur dann gewährt wird, wenn die betroffene Person bereit ist, eine Arbeit anzunehmen. Ansonsten wird sie gestrichen. Über zwei Drittel der Mindestsicherungsbezieher sind außerdem Kinder, Pensionisten, Kranke, Behinderte und Erwerbstätige („Working Poor“), die ihr karges Gehalt mit der Mindestsicherung „aufstocken“.

 

3.)  Der sogenannte "Sozialhilfetourismus" ist laut Experte Nikolaus Dimmel kein real nachweisbarer Faktor. Für Wanderungsbewegungen seien andere Gründe als die Höhe der Sozialhilfe maßgeblich.

 

Verfassungsrechtliche Untergrenzen für Sozialhilfe, Einheitliche Mindeststandards für Österreich, Orientierung der Richtsätze an der (höheren) Armutsgefährdungsschwelle, Sonderunterstützungen für Kinder (auch in Form von Sachleistungen), ein selbstbewusstes Leben in Menschenwürde für jeden, der sich aktuell in Österreich aufhält. Das sollten die Ziele der Mindestsicherung sein. Und kein repressiver Druck gegen Arbeitslose, keine fremdenfeindlichen Schikanen, keine Almosen-Politik und kein radikaler Sozialabbau a la Schwarz-Blau.

"Encore"-40er-Jubiläumstour gegen Rechts: The Specials live im Brüsseler Ancienne Belgique

Es war Ende der 70er in einer ähnlich eskalierenden Zeit wie jetzt: Massenarbeitslosigkeit, Rassenunruhen, Reduzierung der Arbeitnehmerrechte, Entmachtung der Gewerkschaften, Thatcher-Neoliberalismus. Musikalisch ein Melting Pot aus Punk, New Wave und Ska. Eine siebenköpfige Band aus Coventry rund um Mastermind Terry Hall kristallisierte sich zwischen 1977 und 1981 zu den linksgerichteten Sprachrohren einer verzweifelten und aggressiven Vorstadtjugend: The Specials. 

 

Zwei erfolgreiche Alben, "The Specials" und "More Specials", stürmten die Charts, ein Nr. 1-Hit namens "Ghost Town" (mit desillusionierenden Zeilen wie "Government leaving the youth on the shelf" oder "no job to be found in this country can´t go on more") und zahlreiche weitere Top Ten-Hits wie "Too much too young", "Rat Race" oder das sogar später in der TV-Mainstream-Werbung verwendete  "A Message to you Rudy". 40 Jahre später sind The Specials zu dritt wieder on Tour, mit einem taufrischen Nr. 1 Album "Encore" und weiterhin als Kämpfer gegen das Establishment. 

 

"Vote", "Think", "Sell for hope", Peace- und Anti-AKW-Symbole oder "Right Wrong" liest man auf den Transparenten und Bannern, die auf der Bühne im legendären Ancienne Belgique installiert wurden. Die im historischen Stadtteil von Brüssel gelegene Konzerthalle, direkt am derzeit sanierten Boulevard Anspach (der zu einer Fußgängerzone transformiert wird), ist seit Jahrzehnten kultige Auftrittslocation für Stars, Newcomer und Geheimtips aus der Indie-, Pop,- Rock- und Alternativeszene (was man im Aula-Bereich auf einigen Tafeln ablesen kann). Die "neuen" Specials haben die ca. 2000 Personen fassende Arena randvoll ausverkauft.

 

Frontman ist wie Ende der 70er der lässige Terry Hall, mit von der Partie sind von der Originalgroup weiters Lynval Golding und Horace Panter, sein Spitzname galant "Sir Horace Gentleman". Nach einem wave-punkigen DJ-Set stehen die alten Herren mit der Power von einst über 2 Stunden auf der Bühne, auf der Setlist 25 Tracks, davon 8 aus dem neuen Album "Encore", gleichzeitig Trademark der monatelangen Europa-Tour. "Black Skin Blue Eyed Boys" wurde von Eddy Grants Equals gecovert, beim verteilungskritischen "The Lunatics" bediente man sich bei Halls Nachfolge-Band Fun Boy 3 selbst. "Vote for me", eines der Highlights der neuen CD, thematisiert die Verlogenheit der Politiker ("You're all so drunk on money and power, Inside your Ivory tower, Teaching us not to be smart, making laws that serve to protect you").

 

Für die Feminismus-Hymne "Ten Commandments" holen sich die Specials die couragierte Frauenrechts-Aktivistin Saffiyah Khan, die sich bei einer Gegen-Demo gegen die rassistische English Defence League für eine eingekreiste Frau mit Hijab eingesetzt hat. Damals gekleidet mit einem Specials-T-Shirts und viral gehypt. Sie gilt seither als ein Symbol gegen den Rechtsruck in UK und rappt mit Zeilen wie "Thou shall not tell a girl she deserved it Because her skirt was too short" oder " They tell me I'm unhappy because I'm not feminine, failing to consider that I may be unhappy" für Gleichstellung, Gleichberechtigung und Selbstbewusstsein der Frau.

 

Außer Rand und Band geraten die teils auch in der Ära der Specials erwachsen gewordenen Besucher im Ancienne Belgique bei den Superhits und bei den schnell und authentisch gespielten Ska-Brettern der Band. Der Hauptblock endet mit dem straighten Nr. 1-Hit "Too much too young", im ersten Zugabenblock erklingt in der wie ein historisches Theater angelegten Konzerthalle das gespenstische "Ghost Town" in einer Extended Version. Im Zugabenblock Nr. 2 die neue gesellschaftskritische Hymne "Sell for Hope", die auch auf zahllosen T-Shirts abgedruckt ist, und das das Finale einläutende "You´re wondering now". Die Zeile "Now you know this is the End" singen die Fans noch lange weiter, als die Band schon längst die Bühne verlassen hat.

 

Das Konzert ist zu Ende, die politischen Messages der Band haben in Zeiten von Rechtspopulismus, Rechtsextremismus, Nationalismus und Fremdenhass mehr Brisanz denn je. "White is black, black is white. Right is wrong, WRONG IS RIGHT!" "Looked all around the world Could be a beautiful place to live in", singt Terry Hall. Richtig, die Welt könnte ein wunderschöner Platz zum Leben sein. Sie ist es leider nicht...

 

https://www.setlist.fm/setlist/the-specials/2019/ancienne-belgique-brussels-belgium-6b93820a.html

mehr lesen

EU-Parlament Brüssel: Zu Gast im Paul Henri Spaak-Gebäude!

751 Abgeordnete umfasst aktuell das Europäische Parlament, jenes EU-Organ, das seit 1979 direkt von den EU-Bürgern gewählt wird. Seit Jahren umstritten und immer wieder Thema politischer Diskussionen ist der Standort, der derzeit dreigeteilt ist. Die Verwaltung residiert in Luxemburg, eine Woche lang pendeln die Abgeordneten zu den Plenarsitzungen ins französische Straßburg, die Kosten nicht unerheblich, man schätzt bis zu 200 Millionen Euro im Jahr. Die restlichen 3 Wochen verbringen die Abgeordneten in Brüssel, wo weitere Plenarsitzungen und die Ausschusssitzungen stattfinden.

 

Benannt wurde das 1993 fertiggestellte Brüsseler Hauptgebäude nach Paul Henri Spaak, einem der Gründerväter der EU. Der belgische Politiker war nicht nur Präsident der Vorläuferorganisation EGKS, sondern als Ausschussvorsitzender auch federführend an der Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Marktes, die zur Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957 führte. Das Gebäude mit seiner 72 Meter hohen Glaskuppel selbst hat im Gegensatz zu Spaak architektonisch nicht den besten Ruf. Der Spitzname klingt wenig schmeichelhaft "Caprice des Dieux", eine Form des französischen Weichkäses. Das schlechte Image hat allerdings auch damit zu tun, dass die Stadtplaner des mitten im historischen Quartier Leopold liegenden EU-Viertels einige Jugendstil-Schmuckstücke zugunsten seelenloser Betonbauten geopfert haben.

 

Das Europäische Parlament in der Rue Wirtz 60 kann man - abgesehen von einem Lichtbildausweis - ganzjährig ohne besondere Formalitäten visitieren. Besuchszeiten sind von Montag bis Donnerstag, 9 bis 16 Uhr, und Freitags 9 bis 12 Uhr. Nach dem Sicherheitscheck erhält man treppenaufwärts einen Multimedia-Guide, mit dem man sich selbstständig durch die öffentlichen Bereiche bewegen kann. Per Aufzug gelangt man in den 5. Stock, wo man auf der Besuchertribüne nicht nur einen Blick in den riesigen Plenarsaal werfen, sondern auch Teile der Kunstsammlung des Europäischen Parlaments betrachten kann. Vor dem Eingang in den Plenarsaal imponiert eine 36 Meter hohe Stahl-Skulptur des renommierten belgischen Künstlers Olivier Strebelle. Ihr Name "Confluences", zu deutsch "Zusammenfluss", was man sich auch von der EU erwartet. Desto intensiver, desto besser, europäische Identität statt regionaler Nationalismus.

 

Die Kompetenzen des Europäischen Parlaments wurden innerhalb der letzten Jahrzehnte immer wieder erweitert. Ein unmittelbares Initiativrecht haben die Abgeordneten aber bis heute nicht. Die Vorschläge kommen von der Kommission, die dann im Rahmen des "Mitentscheidungsverfahrens" vom Parlament und vom Rat angenommen werden müssen. Das Parlament kann allerdings bei der Prüfung des Jahresarbeitsprogramms der Kommission Anstöße zu neuen Rechtsvorschriften geben und die Vorlage entsprechender Vorschläge verlangen. Eine Erweiterung der Gesetzgebungskompetenzen des demokratisch legitimierten Gremiums ist allerdings unabdingbar.

 

Diskutiert wird seit längerer Zeit über einen Neubau bzw. eine Sanierung des Spaak-Gebäudes, bei dem bereits 2012 Sicherheitsmängel in den Dachbalken eruiert wurden. Eine Entscheidung darüber wird höchstwahrscheinlich in der nächsten Legislaturperiode getroffen. Dass es beim dreigeteilten Standort zu Änderungen kommt, ist eher auszuschließen. Ein derartiger Beschluss muss aufgrund der EU-Verträge einstimmig erfolgen, und da spielt Frankreich als Träger des historischen Sitzes Straßburg nicht mit...

 

ÖVP-FPÖ: Jährliche Valorisierung für Parteien, nicht für Pflegegeld und Familienbeihilfe.

Im Jahr 2018 erhielten die österreichischen Parteien mehr als 200 Millionen Euro Parteienförderung von Bund und Ländern. Spitzenreiter war die ÖVP mit 61,8 Millionen, dahinter SPÖ mit 55,7 und die FPÖ mit 47,8 Millionen Euro. Diese unfassbaren Beträge werden aufgrund einer kürzlich von ÖVP und FPÖ beschlossenen Novelle zum Parteiengesetz noch weiter ansteigen.

 

Bis dato wurden die Parteiensubventionen nur dann automatisch angehoben, wenn ein Inflationsschwellenwert von 5 % erreicht wurde. Ab (rückwirkend) Jänner 2019 werden - ähnlich wie in den meisten Bundesländern - die Förderungen für Parteien jährlich auf Basis des Verbraucherpreisindex valorisiert. Dies ist insofern eine Verhöhnung der Bürger, als ein Großteil der Transferleistungen in Österreich nicht automatisch an die Inflationsrate angepasst wird. Wie beispielsweise die Familienbeihilfe, die Studienbeihilfe oder das Pflegegeld. Politische Parteien zählen im Alpenland de facto also mehr als Familien, Kinder, Senioren und Pflegebedürftige.

 

Die jährliche Valorisierung (von aktuell ca. 2 %) betrifft laut dem schwarz-blauen Gesetzesbeschluss nicht nur die Parteienförderung, sondern auch die Wahlkampfkostenobergrenze, die Werte für meldepflichtige Parteispenden und die besondere Parteienförderung nach Europawahlen. 

 

Und das, obwohl Österreich jetzt schon (nach Japan) die zweithöchste Parteienförderung weltweit und die höchste in Europa aufweist. Die absolute Obergrenze für die Parteienförderung liegt im fast zehnmal (!) größeren Deutschland nur knapp über der österreichischen. Die Fraktionsförderung im deutschen Bundestag betrug 2017 mit 88,1 Millionen Euro nur viermal so viel wie im österreichischen Parlament.

 

Nicht eingerechnet in die über 200 Millionen Euro Parteienförderung sind übrigens zusätzliche Förderungen auf Gemeindeebene, Fördergelder für Vorfeldorganisationen, parteinahe Vereine und die Fraktionsgelder der Kammern. 

 

In einer vor allem verteilungspolitisch ungerechten Zeit, in der fast 1,5 Millionen Österreicher armuts- und ausgrenzungsgefährdet sind, wäre es also ein soziales Zeichen der Regierung gewesen, die Parteienförderung endlich radikal zu reduzieren. Neben flankierender Maßnahmen wie der verpflichtenden Prüfung der Parteifinanzen durch den Rechnungshof oder hoher Geldbußen bei Überschreitung der Wahlkampfkostengrenzen.

 

Vor letzterem Punkt werden sich ÖVP und FPÖ hüten, haben sie doch bei der Nationalratswahl 2017 die Grenze von 7 Millionen mit 13 bzw. 10,7 Millionen Euro weit überschritten. Man könnte dies auch als "Wettbewerbsverzerrung" bezeichnen...

 

"Mint"-Tour: Pop-Newcomerin Alice Merton im Brüsseler Szeneclub Botanique!

In Frankfurt geboren, in Deutschland, Kanada, Irland und Frankreich gelebt. Die 1993 geborene Alice Merton fühlt sich nirgends so richtig zu Hause und machte dieses Faktum auch gleich zum Thema ihres sensationellen Debüt-Hits "No Roots". Im Rahmen ihrer "Mint"-Tournee" stattete sie auch dem Brüsseler Szeneclub Botanique einen Besuch ab.

 

Das Botanique liegt nördlich des Altstadtzentrums und war einst die Hauptorangerie des Nationalen Botanischen Gartens. Seit 1984 wird sie als Kultur- und Veranstaltungszentrum genutzt. Die nach außen rot leuchtenden Gewächshäuser sind heute eine schick-avantgardistische Location für Indie-, Pop- und Rock-Acts. Placebo, Pete Doherty oder die Arctic Monkeys waren schon da. Ende März betrat - nach einem Support der niederländischen Newcomer The Nature - die deutsch-kanadische Popsängerin Alice Merton die Showbühne. Leicht geschwächt, das Konzert am Vortag in Utrecht musste sie sogar wegen Stimmproblemen abbrechen. Das tat der Stimmung im Botanique aber keinen Abbruch.

 

Merton präsentierte nicht nur ihre Single-Hits "Learn to live" (als Opener), "Lash out", "Hit the Ground Running" und "No Roots", sondern auch zahlreiche Raritäten. "Keeps me awake" beispielsweise, ein Track Mertons, der (bis jetzt) auf keinem Tonträger erschienen ist. Oder die an ihren derzeitigen Hauptwohnsitz gerichtete Ballade "Back to Berlin", die die Echo-Preisträgerin und Life Ball-Teilnehmerin von 2017 solo bei schummrigem Licht auf dem Piano begleitete. Noch der einzige Love Song auf der Setlist: "Honeymoon Heartbreak". Merton lässt sich bei ihren Songs vom Real Life inspirieren, bei den anstrengenden Tourneen ist anscheinend kein Platz für die Liebe.

 

Warum ihr Debüt-Album "Mint" heißt: Merton hat ein Faible für Pfefferminz, dieses soll gegen Ängste und Hemmungen helfen. Politisch hofft Merton (deren Vater Ire ist) auf ein zweites Referendum in Großbritannien. Vielleicht sollten die Briten auch mehr Mint konsumieren :-)

mehr lesen

Herbert Grönemeyer live in Wien: Rock gegen Rechts und für die Fans!

 

 

 

Den Bochumer Herbert Grönemeyer lieben die Wiener. Das war bereits so vor fast 30 Jahren, als er 1991 vor 50.000 Menschen im Praterstadion spielte. Die Zeiten haben sich nicht verändert. Herbie hat im Rahmen seiner "Tumult"-Tour die Wiener Stadthalle mit rund 14.000 Fans ausverkauft und gleich zu Beginn seiner Show versprochen: "Wir werden alles geben für einen bodenständigen, erdigen Abend, mit Druck, Spaß und sonst noch irgendwas." Und er hat Wort gehalten.

 

Die fast dreistündige Gröni-Show startet mit zwei Tracks aus seinem im November 2018 erschienenen "Tumult"-Album, "Sekundenglück" und "Bist du da", bei denen der fast 40 Jahre im Musikbusiness stehende 62jährige Sänger bereits frenetisch vom Publikum begrüßt wird. Unterstützt wird er von seiner brillant eingespielten Band rund um Bassist Norbert Hamm, Keyboarder Alfred Kritzer, Gitarrist Stephan Zobeley und Schlagzeuger Armin Rühl, mit denen Grönemeyer bereits seit Anfang der 80er zusammenarbeitet. Die Combo weiß, was die altersmäßig breit gestreuten Fans von ihnen erwarteten. Und das sind naturgemäß auch die großen Hits der Vergangenheit: "Männer", "Was soll das" und "Vollmond" ertönen als fetziges Hit-Medley bereits in der ersten halben Stunde des Konzerts.

 

Im Mittelpunkt der Show stehen allerdings auch die Gesellschaftskritik und das klare Bekenntnis gegen Rechtsradikalismus und Nationalismus. Gemeinsam mit dem deutsch-türkischen Rapper Brkn (der auch das Support-Programm bestritt) schlägt Grönemeyer eine Lanze für das „Doppelherz" ("Jeder braucht seinen Fluchtpunkt, seinen Platz, ´ne zweite Heimat"). Vor dem Song „Taufrisch“ fordert er die Fans auf, Haltung zu zeigen und ihre Stimme gegen Fremdenhass zu erheben, gleichzeitig aber auch positiv zu denken („Es ist schon gerade alles brenzlig, aber wir kriegen das noch in den Griff"). „Keinen Millimeter nach Rechts“, das ist das eindeutige Statement im neuen Song „Fall der Fälle“ des zeit seines Lebens politisch engagierten Sängers, der bei der „Unteilbar“-Demonstration in Berlin vor 240.000 Aktivisten spielte.

 

Party und Romantik dürfen aber in der Wiener Stadthalle auch nicht fehlen. Bei „Alkohol“, „Kinder an die Macht“ oder seiner ersten Nr.1-Single „Mensch“ kann Grönemeyer aufgrund der mitsingenden Fans seine Stimme schonen, beim latino-angehauchten Fußball-Hit „Zeit, dass sich was dreht“ knallen die Konfettis, und bei „Flugzeuge im Bauch“ und „Halt mich“ schwimmt die Menge im romantischen Feuerzeug- und Smartphone-Lichtermeer. Ein besonderes Highlight für die österreichischen Fans wartet im Zugabenteil: „Ich hab dich lieb“ aus seinem ersten, kommerziell gefloppten Album, das die Fans einst bei einem 80er-Konzert aufgrund Ö3-Powerplays (Dominic Heinzls „Kuschelecke“ ?) eingefordert haben.

 

Herbert Grönemeyer live 2019: Topfit, enthusiastisch, zartbesaitet, gesellschaftskritisch. Was will man mehr?

 

mehr lesen

"Aufstehn gegen Rassismus" - Großdemo in Wien mit Volkstheater-Beteiligung!

"Wir stehen für Solidarität und lassen nicht zu, dass uns die schwarz-blaue Regierung durch Rassismus und Sozialabbau spaltet", so das Motto der Groß-Demo "Aufstehn gegen Rassismus", die in Wien im Rahmen des UN-Aktionstages gegen Rassismus organisiert wurde.

 

Tatsächlich wird Österreich seit Bildung der Kurz-Strache-Regierung im Dezember 2017 mit zahlreichen Verschlechterungen im Sozial-, Asyl-, Fremden- und Verfassungsrecht konfrontiert: Kürzung der Mindestsicherung für Familien und Kinder, 12 Stunden-Tag für Arbeitnehmer, rigide Überwachungsgesetze (die vermutlich vor dem Verfassungsgerichtshof aufgehoben werden), Schikanen gegen Flüchtlinge und Migranten und ein gesellschaftliches Klima, in dem Teile der Bevölkerung durch die Regierungsparteien gegen jene aufgehetzt werden, denen es noch schlechter geht.

 

Da heißt es Farbe bekennen und ein klares Zeichen gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Diskriminierungen zu setzen, und so beteiligten sich auch in Wien ca. 12.000 Menschen an der Demonstration, die vom Platz der Menschenrechte vor dem Museumsquartier über die Ringstraße bis in den Resselpark am Karlsplatz führte.

 

Polit-Aktivist Muhammed Yüksek forderte bei der Auftaktkundgebung Zusammenhalt und Einigkeit: "Wir sind die Gesellschaft und lassen uns nicht spalten." Volkshilfe-Chef Erich Fenninger, auch Sprecher der Plattform für eine menschliche Asylpolitik, erzürnt sich darüber, dass in Österreich wieder ein Feindbild konstruiert werde, "man tut so, als wäre der Flüchtling an allem schuld".

 

Noch schärfer Buchautor und Antifaschist Hans Henning Scharsach. Es herrsche in Österreich, mitverursacht durch eine ehemals christlich soziale Partei eine Politik der Kälte, der Sündenböcke und des Angstschürens. Ein "Neonazismus Light" (an der Grenze der strafrechtlichen Relevanz) sei Bestandteil der Regierungspolitik. Nazi-Kampfsprache (wie "Minderheit im eigenen Land" oder "Umvolkung"), die noch in den 80ern zum Verbot politischer Randparteien führten, seien zur Normalität geworden. Volksgemeinschaft, Arierparagraph, Großdeutschland: Scharsachs Analysen über deutsch-nationale Burschenschaften aus seinem Buch "Stille Machtergreifung" machen nicht nur Angst und Zorn, sondern schweißen die Widerstandskämpfer gegen Rechts auch zusammen. "Das Böse kommt nicht über Nacht, sondern in kleinen Schritten", zitiert Scharsach Michael Köhlmeier, ein Warnsignal.

 

Als besonderes Highlight der Demo präsentierte das Wiener Volkstheater einen Ausschnitt seines Stückes "Die Verteidigung der Demokratie". Hoch oben auf dem Balkon stehend las Hauptdarsteller Christoph Rothenbuchner Passagen aus der gleichnamigen Abhandlung Hans Kelsens, der auch als "Vater der österreichischen Verfassung" gilt. Ein Appell für die Demokratie, die Freiheit und die Gleichheit. "Die, die heute gegen die Demokratie kämpfen und damit den Ast absägen, auf dem sie sitzen, werden die Diktatur, wenn sie erst unter ihr leben müssen, noch verfluchen." Als Schlussworte: Für ein Europa der Vielen, gegen Rassismus. Dem ist nichts hinzuzufügen.

mehr lesen

Mindestsicherung Neu: 40 Millionen Euro weniger für armutsgefährdete Kinder!

In Österreich sind laut Statistik Austria 1,5 Millionen Menschen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Darunter befinden sich auch 324.000 Kinder. Höchste Zeit, die Armut im viertreichsten EU-Land zu bekämpfen. Die schwarz-blaue Regierung, eine "Herrschaft der Niedertracht" (wie sie Autor und Vordenker Robert Misik in seinem neuen Buch bezeichnet), macht das Gegenteil und verschärft laut der Regierungsvorlage zum Sozialhilfe-Grundsatzgesetz die Bedingungen für die Mindestsicherung.

 

Besonders skandalös ist der Umgang der „rechtskonservativen“ Koalition mit Kindern. Während beim Familienbonus keine Deckelung vorgenommen wird (und somit reiche Familien mit 1500 Euro pro Kind jährlich steuerlich entlastet werden), erfolgt bei minderjährigen Personen in Mindestsicherung eine radikale degressive Kürzung. Das erste Kind erhält noch 25 %, das zweite nur mehr 15 %, ab dem dritten Kind wird nur mehr 5 % des Basisbetrages (= Netto-Ausgleichszulagenrichtsatz) von aktuell 885,47 Euro gewährt. Das sind für das 3. Kind 44 Euro monatlich. 

 

Für diese Einsparungen bei Kindern von ca. 40 Millionen Euro (!!!) rühmen sich die schwarz-blauen Nationalratsabgeordneten sogar in der Parlamentskorrespondenz, es soll ja „vor allem Familien mit Migrationshintergrund treffen“. Die Ausgaben der Regierung für Werbung und PR betrugen übrigens 44 Millionen Euro.

