"Face it" - 18 Masken-Porträts vor dem Wien Museum!

Das Wien Museum am Karlsplatz wird derzeit saniert und um einen zweigeschoßigen Aufbau erweitert. Eine hochaktuelle Ausstellung gibt es trotzdem zu sehen, und das sogar ohne Maskenpflicht. Denn die Fotoexhibition "Face it" befindet sich im Freien auf dem Bauzaun vor dem Wien Museum. Der Clou: Alle 18 Porträtierten sind verhüllt mit einer Maske.

 

Die Idee zu dieser Freilichtausstellung entstand bereits während des Lockdowns Ende März. Abgelichtet wurden 18 Personen von der Fotografin Elodie Grethen, Kurator Peter Stuiber führte zusätzlich Interviews über die Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen der Porträtierten, die neben den großformatigen Fotos in deutscher und englischer Sprache platziert wurden. 

 

So erzählt ein seit 12 Jahre in Österreich lebender Augustin-Verkäufer von seiner Quarantäne und dem Krankenhausaufenthalt. Eine Buslenkerin der Wiener Linien öffnet nach jedem Stopp beide Türen, um durch Lüften die Corona-Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Die hippe Modedesignerin Romana aus Neubau eröffnete einen Online-Shop für Masken. Eine Alleinerzieherin aus Favoriten, die mit acht Personen in einer Wohnung lebt und mit zwei Kindern abgebildet ist, schildert ihre Angst über die Pandemie. Ihr Motto: "Es ist besser nicht rauszugehen". Eine Spar-Verkäuferin aus Währing, die erst im März ihren Job begonnen hat, schüttelt den Kopf über die Hamsterkäufe der Kunden, die sich mit massenhaft Klo-Papier und Nudeln Mitte März eingdeckt haben (obwohl nie von einer Schließung der Lebensmittelgeschäfte die Rede war).

 

Viele weitere Anekdoten aus der Zeit zwischen April und Juni 2020 eröffnen sich den Betrachtern auf der Foto-Allee vor dem Wien-Museum, von einer Ärztin, einem Polizisten, einem Notfallsanitäter, einem Friseur, einer Heimhilfe des Samariterbundes, einem Polier, einem Lehrer, einem Fahrradkurier und der Kulturproduzentin Tonica, die mit einer "Black Lives Matter"-Maske fotografiert wurde. Auch in Zeiten eines Lockdowns darf man nie auf seine Werte und Visionen vergessen.

Rock the Bus: Female Power auf dem Wiener Donauinselfest-Bus!

Bis zu 3 Millionen Menschen besuchten die letzten Jahre das Wiener Donauinselfest, das - seit 1984 - ein dreitägiges Party-Spektakel mit großen Musikbühnen, DJ-Lines, Kabarett-Entertainment und Gastro ohne Ende bietet. Dieses Jahr musste das Donauinselfest aufgrund der Corona-Maßnahmen in seiner ursprünglichen Art abgesagt werden, stattdessen tourt seit 1. Juli ein bunt gefärbter Bus durch "ganz Wien". Dort, wo üblicherweise Leute sitzen, wurde eine Bühne platziert, wo Künstler verschiedenen Genres ihre Show abliefern. Genauer Termin und Open Air-Location werden per App eine Stunde vor dem Gig bekanntgegeben, für die einen also ein Pop-Up-Überraschungs-Konzert, für die Fans eine turbulente Groupie-Jagd quer durch Wien...

 

Gleichberechtigung im Sinne von annähernd gleich vielen männlichen und weiblichen Acts ist bei Musik- (aber auch bei Kabarett-Events) noch lange nicht state of art. Umso erfreulicher ist es, dass bei den DIF-Ersatzevents zahlreiche hochkarätige weibliche Künstler, Newcomer und Shooting Stars gebucht wurden.