 

Kontraproduktiv ist der sogenannte "Arbeitsqualifizierungsbonus" im § 5/6 des Sozialhilfe-Grundsatzgesetzes, der vorwiegend Asylberechtigte und Menschen ohne Pflichtschulabschluss diskriminiert. Für diese soll die Mindestsicherung auf 575,55 Euro monatlich gekürzt werden, solange bis sie Deutsch- und Wertekurse erfolgreich abgeschlossen haben.

 

Mit anderen Worten: Während Betroffene in tiefster Armut überleben müssen, sollen sie gleichzeitig noch eine neue Sprache lernen, um die volle Mindestsicherung zu erlangen. Wer das nicht wolle, könne sich ja – als „58jährige ohne Les- und Schreibekenntnisse eine Arbeit suchen, um mehr zu verdienen“, wie der FPÖ-Klubobmann Walter Rosenkranz kürzlich in der ZIB 2 bei Armin Wolf erklärte.

 

In der gesamte Regierungsvorlage scheinen – im Gegensatz zur früheren Bund-Länder-Vereinbarung - KEINE Mindestsätze, sondern nur Höchstsätze für den Sozialhilfebezug auf. Sogenannte Boni für Alleinerzieher und besondere Härtefälle unterliegen einer Kann-Bestimmung, d.h. die Länder sind bei der Erlassung ihrer Ausführungsgesetze nicht verpflichtet, diese Zuschüsse umzusetzen.

 

Die Mindestsicherung beträgt derzeit 0,9 % der gesamten Sozialausgaben bzw. ca. 977 Millionen Euro (2017). Mit über 6 Milliarden Euro jährlich wird von Experten der Abgaben- und Sozialbetrug beziffert, der von dieser Regierung kaum bekämpft wird. Auch die Einführung höherer Löhne in den Kollektivverträgen und die generelle Einführung eines Mindestlohnes von ca. 1700 Euro - es gibt noch immer zahlreiche Berufsgruppen, die bei Vollzeitarbeit unter 1500 Euro verdienen - wird nicht thematisiert. Das könnte ja der Wirtschaft nicht passen. 

 

Beschlossen wird die Mindestsicherung (die weit unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1238 Euro liegt), von schwarz-blauen Nationalratsabgeordneten, deren Familieneinkommen (inklusive Nebeneinkünfte) zwischen 9000 bis weit über 20.000 Euro monatlich liegt. Selbst im Reichtum zu schwimmen und gleichzeitig einen Frontalkurs gegen die Ärmsten der Armen zu fahren! Das ist österreichische Regierungspolitik 2019!

 

"Berlin Calling" in Wien: Paul Kalkbrenner live im Museumsquartier!

"Parts of Life" - So nennt sich das neueste Album von Deutschlands Kult-DJ Paul Kalkbrenner. 15 Titel, die - nicht chronologisch - stets mit Parts und einer Nummer zwischen 1 und 15 bezeichnet sind, im Spannungsfeld zwischen Ambient, House und Techno, eine Hommage an die Raving Society von Berlin. Vielleicht auch ein persönliches Tagebuch, das man aufgrund seiner kryptischen Form als solches gar nicht entziffern kann. 

 

Sei´s wie´s sei. Kalkbrenner, in Ostberlin-Lichtenberg aufgewachsen und seit seiner Jugend im Techno-Mauer-Epizentrum inkludiert, stattete im Rahmen seiner Europa-Tour auch dem seit Wochen restlos ausverkauften Wiener Museumsquartier einen Besuch ab. Seine Show beginnt stets mit einer tech-house untermalten halbstündigen Dia-Show mit Stationen seines Lebens: Parties all around the World von Tomorrowland bis Ibiza, Alltagsleben zwischen Flugzeug und Hotel, auch seine Family (Berufskollegin DJ Ana Simina Grigoriu und Baby) lacht vom Video Screen. Dann betritt der Meister die Bühne und verzückt über 2,5 Stunden die Massen mit seinen melodiösen-uplifting Tech Beats, die seit 1999 den Mittelpunkt seines Lebens bilden.

 

Für Hannes Stöhrs Kult-Film "Berlin Calling" wurde der Paule als Berater engagiert, schließlich übernahm er selbst die Rolle des drogenabstürzenden DJ´s Ickarus. Im Gegensatz zu prominenten Szene-Friends tatsächlich eine Rolle. Denn Kalkbrenner nimmt keine Drogen und sieht sich auch nicht als DJ, der zwei Audiofiles ineinandermixt. Jeder Auftritt des Künstlers ist ein Unikat, auf der Bühne stehen neben dem Laptop die riesigen Mischpulte, auf denen Kalkbrenner - ohne Kopfhörer - seine Soundspuren mit Knöpfchen und Reglern live neu kompiliert.

 

Dazu eine Setlist, die keine Wünsche offen lässt: Instrumentale Tracks aus dem neuen "Parts of Life"-Album, massenkompatible Hits wie "Feed your Head" (mit dem genialen "White Rabbit"-Sample von Jefferson Starship), coole Kalkbrenner-Remixes von 2Raumwohnung, Stromae, Moby oder Gary Jules ("Mad World) und natürlich die "Berlin Calling"-Anthems "Sky and Sand" (gesungen von seinem Bruder Fritz) und "Azure".

 

Als Schlusszugabe das chillige "Aaron". Die Fans verlassen um 23 Uhr schweißüberströmt, technoberauscht und glücklich das Museumsquartier. Das Ende der Party-Nacht in Wien? Wohl nur in den seltensten Fällen :-)

mehr lesen

"The Cliff" - Faszinierende Werkschau von Hans Op de Beeck in der Kunsthalle Krems!

Die Wachaumetropole Krems steht im Zenit der internationalen Kunstwelt. Die von den Vorarlberger Architekten marte.marte konzipierte 22 Meter hohe Landesgalerie beeindruckt Fans, aber auch Kritiker. Und die durch einen unterirdischen Gang verbundene Kunsthalle Krems präsentiert mit dem belgischen Multitalent Hans Op de Beeck einen der faszinierendsten Künstler Europas.

 

Kurator Florian Steininger und Hans Op de Beeck haben sich vor 2 Jahren kennengelernt, bereits da ließ de Beeck, der während seiner mehr als 15jährigen Karriere weltweit in zahlreichen Solo- und Gruppenausstellungen vertreten war, anklingen, dass ihn eine Präsentation seiner Werke, verstreut über die gesamte Fläche der Kunsthalle, interessieren würde. Gesagt, getan. Ende Februar wurden de Beecks Skulpturen, Installationen und Aquarelle aus seiner Kunstwerkstätte im multikulturellen Brüsseler Bezirk Anderlecht direkt nach Krems verfrachtet. 4 Tage lang dauerte der Aufbau, es hat sich gelohnt.

 

In der Großen Halle, im Erdgeschoß, thront ein lebensgroßes Liebespärchen auf einem riesigen Felsbrocken. Das Mädchen sieht in die Ferne, der Junge blickt romantisch auf seine junge Liebe. Die Figuren in monochromem Grau, erstellt aus Beton und Polyester. "The Cliff" nennt sich das monumentale Meisterwerk de Beecks, gleichzeitig auch Titel seiner Werkschau in der Kunsthalle.

 

Die Besonderheit dieser Ausstellung liegt auch darin, dass man sich - in schaurig-düsterer-ästhetischer-verträumter Atmosphäre - mitten unter den Kunstwerken de Beecks bewegen kann. Man trifft auf ein bezauberndes "sleeping girl", das auf einem Chesterfield-Sofa schläft, auf das Mädchen Tatiana mit ihren Seifenblasen, auf den Gummipfeilschießer Timo oder auf ein Mädchen, das - auf einem Floßbett schlafend -  mitten in einem Seerosenteich treibt. Ein mit schwarzem Lack übermaltes Weihnachtszimmer ("Christmas", 2006) veranschaulicht bei genauem Hinsehen auch Dissonanzen. Mit einer angeschnittenen, übergroßen Geburtstagstorte erinnert de Beeck, dass das Feierritual gleichzeitig nur eine weitere Markierung auf dem Abstieg des Menschen in Richtung Tod ist ("Memento Mori", 2019). In der "Wunderkammer" werden im Stile der Frührenaissance Sammelgegenstände aller Art positioniert: Muscheln, Korallenstöcke, Obst, Standuhren, Vasen und wieder kleine Kinderfiguren.

 

Das belgische Multitalent zeigt in seiner Gesamtschau allerdings nicht nur seine Qualitäten als Bildhauer, sondern auch jene des Malers und Video-Regisseurs. Die bis zu fünf Meter großen Aquarelle ("Watercolours"), die ebenso wie seine Skulpturen in dunklen Tönen schimmern und die der Künstler meist in der Nacht anfertigt, weisen Motive verschiedenster Art auf: Strandlandschaften, Vergnügungsparks, Disco-Kugeln, verlassene Villen, Frauen nackt und in schickem Kleid. In sieben eigenen Video Rooms präsentiert de Beeck kreative Animationsfilme wie das zwanzigminütige "Staging Silence" oder den gesellschaftskritischen mit 800 Freiwilligen gedrehten Film "The Dance", der sich auf die Migration als eine unstete, rhythmisch unregelmäßige Beziehung bezieht.

 

Die Ausstellung "The Cliff" kann noch bis 23. Juni 2019 besucht werden. Werke von Hans Op de Beeck gibt es auch in Wien zu sehen, und zwar unter dem Titel "The Conversation" in der Galerie Krinzinger (Seilerstätte 16).

 

mehr lesen

Recht auf Freiheit: Präventivhaft verstößt gegen die Menschenrechte!

"Jedermann hat ein Recht auf Freiheit" - So steht es im Kernsatz des Artikels 5 der Menschenrechtskonvention. Und es ist unumstritten, dass die Freiheit der Person einerseits als konstitutives Element des Rechtsstaates gilt, andererseits auch in engem Zusammenhang mit der Würde des Menschen steht.

 

Der Freiheitsentzug gehört daher zu den schärfsten Maßnahmen, die einem Rechtsstaat zur Verfügung stehen. Eingeschränkt wird er verfassungsrechtlich durch die Menschenrechtskonvention (Artikel 5) und durch das Bundesverfassungsgesetz zum Schutz der persönlichen Freiheit aus dem Jahr 1988. Ein Entzug der persönlichen Freiheit ist nur in den dort genannten Fällen, aufgrund einer zusätzlichen einfachgesetzlichen Ermächtigung und nach den Prinzipien der Verhältnismäßigkeit zulässig. Eine Präventiv- oder Sicherheitshaft, wie sie der "rechtskonservativen" ÖVP-FPÖ-Regierung vorschwebt, widerspricht diesen Voraussetzungen. 

 

Verfassungsrechtlich zulässig ist ein Freiheitsentzug dann, wenn jemand von einem Gericht zu einer unbedingten Freiheitsstrafe verurteilt bzw. als geistig abnormer Rechtsbrecher in den Maßnahmenvollzug überstellt worden ist. Untersuchungshaft kann  verhängt werden, wenn jemand konkret einer Straftat verdächtigt wird, und zusätzlich einer der vier Haftgründe (Flucht-, Verabredungs-, Verdunkelungs-bzw. Ausführungs-/Wiederholungsgefahr) vorliegt. Die Entscheidung obliegt dabei einem Richter (auf Antrag der Staatsanwaltschaft). 

 

Im Verwaltungsrecht können primäre Freiheitsstrafen bis 6 Wochen und Ersatzfreiheitsstrafen (z.B. bei Nichtzahlung von Geldbußen) ausgesprochen werden. Exekutive Schuldhaft ist verboten. Stellt jemand aufgrund einer psychischen Krankheit für sich selbst oder für andere eine Gefährdung dar, dann kann er gemäß dem Unterbringungsgesetz in ein Krankenhaus für Psychiatrie eingewiesen werden. Sondervorschriften bestehen bei Verdacht auf Epidemien oder Tuberkulose.

 

Bei Ausweisungs- oder Auslieferungsverfahren gegen Fremde kann Schubhaft verhängt werden. Die Höchstdauer beträgt laut Artikel 15 der Rückführungsrichtlinie 18 Monate. Spätestens dann müssen Betroffene wieder entlassen werden, wenn die Abschiebung nicht vollzogen werden kann. 

 

Kommt eine Regierung nun auf die Idee, Personen einzusperren, von denen sie bzw.  ein Richter oder Beamter glaubt, dass diese in Zukunft eventuell eine strafbare Handlung begehen werden, dann muss man sich ernsthaft die Frage stellen, in welchem System wir leben. Beginnt die strafbare Handlung vielleicht bereits in einer (berechtigten) Kritik an der herrschenden Politik oder gesellschaftlichen Missständen (Stichwort Tierschützerprozess)? Wehret den Anfängen!

 

Rechtlich könnte sich eine vorbeugende Präventivhaft nur auf den Artikel 5/1 Z. c der Menschenrechtskonvention beziehen. Bei der zu verhindernden Straftat muss es sich aber um eine unmittelbar bevorstehende und konkret bestimmte strafbare Handlung handeln. Nicht ausreichend ist die allgemeine Vermutung, der Betroffene werde sich auch in Zukunft kriminell verhalten. Und das ist genau das, was sich rechtspopulistische bzw. rechtsextreme Parteien wünschen. Im Idealfall nur gegen Ausländer und Flüchtlinge (was obendrein eine Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes darstellt).

 

In diesem Zusammenhang ist auch eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte aus dem Jahr 2009 zu beachten. In Großbritannien wurde gegen neun als Sicherheitsrisiko eingestufte Ausländer Schubhaft verhängt. Da die britischen Behörden keine ernsthaften Rückführungsverhandlungen setzten, wurde die Schubhaft als menschenrechtswidrig erklärt. Grund: Die Schubhaft darf nicht dazu genutzt werden, das menschenrechtliche Verbot von Präventivhaft zu umgehen.

 

Es gibt daher in einem der sichersten Länder der Welt keinen Grund, das Thema Präventivhaft für Flüchtlinge auf die Tagesordnung zu setzen. Außer gegen Ausländer zu hetzen und die für jedermann geltenden Menschenrechte in Frage zu stellen. Im übrigen sei auf Benjamin Franklin verwiesen: "Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren."

"Start the Dance": Pre-Opening der "tanzenden" Landesgalerie Niederösterreich in Krems!

"Aus der Raupe wurde ein Schmetterling, aus dem Betonblock die Tänzerin von Krems". Geflügelte Worte des künstlerischen Direktors der neuen Landesgalerie, Christian Bauer.

 

Start the Dance! Im Rahmen eines durchinszenierten, dreitägigen Pre-Openings stellte sich der monumentale Prunk-Bau der Kremser Kunstmeile erstmals Kulturinteressierten und Einheimischen vor (was nicht unbedingt ein Widerspruch sein muss). Auf dem Programm standen nicht nur düstere Nightwalks, intellektuelle Diskussionsrunden, stündliche Themenführungen mit Experten und Begrüßungszeremonien, sondern auch kreative "künstlerische Interventionen" von Erwin Redl ("Matrix XII Krems"), Judith Fegerl, Leo Zogmayer (Schriftzug "Wenn ich Kunst sage, meine ich das Ganze") und - mit einer Klanginstallation im Lift - Werner Reiterer.

 

"Up in the Air", durchaus ein Motto für die Besucher des Pre-Openings. Immerhin ist der aus Stahlbeton bestehende gedrehte Kubus 21,5 Meter hoch. Die Grundrissfläche im Erdgeschoß beträgt 33 x 33 Meter, jene im Obergeschoß 30 x 30 Meter. "Durch die Drehung fügt sich das Gebäude wie ein Passstück in die Umgebung ein. Einerseits weicht es vom Karikaturmuseum etwas zurück, andererseits definiert es die Lotrechte an der Ecke von Steiner Landstraße und Doktor Karl-Dorrek-Straße", so die Vorarlberger Architektenbrüder Bernhard und Stefan Marte.

 

marte.marte sind 2015 unter 59 Teilnehmern als Sieger aus dem zweistufigen EU-weiten Architekturwettbewerb für die Landesgalerie Niederösterreich hervorgegangen. Als Bauherr fungierte die Linzer Baufirma Dywidag, der Spatenstich zum 35 Millionen Euro teuren Bau erfolgte am 4. Juni 2016. Die Fertigstellung verzögerte sich aufgrund der Entdeckung eines mittelalterlichen Hafens während der Aushubarbeiten, der sich bei den nachfolgenden archäologischen Untersuchungen als Teil eines komplexen Pfahlreihensystems entpuppte. Gerüchteweise gab es auch Probleme mit der Fassade, deren Komplexität nicht von der Hand zu weisen ist.  Diese besteht aus insgesamt 7200 Schindeln einer dezent schimmernden Zink-Titan Legierung, mit der auch ein Bezug zur Dachlandschaft von Stein hergestellt werden soll. 

 

Im Gespräch war immer wieder auch ein Steg über die beiden Kreisverkehre hinweg zur Donau. Architekt Bernhard Marte hielt dies allerdings - auch im Einklang mit dem Weltkulturerbe und der mittelalterlichen Umgebung - für ein "zu urbanes Zeichen". "Unsere Lösung ist, das Gebäude auszurichten, dass es sich stark zur Donau Richtung Süden orientiert und die dort ankommenden Besucher mit einer nach oben hin akzentuierten Drehbewegung quasi empfängt." Dass die monumentale Landesgalerie künftig nicht nur Kunst- und Architekturfreaks aus aller Welt, sondern auch viele Touristen anlocken wird, steht wohl außer Frage. Offiziell rechnet man mit 50.000 Besuchern mehr pro Jahr im Kunstmeilen-Areal.

 

Die Ausstellungsfläche beträgt insgesamt 3000 Quadratmeter und ist aufgeteilt auf insgesamt 5 Geschosse. Themenausstellungen und monografische Präsentationen werden in den drei ca. 800 m2 großen Räumen konzipiert, im Untergeschoss Sammlungen, im 1. Obergeschoss (in dem beim Eröffnungswochenende 234 kleinformatige Karton-"My Museum"-Modelle Jugendlicher positioniert wurden) steht der Mensch im Mittelpunkt, Landschaft und Natur im zweiten.  Diese sind bewusst fensterlos "als Dunkelräume" gestaltet, um auch den klimatischen und restauratorischen Anforderungen zu entsprechen.

 

Im Erdgeschoss befindet sich neben einem kleineren Ausstellungsraum mit ca. 400 Quadratmeter die von Harry Schindlegger geführte Gastronomie und der Shopbereich. Für sonnige Tage, und die gehören ja in der Wachau zur Trademark, wird auch ein Schanigarten angeboten. Leider war die Stadt Krems hier nicht mutig genug, den Autoverkehr in der Kunstmeile auszuschließen. Derzeit ist das Areal als "Begegnungszone" konzipiert. Christian Bauer spricht von einem "dynamischen Konzept", das lässt Hoffnung auf eine autofreie Zone aufkommen.

 

Das oberste Geschoss lockt nicht nur mit einem kleineren Ausstellungsraum, sondern auch mit einer Freiluftterrasse, einerseits mit einem Blick auf die Donau und das Stift Göttweig, andererseits durch ein kleines dreieckiges Außenfenster auf die Altstadt von Stein. Zahlreiche Selfies unter blauem Himmel für Facebook, Instagram & Co.  sind vorprogrammiert.

 

Das Untergeschoss, gleichzeitig der größte Ausstellungsraum, ist durch einen unterirdischen Gang mit der Kunsthalle Krems verbunden. Dort faszinierte während des Pre-Openings die begehbare Licht-Installation "Matrix XII Krems" von Erwin Redl, der eine leicht ansteigende Fläche mit blauen LED-Leuchten erstrahlen ließ. Die "Hommage an die Architektur der Landesgalerie" ist noch bis 31. März zu sehen. 

 

Die umfangreiche Befüllung der Ausstellungsräume erfolgt innerhalb der nächsten 2,5 Monate. Kunstsammler Franz Hauer (u.a. mit Werken von Schiele und Kokoschka), Biennale-Künstlerin Renate Bertlmann ("Hier ruht meine Zärtlichkeit"), "Ich bin alles zugleich" und "Sehnsuchtsräume -Berührte Natur und besetzte Landschaften" - das sind die vorerst noch kryptischen Highlights des Grand Openings am 25. und 26. Mai in der Landesgalerie Niederösterreich.

 

Schade, dass sich Krems nicht selbst als Kulturhauptstadt 2024 beworben hat, sondern "nur" als "Einzugsbereich" im Wettbewerbskonzept der Landeshauptstadt St. Pölten integriert worden ist...

"Biedermeiern" über Schwarz-Blau: Buchpräsentation von Livia Klingl im Wiener Thalia!

"Früher hatte ich keinen Respekt vor Politikern, weil ich jung und ahnungslos war. Heute habe ich keinen, weil DIE jung und ahnungslos sind." - Dieses Posting steht bezeichnend für die schwarz-blaue Bundesregierung und für das Buch "Biedermeiern" der ehemaligen ORF-Kriegsberichterstatterin und Autorin Livia Klingl.

 

Gemeinsam mit dem "Wir sind Kaiser"- Schöpfer Klaus Oppitz präsentierte die politisch engagierte Journalistin im Wiener Thalia in der Mariahilfer Straße ihr neuestes Buch, das ihre scharfsinnigsten und treffendsten Facebook-Postings und Grafiken seit der Nationalratswahl vom 16. Oktober 2017 enthält. "Humor bringt Kraft, Verzweifeln ist kontraproduktiv", so die Autorin. Schuld an dem politischen Desaster, das Österreich um Jahrzehnte (wenn nicht Richtung 30er) zurückwirft, sind aber hundertprozentig die Inländer.

 

Regiert wird Österreich jetzt von einem Bubenkanzler ohne jede soziale Ader, der die Jugend pauschal auffordert, Eigentum zu erwerben (um nicht in die Armutsfalle zu kippen), und einem Zahntechniker, der in seiner Jugend sich bereits als "Kulturkritiker" betätigte, als er laut buhend auf den billigen Plätzen des Burgtheaters gegen Thomas Bernhards "Heldenplatz" demonstrierte. Die Video-Einspielung sorgt für Gelächter, löst aber eigentlich auch Beklemmung aus, welche Personen jetzt unser Land regieren.

 

Ausgelöst wurde die politische Wende vor allem durch die Wahlergebnisse am Land. Dort wo laut Klingl "um 18 Uhr kein Mensch mehr auf der Straße unterwegs ist, die Bevölkerung sich vor Wien fürchtet (obwohl sie dort noch nie waren) und freiheitliche Plakate vor dem Islamismus warnen. Der einzige Fremde, der sich in jene Gebiete veirrt, ist allerdings meistens die slowakische Kellnerin in einem ansonsten von Einheimischen frequentierten Rustikal-Gasthaus. Köstlich auch die Reaktion Klingls auf das sinnentleerte Burka-Gesetz: Die letzte Burka habe sie 2002 gesehen, in Afghanistan kurz vor ihrem Rückflug nach Österreich.

 

In einer Karikatur zeigt Klingl anschaulich, dass der von den Boulevardmedien hochstilisierte "Messias" Kurz nicht über Wasser geht, sondern auf bräunlichen Materialien herumstapft. Nichtsdestostrotz spürt der "Witzekanzler" beim Neujahrstreffen, dass der Kreisky ihn heute wählen würde. Eine Klingl-Grafik mit einem sich auf die Stirn greifenden Alt-Kanzler Kreisky und dem Satz "Lernen´s Geschichte, Herr Strache" sprechen für sich.

 

Immer wieder erwähnen Oppitz und Klingl bei der Buchpräsentation, dass es die Opposition bei einer derart dilettantischen, unsozialen und arbeitnehmerfeindlichen Regierung eigentlich leicht haben müsste. Vor allem sozialdemokratische Themen sollten ein Elfmeter sein. Die SPÖ steht sich allerdings mit zwei "(ohn)mächtigen Flügeln" oft selbst im Weg. "Verkehrte Welt, wenn ein SPÖ-Rechtsaußen (gemeint ist der nunmehrige burgenländische Landeshauptmann Doskozil, kürzlich Verfechter einer grundrechtswidrigen Sicherungsverwahrung) kritisiert, es gebe zu wenig Abschiebungen". 

 

Wanzen als Enten, Fake News, Österreicherinnen mit iranischen Wurzeln (die "aus dem Bauch der Mutter kommen"), Pferde als Beamten-Ersatz, Jugendsünden (die sexier sind als ein Hitlergruß),... - Mit zahllosen Pointen (die leider oft keine sind) unterhält Klingl das Publikum, die Appetit machen auf den Kauf ihres chronologisch konzipierten Buches.  "Biedermeiern" endet übrigens mit dem Eintrag "Wir in Österreich sagen DAS Pack". Danach wurde Klingl von Facebook gesperrt, da dieser Kommentar laut firmeninterner Auslegung eine "Hassrede" darstellt. No Comment.

 

Ob es eine Fortsetzung des Buches gibt? Nicht auszuschließen, Livia Klingl selbst, ihre Leser und die Unterstützer einer zukunftsmutigen, sozialen und menschenfreundlichen Politik wünschen sich aber wohl eher, dass die "rechtskonservative" Kurz-Strache-Regierung bald Geschichte ist. Eine Geschichte, die sich nicht mehr wiederholen darf....

 

 

"Im U4 geigten wieder die Goldfisch": Falco-Tribute in Wiens Kult-Lokal!

"Die Leute waren viel zu cool, um ihm um ein Autogramm zu fragen oder ähnliches. Er fühlte sich wohl, weil er er selbst sein konnte, was auch immer das gerade hieß", so Kulttürsteher und Fotograf Conny de Beauclair. So gesehen kein Wunder, dass das U4 in der Schönbrunner Straße 222 Falcos Stammlokal war. Aufgetreten ist er laut Anekdoten dort als Falco nie selbst, sondern "nur" als Bassist mit der Band Spinning Wheel in der Vorgängerdisco "Copacabana".

 

Das U4 war allerdings Anfang der 80er Jahre der exzessive Schmelztiegel der Wiener Szene. Es herrschte Aufbruchsstimmung, New Wave, Punk, Parties jenseits von Gut und Böse, illegale Substanzen,... - oder kurz gesagt: "Im U4 geig(t)en die Goldfisch", jene weltberühmte Zeile aus Falcos Undergroundhymne "Ganz Wien", die das subversive Sprungbrett für die Weltkarriere des Wiener Ausnahmetalents war. Mit dem kommerziellen "Amadeus"-Höhepunkt 1986 als Nr. 1 der amerikanischen und englischen Single-Charts.

 

Am 6. Februar 1998 verunglückte Falco tödlich bei einem Autounfall in der Dominikanischen Republik, seitdem finden rund um seinen Geburtstag, dem 19. Februar 1957, Gedenknächte an Österreichs erfolgreichsten Popstar aller Zeiten statt. Unter der Trademark "Die Goldfisch" versammelte sich auch dieses Jahr wieder die Creme de la Creme der heimischen Musikszene, um gemeinsam mit der Original Falco Band rund um Thomas Rabitsch und Peter Vieweger die Falco-Hits aus fast 20 Jahren Solokarriere zu zelebrieren. Die - siehe "Auf der Flucht" (was die Jungwähler so denken über Kräfte, die sie lenken), "Dance Mephisto" oder "Titanic" näher am politisch-horriblen Zeitgeist stehen als die Gesellschaft zugeben will.

 

"Muss ich denn sterben, um zu leben" - Den Opener setzten die Goldfisch mit "Out of the Dark", das posthum die Charts eroberte. Alkbottle-Frontman Roman Gregory, auch beim Hansi Lang-Tribute einer der besten Vocalisten, heizt an mit "Wiener Blut" und präsentiert mit der grandiosen Birgit Denk das lässig-persiflierende "America" aus dem "Falco 3"-Album, das in den Staaten kongenial bis auf Platz 3 kletterte. Russkaja-Sänger Georgij lässt mit "Dance Mephisto" martialisch-düstere Atmosphäre aufkommen und schmeißt zum metal-getrimmten Techno-Stomper "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da" gemeinsam mit Gregory Zucker in die Menge. Die wilden Zeiten sind ja längst vorbei.

 

Hip Hopper Skero ist, gekleidet in weißem Anzug, "auf der Flucht", Hot Pants Road Club-Sänger Andi Gabauer tarnt sich als "Junger Römer, Tini Kainrath swingt "Brillantin Brutal". Burgtheater-Star Johannes Krisch verzehrt sich an "Jeanny" und bucht mit der bezaubernden Edita Malovcic den "Nachtflug einmal täglich". Falco darf per Video-Screen beim Exzess dabei sein.

 

Als Zugaben der ca. 2,5 stündigen Show stehen alle Goldfisch´ gemeinsam auf der Bühne und schmettern "The Sound of Musik" und "Rock me Amadeus" Richtung begeisterte Fan-Crowd. Roman Gregory setzt mit "Ganz Wien" den kultigen Schlusspunkt des Konzerts. Die Falco-Party im U4 geht noch bis Morgengrauen weiter. Ganz im Stile des viel zu früh verstorbenen "Nachtflug"-Vorbilds...

mehr lesen

Ö-Justizsystem: Staat ersetzt trotz Freispruchs (fast) keine Verteidigungskosten!

Lauschangriff, Videoüberwachung, 5 Monate persönliche Observation, eingeschleuste Spitzel, Telefon- und E-Mail-Überwachung. Gegen den VGT ("Verein gegen Tierfabriken")-Obmann Martin Balluch wurden nahezu alle polizeilichen Maßnahmen eingesetzt, die damals vorhanden waren (Anm.: Durch das 2018 von ÖVP und FPÖ beschlossene Überwachungspaket wurden diese noch exzessiv erweitert). Obendrein wurde er noch 105 Tage in Untersuchungshaft gesperrt und einem 14monatigen Prozess mit 98 Verhandlungstagen ausgesetzt.

 

Balluch und weitere 12 Tierschützer wurden von der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt angeklagt wegen "Bildung einer kriminellen Organisation" (§ 278a), bekannt auch als "Mafia-Paragraph. Alle Angeklagten wurden rechtskräftig freigesprochen, trotz erwiesener Unschuld blieben sie aber auf dem Großteil der Verteidigungskosten sitzen.

 

Rechtsgrundlage ist der § 393 StPO, der normiert, dass trotz Freispruchs den Angeklagten nur ein Pauschalbetrag der Verteidigungskosten zugesprochen wird. Dieser beträgt aktuell bei Verfahren vor dem Bezirksgericht 1000 Euro, vor dem Einzelrichter eines Landesgerichts 3000, vor dem Schöffengericht 5000 und vor dem Geschworenengericht 10.000 Euro.

 

Die Verteidigungskosten für Balluch betrugen ca. 600.000 Euro, ersetzt bekam er nach der damaligen Rechtslage 1200 Euro.  Bei einem Verfahren, das ohne seine Schuld eingeleitet wurde und das ihn jetzt in den Privatkonkurs getrieben hat. Der renommierte Tierschützer leitete zwar eine Schadenersatzklage gegen die Republik aus dem Titel der Amtshaftung ein, dieser wurde aber vom Oberlandesgericht Wien nicht stattgegeben. Auch die dort angefallenen Gerichtskosten von ca. 57.000 Euro wurden sofort binnen 14 Tagen eingefordert.

 

Nach einer außerordentlichen Revision wandte sich Balluch mit einer Klage an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dieser stellte allerdings in Form eines Einzelrichter-Urteils vorab fest, dass durch das rechtswidrige Zurückhalten der Spitzelberichte und der anderen Entlastungsbeweise keines der in der EMRK aufgezählten Rechte gebrochen worden ist.

 

Es handelt sich auf jeden Fall um eine untragbare Situation, dass Personen in Österreich unschuldig angeklagt werden und dann die finanziellen Folgen zu tragen haben. Eine Gesetzesänderung (die bei SPÖ, Grüne und Neos schon einmal Thema war) ist hier notwendig, die - ähnlich wie im Zivilprozess - den Freigesprochenen die Kosten der notwendigen Verteidigung vollständig ersetzen sollte.

 

Ansonsten kann man Balluch nur beipflichten, wenn er enttäuscht und zornig die Causa kommentiert: "Das ist die hässliche Fratze eines eiskalten Rechtsstaates, dessen Rechtssystem darauf ausgelegt ist, den Mächtigen zu helfen und unbequeme Kritiker loszuwerden."

Abschiebung Richtung Todeszelle? Wenn eine Regierung Menschenrechte in Frage stellt!

Angriffe auf den Sozialstaat, Attacken gegen Caritas, ORF und linksliberale Medien, Einschränkung von Arbeitnehmerrechten, Steuerbegünstigungen für Reiche und Großunternehmer, Xenophobie: Es gibt dutzende Gründe, die schwarz-blaue Kurz-Strache-Regierung abzulehnen. Jetzt hat sie aber endgültig den Bogen überspannt. Führende Vertreter dieser Koalition fordern - gleichzeitig mit der Verschärfung des Fremdenrechts - eine Einschränkung der Menschenrechte. Die Bürger werden dabei mit Fake News, Marketing-Schablonen und falschen Rechtskommentaren überschwemmt und gegen Asylwerber aufgehetzt.

 

Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob und wie straffällige Asylwerber und Asylberechtigte abgeschoben werden können. Rechtsquelle ist das Asylgesetz, das gemäß § 6 einen Fremden dann von der Asyl-Zuerkennung ausschließt, "wenn er von einem inländischen Gericht wegen eines besonders schweren Verbrechens rechtskräftig verurteilt wurde und wegen dieses strafbaren Verhaltens eine Gefahr für die Gemeinschaft bedeutet."  Nach der herrschenden Rechtsprechung versteht man darunter Tötungsdelikte, Vergewaltigung, Kindesmisshandlungen, Brandstiftung oder bewaffneten Raub. Leichte Vergehen wie Ladendiebstahl (wie es der Innenminister Kickl gerne hätte) oder Betrug werden darunter nicht subsumiert.

 

Stellt das BFA (Bundesamt für Fremdenwesen) einen strafrechtlichen Asylausschließungsgrund fest, erfolgt für den Asylwerber eine Abweisung, für den Asylberechtigten eine Aberkennung per Bescheid, die durch eine Berufung an das Bundesverwaltungsgericht bekämpft werden kann. Bevor der straffällige Flüchtling aber abgeschoben werden kann, muss dieser - wie jeder andere Rechtsbrecher – seine Haftstrafe hier in Österreich verbüßen. Ansonsten könnte es auch zu einer Privilegierung der Straftäter in dem Sinne kommen, dass der Täter im Ausland auf freien Fuß gesetzt wird.

 

Unabhängig von der Verbüßung der Haftstrafe ist das Aufenthaltsrecht des Straftäters zu betrachten. Wird einem Asylberechtigten das Asyl aberkannt, dann verliert dieser seine (befristete) Aufenthaltsberechtigung. Dasselbe gilt für subsidiär Schutzberechtigte, deren Schutzstatus nach einer rechtskräftigen Verurteilung wegen eines Verbrechens (mit einer Strafdrohung über 3 Jahren Freiheitsstrafe) endet. 

 

Eine Abschiebung kann in diesen Fällen aber nur dann durchgeführt werden, wenn den Flüchtlingen in ihrem Heimatstaat keine Todesstrafe, keine Folter oder keine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung droht. Im Völkerrecht wird das Refoulement-Verbot (= Abschiebeverbot) als Grundprinzip des humanitären Umgangs mit Flüchtlingen anerkannt. Das Recht auf Leben bzw. das Verbot der Folter sind außerdem Bestandteile der Europäischen Menschenrechtskonvention, die im Verfassungsrang steht. Jeder in Österreich aufhältige Mensch, unabhängig von seinem Aufenthaltsstatus und seiner Nationalität, kann sich auf diese Rechte berufen. Ein entsprechendes Verfahren wird von Amts wegen eingeleitet, nicht nur in Österreich, sondern auch in den anderen EMRK-Vertragsstaaten.

 

Ist eine Abschiebung aus den obigen Gründen unzulässig, dann bleibt der Flüchtling nach Verbüßung der Haftstrafe (vorerst) in Österreich. Er hat zwar weder ein Aufenthalts- noch ein Arbeitsrecht, wird aber gemäß § 46 FPG geduldet. Eine Abschiebung wird dann vorgenommen, wenn keine Gefahr im Herkunftsstaat mehr droht.

 

Wer derartige Grund- und Menschenrechte einschränken bzw. abschaffen will, der riskiert, dass Menschen per Flugzeugticket Richtung Todeszelle transportiert werden. Wenn das das Ziel dieser rechtskonservativen Regierung ist, dann soll sie es genauso formulieren. Ohne Schönfärbereien! Damit nachher keiner sagen kann, er hätte davon nichts gewusst!

Brandstifter sterben nicht aus: Max Frischs "Biedermann"-Drama im Volkstheater!

Es steht garantiert auf fast jeder Leseliste für die Deutsch-Matura: "Biedermann und die Brandstifter", das weltberühmte Drama des Schweizer Autors Max Frisch, das eigentlich nur durch einen Zufall entstanden ist. Der Bayrische Rundfunk beauftragte Frisch 1952, ein Hörspiel zu schreiben. Der verwendete in finanzieller Not unveröffentliches, altes Material. 1958 transferierte er den Hörspiel-Stoff in ein "Lehrstück ohne Lehre", uraufgeführt am 29. März im Schauspielhaus Zürich. Das "Biedermann"-Drama sollte neben "Andorra" das populärste Theaterstück von Max Frisch werden.

 

Im Wiener Volkstheater läuft derzeit im aktuellen Programm eine neue Version des "Biedermann"-Stoffes, arrangiert vom talentierten ungarischen Regisseur Viktor Bodo. Zu ca. 80 % wurden laut Einführung die alten Texte des Schweizer Autors verwendet, der Rest kongenial an die Gegenwart angepasst. Der Stückinhalt blieb natürlich unverändert. Im Mittelpunkt steht der reiche Haarwasserfabrikant Gottlieb Biedermann (gespielt von Günther Franzmeier), der sich in seinem gutbürgerlichen Heim gemeinsam mit seiner angepassten Frau Babette (Steffi Krautz) über die Brandstiftungen in seiner Umgebung ärgert. Deren Methode: Sie tarnen sich als arme Obdachlose und lassen sich auf dem Dachboden ihrer späteren Opfer nieder.

 

Plötzlich bekommt auch Biedermann hintereinander Besuch von drei seltsamen Gesellen, die sich in sein Haus einschleichen: Von Schmitz, einem ehemaligen Ringer mit extrem schlechten Manieren (gespielt von Thomas Frank), vom Kellner und Ex-Häftling Eisenring (Gabor Biedermann aus "König Ottokars Glück und Ende") und dem ideologisch versierten Akademiker Dr. phil. (Jan Thümer). Obwohl sich im Haus bereits Fässer von Benzin befinden, verdrängt Biedermann den Gedanken, dass diese Personen die gesuchten Brandstifter sind. Das seien "seine Freunde", die er sogar zu einem Abendessen einlädt. Und das, obwohl Eisenring die Tatsachen auf den Tisch legt: "Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand."

 

Viktor Bodo vermischt in seiner Inszenierung gekonnt den alten Frisch-Stoff mit neuen Sequenzen und modernen Theater-Effekten: Rock- und Discohymnen, Schattenspiele, Zeitlupen-Szenen, eine kultig-altmodische Gegensprechanlage und eine Aneinanderreihung von Sportwettkämpfen zwischen Biedermann und seinen Gästen. Sport als Sinnbild für Identität, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Das kennt man aus der Geschichte. Eine klare historische Deutung des Dramas unterlässt Regisseur Bodo. Da gibt es ohnehin genügend Spekulationen. Manche (wie Torberg) interpretieren das Stück als eine klassische Satire gegen die Machtübernahme der Kommunisten in der bürgerlichen Tschechoslowakei (1948), andere (wie Literaturkritiker Karasek) sehen darin eine Replik auf die Machtergreifung Hitlers, der aus seinen wahren Absichten nie einen Hehl gemacht hat und trotzdem an der Ausführung nicht gehindert wurde.

 

Konfrontiert wird das Volkstheater-Publikum aber mit der noch lange im Unterbewusstsein verharrenden Frage, warum sich Biedermann und seine Frau nicht gegen die Brandstifter gewehrt und des Hauses verwiesen haben. Diese Frage wirft Biedermann auch direkt in den Zuschauerraum: "Wann hättet ihr Verdacht geschöpft?" Wann hättet ihr reagiert?" 

 

Biedermann hat trotz eindeutiger Verdachtslage dem Unheil seinen Lauf gelassen, im Gegenteil, er hat sogar den Brandstiftern die Streichhölzer überreicht. Sind die österreichischen Bürger nicht aktuell in derselben Situation? Hans Henning Scharsachs "Stille Machtergreifung der Burschenschafter" drängt sich auf. Und garantiert nicht unabsichtlich im Programmheft: Daniela Kickls Brieferl an ihren "lieben Cousin" Herbert über die Verwandlung des österreichischen Rechtsstaats in einen Polizeistaat. "Oder haben wir das alles falsch verstanden?"

 

http://www.volkstheater.at/stueck/biedermann-und-die-brandstifter/

"Olympus Sleeping": Indie-Rocker Razorlight mit Comeback-Tour im WUK!

10 Jahre sind vergangen, seit Razorlight ihr letztes Album "Slipway Fires" veröffentlicht haben. Eine lange Zeit, in der die 2004 gegründete ursprüngliche Band zersplittet ist. Sänger und Mastermind Johnny Borrell, der auch immer wieder durch Exzesse und freche Sprüche ("Bob Dylan´s making chips, and I´m drinking Champagne") in den Schlagzeilen landete, floppte mit einem Solo-Album und widmete sich als Frontman der Formation Zazou der Jazz- und World Music. Ein neues Razorlight-Album kam 2014 trotz einer 10-Jahres-Tour nicht zustande. Das sollte sich 2018 ändern.

 

Mit neuer Besetzung - David Ellis (Gitarre), Harry Deacon (Bass) und David Sullivan-Kaplan (Schlagzeug) - veröffentlichten die "neuen" Razorlight im Oktober 2018 ihr neues Indie-Opus "Olympus Sleeping". Mit kreativem, von Adam Green gesprochenem Intro: "Genie? This is Aladdin. Print me a Razorlight Album that doesn´t totally suck!" Diesen "Gefallen" machen die Jungs ihren Fans keinesfalls. Die 12 neuen Songs gehen back to the roots, schnörkelloser, melodiöser Gitarren-Pop vom Feinsten, "a love letter to rock´n roll", so Borrell im Originalton.

 

Im Rahmen ihrer Europa-Tour stellten Razorlight ihr neues Album auch in Österreich vor, im nicht ganz ausverkauften WUK in der Währingerstraße. Als Support die französischen Alternative-Rocker von Fetiche, die noch am Beginn ihrer vielversprechenden Karriere stehen. Razorlight dagegen steigen dort ein, wo sie aufgehört haben. Borrell ist noch immer der charismatische Frontman, der auch mit (noch) unbekannten Songs das Publikum mitreißt.

 

Neue Tracks wie die Comeback-Single "Carry yourself", das lässige "Midsummer Girl", das melancholische "Sorry" oder das fast anekdotische "Got to let the good Times back into your Life" sind britischer Indie-Pop zum Rocken, Tanzen und Dahinschmelzen. Und die Hits von damals in den sogenannten "Nullerjahren" sind noch längst nicht abgehört: "In the Morning" als zweiter Track der Show aus dem Nr. 1 Album "Razorlight", "Golden Touch", "Before I fall to Pieces", "Somewhere Else" oder das in verdunkelter Atmosphäre präsentierte "Wire to Wire" vor dem Zugabenblock inspirieren auch Jahre nach ihrem Entstehen (als vom Brexit noch keine Rede war) zum Mitsingen und Träumen.

 

Bei der 90 Minuten-Show von Razorlight stehen Musik und Spaß hundertprozentig im Mittelpunkt. Ein wichtiges politisches Statement allerdings schmettert Borrell ins Publikum: "Fuck Fox News, fuck Donald Trump and fuck Robert Murdoch!"  Im Hintergrund erklingen bereits die ersten Töne des Konzert-Abschluss-Songs: "All my Life. Watching America. All my Life. There´s Panic in America. Oh there´s Trouble in America." 

mehr lesen

"Generation Rx": Good Charlotte plus 3 Support-Bands im Wiener Gasometer!

 

"Generation Rx", so heißt das im September 2018 neu veröffentliche, ambitionierte Album von Good Charlotte. Unter dieser Trademark statteten die fünf einstigen Pop-Punks aus Maryland auch Österreich einen Besuch ab. Als Support im Gasometer mit dabei gleich 3 Bands aus der Rock-, Emo- und Metalecke.

 

Der vierstündige Rock-Exzess begann mit "The Dose" aus Los Angeles, deren Sänger, Indio, mit Hollywood-Star Robert Downey jr. einen prominenten Vater hat. Gemeinsam mit Jugendfreund Ralph Alexander on the Drums präsentierten die beiden schnörkellosen Grunge-Rock im Stile der 90er. Support Act Nr. 2, Boston Manor aus dem nordenglischen Blackpool, vermischten gekonnt Punk-, Rock- und Indieeinflüsse und garnierten Tracks ihres neuen Albums „Welcome to the Neighborhood“ mit einer flotten Live-Show. „Sleeping with Sirens“ wiederum kommen aus dem sonnigen Florida, im Mittelpunkt steht deren Sänger Kellin Quinn, der mit seiner kunstvollen Tenore di Grazia-Stimme Anleihen an Queen und Bowie nimmt.

 

Um 22.30 Uhr betritt dann der Haupt-Act Good Charlotte die Bühne. Die beiden Masterminds, das Zwillingsbrüderpaar Joel und Benjamin Madden, wurden während einer sechsjährigen Pause zu Vätern und Ehemännern, die Ehefrauen – Nicole Richie und Cameron Diaz – braucht man nicht extra vorzustellen. Ob der Punk-Spirit der Nullerjahre in dieser Lebensphase mit fast 40 noch alive ist, ist allerdings gar nicht die Frage. Das neue Album „Generation Rx“ zielt nämlich in eine ganz andere Richtung. Unter „Rx“ versteht man verschreibungspflichtige Medikamente, die sich in den USA zu einem veritablen Problem entwickelt haben. 72.000 Menschen starben 2017 durch eine Drogenüberdosis, 60.000 durch Opioide, mehr als durch H.I.V., Schießereien oder Autounfälle. Einer davon Rapper Lil Peep, ein Freund der Band. Gestorben ebenso wie Linkin Park-Sänger Chester Bennington. Und so kreist das neue Album um Themen wie Drogenabhängigkeit, Depressionen, Einsamkeit, Migration und sogar Kindesmissbrauch.

 

Beim Live Gig ist von dieser Grundstimmung weniger zu merken. Mit dem schwermütigen Opener und Album-Titeltrack „Generation Rx“, „Self Help“ und den brandneuen Singles „Actual Pain“ und „Prayers“ scheinen (leider) nur vier Tracks aus dem neuen Album auf der Konzert-Setlist auf. Teenager im Publikum werden soundtechnisch konfrontiert mit Tracks aus einer Zeit, als sie selbst noch in den Windeln lagen und die Good Charlotte-Jungs gerademal 20. So zum Beispiel mit „Little Things“, der Debüt-Single der US-Pop-Punks, die über ihre persönlich schwierige, auch familiär bedingte Kinder- und Schulzeit handelt.

 

Der Stimmung tut dies keinen Abbruch. Good Charlotte liefern unter der Regie von Sänger Joni Madden ein unterhaltsames, neunzigminütiges Hit-Feuerwerk, das junge und neue Fans – trotz mancher akustischer Mängel – begeisterte. Bei Superhits wie „Keep your Hands off my Girl“, „Dance Floor Anthem“ oder dem großartigen „I just wanna live“ wurde auch frenetisch mitgeclapt und gesungen. Rock´n Roll funktioniert eben auch noch mit 40 – Wenn er gut ist...

 

mehr lesen

ÖVP/FPÖ: Kein Kinderbetreuungsgeld für Großteil der Krisenpflegeeltern!

Es sind Notsituationen, bei denen Krisepflegeeltern in Anspruch genommen werden: Gewalt, Drogenmissbrauch, Verwahrlosung, aber auch Überforderung der Eltern. 43 gibt es in Wien, 200 in ganz Österreich, gebraucht werden laut Sozialarbeits-Experten mindestens doppelt so viele. Und gerade bei diesen Personen, die Kindern in schwierigsten Situationen helfen, will die ÖVP-FPÖ-Regierung einsparen (!)

 

Anlass für die Behandlung dieses Themas im Nationalrat war ein OGH-Urteil, wonach Krisenpflegepersonen keine Eltern im Sinne des § 184 ABGB sind und daher eine Reparatur einschlägiger Gesetze notwendig sei. Der Gesetzesentwurf der rechtskonservativen Regierung zielt allerdings auf eine massive Einschränkung finanzieller Ansprüche von Krisenpflegeeltern ab. 

 

Laut der im Familienausschuss beschlossenen Änderung des Kinderbetreuungsgeldgesetzes (KBG) hat "eine Krisenpflegeperson nur dann Anspruch auf Kinderbetreuungsgeld, wenn sie dieses MINDESTENS 91 TAGE durchgehend in einer Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft betreut".

 

Zwei Drittel der Krisenpflegeeltern betreuen die Kinder WENIGER ALS 3 MONATE (die danach wieder zu den leiblichen Eltern zurückkehren oder in einer Pflegefamilie aufgenommen werden) und haben somit KEINEN Anspruch auf Kinderbetreuungsgeld. Die Streichung der finanziellen Mittel fällt obendrein in eine Zeitphase, in der die meist traumatisierten Kinder eine besonders intensive Pflege benötigen und aufgrund zusätzlicher Behandlungen und Hilfsmittel höhere Kosten verursachen. 

 

Auch eine zweite Novellierung des KBGG sorgt für Aufregung. Bei einem mehr als 91tägigen Krankenhausaufenthalt des Kindes soll das Kinderbetreuungsgeld nur mehr dann ausbezahlt werden, wenn der antragstellende Elternteil das Kind im Krankenhaus durchschnittlich vier Stunden täglich pflegt und betreut. Bürokratische Schikanen in der schlimmsten Zeit des Lebens für eine Familie.

 

Die ÖVP-FPÖ-Regierung setzt im neuen Jahr also das fort, was sie 2018 begonnen hat. Bei sozialen Diensten einsparen und die Ärmsten der Armen finanziell unter Druck setzen. Es wird für die nächste Regierungskoalition ein starkes (aber wichtiges) Stück Arbeit, die unsozialen, bürgerfeindlichen "Reformen" der Rechten wieder rückgängig zu machen.

Download
BG-Entwurf KBGG.pdf
Adobe Acrobat Dokument 129.5 KB

"Schrödingers Ente" - Pointierte Buchpräsentation von Florian Scheuba im Thalia!

Kabarettist und Satiriker Florian Scheuba schreibt in periodischem Abstand Kolumnen im "Standard", die sich - wie seine "Staatskünstler"- und Solo-Programme vorwiegend mit innen- und außenpolitischen Missständen beschäftigen. Diese hat er jetzt themenmäßig zusammengefasst und in einem Buch mit dem Titel "Schrödingers Ente" veröffentlicht. Die Präsentation fand im Thalia Landstraße statt, witzig, pointiert und unterhaltsam wie man es von Scheuba gewohnt ist.

 

Der Titel des Buches beruht auf dem physikalischen Gedankenexperiment "Schrödingers Katze", nach dem eine Katze gleichzeitig tot und lebendig sein kann, und bezieht dies auf den widersprüchlichen Begriff "alternative Fakten", einem euphemistischen Wort für Lüge,  laut Scheuba verbal auf derselben Ebene wie ein "viereckiges Dreieck" oder ein "vegetarischer Schlachthof".

 

Fakten können nicht gleichzeitig wahr und falsch sein. Als Beispiel nennt er die Angelobung von Trump, bei der - trotz eindeutiger Messbarkeit - es noch immer Leute gibt, die behaupten, dass bei Trump mehr Besucher anwesend waren als bei Obama. "Wahrheit ist kein für Menschen erreichbares Ziel, sondern eine Richtung. Es ist mit ihr ein bisschen so, wie mit dem Erdkern. Technisch ist es uns bislang nicht möglich bis zum Erdkern vorzudringen. Aber wir wissen: Wenn wir es versuchen wollen, müssen wir nach unten graben. Und nicht nach oben", so Scheuba in der Einleitung zum Buch.

 

Im Rahmen der Buchpräsentation trägt der Satiriker auch einige Kolumnen aus seinem Buch vor. "Mein Name ist Hasan. Ich weiß von nichts" thematisiert die Menschenrechtslage in der Türkei, "Erdogan Diktator zu nennen ist so respektlos wie Messi als Fußballer zu bezeichnen." In "Kick it like Basti" verwendet Scheuba originalgetreue Zitate des Bundeskanzlers und baut diese in eine Untersuchung der dubiosen Fußball WM-Vergabe an Russland und Katar ein. Wie Scheuba das Phänomen Kurz einem Deutschen erklären wurde: "Ein Karl Theodor zu Guttenberg, der rechtzeitig sein Studium abgebrochen hat."

 

Im Zenit des Buches stehen natürlich auch die durch Inserate von der Regierung "gekauften" Boulevardmedien, dubiose Eurofighter-Gegengeschäfte, die Vorfälle rund um Karl Heinz Grasser und Innenminister Herbert Kickl ("Mann oder Maus"). Wie in seinen letzten Programmen zeigt Scheuba hier enormes investigatives Geschick und erklärt den Lesern mit amüsant-zynischem Unterton die politischen Hintergründe und Fakten. Der Fall der "Ideenschmiede", einer Kärntner Werbeagentur, die im Verdacht steht, illegale Parteienfinanzierung für die FPÖ betrieben zu haben und bei der Herbert Kickl angeblich 50%iger-Eigentümer war, wurde aktuell von den Neos aufgegriffen, in Form einer parlamentarischen Anfrage an den Justizminister.

 

Kein Wunder, dass die oft mit Fake News und Hetze hantierende FPÖ in Scheuba einen politischen Gegner sieht. Nationalratsabgeordneter Jenewein kritisierte sogar die ORF-ZIB-Ausstrahlung eines Beitrages über dessen Buch. Scheuba süffisant: "Ich würd dem Mann gerne helfen. Bringen wir das Buch möglichst schnell weg vom Markt." Dieser Wunsch wird - im Sinne der politischen Aufklärung - in Erfüllung gehen. Und das ist garantiert kein alternatives Faktum. 

 

 

"Fliegender Teppich, bitte bleib in Wien" - Eine Ausstellung von Flüchtlingen im Wien Museum!

Der "Fliegende Teppich" aus 1001 Nacht, er wird nicht zu Unrecht als Synonym für die monatelange Flucht Jugendlicher aus Afghanistan, Syrien und Somalia herangezogen, die diese nach Wien gebracht hat. Und er ist auch Trademark für eine kleine Ausstellung im 2. Stock des Wien Museums, der bis dato eigentlich für die Darstellung der Geschichte Wiens verwendet wird.

 

Die Ausstellung ist direkt gegenüber dem riesigen Stadtplanmodell Wiens positioniert und besteht nicht nur aus einem raumüberspannenden Teppich aus Bildern von jungen Flüchtlingen, sondern zusätzlich aus weiteren 20 Exponaten und einer berührenden Video-Installation. Erstellt wurde die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Jugendcollege der Stadt Wien, das seit 2016 asylwerbenden und asylberechtigten Jugendlichen zwischen 15 und 21 auf den Einstieg in das österreichische Ausbildungssystem und den Arbeitsmarkt vorbereitet.

 

Die Jugendlichen, betreut von den Atelier-Gründern Laleh Monsef und Rahman Hawy, wurden vor die Aufgabe gestellt, ihre Flucht zu beschreiben, ihre Träume und Visionen bildlich zu veranschaulichen und einen Konnex zu ihrer (derzeitigen) Heimatstadt Wien herzustellen. Diana Alo beispielsweise verknüpfte die Straßenansichten Wiens mit Hintergrundbildern ihrer syrischen Geburtsstadt, eine dreiteilige Installation unter dem Titel "Search for Happiness" zeigt das, was alle Flüchtlinge unabhängig von ihren Einzelschicksalen verbindet, die Suche nach dem Glück. Fahad ließ sich von einem Biedermeier-Bild eines Brezelverkäufers inspirieren und versetzte diesen in die Gegenwart, als Bier- und Weinverkäufer in einer Bar namens "Bagdad Wien". Andere Collegeteilnehmer wiederum beschrieben ihre privaten Träume (die eines DJ´s) oder visualisierten ihre Lieblingsorte wie die Moschee in Floridsdorf. Auch der "6er" scheint unter den Bildern auf, als sogenannte "Hassliebe", der die Flüchtlinge zum Jugendcollege bringt.

 

Im Mittelpunkt der u.a. von der Aktivistin und Journalistin Sara Hassan gedrehten Videoinstallation steht Fahad Alsamarai. Er ist 19 Jahre alt und ist vor 3 Jahren mit seiner Familie aus dem Irak geflüchtet. Er liebt Rugby, Kunst, den Donaukanal und die Parks, fühlt sich wohl in Wien. Vor einigen Tagen hat er einen negativen Asylbescheid erhalten.

 

Einige Kunstwerke der Ausstellung sind unvollendet. Ob sie jemals fertiggestellt werden können, ist fraglich, da es nicht sicher ist, ob die Künstler in Österreicher bleiben dürfen.

 

Fliegender Teppich, "bitte bleib in Wien", geschrieben in vier verschiedenen Sprachen, ist nicht nur der Untertitel der Ausstellung, sondern auch der fast flehende Wunsch der Flüchtlinge, die hier in Wien gestrandet sind. Es macht betroffen, dass er - trotz Einhaltung der Rechtsvorschriften - nicht für alle erfüllt wird...

"A Bowie Celebration! - Tribute Night in der Wiener Arena!

Am 10.1. 2016, 2 Tage nach seinem 69. Geburtstag, starb einer der kreativsten Stars der Pop- und Rockszene: David Bowie. Der im Londoner Arbeiterbezirk Brixton aufgewachsene Künstler veröffentlichte insgesamt 26 Studioalben und verkaufte 140 Millionen Tonträger. Der kommerzielle Durchbruch war - vielleicht mit Ausnahme seiner "Let´s Dance"-Phase Mitte der 80er - niemals im Zenit seines Schaffens. Im Gegenteil: Das "Pop-Chämaleon" kreierte als erster seiner Zunft "Alter Egos" wie den "Ziggy Stardust" oder den "Thin White Duke", trieb sich in allen musikalischen Genres herum (von Rock, Soul, Disco, Mainstream Pop bis hin zu düsterer Berliner Avantgarde und hippem Dubstep), drehte Filme und malte. Einer seiner Freunde: Aktionskünstler Hermann Nitsch.

 

Unvergessen bleiben aber vor allem seine Songs. Diese auch nach seinem Tode weiter im Gedächtnis der Fans zu erhalten ist auch das Ziel von Mike Garson, Keyboarder und das am längsten bestehende Mitglied von Bowies Band. Im Rahmen des Projekts "A Bowie Celebration" tourt Garson seit 2 Jahren mit renommierten Musikern aus der Bowie-Ära weltweit durch die Hallen und präsentiert vor allem frühe Highlights aus dem umfangreichen Lebenswerk Bowies. Zuletzt in der Wiener Arena, der Bowie selbst 1997 einen legendären (Open Air)-Besuch abstattete.

 

"Als Sänger ist David unersetzlich. Keiner hat seinen Stimmumfang und die stilistische und emotionale Bandbreite", so Garson. Dementsprechend schwierig ist es, bei derartigen Tribute-Events die Vocal-Rolle zu besetzen. In Wien wurde diese auf drei Sänger aufgeteilt: Bernard Fowler, Ex-Background-Sänger der Rolling Stones, Ex-Living Colour-Sänger Corey Glover und Joe Sumner, Sänger und Bassist der Alternative Rock Band Fiction Plane (und Sohn von Poplegende Sting).

 

Wertungsnoten abzugeben hinsichtlich der Performance der Sänger ist unfair und auch nicht das Ziel der Veranstaltung. Die Zuschauer aus allen Altersschichten, von denen einige Bowie selbst noch nie live gesehen haben, waren begeistert von der erstklassigen Band (inkl. Kult-Gitarrist Earl Slick, der bereits 1974 bei der Diamond Dogs Tour mit dabei war), schwelgten in Erinnerungen an die wilden 70er und sangen begeistert mit zu Bowie Classics a la  "Space Oddity" (seinem ersten Hit 1969), "Starman", "Fame", "Ashes to Ashes", "Let´s Dance", "Young Americans" und "Under Pressure". Zu hören waren aber auch unbekanntere Tracks aus seinem Repertoire wie "Win", "Moonage Daydream" und "Aladdin Sane" und als Dessert den von Bowie komponierten Mott the Hoople-Klassiker "All the Young Dudes".

 

Den Schlusspunkt der "Bowie Celebration"-Show setzte die Band mit der in Berlin produzierten Mauer- (und Christiane F.)-Hymne "Heroes". Die Story dahinter: Ein Liebespärchen, das sich an der Berliner Mauer küsst, während im Hintergrund die Gewehrschüsse donnern. "We can be Heroes just for one day, we can be us just for one day" - Bowie hat es geschafft. Ein Held allerdings nicht nur "for one day", but "forever".

mehr lesen

Sozialhilfe-Entwurf: Eiskalte Kürzungen der Mindestsicherung durch Schwarz-Blau!

Arme Menschen sterben früher als der Rest der Bevölkerung. Das ist der einfache Grundtenor einer von der Statistik Austria durchgeführten Sonderauswertung der EU-Sozialstudie SILC.

 

Die genauen Zahlen sind schockierend. Der Sonderauswertung zufolge sterben armutsgefährdete Männer um vier Jahre früher, bei Frauen sinkt die Lebenserwartung um eineinhalb Jahre. Wer in manifester Armut lebt - also etwa Probleme hat, die Wohnung warm zu halten und sich keine unerwarteten Reparaturen leisten kann - stirbt um vier Jahre (Frauen) bis elf Jahre (Männer) früher. 

 

In Österreich sind laut Statistik Austria 1,5 Millionen Menschen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Darunter befinden sich auch 324.000 Kinder. Höchste Zeit, die Armut im viertreichsten EU-Land zu bekämpfen. Die schwarz-blaue Regierung, eine "Herrschaft der Niedertracht" (wie sie Autor und Vordenker Robert Misik in seinem neuen Buch bezeichnet), macht das Gegenteil und verschärft laut dem vorliegenden Entwurf zum Sozialhilfe-Grundsatzgesetz die Bedingungen für die Mindestsicherung.

 

Dies beginnt schon damit, dass das Grundsatzgesetz sich eigentlich auf den verfassungsrechtlichen Kompetenztatbestand "Armenwesen" stützen sollte. Dieser umfasst die Regelung von öffentlichen Fürsorgeleistungen, die allein aus dem Grund der sozialen Hilfsbedürftigkeit gewährt werden. Der von ÖVP und FPÖ konzipierte Gesetzesentwurf nennt allerdings fremdenpolizeiliche (!), arbeitsmarktpolitische und integrationspolitische Ziele.

 

Im gesamten Gesetzesentwurf scheinen KEINE Mindestsätze, sondern nur Höchstsätze für den Sozialhilfebezug auf. Sogenannte Boni für Alleinerzieher, Behinderte und Härtefälle unterliegen einer Kann-Bestimmung, d.h. die Länder sind bei der Erlassung ihrer Ausführungsgesetze nicht verpflichtet, diese Zuschüsse umzusetzen.

 

Besonders skandalös ist der Umgang der schwarz-blauen Bundesregierung mit Kindern. Während beim Familienbonus keine Deckelung vorgenommen wird (und somit beispielsweise ein freiheitlicher Nationalratsabgeordneter mit 7 Kindern mit 1500 Euro mal 7, also 10500 Euro, jährlich steuerlich entlastet wird), erfolgt bei minderjährigen Personen in Mindestsicherung eine radikale degressive Kürzung. Das erste Kind erhält noch 25 %, das zweite nur mehr 15 %, ab dem dritten Kind wird nur mehr 5 % des Basisbetrages (= Netto-Ausgleichszulagenrichtsatz) von aktuell 863 Euro gewährt. Das sind für das 3. Kind 43 Euro monatlich.

 

Eine nicht nachvollziehbare Deckelung von 1500 Euro wird auch bei Haushaltsgemeinschaften mit volljährigen Mindestsicherungsbeziehern vorgenommen, die Betroffene in fürchterlichste Armut stoßen wird. Subsidiär Schutzberechtigte, deren Leben oder Gesundheit im Heimatland bedroht ist und die deshalb nicht abgeschoben werden dürfen, erhalten nur mehr eine Grundversorgung von ca. 320 Euro. Ebenso wie rechtskräftig verurteilte Straftäter mit einer Freiheitsstrafe von mindestens 6 Monaten für einen der Freiheitsstrafe entsprechenden Zeitraum. Laut Meinung aller Kriminalsoziologen eine Maßnahme, die wegen Perspektivlosigkeit und Geldmangels der Ex-Häftlinge zu einem enormen Anstieg von Rückfällen und zu einer Erhöhung der Kriminalität führen wird.

 

Ebenso kontraproduktiv ist der sogenannte "Arbeitsqualifizierungsbonus" im § 5/6 des Sozialhilfe-Grundsatzgesetzes, der vorwiegend Asylberechtigte und Menschen ohne Pflichtschulabschluss diskriminiert. Für diese soll die Mindestsicherung auf 563 Euro gekürzt werden, solange bis sie Deutsch- und Wertekurse nachweisen können. Mit anderen Worten: Während Betroffene in tiefster Armut überleben müssen, sollen sie gleichzeitig noch eine neue Sprache lernen, um den volle Mindestsicherung zu erlangen. Verfassungsrechtlich umstritten und ein eklatanter Widerspruch gegen alle pädagogischen Theorien.

 

Die Mindestsicherung beträgt derzeit 0,9 % der gesamten Sozialausgaben bzw. ca. 1 Milliarde Euro. Mit über 6 Milliarden Euro jährlich wird von Experten der Abgaben- und Sozialbetrug beziffert, der von dieser Regierung kaum bekämpft wird. Auch die Einführung höherer Löhne in den Kollektivverträgen und die generelle Einführung eines Mindestlohnes von ca. 1700 Euro - es gibt noch immer zahlreiche Berufsgruppen, die bei Vollzeitarbeit unter 1500 Euro verdienen - wird nicht thematisiert. Das könnte ja der Wirtschaft nicht passen. Und tatsächlich sind - bei 137 negativen Stellungnahmen im Begutachtungsverfahren - Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung die einzigen Institutionen, die die sozialpolitischen Maßnahmen der schwarz-blauen Regierung gutheißen.

 

Beschlossen wird die Mindestsicherung (die weit unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1238 Euro liegt), von schwarz-blauen Nationalratsabgeordneten, deren Familieneinkommen (inklusive Nebeneinkünfte der Parlamentarier) zwischen 9000 bis weit über 20.000 Euro monatlich liegt. Selbst im Reichtum zu schwimmen und gleichzeitig einen Frontalkurs gegen die Ärmsten der Armen zu fahren! Gibt es Schäbigeres?

Indie Rock, Electro Pop & Hip Hop: 24. FM4-Birthday Party in der Ottakringer Brauerei!

Wenn die überdimensionale, schrill-gelbe Ente ihr Revier aufgeschlagen hat, dann wissen die Insider Bescheid, dass FM4 wieder einmal eine heiße Party schmeißt. FM4, das ist jener österreichische Alternative-Sender, der seit 16. Jänner 1995 on Air ist. Gegründet als Antithese zum öden, ewig gleichklingenden Format-Radio-Mainstream feiert FM4 2019 somit seinen 24. Geburtstag. Nicht wie einst in klirrender (Open-Air)-Kälte, sondern in der kultigen Ottakringer Brauerei.

 

Auf 3 Soundfloors hat das FM4-Team ein buntes Line Up aus internationalen und nationalen Künstlern zusammengestellt, das sowohl Indie-, Rock-, Hip Hop- als auch Folk- und Electronic-Genres abdeckt.

 

Aus dem sonnigen South California stammen zum Beispiel die – Eigenbezeichnung -  „World Garage Rocker“ Wargirl, die unter der Fittiche von Produzent Matt Wignall einen funkigen, hippieesken Sound-Mix aus Rock, Latin, Afrobeats und Reggae zelebrieren. Auf der Bühne sind die Girls an der Front: Die lässig-laszive dunkelhäutige Sängerin Samantha Parks heizt mit Bassistin Tammy Raye und Keyboarderin Enya Preston und eingängigen Tracks a la „Poison“ oder „Mess around“ dem FM4-Publikum gleich zu Beginn der Birthday Party kräftig ein.

 

Im Keller der Ottakringer Brauerei folgen dann die zwei Berliner Slacker Pop-Girls von Gurr, die auch vor Stage Diving in der Menge nicht zurückschrecken, der melancholische Folk-Sänger Cosmo Sheldrake und der in der deutschen Hip Hop-Szene angesagte Trettmann.

 

Die Stiegen aufwärts einen Drink an der Bar genehmigen und dann noch einmal up in das „Wohnzimmer“ der FM4-Party, dem ehemaligen Hefeboden der Ottakringer Brauerei. Dort präsentierten die Newcomer von Paul´s Jets vorab ihr Debüt-Album, Erwin & Edwin und der in Berlin geborene Rapper Alix geben einen Einblick in „ihr“ Wien – mit der am meisten bejubelten Textline „HC Strache mag hier keiner“. Leisere Zwischentöne dann von Fil Bo Riva, bis die festivalerprobte Urban Brass-Formation „Moop Mama“ mit Rap und Blasmusik die FM4-Fans im menschenüberfüllten (und temporär bereits abgesperrten) Floor begeistert.

 

Österreichische Künstler, denen die Zukunft auch international weit offen steht, geben sich im „Badezimmer“ die Ehre, erreichbar über ein Nebengebäude und unmittelbar durch aus der Brauerei strebende Gänge. Bereits bekannt aus „Willkommen Österreich“ durch die Musicless Videos von Keyboarder Mario Wienerroither mit nachfolgendem Live-Auftritt präsentierten die im Electro-Pop-80´s-Genre angesiedelten „Dramas“ ihr erstes Album „Nothing is permanent“. Sängerin Viktoria Winter, elegant gestylt so wie einst „Shakespeare´s Sister“, trifft auch die schwierigsten Töne und fasziniert mit dem auch auf dem Album vertretenen Ultravox-Cover „Vienna“.

 

Internationales Format beweisen auch die Wiener Indie-Rocker At Pavillon, die nicht nur großartige Songs wie „Lions“ (einem Track gegen Rassismus und Unterdrückung jeglicher Art), „All Eyes on me“ oder „Stop this War“ im Repertoire haben, sondern mit Mwita Makaro auch einen charismatischen Sänger aufweisen, der das Publikum zum Kochen bringt. Die kanadische Rock-Band „We are the City“, aktuell Nr. 1 der österreichischen Indie-Charts mit „Dark Horizon“, beendet um 2 Uhr nachts den musikalischen Reigen am 3. Floor der FM4-Birthday Party.

 

Man darf gespannt sein auf das Programm im nächsten Jahr. Dann feiert FM4 nämlich seinen 25. Geburtstag. Vielleicht auch eine tolle Gelegenheit neben Newcomern und Geheimtips einen „Best of Floor“ der vergangenen Jahre zu konzipieren. 

mehr lesen

Mauerfall, Techno, Aufbruchsstimmung - Nineties Berlin in der Alten Münze!

Der 9. November 1989, der Mauerfall, hat alles verändert und die ehemals geteilte Stadt Berlin mit Überschalltempo in eine euphorische Aufbruchsstimmung transferiert, die kein Filmregisseur erfinden, kein Marketing-Genie planen hätte können. Die Bevölkerung feierte den Abschied von der SED-Diktatur, im ehemaligen Ostberlin entstanden kreative Freiräume für Musiker, Schauspieler, Performance-Artisten und Designer, die vollig losgelösten Party-People tanzten in unterirdischen Kellern, brachliegenden Industriebauten und verlassenen Kaufhäusern (wie dem Tresor) die Nächte durch, berauscht von Pillen, Beats und der puren Lust am Leben. In Berlin widmet sich eine Ausstellung dieser wilden Zeit, Nineties Berlin.

 

Als Location dient ein historischer Ort, die Alte Münze, ein ehemaliges Münzprägewerk am Ufer der Spree direkt gegenüber dem bezaubernden Nikolaiviertel in Berlin-Mitte. Auf einer Fläche von 1500 m2 stehen vor allem die politischen, kulturellen und musikalischen Entwicklungen Berlins im Mittelpunkt. Diese werden gleich nach der Eintrittsschleuse in 4 kurzen Filmen auf einem 286m2 großen Video Screen mit 270 Grad-Winkel gezeigt. Impressionen von historischen Auftritten Kennedys und Gorbatschows, Demo-Aufmärschen, Mauerfall-Begeisterung, der Verhüllung des Reichstags bis hin zu alternativen Subkulturzentren und zur Love Parade rund um der Siegessäule, die an ihrem (kommerziellen) Höhepunkt 1999 ca. 1,5 Millionen Raver anlockte.

 

In einem benachbarten Raum erzählen auf Video-Stelen politische Zeitzeugen und Szene-Insider über ihre Erlebnisse und Erfahrungen zur Zeit der Berliner "Revolution". Mit dabei u.a. Kult-DJ Westbam, Inga Humpe (von der 2-Raumwohnung), Love Parade-Mitbegründerin Danielle de Picciotto, Fotograf Benjamin Biel, Historiker Dr. Stefan Wolle oder Bürgerrechtsanwalt und Politiker Dr. Gregor Gysi. Dazwischen gestreut zahlreiche Objekte und Erinnerungsstücke wie eine umgekippte Lenin-Büste, Schallplatten, Kameras und Zeitungsartikel.

 

Im Außenbereich von "Nineties Berlin" stehen 12 Mauer-Segmente, vor denen sich die Besucher fotografieren können. Zusätzliche Informationen bieten nicht nur zahlreiche Schau-Tafeln, sondern auch ein "Guide Bot", der auf dem Smartphone aktiviert werden kann. 

 

Zwischen 1961 und 1989 starben alleine an der Berliner Mauer 140 Menschen. Unter dem Slogan "Fear the Wall" positionierten die Kuratoren die Namen der Getöteten direkt gegenüber den Gewehrläufen der Kalaschnikows, die in der Installation als Symbol für die Unmenschlichkeit der Mauer stehen. Tatsächlich starben viele Opfer auch durch Ertrinken in den Grenzgewässern und  durch Stürze.

 

Vor dem Ausgang Richtung "Shop the Nineties" darf noch einmal getanzt werden, und zwar im "Techno-Labyrinth",  das in dunklen Gängen inmitten von mit Graffitis und Flyern beschrifteten Wänden zum Tresor, dem 2012 geschlossenen alternativen Kunsthaus Tacheles, Techno-Queen Marusha und zum Parade-Epizentrum Siegessäule führt. Wer DJ-Inspirationen hat, kann am Ende des Szene-Nachtflugs die Techno-Hymnen der  Love Parade auflegen. Von "Don´t you want me", "Insomnia" bis hin zu "Let the Sun shine in your Heart".

 

"Nineties Berlin" war zunächst nur als temporäre Ausstellung bis Februar 2019 geplant, aufgrund des großen Erfolgs wurde sie jetzt als Dauerausstellung (mit zusätzlichen Sonder-Exhibitions) konzipiert. Bei einem Berlin-Trip also zuerst in die Vergangenheit der Nineties eintauchen und dann getreu dem Motto "Lost in Berlin" in der minimal-tech-house lastigen Nightlife-Kultur der Gegenwart abstürzen. Die leider nicht mehr so schranken-, regel- und zügellos abläuft wie einst in den Nineties...

mehr lesen

Schwarz-Blaue Fake News: Die Mindestsicherung ist kein bedingungsloses Grundeinkommen!

"Der Gesetzesentwurf der Regierung strahlt so viel soziale Kälte aus, dass man ihn nur mit dicken Handschuhen anfassen sollte, um sich keine Erfrierungen an den Fingern zu holen." Alexander Pollak, der Sprecher von SOS Mitmensch über das sogenannte "Sozialhilfe-Grundsatzgesetz".

 

Dieselbe Kälte und Niedertracht weist auch Bundeskanzler Kurz auf, der behauptet, dass in Wien "immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten." In Harmonie mit seinem Kompagnon HC Strache suggeriert er auch, dass Mindestsicherungsbezieher in der sozialen Hängematte liegen und mit dem "prall gefüllten" Geldbeutel der Sozialämter ihr Leben bis zur Pension genießen wollen, ohne zu arbeiten. Dass derartige rechtliche Unwahrheiten strafrechtlich kaum geahndet werden können, ist schade. Dass sie Journalisten bei öffentlichkeitswirksamen TV- und Presseinterviews nicht richtigstellen, ein Skandal.

 

Denn tatsächlich sind laut Statistik Austria - neben 81.334 Kindern - 71 Prozent der 307.853 Mindestsicherungsbezieher in Österreich Aufstocker. Sie erhalten nicht den vollen Betrag, sondern beziehen neben der Pension, dem (prekären) Lohn, dem Arbeitslosengeld oder der Notstandshilfe einen Differenzbetrag zu dem ohnehin kargen Höchstbetrag von 863 Euro, der weit unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1238 Euro monatlich liegt. Im Durchschnitt lag der Bezug bei 606,44 Euro pro Monat, die Bezugsdauer betrug gerade einmal 8,5 Monate.

 

Die Mindestsicherung ist weiters kein bedingungsloses Grundeinkommen, sondern setzt Arbeitswilligkeit voraus. Im § 3/4 des Sozialhilfe-Grundsatzgesetzes heißt dies wortwörtlich: "Leistungen der Sozialhilfe sind von der dauerhaften Bereitschaft zum Einsatz der eigenen Arbeitskraft abhängig zu machen." Verweigert ein Mindestsicherungsbezieher die Annahme einer zumutbaren Tätigkeit oder erscheint nicht zu Terminen beim AMS, dann erfolgen sofortige Sanktionen seitens des Sozialamtes wie die Streichung der Mindestsicherung.  Zu unrecht bezogene Leistungen müssen zurückbezahlt werden, und es drohen bei Missbrauch zusätzlich Verwaltungsstrafen. Trotz Notlage ist sogar ein kompletter Entzug der Mindestsicherung zulässig, wie der Verwaltungsgerichtshof bei beharrlicher Arbeitsverweigerung in einem höchstgerichtlichen Urteil ausgesprochen hat. 

 

Und natürlich besteht erst dann Anspruch auf Mindestsicherung, wenn das gesamte Vermögen des Beziehers - mit Ausnahme eines kleinen Freibetrages - verwertet worden ist. Dieser Freibetrag nennt sich im neuen Gesetz zynisch "Schonvermögen" und beträgt ab Inkrafttreten 600 Prozent des Ausgleichszulagenrichtsatzes, das sind aktuell lächerliche 5200 Euro. Alle Ersparnisse über diesem Wert sind zu verbrauchen, bevor ein effektiver Antrag auf Mindestsicherung gestellt werden kann. Bei einer Eigentumswohnung erfolgt nach 3 Jahren eine pfandrechtliche Sicherstellung im Grundbuch. Zu befürchten ist, dass in der laufenden Legislaturperiode durch ÖVP und FPÖ die Notstandshilfe für Langzeitarbeitslose abgeschafft wird und diese noch schneller in die Mindestsicherung schlittern. Noch dazu ohne Anrechnung der Versicherungsmonate für die Pension.

 

5 Prozent der Österreicher besitzen mehr als 42 % des Nettovermögens. Das sind Personen, bei denen ein Neidgefühl entstehen kann, vor allem deswegen, weil diese reichen Millionäre keine Vermögens- und Erbschaftssteuer zahlen müssen. Auf die Ärmsten der Armen hinzuhauen (egal aus welcher gesellschaftlichen Schicht), ist nicht nur unsozial und unfair, sondern vor allem charakterlos, arrogant und schäbig...

Szene Wien: Hansi Lang-Tribute mit der Hallucination Company!

Es war Mitte der (in Wien vielleicht nicht so) wilden 70er, als Wickerl Adam und Hansi Lang sich kennenlernten und der umtriebige Leader der Musik-Performance-Truppe Hallucination Company den charismatischen, nach schweißtreibender Bühnenluft strebenden Hernalser in seine Band aufnahm. Dass die ca. 5jährige Mitgliedschaft Lang prägten, steht außer Frage. Legendär seine Auftritte im Wiener U4, bei denen Lang auch den Underground-Hit seines Band-Kollegen, Falco, "Ganz Wien", performte. Nicht wenige meinten, sogar authentischer und berührender als der spätere Hitparadenstürmer.

 

Am 24. August 2008 starb Hansi Lang an den Folgen eines Schlaganfalles im Tonstudio, als er die zweite "Slow Club"-CD gemeinsam mit Thomas Rabitsch und Wolfgang Schlögl aufnehmen wollte. Die Hallucination Company veranstaltete - unter der Leitung und Moderation von Wickerl Adam - auch dieses Jahr zu seinem Geburtstag (13. Jänner 1955) eine Tribute-Night, bei der Gastsänger die musikalischen Highlights des Austro-Rockers präsentierten.

 

Alkbottle-Sänger Roman Gregory rockt den New Wave-Klassiker "Montevideo", Birgit Denk heizt ein mit dem Ö3-Hit "Ich spiele Leben" und "Ich will wieder gut sein", Peter Dürr mimt den "Pyramidenmann", Anzo Morawetz becirct das Fräulein "Josefine", und der spätere Hallucination Company-Sänger Andi Baum performt Tracks aus seinem 85er Kinofilm "Ich oder Du". In dem Hansi Lang - wie leider später im tatsächlichen Leben - einen drogenabhängigen New Wave-Sänger verkörpert.

 

3 Jahre lang stand die Karriere Langs wegen seiner privaten Probleme still, die nachfolgende, englischsprachige CD floppte, und der Austro Pop-Hype ging - auch wegen des fehlenden Supports von Ö3 - steil nach unten. Hansi Lang war in den 90ern und Nullerjahren allerdings nicht untätig: Zahlreiche Gigs (u.a. im Rockhaus mit Live-Album-Mitschnitt), Theaterengagements an der Josefstadt und im Ronacher mit der Falco-Cyber Show und eben ab 2004 das mit Klassikern angereicherte "Slow Club"-Projekt, aus dem Tini Kainrath bei der Tribute Night einige Songs präsentierte.

 

Hört man allerdings den über 6 Minuten langen Abschlusstrack der Show, "Keine Angst", der Anfang der 80er nicht einfach nur ein musikalisches Epos darstellte, sondern auch das manisch-depressive Lebensgefühl der damaligen Zeit ausdrückte, dann überfällt einem die Schwermut angesichts des Potentials dieses genialen, jungen Künstlers, das aufgrund widriger Umstände bei weitem nicht ausgeschöpft wurde. Ein Goldenes Verdienstkreuz der Stadt Wien vor seinem Tod (2006), ein posthumer "Amadeus Award" für sein Lebenswerk, eine Gedenktafel und die künftige Namenswidmung eines Wiener Gemeindebauhofes können da nicht darüber hinwegtäuschen. 

mehr lesen

30 Jahre Hit-Feuerwerk: Die Fantastischen Vier live in der Wiener Stadthalle!

2009 spielten die Fantastischen Vier vor 60.000 Menschen beim "Heimspiel" in Stuttgart, in der Wiener Stadthalle waren es 11.000. Und dies war  - nach einer 30jährigen Bandkarriere - bisheriger Besucherrekord in Österreich.

 

Als Support der Fanta 4 fungierte deren Produzent und DJ Thomilla, der gemeinsam mit Michi Beck als "Turntablerockers" bereits einige Alben publizierte und das bunt gemischte Publikum mit flott gemixten Hip Hop Beats von A tribe called Quest, House of Pain bis hin zu Macklemore anheizte. Auf der Setlist Thomillas auch Bilderbuchs "Bungalow" und als finaler Schlusspunkt der erste erfolgreiche deutschsprachige Rapper: Falco mit "Der Kommissar". Ein idealer Übergang zur ersten kommerziell erfolgreichen deutschen Hip Hop Combo, den Fantastischen 4. 

 

Begonnen hat alles Mitte der 80er, als Michael Bernd Schmidt (aka Smudo) und Andreas Rieke, der Computer-Tüftler und spätere Produzent, als "Terminal Team" die ersten Tracks bastelten. 1989 stießen Michael Beck und Thomas Dürr (aka Hausmeister Thomas D) hinzu, die Fantastischen 4 waren geboren. Mit der Unterstützung von Manager Andreas "Bär" Läsker gelang ihnen nach einigen Achtungserfolgen mit dem witzigen Fun-Rap-Track "Die Da" (und dem nachfolgenden Album "Vier Gewinnt") ein sensationeller Hit in Deutschland, Österreich und Schweiz, der sie in den "Bravo"-Pophimmel katapultierte, aber gleichzeitig zu Feindobjekten der rootsverhafteten, deutschen Hip Hop-"Kollegen" (wie Rödelheim Hartreim Project) machte. Was die 4 Stuttgarter trotz des kommerziellen Erfolges ärgerte und kränkte. Heute stehen die Fanta 4 über den Dingen und haben "Die Da" bei der neuen "Captain Fantastic Tour" sogar mit im Programm. Ebenso wie das chillig-loungige "Tag am Meer" aus dem 93er-Album "Die vierte Dimension", das nicht nur Musikkritiker überzeugte, sondern auch die "Credibility" der Fanta 4 innerhalb der Szene immens steigerte.

 

"!Uh, in der Diskographie 'n paar Meilensteine. In der Disco paar Beats und paar geile Reime. Ein paar Stilbrüche. Zwei drei Meisterwerke (yeah). Über neunhundert Livekonzerte." So fassen die Fanta 4 ihre Karriere ironisch-pointiert in ihrem neuen Track "Hitisn" zusammen. Und verpacken ihr 30jähriges Sound-Repertoire konzerttechnisch in ein unterhaltsames, kompaktes, nie langweiliges Hit-Feuerwerk mit politischen Untertönen.

 

Die vier Stuttgarter unterstützen die Kampagne "Laut gegen Nazis", Thomas D. trägt exaltiert ein T-Shirt mit "Fuck Racism"-Aufschrift, und Texte aus dem zornig-rockigen Track "Endzeitstimmung" zeigen, dass die Fanta 4 auf der richtigen Seite gegen Rechts stehen. "Geht mir weg mit eurem Stolz auf die eigene Nation. Ihr seid nicht das Volk, ihr seid die Vollidioten" oder "Einer ist doch immer schuld, solange du es nicht bist. Gestern niemand, morgen tot, und dazwischen Populist Pop-Pop-Populist!" Die deutschen Hip Hop-Jongleure setzen mit ihrem zehnten Album klare Akzente gegen Fremdenhass, Rechtspopulismus und Neokapitalismus und werden hoffentlich auch von denen gehört, die bereits von den rechten Rattenfängern infiltriert wurden.

 

Die Unterhaltung kommt allerdings nicht zu kurz. Im Gegenteil. Die drei Frontmen wirbeln auf der Bühne herum, als wären sie in einen Jungbrunnen gefallen, und lassen so gut wie keinen Hit aus: "Sie ist weg" (in einer lässigen Latin-Version), "Buenos Dias Messias", "Ernten, was wir säen", "Einfach sein" (leider ohne Gröni), "Die Stadt, die es nicht gibt" (mit Hildegard Knef-Sample) und natürlich der wortakrobatische Kult-Hit "Mfg". Vor den Zugaben erscheint Duettpartner Clueso auf den Screens: Der neueste Hit "Zusammen ist man nicht allein" steht auf dem Programm. Das Hallen-Publikum tanzt, tobt und wirft die Hände in die Luft.

 

"Immer Fantas, denn wir können nichts anderes", das beschwören die vier leicht ironisch im eighties-inspirierten Disco-Stomper "25". Das "immer" dauert jetzt immerhin schon 30 Jahre, und das haben die vier Stuttgarter Jungs auch ihren Fans zu verdanken. Das weiß auch Michi Beck. Dieser bedankt sich vor dem letzten Song beim Wiener Publikum für 30 Jahre Unterstützung. "Wir bleiben Troy". Bis zum nächsten Konzert...

mehr lesen

"Eat the Rich": Vermögens- und Erbschaftssteuer: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Es sind schockierende Zahlen, die 2017 seitens der Johannes Kepler-Universität (JKU) Linz über die Vermögenskonzentration in Österreich präsentiert wurden. So verfügt das reichste Prozent der privaten Haushalte über 40,5 Prozent des gesamten Nettovermögens (534 Milliarden Euro). Zum Vergleich: 90 Prozent der Bevölkerung besitzen nur ein Drittel des Gesamtvermögens (34,2 Prozent).

 

Angesichts von 1,5 Millionen armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Personen (inkl. 324.000 Kindern) und zahlreichen weiteren Engpässen im Sozialwesen, der Pflege, Bildung und Infrastruktur stellt sich daher nicht die Frage, ob Vermögens- und Erbschaftssteuern eingeführt werden sollen, sondern wann.

 

Das Argument, dass wir ohnehin eine hohe Steuerbelastung haben, geht komplett ins Leere. Die (zuletzt gesunkene) Steuerquote beträgt zwar 41,8 Prozent (OECD-Platz 7), allerdings resultiert diese vorwiegend aus der Besteuerung des Faktors Arbeit. 

 

Betrachtet man dagegen die Vermögensbesteuerung, dann können sich die einheimischen Reichen ins Fäustchen lachen. Der Anteil der Vermögenssteuern (= Abgaben auf Kapital, Grund und Boden, Erbschaften) beträgt in Österreich nur 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, der OECD-Schnitt liegt bei 1,9 Prozent. Würde Österreich diesen Durchschnittswert anstreben, dann hätte die Alpenrepublik sofortige Mehreinnahmen von 4,8 Milliarden Euro.

 

Auf ähnliche Zahlen kommt auch die Kepler-Universität Linz. Bei einem Modell mit einem Freibetrag von 1 Million Euro und Steuersätzen von 0,7 Prozent (zwischen 1 und 2 Millionen Euro), 1 Prozent (zwischen 2 und 3 Millionen Euro) und 1,5 Prozent (ab 3 Millionen Euro) ist mit einem Aufkommen von 5,7 Milliarden Euro zu rechnen. Betroffen wären dabei nur 4-5 Prozent der Haushalte, sodass sich die meisten Eigentumswohnungs- und Luxusautobesitzer bzw. Sparbuch- und Aktieninhaber keine Sorgen machen müssen, dass sie hier zur Kasse gebeten werden. Ausweichreaktionen seitens der Reichen gelten als unrealistisch, da der überwiegende Teil des Privatvermögens aus Groß-Immobilien besteht.

 

Auch eine Erbschafts- und Schenkungssteuer für Reiche sollte - bei gleichzeitiger steuerlicher Entlastung der Arbeitnehmer und Kleinunternehmer - so schnell wie möglich wiedereingeführt werden. Aufgehoben vom VfGH vor 10 Jahren scheitert eine Neu-Konzeption an der ÖVP, der FPÖ (die sich ungeniert auch noch als "Partei des kleinen Mannes" positioniert) und den Großkapitalisten, die gezielt die Bevölkerung desinformieren.

 

Vorbild für eine Neuregelung könnte beispielsweise Deutschland sein, wo im Jahr 2015 4,42 Milliarden Euro Erbschaftssteuer und 1,08 Milliarden Euro Schenkungssteuer in die Steuertöpfe flossen, und das trotz großzügiger Freibeträge für Verwandte und Unternehmer. So steht jedem unbeschränkt steuerpflichtigen Erwerber ein Schenkungsfreibetrag zu, der alle zehn Jahre erneut genutzt werden kann. Bei Ehegatten und Lebenspartner beträgt er 500.000 Euro, bei Kindern 400.000 Euro. Bei Beträgen, die über den Freibetrag hinausgehen, bestimmt sich der Prozentsatz nach der jeweiligen Steuerklasse.

 

Dass die aktuelle, reichenfreundliche ÖVP-FPÖ-Regierung sich beim Steuerrecht von Deutschland inspirieren lässt, gilt als unwahrscheinlich. Als negatives Vorbild gelten die Nachbarn allerdings im Sozialrecht. Es drohen - a la Hartz IV - die Abschaffung der Notstandshilfe für Langzeitarbeitslose und deren bodenloser Sturz in die Mindestsicherung (ohne Anrechnung von Pensionsmonaten und mit Vermögensverwertung).

 

Spätestens dann werden auch die letzten "Regierungsfans" wissen, warum es sich lohnt, gegen Schwarz-Blau auf die Straße zu gehen und bei der nächsten Nationalratswahl diese unsoziale, rechte Koalition "abzuwählen"...

"Austria 3" in neuer Melange: Boy Jürgens im ausverkauften Wiener Flex!

Die österreichische Pop- und Rockszene war seit Jahrzehnten nicht so angesagt wie jetzt: Talentierte Interpreten, spannende Songs (die so wie einst der Austropop der 70er und 80er das Milieu und die Gefühlswelt ihrer Zuhörer berühren), zahlreiche Live-Konzerte, ein professionelles Marketing (das Bands wie Wanda, Bilderbuch oder Ja Panik sogar Richtung deutsche Hitparadenspitze schaukelt) und auch Freundschaften innerhalb der Community.

 

 

Gegenseitige Sympathie dürfte auf jeden Fall ein Grund gewesen, das Projekt "Boy Jürgens" zu starten. Letztes Jahr kurz vor Weihnachten mit einem spontanen und ausverkauften Konzert in der Wiener Sargfabrik. Beim Wiener Popfest 2018 wurden die drei beteiligten Musiker als Überraschungsact weit nach Mitternacht gebucht, einer der drei war dort auch zufällig der Kurator. Jetzt wieder kurz vor Weihnachten statteten Boy Jürgens im Rahmen einer "World-Tour" dem Wiener Underground-Club Flex einen Besuch ab. 

 

Boy Jürgens: Das ist natürlich keine pinke Version des Kärntner Schlagerbarden, sondern ein Pseudonym für drei großartige österreichische Musiker mit unterschiedlichsten Wurzeln: Der Nino aus Wien, gerademal 31, hat bereits 10 Alben veröffentlicht und gilt seit seinen Frühwerken "Holidays" und "Du Oasch" als leicht melancholische Stimme des alternativen Wiener Lebensgefühls, ein Ambros des 21. Jahrhunderts (der auch zu seinen Vorbildern zählt). Nach zahlreichen Nominierungen gewann er 2016 einen Amadeus Music Award. Sein neuestes Album mit dem unspektakulären Titel "Der Nino aus Wien" präsentierte Nino aus Mandl erst im November im Rahmen von zwei ausverkauften "Arena"-Konzerten.

 

Voodoo Jürgens stammt ursprünglich aus dem niederösterreichischen Tulln, zog mit 19 nach Wien und spielte dort in einer mäßig erfolgreichen Garagen-Rockband. Mit dem FM4-Hit "Heite grob ma Tote aus" schaffte er den Durchbruch, sein Debüt-Album "Ansa Woar" stürmte auf Platz 1 der Charts. 2018 füllte er nicht nur das Donauinselfest-Gelände, sondern auch das Wiener Konzerthaus mit Ludwig Hirsch-Variationen. Dritter im Bunde ist Sebastian Janata (aka Worried Boy), Mitglied der in Berlin lebenden Rock-Band Ja Panik und Produzent von Voodoo Jürgens´ Erstlingshit. Da schließt sich der Kreis.

 

Gemeinsam performt das Trio Lieder aus ihrem Solo-Repertoire und lässige Neuinterpretation bekannter Austro-Hits der Vergangenheit. Eine Setlist mit "Juke Box" und dem "Praterlied" vom Nino, mit "Gitti" und "den Toten" vom Voodoo und dazu den "schönsten Mann der Welt" der Worried Men Skiffle Group, der Ex-Band von Janatas Vater. Und auch wenn sich Boy Jürgens nicht offen als "Austria 3"-Nachfolger bezeichnen, diese Trademark ist keineswegs anmaßend. Fendrichs "Strada del Sole", Ambros "Heite drah i mi ham" und Schurli Danzers "Ruf mi ned an" zählten zu den großen Höhepunkten der Show. 

 

Was Boy Jürgens allerdings von den damaligen Austria 3 unterscheidet: Den Zenit ihrer Karriere dürften alle drei Bandmitglieder noch längst nicht überschritten haben.

mehr lesen

Demo gegen Schwarz-Blau: Warum alle Bürger in Österreich auf die Straße gehen sollten!

 Am 15. Dezember fand in der Wiener Innenstadt eine Groß-Demonstration gegen Schwarz-Blau statt, die unter dem Motto "Gegen Rassismus, Rechtsruck und Sozialabbau" stand. Die Teilnehmer bewegten sich auf einer Route zwischen Christian Broda-Platz, Gürtel, Burggasse und Heldenplatz, der Demo-Zug war bis zu 1,5 Kilometer lang, die Veranstalter vom "Bündnis heißer Herbst" sprachen von ca. 50.000 Teilnehmern.

 

Vizekanzler Strache bezeichnete die Demo als "Riesensauerei", weil sie (angeblich) das Weihnachtsgeschäft sabotiere (das auf der absolvierten Route aber kaum gegeben ist). Es lebe das Grundrecht der Demonstrationsfreiheit in Österreich.

 

Unabhängig davon: Eigentlich sollte - abgesehen von Großkapitalisten - jeder in Österreich lebende Bürger gegen die unsoziale, arbeitnehmerfeindliche und xenophobe Regierung Schwarz-Blau auf die Straße gehen. Hier eine (bei weitem nicht vollständige) Liste von Gründen:

 

Einführung des "freiwilligen" 12 Stunden-Tags und einer 60 Stunden-Woche.

Erweiterung der Ausnahmen vom Arbeitszeitgesetz.

Ausschaltung der Rechte von Betriebsräten.

Wegfallen der Zuschläge bei Gleitzeit.

 

Verkürzung der Ruhezeit im Tourismus von 11 auf 8 Stunden.

 

Abschaffung der "Aktion 20.000", einem Förderungsprogramm für Langzeitarbeitslose über 50.

Abschaffung des Beschäftigungsbonus.

30 Prozent weniger Budget für das AMS.

Kürzungen bei überbetrieblichen Lehrwerkstätten (inkl. Lehrlingsentschädigung).

 

Einschränkung der Arbeitnehmervertreterrechte bei der Zusammenlegung der Sozialversicherungen.

 

Familienbonus von 1500 Euro pro Kind für Reiche und Mittelschicht; Voller Anspruch für ein Kind nur bei einem Einkommen von mehr als 1750 Euro brutto. Ca. 500.000 Kinder haben keinen Anspruch auf die steuerliche Entlastung.

 

(Vermutlich europarechtswidrige) Indexierung der Familienbeihilfe für im EU-Ausland lebende Kinder und damit Reduzierung der finanziellen Mittel für ohnehin schlecht bezahlte 24 Stunden-Pflegerinnen.

 

Kürzung der Mindestsicherung für Paare, Kinder und Personen mit schlechten Deutschkenntnissen.

 

Ignorierung der direkten Demokratie (Volksbegehren).

Schlechtes parlamentarisches Klima durch mangelnde Begutachtungsfristen und Diskussionen.

Beschluss von Gesetzen trotz höchstwahrscheinlicher Verfassungs- und Europarechtswidrigkeit.

 

Ausländer- und migrantenfeindliche Tendenzen bei nahezu jeder politischen Materie.

Aktuell 46 rechtsextreme "Einzelfälle" in der Freiheitlichen Partei.

Forcierung von Hetze und Hass im Netz durch freiheitliche Politiker.

 

Neue Schikanen im Fremdenrecht.

Abschaffung der Lehre für Asylwerber.

Streichung der Gelder fürs Integrationsjahr.

 

Separate Deutschklassen (entgegen Experten-Meinungen).

Kürzung der Förderkurse für Kinder mit Grundkenntnissen.

Kürzung der Mittel für Ganztagsschulen.

Weniger Geld für Sprachlehrer und Schulsozialarbeiter.

 

Neue Zugangsbeschränkungen an Universitäten.

 

Studiengebühren für berufstätige Studenten, die zeitlich über der Toleranzzeit liegen.

 

Senkung der Umsatzsteuer von 13 auf 10 % für die florierende Tourismusbranche (Kosten: 120 Millionen Euro)

 

Abschaffung der Grunderwerbsteuer für Immobilien-Spekulanten.

 

Aufblähung des PR-Apparats (Bsp.: 90 Mitarbeiter in der Kommunikationsabteilung des Bundeskanzlers, 21 Social Media-Mitarbeiter im Kickl-Innenministerium)

 

Millionenteure Inserate für die regierungsfreundlichen Boulevardblätter "Krone", "Österreich" und "Heute" (deren Gesamtbetrag weit höher ist als die jährliche Presseförderung)

 

Angriffe gegen regierungskritische Medien wie "Falter" und "Standard".

 

Hochdotierte Posten für schlagende Burschenschafter in den Kabinetten der FPÖ-Minister.

FPÖ-Umfärbungen bei ÖBB, Asfinag, Unirat und VfGH.

"Unzensuriert"-Hauptverantwortlicher wird Kommunikationschef des Innenministeriums.

 

BVT-Affäre.

 

Beschluss eines exzessiven Überwachungspakets.

 

Ratifizierung des CETA-Freihandelsabkommens (inkl. Konzernklagsrechten) trotz langjähriger FPÖ-Forderung nach einer Volksabstimmung.

 

Einschränkung der Rechte von NGO´s bei Umweltverträglichkeitsprüfungen.

Beschleunigung von Großprojekten entgegen von Umweltinteressen (Standortentwicklungsgesetz).

 

Geplant: Abschaffung der Notstandshilfe für Langzeitarbeitslose (die dann in die Mindestsicherung fallen und - bis auf einen Freibetrag von ca. 5000 Euro - ihr gesamtes Vermögen verwerten müssen); Verschärfung der Zumutbarkeitsbestimmungen für Arbeitslose; Senkung der Körperschaftsteuer für Großunternehmen.

mehr lesen

"Call the Comet"-Tour: Brit-Pop-Legende Johnny Marr im Wiener Flex!

 “Everybody who knows about rock music knows who I am. They know what my values are. They want good riffs, and good singing, and good guitar music.”  Johnny Marr, Ex-Gitarrist der legendären Smiths, Brit Pop-Ikone und Rock-Star vom Scheitel bis zur Sohle. Im Rahmen seiner aktuellen Tour stattete Marr auch der Bundeshauptstadt Wien einen Besuch ab.

 

Die Konzert-Location, das Wiener Flex, war bereits Wochen zuvor ausverkauft. Kein Wunder, der in Manchester geborene Marr (eigentlich John Martin Maher), begeistert schon seit Anfang der 80er durch seine zahlreichen kreativen Musik-Projekte Generationen von Indie-, Rock-, Brit Pop- und Dance-Fans. So war Marr nach der Smiths-Trennung und einem kurzem Intermezzo mit seinem "The The"-Jugendfreund Matt Johnson in den 90ern Mitglied der Formation Electronic, sein Partner Bernard Sumner von New Order. In einem Interview schwärmte Marr, "Get the Message" sei der beste Song, den er jemals geschrieben habe. Beim Konzert im Flex kündigte Marr den Song an als eine Erinnerung an die Rave-Party-Hysterie zu Beginn der 90er. Ebenfalls auf der Setlist: "Getting away with it", damals gesungen von Pet Shop Boys-Mastermind Neil Tennant und performed in einer extralangen rockigeren Version.

 

Johnny Marr, geboren im Oktober 1963, wirkt auf der Bühne topfit: Schlaksig, cool, mit typischer Brit-Pop-Frisur und dunkel gekleidet. Und tatsächlich lebt der Vollblutmusiker - mit Ausnahme seiner musikalischen Geistesblitze - nicht das typische Leben eines Rockstars: Seit 1979 verheiratet, 2 Kinder, Veganer, Marathon-Läufer, Nicht-Raucher, Nicht-Trinker. Allerdings einer, der im Rahmen seiner Karriere zahlreiche Projekte gestartet hat (und manchmal auch schnell wieder verlassen hat): The The, Electronic, 7 Worlds Collide (mit Neil Finn), Modest Mouse, The Cribs, ein "Inception"-Soundtrack-Klangzauber mit Hans Zimmer und jetzt als Solo-Künstler mit Band unterwegs.

 

Das neue Album "Call the Comet", gleichzeitig auch Namensgeber der aktuellen Europa-Tour, klingt so, als wäre Johnny Marr in einen Jungbrunnen gefallen. Die erste Single "The Tracers" mit ihren einpeitschenden "Hoo-Hoo"-Parolen sorgt als Opener für sofortige Top-Stimmung im ausverkauften Flex. Ebenso "Day In Day Out", das melancholische "Hi Hello", "Spiral Cities" oder der synthi-angehauchte Hit aus seinem Debüt-Album, "Easy Money".

 

Viele Fans sind natürlich auch aufgrund der alten Smiths-Songs in den Wiener Underground-Club am Donaukanal gepilgert. Und die kommen durch die schlau selektierte Set-List voll auf ihre Rechnung. Insgesamt sechs Songs der britischen Working Class Heroes der 80er, die mit ihren authentischen, ehrlichen, manchmal auch depressiven Texten die sozialen und persönlichen Probleme der Anti-Privilegierten ansprachen, standen auf dem Programm. Statt dem ursprünglichen Sänger Morrissey (mit dem Marr kaum mehr in Kontakt ist) schmettert der Ex-Gitarrist selbst die Smiths-Meisterwerke in die begeisterte Fan-Crowd: "Bigmouth strikes again" (aus "The Queen is dead"), "The Headmaster Ritual" (aus dem einzigen Nr. 1-Album "Meat is murder"), "Last Night I dreamt that somebody loved me", der wohl populärste Track "How soon is now", "You just haven´t earned it yet, baby" und als Zugabe "There is a Light that never goes out", Marrs Hymne an das Leben und die bedingungslose Liebe.

 

Das Konzert ist vorbei, das Träumen kann beginnen...

mehr lesen

Working Poor in Österreich: 300.000 Menschen trotz Erwerbstätigkeit armutsgefährdet!

"Es sollen nicht nur die Kinder sein, die in der Früh aufstehen müssen!" Mit solchen arroganten, niederträchtigen und falschen Aussagen über Mindestsicherungsbezieher sorgte der österreichische Bundeskanzler Kurz kürzlich im Nationalratsplenum für einen sozialen Eklat.

 

Tatsächlich sind mehr als 70 % der Mindestsicherungsbezieher sogenannte "Aufstocker", die die Sozialleistung als Ergänzung zum Arbeitslosengeld, zur Notstandshilfe, zur Pension oder eben zum Erwerbseinkommen erhalten. Letztere zählen zur immer größer werdenden Klasse der "Working Poor". Das sind Personen, die trotz einer regelmäßigen Arbeit finanziell nicht über die Runden kommen und als armutsgefährdet gelten. 

 

Geht man von der Definition der EU aus, dann versteht man unter "Working Poor" Arbeitnehmer, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdienen. Die Armutsgefährdungsschwelle liegt in Österreich bei 1238 Euro netto. 8 Prozent der Erwerbstätigen erhalten weniger als diesen Grenzwert. Das sind ca. 300.000 Personen, davon 170.000 Männer und 130.000 Frauen.

 

Hauptursachen für diese Entwicklung sind zu geringe Wochenarbeitszeiten und zu geringe Entlohnung. Vor allem Frauen geraten durch die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie und mangelnde öffentliche Kinderbetreuung (außerhalb von Wiens) in die sogenannte "Teilzeitfalle" und schaffen zeit ihres Erwerbslebens nicht mehr den Sprung in eine Vollzeitarbeitsstelle mit adäquater Bezahlung. 

 

Eine Vollzeitbeschäftigung impliziert aber nicht, dass man als Arbeitnehmer von der Erwerbsarmut verschont bleibt. Fast ein Drittel aller Working Poor betrifft Personen mit hoher wöchentlicher Arbeitszeit. Einschlägige Branchen sind vor allem die Gastronomie, der Handel und das Gesundheits- und Sozialwesen.

 

Personen mit geringerer formaler Bildung sind stärker betroffen von Erwerbsarmut. Arbeitnehmer mit maximal Pflichtschulabschluss weisen ein Risiko von 14 Prozent auf, Facharbeiter nur von 7 Prozent. Allerdings schützt auch ein Universitätsabschluss nicht vor dem Working Poor-Schicksal. Gründe sind hier vor allem prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Form von Scheinselbständigkeit, befristeten freien Dienst- und Werkverträgen oder geringfügigen Arbeitsverhältnissen. 

 

Differenziert ist der Vergleich zwischen Österreichern und Ausländern. Die Working Poor-Quote beträgt bei österreichischen Arbeitnehmern 6 Prozent, bei Migranten dagegen 16 Prozent. Die Ursachen liegen aber nur vordergründig in mangelnden Sprachkenntnissen oder schlechterer Qualifikation der ausländischen Arbeitskräfte. Dazu kommen nämlich noch neben der fehlenden Anerkennung fremder Ausbildungsnachweise Diskriminierungen jeglicher Art. Laut einer OECD-Studie haben mehr als ein Drittel der hochgebildeten Migranten einen Job, der unter ihrem Qualifikationsniveau liegt. 

 

Maßnahmen, das Working Poor-Problem zu mindern, gibt es zur Genüge: Die Einführung eines Mindestlohns für alle Branchen auf zumindest 1700 Euro brutto, die vollständige Befreiung der Niedrigverdiener von Sozialversicherungsbeiträgen, eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich (die Frauen aus der Teilzeitfalle führt), ein Rechtsanspruch auf Qualifizierungsgeld, ein "Crowdwork"-Gesetz oder ein "Anti-Prekariats"-Gesetz gegen die finanzielle Ausbeutung von Arbeitnehmern. 

 

Dass eine rechtskonservative ÖVP-FPÖ-Regierung diese sozialen Probleme in Angriff nimmt und zu lösen versucht, ist allerdings schwer zu bezweifeln.

Comics, Cartoons & EAV-Kult: Thomas Spitzer im Karikaturmuseum Krems!

"Die Kurzform von vielen war: Als Kinder mochten wir euch, zehn Jahre später haben wir euch verstanden." EAV-Mastermind Thomas Spitzer im Originalton anlässlich der Veröffentlichung des neuesten Albums "Alles ist erlaubt".

 

In dieselbe Kerbe stößt auch Austropop-Kollege und Freund Joesi Prokopetz bei seiner Laudatio im Rahmen der Vernissage von Thomas Spitzers Ausstellung "Rockomix ein Leben lang" im Karikaturmuseum Krems. Texte wie "Da im Disco Stadl regiert der Furchenadel, und der Landmann schwingt sein strammes Wadl" oder "Mit einem Wort, die Lage ist fatal. Da hilft nur eins: ein Banküberfall!" seien in ihrer sarkastischen Treffsicherheit einfach genial. Dass ein Künstler wie Spitzer aber manchmal stolzer ist auf die weniger kommerziellen Reime in seinem Oeuvre, liege in der Natur der Sache.

 

Nicht erschienen bei der Ausstellungseröffnung ist der in Kenia weilende EAV-Sänger Klaus Eberhartinger. Stattdessen präsentierten die Gründungsmitglieder Eik Breit und Nino Holm gemeinsam mit Heinz Jiras als "Wiener Blues" die 80er-Säuferhymne "Morgen fang ich ein neues Leben an". Und auch ein junger Wilder der österreichischen Szene durfte ran: Lemo schlüpfte, begleitet von Spitzer an der Gitarre, bei der an Don Quichote angelehnten Single "Gegen den Wind" und dem Album-Track "Am rechten Ort" in die Rolle des EAV-Frontmans. Gesichtet unter den Gästen ein anderer ehemaliger Sänger der Ersten Allgemeinen Verunsicherung - sic est - Gert Steinbäcker von STS. Und die junge Freundin Spitzers, Nora Tietz, die als Kuratorin die vielzähligen Grafiken und Karikaturen selektierte.

 

Die EAV feiert dieses Jahr das 40. Bandjubiläum. Noch länger als Texter, Komponist und Gitarrist der Musikcombo ist Spitzer als Karikaturist tätig. Der 1953 in Graz geborene Steirer lernte auf der HTL Ortweinplatz den Beruf eines Grafikers und schloss später als Mag. Art. erfolgreich sein Studium an der Hochschule für angewandte Kunst ab. Bereits zuvor betätigte er sich beim Grundwehrdienst als Hobby-Cartoonist, indem er die Rechte der Soldaten grafisch in Szene setzte. Frühe Comics Spitzers finden sich auch in der Kremser Ausstellung, Themen oft das Landleben, die Saufkultur oder auch die Heldenverehrung in Österreich am Beispiel Franz Klammers.

 

Natürlich sind auch die zahlreichen Auszeichnungen und Merchandising-Artikel der Band Bestandteil der Ausstellung: Die vielen Goldenen Schallplatten - die EAV hat im deutschsprachigen Raum mehr als 10 Millionen Tonträger verkauft - die LP- und Maxi-Single-Cover, Autogrammkarten, Plakate, eine Video-Bandhistory, kantige Text-Zitate, die Lieblingsgitarre Spitzers und natürlich die aus seiner kreativen Feder stammenden Comic-Helden Neppomuk oder Punkuin. "Küss die Hand, schöne Frau", you remember. 1992 verliebte sich Spitzer in seine nunmehrige Wahlheimat Kenia, in der die Band auch ein Studio errichtete. Aus dieser Inspiration heraus entstammen zahlreiche Grafiken Spitzers, die in provokativer Art und Weise den Sextourismus in Afrika kritisieren. Zu sehen in einem Spezialraum des Karikaturmuseums Krems.

 

Populär war die Erste Allgemeine Verunsicherung bereits vor ihrem kommerziellen Durchbruch in linksliberalen Kreisen. In Berliner Clubs wie dem "Quartier Latin" in der Potsdamer Straße waren ihre Auftritte schon Anfang der 80er ausverkauft. Politik war und ist - trotz (vermeintlicher) Blödel-Songs immer Thema der Band. Obwohl dies laut Spitzer sowohl textlich als auch grafisch immer schwieriger wird. Denn: "In dieser Welt gibt es nichts mehr zu überzeichnen. Jeder Politiker ist eine Karikatur, die ich nicht mehr erhöhen kann. Und mittlerweile kann jeder Politiker lügen, alles ist erlaubt." Klarerweise finden sich trotzdem scharfe Cartoons gegen Rechtspopulisten und autoritäre Machthaber a la Trump, Putin und Salvini im Ausstellungsraum, plus die wieder von ihm grafisch umgesetzten Songs aus dem neuen EAV-Album. Bestes Beispiel: "Rechts 2/3, das Volk sind wir, groß ist der Flüchtlingsschock, Rechts 2, das Land braucht einen Sündenbock!"

 

Thomas Spitzers Ausstellung "Rockomix ein Leben lang" ist noch bis 10. Februar im Karikaturmuseum Krems zu sehen. Bereits am 3. Februar startet die große Abschiedstournee der EAV, viele Termine sind bereits jetzt ausverkauft.  

 

http://www.eav.at/konzerte/2019

 

mehr lesen

Moco Museum Amsterdam: Banksy Street Art in der Jugendstil-Villa Alsberg!

"Laugh Now, but one day we´ll be in charge" - Dieser selbstbewusste Slogan ziert die Trikots einiger der zehn nebeneinander positionierten Affen. Der Künstler kritisiert in diesem Werk nicht nur die Arroganz der Menschheit gegenüber den Tieren, sondern auch die damalige Geringschätzung seiner Kunst in der sogenannten Hochkultur. Seine Kunst ist die Street Art, der Künstler selbst nennt sich Banksy. Niemand weiß genau, wie der vermutlich aus Bristol stammende Avantgardist und Aktivist aussieht und wie sein tatsächlicher Name lautet. Seine Werke kann man aktuell im Moco Museum in Amsterdam besichtigen.

 

Moco Museum ist eine Abkürzung für "Modern Contemporary Museum Amsterdam". Wie der Name sagt, ein Museum für zeitgenössische Kunst, das im April 2016 eröffnet wurde. Standort ist nicht wie meist üblich ein von Stararchitekten konzipiertes hypermodernes Konstrukt, sondern die aus dem Jahre 1904 stammende Jugendstil-Villa Alsberg. Dieses Schmuckstück residiert direkt auf dem weltberühmtem Museumsplein gegenüber dem Rijksmuseum (dort wo kürzlich die "I Amsterdam"-Buchstaben aufgrund der Touristenmassen abmontiert wurden) und neben dem Van Gogh Museum. Gegründet wurde das Moco Museum von den Galeriebesitzern Lionel und Kim Logchies, die schon früher mit modernen Künstlern wie Koons, Hirst und Haring zusammengearbeitet haben und aufgrund ihres persönlichen Netzwerks besten Zugang zur modernen Kunst aufweisen.

 

Tatsächlich ist die Banksy-Ausstellung "Laugh Now" keine vom Street Artist authorisierte Exhibition, obwohl sich darin auch aus Mauerstücken abgelöste Kunstwerke finden. Der Großteil der auf Canvas, Holz und Papier abgebildeten Werke, die sogenannte "Indoor Art", stammt aus privaten Leihgaben. Diese sind in der mehrstöckigen alten Villa verwinkelt positioniert, Stiegensteigen inklusive. Darunter befinden sich natürlich auch einige (ungeschredderte) Versionen des "Girl with Balloon", Banksy vergleicht dabei den Ballon mit der Liebe, die man nicht auslassen soll und der man nachjagen muss. Weitere Highlights: Die bereits erwähnten "Laugh Now"-Apes, die Kate Moss-Drucke, Barcode, die Kids on Guns, die "Mickey Snake" (als Protest gegen den kommerziellen Ausverkauf der Disney-Figuren), Plattencover von Blur, Sid Vicious & Massive Attack, gesellschaftskritische Bilder gegen Polizeigewalt, Waffenhandel und den Überwachungsstaat und das seit 2009 nicht mehr öffentlich ausgestellte 2,5 mal 3,5 Meter große Gemälde "Beanfield". Dieses erinnert an einen Vorfall aus dem Jahre 1985, als mehr als 1300 Polizisten gewaltsam eine friedliche Party von 600 Hippies in der Nähe von Stonehenge verhinderten.

 

Neben der noch bis 15. Jänner 2019 dauernden Banksy-Ausstellung präsentiert das Moco Museum derzeit Werke der iranischen Aktivisten Icy & Sot, die - einst selbst Flüchtlinge - sich vorwiegend mit Migration, Frieden, Umweltschutz, Toleranz und Menschlichkeit beschäftigen. Im Obergeschoß der Villa zollen die Kuratoren Tribut an progressive Geister der Kunstszene: Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat, Jeff Koons, Damien Hirst und natürlich Keith Haring. Im Erdgeschoß präsentiert das Moco Museum eine 3 D-Rauminstallation des Roy Lichtenstein-Gemäldes "Bedroom at Arles", das von der Pop Art-Ikone 1992 nach der Vorlage des Van Gogh-Meisterwerks "The Artist´s Room at Arles" erstellt wurde.

 

Und auch der romantische Garten außerhalb der Villa wird für künstlerisch (interaktive) Zwecke genützt. Die dort positionierten Skulpturen, egal ob der Meinungsfreiheit postulierende "Ohm Boy" (mit seinem Megaphon-Kopf), die "Refugees Welcome"-Figuren von Icy&Sot oder das Marcel Wanders "Egg", sind beliebte Motive für Instagram & Co.. Fotografieren ist erlaubt (und auch erwünscht).

 

Fazit: Selbst wenn man nur kurz in Amsterdam verweilt, unbedingt ins hippe, avantgardistische Moco-Museum schauen. Es liegt direkt im Museumsviertel südwestlich der Grachtenzone Amsterdams.

 

Moco Museum

Honthorststraat 20

1071 DE Amsterdam

 

Sunday-Thursday 9-19, Friday-Saturday 9-20

Aids-Benefiz-Event im Dom: "Jedermann Reloaded" mit Mastermind Philipp Hochmair!

"Um den Tod dreht sich auch alles im berühmten Jedermann. Denn der kennt kein Reich, kein Arm, kein Homo- oder Heterosexuell, kein Alt oder Jung. Er ist unumgänglich - und wir haben nur eine Chance: Alles, was davor kommt in Liebe, Toleranz und gegenseitigem Respekt zu gestalten." So die gewohnt pathetischen Einführungsworte von Life Ball-Organisator Gary Keszler beim Benefiz-Event "Jedermann Reloaded im Dom".

 

Und tatsächlich passen bei dieser von Keszler und Kardinal Christoph Schönborn initiierten Veranstaltung alle Komponenten zusammen. Im theatralischen Mittelpunkt steht das "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" von Hugo von Hofmannsthal, 1911 im Berliner Zirkus unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt und seit August 1920 jährlich wiederkehrender Höhepunkt der Salzburger Festspiele.

 

Adaptiert wurde das Stück von Philipp Hochmair, einem der genialsten Schauspieler Österreichs. 1973 in Wien geboren, absolvierte er das Max Reinhardt Seminar und ein Konservatorium in Paris, war Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters und des Hamburger Thalia Theaters und glänzte u.a. als Mephisto, junger Werther und Dorfrichter Adam. Im Mainstream-TV kennt man ihn vor allem in seiner Rolle als aalglatter Politiker Schnitzler in den "Vorstadtweibern". Im August 2018 sprang er in Salzburg als Jedermann für den erkrankten Tobias Moretti ein. Dies war intellektuell deswegen möglich, da Hochmair seit 2013 an verschiedenen Standorten eine moderne Rock-Elektro-Version des Jedermann präsentiert. Begleitet von der Band Elektrohand Gottes verwendet er dabei die Original-Verse Hofmannsthals, spielt dabei aber (fast) alle Rollen selbst.

 

Auch im Wiener Stephansdom ist Hochmair das kraftvolle Epizentrum von "Jedermann Reloaded": Einmal stark geschminkt mit Camouflage Look, dann exzessiv mit nacktem Oberkörper und Bierflaschen in der Hand, dann wieder im goldenen Anzug oder umgeben vom goldenen Mammon. Für diese Spezialversion hat Hochmair zusätzlich hochkarätige Schauspielerinnen engagiert: Ulrike Beimpold als Buhlschaft, Erni Mangold als "gute Werke", Konstanze Breitebner als Mutter und Glaube und die Ex-Buhlschaft Sunnyi Melles als Teufelin. Als Tod ist das 8jährige derzeit im Musical "Bodyguard" agierende Jungtalent Siya Urbanitsch zu sehen, in Südafrika geboren und seit 2014 mit seiner Adoptivfamilie in Österreich. 

 

Siya ist nicht der einzige Konnex zu Südafrika. Die Benefiz-Veranstaltung am Vorabend des Welt-Aids-Tages hat nämlich das Ziel, Geld für das "Blessed Gerard´s Care Zentrum" des Malteser Ordens im südafrikanischen Mandeni zu lukrieren. Dort werden unter der Leitung des Paters Gerhard Lagleder 600 HIV-Patienten behandelt. Der durch die Jedermann-Sondervorstellung finanzierte Reinerlös von über 68.000 Euro (exkl. Spenden der 1600 Gäste) soll dabei die Versorgung der Patienten für einen Monat sichern.

 

Eine großartige Jedermann-Avantgarde-Show im Dom, Spenden für karitative Zwecke, zufriedene Gesichter im vorweihnachtlichen Reigen. Ein Win-Win-Event für alle...

 

 

Wiedereinstellungszusagen: AMS-"Zwischenparken" kostet Staat 500 Millionen Euro!

Egal, ob Bauwirtschaft, Tourismus oder Arbeitskräfteüberlassung, es ist seit vielen Jahren gängige Praxis der Unternehmen, Arbeitnehmer in Zeiten geringerer Auslastung auszusetzen und nach einer bestimmten Zeit je nach Auftragslage wiedereinzustellen. Eine Methode, bei der es nur einen Gewinner gibt: Den Unternehmer.

 

Rechtlich funktioniert dies meistens per Wiedereinstellungszusage bzw. -vereinbarung. Der Arbeitgeber beendet das Beschäftigungsverhältnis einvernehmlich und verpflichtet sich, denselben Arbeitnehmer nach einer festgelegten Zeit wieder zu beschäftigen. Was bedeutet das für den Arbeitnehmer? Er ist ab der Aussetzung beim AMS vorgemerkt und kassiert in Form des Arbeitslosengeldes nur mehr 55 % seines bisherigen Nettoeinkommens. Das Arbeitsmarktservice "toleriert" bei Wiedereinstellungszusagen zumeist eine Frist von 2 Monate, bis eine Vermittlung an Dritte begonnen wird.

 

Der Unternehmer dagegen erspart sich durch das "Zwischenparken" der Arbeitnehmer Personalkosten und - durch die spätere Wiedereinstellung - natürlich auch Kosten für Neuaufnahmen (wie Personalsuch- und Einarbeitungskosten). Abgewälzt werden diese Kosten auf den Staat bzw. die Arbeitslosenversicherung.

 

Das Wifo hat in einer Studie errechnet, dass - ohne Berücksichtigung der vom AMS zu zahlenden Sozialversicherungsbeiträge - für den Staat unmittelbare Mehrkosten in einer Größenordnung von rund 500 Millionen pro Euro Jahr entstehen. Prozentuell entsprach die "Layoff"-Arbeitslosigkeit 2017 einem Prozentpunkt der Arbeitslosenquote (von 8,5 %) bzw. 11,6 % der registrierten Gesamtarbeitslosigkeit. Betrachtet man nur die Wiedereinstellungen innerhalb von zwei Monaten, liegen die Mehrkosten für Arbeitslosengeld und Notstandshilfe noch immer bei beträchtlichen 110 Millionen Euro.

 

Während die neoliberale, rechtskonservative Regierung alle Hebel in Bewegung setzt, um Leistungen für Arbeitslose, Notstandshilfebezieher und Mindestsicherungsbezieher zu kürzen, bleiben Unternehmer in jeglicher Hinsicht finanziell verschont. Im Gegenteil: Auf der ÖVP-FPÖ-Agenda stehen die Ermäßigung von Umsatzsteuersätzen, die Abschaffung der Grunderwerbsteuer bei speziellen Firmenkonstruktionen, eine geplante Reduktion der Körperschaftssteuer (die de facto nur Großkonzerne entlastet) oder hier die sanktionslose Duldung von teils missbräuchlichen Aussetzungen. 

 

Eine Möglichkeit, die auf den Staat überwälzten Kosten stärker den Verursachern anzulasten, wäre beispielsweise di Einführung eines "Experience Rating" in der Arbeitslosenversicherung. Auch höhere Auflösungsabgaben sind denkbar. Nach der aktuellen Rechtslage ist neben dem Staat nur einer der Dumme: Der einfache Arbeitnehmer, der abgesehen von hohen Einkommensverlusten auch stets darauf achten muss, seine Arbeitslosengeldansprüche nicht zu verlieren...

U2 in Berlin: Tourabschluss im Geburtsort von "Achtung Baby"!

"People just came back, crazy U2-Fans!" - Das teilte Bono Vox live seiner Frau Ali Hewson in einer Videobotschaft mit. Und tatsächlich: Nach dem am 1. September wegen Stimmausfalls abgebrochenen Konzerts in der Berliner Mercedes Benz Arena waren die ca. 14500 Plätze beim Wiederholungsgig am 13. November wieder prall gefüllt.

 

Kein Wunder: Nicht nur, dass die Tickets (logischerweise) ihre Gültigkeit behielten, handelte es sich beim 2. Berlin-Auftritt nun um das Finale der aus 59 Konzerten bestehenden "Experience & Innocence"-Tour. Auch eine DVD-Veröffentlichung des legendären Konzerts hinter der East Side Gallery ist geplant.

 

Die diesjährige U2-Tournee begann am 2. Mai 2018 in Tusla (Oklahoma). Der erste Auftrittsort dürfte nicht ohne Absicht gewählt worden sein. In Oklahoma erreichte Donald Trump 65,3 % der Stimmen, und die erklärten Trump-Gegner U2 waren neugierig auf die Reaktionen bezüglich ihrer in der Show verankerten progressiven politischen Parolen. 27 Shows fanden in Nordamerika statt, 33 in Europa, die letzten vier vor Berlin alle in der irischen Hauptstadt Dublin, in der das Rock-Pop-Phänomen U2 seinen Ursprung gefunden hat.

 

Die Stimmung in Berlin war bereits Stunden vor dem Gig euphorisch, gespannt, nervös. Als die ersten Töne von Noel Gallaghers wunderschöner Hymne "It´s a beautiful World" (die hinsichtlich Aufbau, Klang und Botschaft auch von U2 stammen könnte) erklangen, wussten alle, dass das Erscheinen von Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen auf dem Bühnen-Areal immer näher rückt. Vorher zeigte der über der Bühne hängende 29 Meter lange und 7 Meter hohe doppelseitige LED-Screen, liebevoll "barricage" genannt", noch Bilder von im Weltkrieg zerbombten Städten bzw. autoritär bzw. rassistisch agierende Politiker a la Putin und Trump. Dazu eingefügt: Clips von Charlie Chaplin aus dem Film "Great Dictator", der Frieden und Toleranz propagiert.

 

Unter tosendem Applaus erklingen dann die ersten Töne von "The Blackout". Im "Barricage" erkennt man die Silhouetten der irischen Musiker, die im Laufe ihrer fast 40jährigen Karriere über 170 Millionen Tonträger verkauft haben. Und tatsächlich performen U2 diesen Song auch innerhalb des riesigen Video-Screens, der durch einen inneren Gang begehbar ist. Es folgt der erste gefühlvolle Auftritt von Bono, "Lights of Home" aus dem aktuellen Album, langsam sich bewegend auf dem geneigten Walkway. Bis die vier Ex-New Waver sich fast 40 Jahre zurückbeamen: "I will follow", ein rockiger Live-Favourite aus dem 80er-Album "Boy", und "Gloria" werden auf der Main Stage inmitten kreischender Fans performt. Dann "Beautiful Day", der groovige Pop-Smash und Nr. 1-Hit (der auch von Kult-DJ Oakenfold geremixt wurde) aus dem Jahre 2000. Am 1. September war danach (unverschuldet) Schluss. Dieses Mal hielt die Stimme von Bono Vox, und zwar besser denn je...

"Are we ready for the ride of our Life, asked Bono, as Zoo Station opened up in Berlin tonight. We were ready." U2 kehrten am Ende ihrer "Experience & Innocence" dort zurück, wo die Zukunft der Band einst auf dem Spiel stand. Es war Anfang der 90er, und die vier Bandmitglieder hatten unterschiedliche Ansichten bezüglich der zukünftigen musikalischen Ausrichtung. Bono & The Edge waren inspiriert von der Rave-Szene Manchesters, den Einstürzenden Neubauten und den Nine Inch Nails, Clayton und Mullen wollten den erfolgreichen Stil der letzten Alben fortsetzen.

 

"1990 was quite a moment to be in Berlin. The Wall had come down ..... everywhere but in Hansa Studios, recording Achtung Baby, and it wasn´t going very well. In fact the Walls were going up in the U2 Band." In den legendären Hansa-Studios wenige hundert Meter südlich der (heute fiktiven) Berliner Mauer, in denen David Bowie "Heroes" oder Depeche Mode "People are People" produzierten, setzten sich die progressiven Geister durch. Unter der Regie von Brian Eno, der auch beim Konzert in Berlin von den 4 Dublinern begrüßt wurde. Als erste Single von "Achtung Baby" erschien "The Fly", "the Sound of four men chopping down The Joshua Tree". U2-Puristen schüttelten anfangs den Kopf, dann faszinierte der von Dance, Indie, Industrial und Trip Hop geprägte Sound die gesamte Fan-Community. 

 

Das Berliner Abschluss-Konzert war in diesem Sinne auch ein Tribute an die verrückt-kreative Berlin-Zeit von U2 ("We came here not to find ourselves but to get lost...sometimes young men just need to get lost").  Der "Achtung Baby-Zooropa"-Mittelteil (der bei der Nordamerika-Tournee nicht auf der Setlist stand), beginnt bereits mit dem selten gespielten "Dirty Day", dann dröhnt "Zoo Station" aus den Boxen, während Bono Vox unter einem riesigen Schild "U Bahnhof Zoologischer Garten" den Barricage-Walkway betritt. Dann einer der großen Highlights des Konzerts: "The Fly" mit Bono und The Edge auf dem Walkway, auf dem Video Screen darüber Zahlen, Buchstaben, Codes, Worte im Überschalltempo. Es folgt die Ballade "Stay" - im dazugehörigen Video hüpfte Bono Vox einst von der gigantischen Siegessäule im Berliner Tiergarten - und "Who´s gonna ride your Wild Horses". Nach den temporeichen 2000er-Hits "Elevation" und "Vertigo" steht dann "Even better than the Real Thing"(durch den Oakenfold-Remix damals auch in den Rave-Clubs en vogue)  auf der kleinen mit LED-Displays aufgerüsteten B-Stage inmitten der jubelnden Fans auf dem Programm. 

 

Auch ein alter Bekannter aus der Zoo-TV-Tour der 90er (die als Open-Air-Version gemeinsam mit Guns N Roses sogar auf der Wiener Donauinsel am 24. Mai 1992 Station machte) feierte ein Comeback in Berlin: MacPhisto. Durch einen Augmented Reality-Kamera-Filter wurde eine Teufelsfratze in das Gesicht von Bono projiziert. Die verzerrten Wortkreationen differierten je nach Auftrittslocation. In Berlin erklärte sich MacPhisto zum einzigen Gesicht hinter diversen Rechtspopulisten und Despoten wie Trump, Le Pen, Assad oder Putin: "There´s only one face attached to them. It´s mine." Wäre schön, wenn man alle mit denselben Waffen schlagen kann...

mehr lesen

"Die neue ArbeiterInnenklasse" - Veronika Bohrn Mena über prekäre Beschäftigung!

Ein junger Paketzusteller für die Post, nicht angestellt, sondern tätig als Einpersonen-Unternehmen für eine Subfirma. Pro Zustellung 45 Cent, abzüglich diverser Pönalen, Arbeitszeit meistens über 12 Stunden täglich. Soziales Leben fast Null, keine Frau, kaum Freunde. Eine Akademikerin, tätig als Lektorin an 4 verschiedenen Unis und Fachhochschulen, keine fixe Anstellung und auch kaum Hoffnung auf eine. Mit ca. 1000 Euro pro Monat lebt sie an der Armutsschwelle, an ein Kind ist derzeit nicht zu denken.

 

Zwei Lebensläufe, die die ehemalige Gründerin der Plattform "Generation Praktikum" und Gewerkschafterin Veronika Bohrn Mena in ihrem Buch "Die neue ArbeiterInnenklasse" beschreibt. Armut, Ausbeutung und geringe Bezahlung habe es in der Geschichte der Arbeit immer gegeben. Vor der Digitalisierung waren allerdings vorwiegend die unqualifizierten, schlecht ausgebildeten Arbeiter und manuellen Hilfsarbeiter betroffen. Jetzt habe sich "die Optik verändert", so die Autorin. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse findet man in allen Branchen, unabhängig vom Ausbildungsniveau und der Berufserfahrung der Arbeitnehmer. Was alle gemeinsam haben: Eine mangelnde soziale Absicherung, schlechte Bezahlung und vor allem unsichere Zukunftsperspektiven.

 

Auf einer Österreich-Karte zeigt Bohrn Mena bei der Buchpräsentation in der Wiener Arbeiterkammer, dass aktuell 34,6 % instabil beschäftigt sind, laut Statistik Austria 1,2 Millionen Menschen. Als "atypisch beschäftigt" bezeichnet man alle Formen, die vom klassischen "typischen" Normalarbeitsverhältnis mit unbefristeter Vollzeit abweichen. Fast 800.000 Menschen arbeiten in Österreich Teilzeit, vorwiegend Frauen, die zusätzlich noch mit zahlreichen Mängeln der öffentlichen Kinderbetreuung konfrontiert sind. 236.500 haben befristete Verträge, 201.000 sind geringfügig beschäftigt (und müssen sich selbst versichern). 84.900 sind Leiharbeiter, die bei Ausbleiben der Aufträge meistens Richtung AMS geschickt werden und dort auf das geringere Arbeitslosengeld angewiesen sind. 32.500 sind freie Dienstnehmer. Diese sind seit 2008 zumindest sozialversichert, einen arbeitsrechtlichen Schutz (Urlaub, kollektivvertraglicher Mindestlohn, Arbeitszeit,...) genießen diese nur bei Vereinbarung. In Österreich derzeit nur rudimentär erfasst sind sogenannte "crowd worker", die ohne irgendwelche Absicherung auf digitalen Plattformen vermittelte Kleinstaufträge on demand erledigen.

 

Veronika Bohrn-Mena hat in ihrem Buch zahlreiche Betroffene interviewt und dabei festgestellt, dass die prekär Beschäftigten großteils nicht unglücklich sind über ihre Situation. Und das, obwohl kaum Aufstiegschancen bestehen, eine unsichere (berufliche und private) Zukunft droht und auch Altersarmut nicht ausgeschlossen ist. Viele haben sich damit abgefunden, dass sie trotz Arbeit kein ausreichend erfülltes Leben führen, andere wiederum verstecken ihre Armut geschickt durch billige Supermarkt-Einkäufe und spartanische Einrichtungen. 

 

Die progressive Autorin und Gewerkschafterin dagegen fordert zum Widerstand und zur Solidarität aller Generationen auf. Jedermann hat Anspruch auf eine faire Entlohnung, Selbstverwirklichung im Beruf und auf ein menschenwürdiges Dasein, noch dazu in einer Zeit, in der immer mehr Tätigkeiten durch Computer und Roboter erledigt werden können.

 

Schwarz-Blau versetzt die neue Arbeiterklasse in zusätzliche Turbulenzen: 12 Stunden-Tag "auf Freiwilligkeit", die Beendigung der Aktion 20.000 (für ältere Arbeitnehmer), Studiengebühren für Berufstätige, Einschränkungen bei der Mindestsicherung und die geplante Abschaffung der Notstandshilfe (die Betroffene Richtung Mindestsicherung drängt und damit zur Vermögensverwertung verpflichtet) lassen erkennen, auf welchem Pfad die unsoziale, neoliberale, rechte Regierung unterwegs ist. Nach unten treten gegen Arbeitslose, Mindestsicherungsempfänger und Flüchtlinge und nach oben Geschenke verteilen an Großkonzerne in Form von Steuersenkungen, Steuerbeseitigungen und Pauschalstrafen.

 

Widerstand ist angesagt, da hat die engagierte Gewerkschafterin Veronika Bohrn Mena recht. Je schneller Schwarz-Blau Vergangenheit ist, desto besser für den sozialen Zusammenhalt in unserem Land.

Together in Retro Electric Dreams - The Human League in Berlin!

"Get around town, where the people look good, where the music is loud" - Irgendwann Anfang der 80er tobte in den englischen Clubs dieses narzisstische Lebensgefühl. Der Sound: New Wave, Electronic und die ersten Anleihen von Techno. Der Look: Sexy, ausgeflippt, extravagent. Natürlich fanden auch die Medien einen Namen für diese Szene: New Romantics. Zu den Paradiesvögeln der Nightlife Culture zählte auch der Sheffielder Sänger Philipp Oakey, der mit zwei in der Diskothek Crazy Daisy engagierten 18jährigen Collegegirls - Joanne Catherall und Susan Ann Sulley - die Clubs anheizte. Der Name der Formation: The Human League, benannt nach einem Science Fiction-Spiel.

 

Es war der Beginn einer Weltkarriere: 20 Millionen verkaufte Tonträger, zwei Nr. 1-Singles in den USA und zahlreiche Top Ten-Hits vor allem in England. David Bowie bezeichnete vor allem ihre Frühwerke als "The Sound of Future". Fast 40 Jahre später sind The Human League wieder on tour - mit dem noch immer topfitten Phil Oakey (jetzt mit Glatze statt mit Avantgarde-Tolle), den beiden Sängerinnen Joanne und Susan plus Band. Einer der Auftrittsorte der "Red"-Tour: Huxleys neue Welt im Hipster-Bezirk Neukölln, seit 1880 als Veranstaltungslocation genützt und zuletzt 1985 renoviert.

 

Bei fast ausverkaufter Halle starten Human League mit ihrem progressiven 81er-Hit "The Sound of the Crowd" die Zeitreise zurück in die 80er und 90er. Das schicke Trio weiß noch immer, was die Fans wollen. Keine Raritäten, keine strangen Remixes, sondern die Originalversionen ihrer großen Hit-Ära, die 1981 mit dem coolen Album "Dare" startete. Dieses wurde nicht nur über 5 Millionen Mal verkauft, sondern enthielt auch ihren Mega-Hit "Don´t you want me", der seltsamerweise als Auskopplung nie geplant war, schlussendlich aber zur meistverkauften Single des Jahres 1981 wurde. 

 

Der brillante Electro-Pop-Hit lief natürlich erst - in einer extralangen Version - vor den Zugaben. Vorher präsentierten Human League ein buntes Repertoire ihrer 40jährigen wechselnd erfolgreichen Karriere. "Love Action" (2004 als Sample für George Michaels "Shoot the Dog" verwendet), "Open your heart", der britische Hit-Favourite "Mirror Man", "Keep feeling Fascination", das gitarrenlastige "Lebanon" oder "Human". Letzterer überraschend R&B-lastiger Track wurde von Jimmy Jam & Terry Lewis arrangiert, die bis dahin nur "Black Acts" produzierten. Der Hit-Reigen für The Human League war damit auch (fast) zu Ende: "Romantic" mit der Single "Heart like a Wheel" erreichte kaum die Charts, das 95er-Comeback-Album "Octopus" stürmte zumindest die englischen Hitparaden. "Tell me when" gehörte allerdings zu den meistbejubelten Tracks der "Red"-Show.

 

Ebenso wie "Being Boiled", das Oakey ohne seine Girls präsentierte. Tatsächlich ist dieser Kraftwerk-ähnliche Track bereits 1978 mit differenter Bandbesetzung entstanden und später nach dem kommerziellen Durchbruch neu veröffentlicht worden. Beim Final Song waren die einstmaligen Backgroundsängerinnen dann in voller Euphorie wieder auf der Bühne: "Together in Electric Dreams". Zusammen mit der begeisterten Crowd träumen von einer Zeit, in der (scheinbar) alles besser war. Von der eigenen Jugend...

mehr lesen

Kylie Minogue in Vienna: Ein bunter Style-Clash aus Pop, Disco und Country!

70 Millionen Tonträger hat die gebürtige Melbournerin Kylie Minogue, im Mai 50 geworden, in den letzten 30 Jahren verkauft. In England kann sie 34 Top 10 Singles für sich verbuchen, nur Madonna ist dort erfolgreicher. Hierzulande besuchten gerademal 2500 Fans ihren Auftritt im Wiener Gasometer. Die wurden aber - trotz manch negativer Medienkritiken - nicht enttäuscht. 

 

Bereits der heiße Support der Liverpooler Gay Szene-DJ´s Sonic Yootha begeisterte die auch pinke Community in der Planet Music Hall. Disco- und House Classics zum Abshaken von KLF, C&C Music Factory, S-Express bis hin zu Schmachtfetzen wie "I promised myself" oder - sic est - "Yes Sir, I can boogie". 

 

Kylies 15. Live-Tour steht unter dem Motto ihres neuen Albums "Golden", das neben eingängigen Pop-Hits auch einige Country-Tracks enthält (die in einem Studio in Nashville aufgenommen wurden). Tatsächlich ist die flotte Show mit insgesamt 7 Kostümwechseln, einer bunten Tanzcombo (aus kessen Cow-Girls, Village People-Epigonen, Hipsters und Szene-Heroes) und zahlreichen Effects (wie einer Lasershow und einem Konfettiregen) ein rasanter Querschnitt durch die erfolgreiche Karriere der lange (und vielleicht noch immer) unterschätzten Künstlerin. Ihr Breakthrough Hit "The Locomotion" aus der Zeit mit Stock/Aitken-Waterman durfte da genauso wenig fehlen wie das Gay House-Anthem "Better the Devil you know", das Robbie Williams-Duett "Kids" oder ihr größter Hit, das von Cathy Dennis produzierte "Can´t get you out of my Head" aus dem September 2001. Leider ohne die ultracoole Clip-Choreographie und Fashion. Nur kurz angespielt wurde das Indie-Duett "Where the Wild Roses grow", Nick Cave war ohnehin nicht anwesend.

 

Zwischen countryangehauchten Liedern wie "A lifetime to repair" und "Shelby 68" ertönt der auf dem hippen Dance-Label Deconstruction erschienene Quality Track "Confide in me". Einer der Höhepunkte der Show ebenso wie das mit dem Human League-Klassiker "Being Boiled" gemashte "Slow", 2003 produziert von der Isländerin Emiliana Torrini. Optisch transformierten die Tänzer da zu einer ledernen Biker-Gang. Bis dann das legendäre Studio 54 endlich Eintritt gewährte und Kylie im schicken Glitterkleid aus dem Bühnentunnel stolzierte. "New York City", "On a Night like this" und "Spinning around" on the Dancefloor. Warum gerade das in Europa immens populäre "Your Disco needs you" nicht auf der Setlist stand, bleibt allerdings ein Rätsel.

 

Als Zugabe des Nostalgie-Trips winkten noch "Love at First Sight", zwei Spontan-Unplugged-Versions von "In my Arms" und "2 Hearts" und als Final Track die Hit-Single des neuen Albums "Dancing". Fazit: Eine lässig-poppige Hit-Revue im Stil eines modernen Musicals. Die sich mehr Resonanz und mehr freakige Besucher verdient hätte. 

 

 

mehr lesen

Indie-Rock from Canada - "Blondie" Emily Haines & Metric live im WUK!

WUK Wien im fast ausverkauften Hauptsaal. Man fühlt sich irgendwie in die 70er zurückversetzt oder zumindest fiktiv (da man zu dieser Zeit noch zu jung für Rockkonzerte war). Auf der Bühne eine charismatische blonde Sängerin mit Lederjacke, dazu ein paar Jungs, die mit temporeichem Gitarren-Sound die Massen zum Mitshaken und Mitrocken anheizen. "Denis", "One Way or Another", "Union City Blue" - "Blondie". Fehlanzeige.

 

Es ist 2018, und auf der WUK-Bühne in der Währinger Straße spielen sich Metric aus Kanada die Seele aus dem Leib. Metric - Das sind Emily Haines Vocals & Synthesizer (die auch schon Solo-Alben veröffentlichte, Trance-Giganten wie Tiesto ihre Stimme lieh und den Robert Pattinson-Film "Cosmopolis" soundtechnisch veredelte ), Gitarrist James Shaw, Bassist Joshua Winstead und Drummer Joules-Scott Key. Im Big Music Business ist die in Toronto gegründete Band bereits seit 1998, zwar ohne Mega-Hits, aber mit großartigen Alben und einer mitreißenden Rock-Show. Zuletzt waren sie im Sommer 2018 gemeinsam mit den Smashing Pumpkins on Tour.

 

Und natürlich ist der "Blondie"-Sound nur eine Facette ihrer musikalischen Finesse. Vor allem Frühwerke aus den Nullerjahren wie "Dead Disco", "Gimme Sympathy" oder "Monster Hospital" lassen eine Affinität zur 70er-80er-Punk-Disco-Ikone Deborah Harry erkennen. Und wie das (von Haines nie kommunizierte) Idol zeigt sich im Laufe der Jahre auch ein Wandel im Stil, mehr hin zu düster-elektronisch mit einem Schuss-Indie. Der neue Produzent Justin Meldal-Johnson war nicht umsonst Soundzauberer von Beck, Nine Inch Nails und M83. 

 

Und so finden sich im neuen bereits 7. Album "Art of Doubt", das Metric im Rahmen einer Tour weltweit vorstellen, großartige Tracks wie der prognostizierte Chartstürmer "Dark Saturday", die Rock-Hymne "Dressed to Suppress" oder das leicht melancholische "Now or Never now". Jetzt fehlt nur mehr der längst fällige internationale Durchbruch, die Herzen der Konzert-Fans haben Metric sowieso schon gebrochen...

mehr lesen

Jahresbericht: Gleichbehandlungsanwaltschaft fordert "Levelling-Up"!

Diskriminierungsfälle, Rechtsauskünfte, Informationsarbeit, Medienanfragen - Insgesamt 6130 Aktivitäten erledigte die Gleichbehandlungsanwaltschaft in den letzten beiden Jahren. Der Gleichbehandlungsbericht 2016/17, der jetzt dem Nationalrat vorgelegt wurde, führt die gehäufte Zunahme von Fällen auch auf die #metoo-Debatte und auf gesellschaftspolitische Probleme im Zusammenhang mit Flucht und Migration zurück. Zahlreiche Diskriminierungsfälle landeten auch vor der Gleichbehandlungskommission. Der Senat I beispielsweise behandelte 70 Fälle im Bereich der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts hinsichtlich der Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Die Anzahl der Fälle mit sexueller Belästigung betrug 32, diejenigen mit mangelnder Abhilfe bei sexueller Belästigung 19. Auch die Anzahl der Männer, die sich dem langwierigen Verfahren vor der Gleichbehandlungskommission stellen, wird stetig größer.

 

Abgesehen von budgetären Einschränkungen und einem Bedarf nach höheren personellen Ressourcen (inkl. Social Media) existieren im aktuell geltenden Gleichbehandlungsrecht allerdings zahlreiche inhaltliche und verfahrenstechnische Lücken, deren Beseitigung von (rechts)konservativen Parteien seit Jahren verhindert wird.

 

Wichtigste Forderung der Gleichbehandlungsanwaltschaft ist die Angleichung des Schutzniveaus aller Diskriminierungsmerkmale, das sogenannte "Levelling-Up". So ist beim Zugang zu Gütern und Dienstleistungen nur eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der ethnischen Zugehörigkeit (also aufgrund der Herkunft und der Rasse) verboten, NICHT allerdings aufgrund der Religion, der Weltanschauung, des Alters oder der sexuellen Orientierung. Letztere Merkmale sind nur in der Arbeitswelt geschützt. 

 

Dadurch können sich widersprüchliche, systemwidrige Fallkonstellationen ergeben. Ein homosexueller Kellner kann sich bei einer Kündigung aufgrund seiner sexuellen Orientierung auf das Gleichbehandlungsgesetz berufen, ein lesbisches Pärchen dagegen kann (wie einst im Wiener Cafe Prückel) ohne Sanktionen aus dem Lokal verwiesen werden. Keine Diskriminierung im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes liegt auch dann vor, wenn eine Wohnung an ein homosexuelles Pärchen nicht vermietet wird oder ältere Personen in eine Diskothek nicht eingelassen werden.

 

Im allgemeinen muss die sich diskriminiert fühlende Person keinen Vollbeweis führen, sondern den Diskriminierungstatbestand glaubhaft machen. Der Beklagte wiederum muss beweisen, dass es wahrscheinlicher ist, dass ein anderes Motiv für die unterschiedliche Behandlung ausschlaggebend war. Experten fordern hier gemäß den EU-Richtlinien eine Herabsetzung der Beweislast in dem Sinne, dass der Kläger nur Tatsachen (und keine weitergehende Diskriminierungsabsicht) glaubhaft machen muss, die eine Diskriminierung vermuten lassen. 

 

Andere Vorschläge der Gleichbehandlungsanwaltschaft umfassen die Einführung eines Diskriminierungsgrundes "Soziale Herkunft", eine Weiterentwicklung der Einkommensberichte, eine Angleichung der Fristen für die gerichtliche Geltendmachung von Ansprüchen (auf mindestens 3 Jahre), eine Verbesserung der Wirksamkeit der Bestimmungen zu Stellenausschreibungen und Wohnungsinseraten und eine gerichtliche Beteiligung der Gleichbehandlungsanwaltschaft in Form von erweiterten Feststellungsklagen, Prozessstandschaften oder Verbandsklagen. Derzeit kann die Gleichbehandlungsanwaltschaft von Diskriminierung Betroffene nur im Verfahren vor der Gleichbehandlungskommission begleiten. Eine gerichtliche Feststellungsklage ist allerdings dann zulässig, wenn die Entscheidung der Gleichbehandlungskommission sich mit der Rechtsauffassung der Gleichbehandlungsanwaltschaft nicht deckt.

 

Zahlreiche weitere Reformvorschläge sind in den zwei Bänden des aktuellen Gleichbehandlungsberichts nachzulesen, die auf der Parlamentswebsite abgerufen werden können. Vorrangig sollte ein Levelling-Up für alle Diskriminierungsmerkmale normiert werden. Dies fordert auch der Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen und ist auch state of art in den meisten EU-Mitgliedstaaten. Dieser Wunsch nach einer progressiven Novelle des Gleichbehandlungsgesetzes wird allerdings bei einer "rechtskonservativen" Regierung aus ÖVP und FPÖ ungehört bleiben...

"Eat, Sleep, Rave, Repeat!" - UK-Superstar Fatboy Slim in der Grellen Forelle!

Im Juli 2002 spielte Quentin Leo Cook aka Fatboy Slim vor 250.000 Menschen auf dem Brighton Beach. Halloween 2018 hatte der britische DJ und Produzent Zeit für ein Gastspiel in Wien, im coolen Undergroundclub Grelle Forelle an der Spittelauer Lände. Für ihn kein Widerspruch.

 

"Ich habe nie aufgehört, in Clubs aufzulegen. Der Club ist eher der Ort, in dem du experimentierfreudiger bist, auch mal einen neuen Track live ausprobierst.", so der Miterfinder des Big Beat, einer rund um Samples und Breakbeats konzipierten Stilrichtung elektronischer Musik. Und so enthielt die Setlist seines fast 2 1/2-stündigen Auftritts in der Grellen Forelle keine Greatest Hits-Mix-Show (die es mit "Rockafeller Skank", "Praise You" oder "Right here, right now" zur Genüge gäbe), sondern eine bunte Mixtur aus House, Techno, Acid und Ibiza Beats. 

 

Gestartet wurde - nach einem temporeichen UK-House-Set von DJ (und FM4-Moderator) Kristian Davidek - pünktlich um 2 Uhr früh. Mit "Renegade Master" und seinem letzten großen Chart Hit "Eat sleep rave repeat", sozusagen als Erkennungsmerkmal, dass der Meister hinter den Turntables steht. Die DJ-"Kanzel" ist zwar gegenüber der Tanzfläche leicht erhöht, aber seitlich abgeschlossen, sodass man aufgrund der dunklen, undergroundigen Club-Atmosphäre den DJ aus weiterer Entfernung kaum erblickt. Trotz der genialen Licht-Installationen des Wiener Visuals-Kollektivs Neon Golden.

 

Party-Fotos und Videos wird man von der Grellen Forelle übrigens nur spärlich finden. Denn die Club-Chefs betreiben - ähnlich dem "Berghain" und dem "Watergate" in Berlin - ein striktes Foto- und Filmverbot im gesamten Areal, das - trotz seiner exponierten Lage am Donaukanal - ca. 700 Techno- und Housefreaks beherbergen kann. Die Grelle Forelle zählt auch zu den wenigen Wiener Clubs mit einer klaren politischen Haltung: Gegen Diskriminierung, für Toleranz. Unterstrichen wurde dies 2013 durch ein Facebook-Posting, dass FPÖ-Wähler im Club nicht erwünscht seien.

 

Dem nunmehr 55jährigen Fatboy Slim, der dieses Jahr auch als Resident-DJ im Pacha Ibiza fungierte, dürfte die kühl-minimalistische Stimmung und die volle Tanzfläche bis fast 5 Uhr früh gefallen haben. Nach einem härteren Acid House-Mix kletterte der britische Superstar auf das DJ-Pult und animierte die Techno-Schar zum Mitklatschen, Niederhocken und Aufspringen. Als letzte Zugabe um halb fünf: "Strings of Life", der geniale 80er-Ibiza-Klassiker in einem Remix seines DJ-Kollegen Mark Knight. Der Sommer ist nur vorbei, wenn man es zulässt :-)

Fotos Fatboy Slim by Ulrike W. (Facebook)

mehr lesen

UVP-G-Novelle: Schwarz-Blau beschränkt Parteien-Rechte der Umwelt-Vereine!

"Hände weg von Umwelt- und Bürgerrechten" - Mit diesem Slogan demonstrierten ca. 20 Greenpeace-Aktivisten früj Morgens auf dem vor dem Parlament platzierten Kran. Grund dieser Aktion war eine Novelle des Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetzes (UVP-G), die trotz der Proteste einige Stunden danach - als letzter (!) Punkt der Tagesordnung - mit schwarz-blauer Mehrheit beschlossen wurde.

 

Das auf einer EU-Richtlinie basierende UVP-Gesetz hat das Ziel, Umweltschäden zu vermeiden und vorwiegend Großprojekte (wie Kraftwerke, Straßen, Flugplätze, Industrieanlagen oder Freizeitparks) einer Umweltverträglichkeitsprüfung zu unterziehen. Auch Umweltorganisationen haben bei derartigen Verfahren seit Juni 2005 Parteistellung und somit - genauso wie Nachbarn, Standortgemeinden, Umweltanwälte oder die neu installierten Standortanwälte - das Recht, im Genehmigungsverfahren Rechtsmittel an das Bundesverwaltungsgericht bzw. Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof zu erheben.

 

Diese Parteienrechte wurden durch die ÖVP-FPÖ-Regierung nun radikal eingeschränkt. Und zwar insofern, als nur mehr jene Umweltvereine Parteienstellung haben, die mindestens 100 Mitglieder aufweisen. Ein Verband muss weiters mindestens fünf Mitgliedsvereine umfassen. Die ursprüngliche Regelung verlangte zusätzlich eine Liste der Vereinsmitglieder mit Name und Anschrift, die dem Antrag beigefügt werden sollte. Diese datenschutzrechtlich bedenkliche Regelung (mit dem augenscheinlichen Ziel, Aktivisten einzuschüchtern) wurde durch einen Abänderungsantrag entschärft: Die Zahl der Mitglieder müsse jetzt "nur" der Behörde glaubhaft gemacht werden, beispielsweise durch die Bescheinigung eines Notars oder eines Wirtschaftsprüfers.

 

Weiter im Gesetz normiert ist allerdings das Mindesterfordernis von 100 Mitgliedern, was bedeutet, dass ca. zwei Drittel der Umweltvereine am UVP-Verfahren nicht mehr teilnehmen können. Verfassungsexperten sehen darin auch eine europarechtswidrige Auslegung der Richtlinie. Bereits 2009 habe der EuGH in einem Urteil gegen Schweden eindeutig klargestellt, dass eine alleinige Mitglieder-Grenze für die Anerkennung zur Parteienstellung von Umweltschutzorganisationen nicht mit den Zielen der UVP-Richtlinie vereinbar ist, so Global 2000. Zusätzliche Kriterien wie regelmäßige Ausstellungen zum Thema oder starke Teilnahme an Begutachtungsverfahren sollten wie beim "schwedischen Modell" zum Beleg des öffentlichen Interesses herangezogen werden. 

 

Die rüde Vorgangsweise von Schwarz-Blau gegenüber Umwelt-NGO´s zeigt ganz deutlich, dass der rechtskonservativen Regierung die Großkonzerne wichtiger sind als die Umwelt. In diese Richtung zielt auch das geplante "Standortentwicklungsgesetz", das eine automatische Genehmigung eines Großprojektes normiert, wenn die Umweltverträglichkeitsprüfung länger als ein Jahr dauert. Der Gesetzesentwurf verstößt laut renommierter Wiener Verwaltungsjuristen allerdings gegen derartig viele Grundsätze des Europa- und Verfassungsrechts, dass vermutlich sogar Schwarz-Blau Angst hat, sich im Nationalrats-Plenum lächerlich zu machen...

"Family Business" - Kim Wilde mit "Aliens"-Tour in der Ottakringer Brauerei!

"Here come the Aliens" - So nennt sich nicht nur das brandneue Album, sondern auch die aktuelle Tour von Kim Wilde. Man hätte sie auch "Family Business" nennen können, stehen doch neben der 1960 als Kimberley Smith geborenen Londonerin noch Bruder Ricky Wilde (auch für die Produktion zuständig) und Nichte Scarlett Wilde (die obendrein das kreative Artwork des neuen Albums gestaltete) auf der Bühne. Was dem Konzert-Vergnügen aber nur gut tut. Man merkt während der gesamten Show die positive Chemie und die Leichtigkeit zwischen den Familienmitgliedern.

 

Auch die Setlist und die Songversionen beim Auftritt in der extravaganten Location der Wiener Ottakringer Brauerei sind schlau gewählt. Einerseits Retro back zu den großen Hits der Vergangenheit (in rockigeren Mixes) andererseits ein Querschnitt aus dem neuen "Aliens"-Album. Das wie einst in den 80ern von Bruder Ricky Wilde produziert wurde und neben elektronischen Tracks wie "Kandy Krush" oder "Cyber Nation War" auch Songs (wie "Stereo Shot", die Ballade "Solstice" oder "Birthday") enthält, die durchaus aus der Dekade der 80er stammen hätten können.

 

Zum Mitklatschen, Mitsingen oder Schwärmen über eine längst vergangene Zeit dienten dem altersmäßig weit gestreuten Publikum allerdings vorwiegend die Greatest Hits von Kim Wilde aus den Eighties. Egal, ob die US-Nr. 1 "You keep me hangin´ on" (ein Supremes-Cover), die New Wave-Klassiker "View from a Bridge" oder "Cambodia" (der über einen verschollenen Militärpiloten handelt) oder die aus dem 88er-Album "Close"  stammenden Hits "Never trust a Stranger", "You came", "Hey Mr. Heartache" und "Four Letter word". Die damals weltweit so erfolgreich waren, dass Kim Wilde sowohl als Support bei der Michael Jackson-"Bad"-Tour als auch bei der David Bowie-"Sound & Vision"-Tour verpflichtet wurde.

 

Der Erfolg der "Bardot der Popmusik" (so die deutsche Teenie-Gazette "Bravo einst in den 80ern") ebbte in den 90ern mit dem kommerziellen Durchbruch der Grunge-, Techno- und House-Szene ständig ab. Wilde verlegte sich aufs Musical ("Tommy"), gründete eine Familie mit zwei Kindern und war im britischen TV als Landschaftsgärtnerin zu sehen. Mit Nena stürmte sie 2003 mit einer englischen Version von "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann" die Pop-Charts. Diesen Song gab es in der Ottakringer Brauerei - trotz einer Nr. 1-Platzierung in Österreich - leider nicht zu hören. Stattdessen allerdings als letzte Zugabe ihren ersten Superhit "Kids in America". Für ganze 5 Minuten fühlten sich alle Besucher wieder jung, frech und unwiderstehlich. Die großartige Kim Wilde sowieso...

mehr lesen

"Der Wein des Vergessens" -Buchpräsentation von Streibel & Hermann im Wiener Thalia

Mai 1937 - Fronleichnam in Krems. Drohendes Unheil kündigte sich bereits in der (anvisierten) Gauhauptstadt an. Beim Festumzug liefen zahlreiche Besucher bereits mit Hakenkreuz-Ansteckern herum, und sogar in der Alten Post beim Steinertor wurden Homosexuelle und Juden mit Sprüchen wie "Die Warmen sind wieder da" oder "Irgendwann werden die Juden nichts mehr zu bestellen haben" diskriminiert und beschimpft. 

 

In dieser Zeit beginnt der dokumentarische Roman "Der Wein des Vergessens" der Kremser Robert Streibel und Bernhard Hermann, den die beiden Historiker nicht nur am Tatort Krems, sondern auch im Thalia Wien präsentierten. Grundlage der schockiereden Tatsachenfeststellungen ist eine Metallkassette mit Briefen und Dokumenten, die Hermann 2008 in der Salzburger Wohnung seiner verstorbenen Cousine fand. Darin enthalten auch Informationen über die Arisierung eines Kremser Weinbaubetriebes im Jahre 1938, der Sandgrube 13. Diese war bis zum Anschluss im Besitz des jüdischen Geschäftsmannes Paul Robitschek, der eine homosexuelle Beziehung mit dem umtriebigen Gesellschaftslöwen August Rieger führte. 

 

Beide kamen in Konflikt mit dem Kremser Gemeinderat (!) und NSDAP-Mitglied Franz Aigner, der mit Unterstützung von mehr als 100 Weinbauern das Weingut Robitscheks enteignete und arisierte. Und das, obwohl Robitschek seinem Freund Rieger das Weingut vor Inkrafttreten der deutschen Eigentumsgesetze rechtmäßig verkaufte. Robitschek flüchtete aus Angst vor einer KZ-Deportation nach Triest, dann nach Frankreich (wo er als deutscher Spion - sic est - verhaftet wurde), Lissabon und Caracas, wo er nach Ende des Kriegs im Exil starb. Gefundene Tagebuchaufzeichnungen machen die unglaubliche Geschichte zusätzlich faktengetreu nachvollziehbar. 

 

Nicht unbedingt zum Wohlgefallen der heutigen Sandgrube-Geschäftsführer, die monatelang den Kontakt mit Streibel und Hermann ablehnten und erst zwei Wochen nach Erscheinen des Buchs persönliche Gespräche anbahnten. Es gebe allerdings nach der Einschätzung Streibels keine Hinweise darauf, dass jemand im gegenwärtigen Umfeld der 1938 (!) gegründeten Winzergenossenschaft von der Arisierung der Sandgrube Bescheid gewusst hätte. 

 

Auch keine Ahnung von dieser Familiengeschichte hatte die 71jährige Nichte Anita Robitschek, die von der Sandgrube-Geschäftsführung nach Krems eingeladen wurde. Konsultiert wird auch eine Historikerkommission unter der Leitung von Brigitte Bailer-Galanda vom Dokumentationsarchiv.

 

Krems-NS-Experte Streibel machte während der Buchpräsentation auch darauf aufmerksam, dass Krems die erste Stadt mit einem Nazi-Bürgermeister war. Die Christlichsozialen hatten damals zwei Optionen, sie wählten nicht den Roten, sondern den NSDAP-Kandidaten zum Stadtoberhaupt. Auch eine klare Warnung an die aktuellen Stadtpolitiker (und die Wähler), dass rechte Kräfte nie wieder im wunderschönen Krems an die Macht gelangen dürfen...

 

Der historische Roman "Der Wein des Vergessens" kann hier bestellt werden:

 

https://www.residenzverlag.com/buch/der-wein-des-vergessens

U2 mit "Experience & Innocence"-Tour der Superlative in Amsterdam!

'Four Irish boys come to the great port of Amsterdam to play a club called the Milky Way, it’s still here, de Melk Weg,  and the whole universe changes in them…" - So die Worte des charismatischen U2-Frontmans Bono Vox bei den ausverkauften Konzerten im gigantischen Ziggo Dome im Süden der niederländischen Hauptstadt.

 

170 Millionen Alben hat die in Dublin 1976 gegründete Band, bestehend aus Paul David Hewson aka Bono Vox, Gitarrist "The Edge" David Howell Evans, Bassist Adam Clayton und Drummer Larry Mullen, seither verkauft, das aktuelle 13., "Songs of Experience", stellt inhaltlich und auch showtechnisch mit Nr. 12, "Songs of Innocence", eine Einheit dar. Aufgrund der Änderung der politischen Lage in Richtung Nationalismus, Rechtspopulismus und Fake News - Stichworte Brexit und Trump - wurde das neueste Album terminlich auf Dezember 2017 verschoben. U2 widmeten dazwischen ihrem legendären Meisterwerk "Joshua Tree" eine 30th-Anniversary Tour. Wermutstropfen: Bei der Experience & Innocence-Tour stehen "With or Without you" , "I still haven´t found what I´m looking for" oder "Where the Streets have no Name" nicht auf der Setlist. Es sollte aber der einzige bleiben.

 

Abseits der großartigen Songs: Das futuristische Bühnenkonzept der Dubliner mit einer A-Front-Stage, einer kreisförmigen B-Stage direkt inmitten des Publikums, zusätzlich versehen mit Floor-Videokameras, und dem sogenannten "barricage", einem 29 Meter langen LED-Screen mit einem inneren Gang, der unmittelbar über dem Verbindungssteg zwischen den Bühnen hängt, ist einzigartig und wird in den nächsten Jahren von vergleichbaren Bands schwer zu toppen sein. Was U2 zusätzlich von zahllosen anderen Künstlern unterscheidet: Seit Bestehen der Band setzt sich die Band für Freiheits- und Menschenrechte, Frieden, Umverteilung und Gerechtigkeit ein. Derzeit wichtiger denn je.

 

Vor dem Opener "Blackout" hält Charlie Chaplin als "Great Dictator" eine euphorische Rede über Frieden und Toleranz. Bei "Summer of Love" thematisieren U2 per Video Screen die Flüchtlingskrise und stellen diese konträr zum aufkeimenden Rechtsradikalismus und Nationalismus in Europa. Bilder von Demonstrationen mit Slogans wie "Refugees Welcome" und "Stop Neofascism" unterstreichen die politische Linie der Dubliner, im Hintergrund hämmert bereits der 85er-Mega-Hit "Pride - In the Name of Love", damals Friedensnobelpreisträger Martin Luther King gewidmet.

 

Wiederauferstehen ließen U2 bei der neuen Tour das diabolische Alter Ego von Bono Vox, "MacPhisto", bekannt aus der progressiven, medienkritischen 93er-Zoo-TV-Tour. Für das liberale, weltoffene Amsterdam spielte die per Videofilter konstruierte Figur mit xenophoben Gelüsten: "'So many bridges around here. You need to build some walls… to keep out all the different people that you don't want in Europe. Because you don't want to be a part of Europe because its full of foreigners… and we don't like f-f-f-f-f-f foreigners!"

 

Beim 83er-Hit "New Years Day" erstrahlt im Hintergrund eine riesige Fahne der Europäischen Union. Kein Wunder, U2 gelten seit jeher als Verfechter eines gemeinsamen, solidarischen Europas. "Europe is an amazing romantic idea that we speak in so many different languages but with one voice", so Bono Vox bei einer Pressekonferenz. Präsentiert wird in der Show - direkt vor den Zugaben - auch die Kampagne "Poverty is sexist" von Bonos Charity Organisation "One". Zu sehen ist darin auch die Tochter von "The Edge", Sian Evans.

 

Die U2-Tour läuft in den europäischen Arenen noch weiter bis 13. November. Das Abschlusskonzert findet aufgrund des Abbruchs am 1. September jetzt in Berlin (und nicht in Dublin) statt und wird auch auf DVD veröffentlicht-. Wie es mit U2 konzertmäßig weitergeht, steht in den Sternen. Eine längere Live-Pause dürfte leider als sicher gelten, wenn man die Worte von Bono Vox in Amsterdam heranzieht: ""This is it. It's the end of the night. We don't know when we'll see you again. This has been a great country for us for so many years. This city has spoiled us. We won't forget it. Thank you for two really special nights."