 

Ankathie Koi, die eigentlich aus Bayern stammende und in Wien lebende Sängerin, begeisterte bereits Ende Juli vor "vollem Haus" beim Kultursommer in Oberlaa. Mit schrillem, sexy Outfit und roter Perücke präsentierte sie mit ihrer Band Tracks aus ihren beiden Alben "I hate the way you chew" und "Prominent Libido". Die secret Bus-Tour führte sie u.a. zum Siebenbrunnenplatz und zum Naschmarkt.

 

Wahlwienerinnen sind auch die Balkan-Ladies von Madame Baheux. Jelena Poprzan aus Serbien, Ljubinka Jokic aus Bosnien, die von der Wiener Tschuschenkapelle bekannte Maria Petrova und die beim DIF-Trip verhinderte Lina Neuner aus Wien zelebrieren einen groovigen Stilmix aus Balkan-Pop, Folk, Jazz und Rock und brachten die Fans auch bei ihren Gigs im Währinger Park und im Stadtpark zum Tanzen. Das 10-Jahres-Band-Jubiläum wird im Dezember im Porgy & Bess gefeiert.

 

Ihre ersten großen Auftritte hatten Viktoria Winter und Mario Wienerroither aka Dramas beim Popfest und beim FM4-Fest in der Ottakringer Brauerei. Strictly in Red verschlug es die Wiener Elektro-Popper auf den Platz der Menschenrechte vor dem Museumsquartier. Mit dabei Tracks aus ihrem Debüt-Album "Nothing is permanent", "Flatline" (mit der faszinierenden Textzeile "So happy I could die") und ihre beiden neuen Songs "Perfect Silence" und "Undercover Dreamer". Ein Sound, der kongenial auf internationale Festivals a la Eurosonic, Cruilla oder Rock en Seine passen würde, sollten sie nächstes Jahr wieder stattfinden.

 

Pop auf deutsch in allen Spielarten, das fabriziert die Wiener Musikerin und Schauspielerin Pippa, die mit ihrem ersten Album "Superland" einen Überraschungserfolg gelandet hat. Release Nr. 2, "Idiotenparadies", ist gerade erschienen und wird Ende September im Porgy & Bess offiziell präsentiert. Darunter auch ein Titel namens "Dystopia", der allerdings vor dem Angriff der Corona-Viren geschrieben wurde. Dazu Elektro-Tracks wie die neue Single "Tagada", Hip-Hop-Kollaborationen a la "Egal" mit Kritik an der Gleichgültigkeit der Gesellschaft, romantische Balladen ("Warte wieder") oder "Wien, du machst mich verrückt"-Feel-Good-Pop. Das Styling Pippas (inklusiver peppiger Sonnenbrillen) erinnert etwas an die NDW-Ikonen der 80er, die Zuschauer auf dem weiträumigen Rothschildplatz auf dem Bank Austria Campus nahe dem Praterstern waren begeistert.

 

"Ich habe meine Karriere zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt gestartet", so die junge Oska bei ihrem abendlichen Gig auf dem legendären Naschmarkt. Kurz vor dem Lockdown war sie noch FM4-Soundpark Act des Monats Februar. Die Waldviertlerin, die sich nach ihrem ältesten Bruder (ohne r) benannt hat und damit ihre Familienverbundenheit demonstriert, bewegt sich mit ihren lässigen Folk-Songs in einer schwebenden Bandbreite zwischen Melancholie und Fröhlichkeit. Vor allem bei dem wunderschönen "Honeymoon Phase", einem Lied über die Phase des Verliebt-Seins, lauschten die zahlreichen Musikfans andächtig den zarten Tönen. Die Zukunft kann beginnen, hoffentlich bald wieder auf normalen Konzert-Bühnen auf Festivals, in Clubs und Bars.

Dialekt-Chansons am Naschmarkt: Sigrid Horn live beim Wiener Kultursommer!

Eine düster-melancholische Abendstimmung hängt über dem Wiener Naschmarkt, leichte Regentropfen und dunkle Wolken verdecken die August-Sonne. Eigentlich ein ideales Szenario für den Auftritt der österreichischen Liedermacherin Sigrid Horn, deren nachdenkliche Songs in diese Atmosphäre passen.

 

Die aus dem niederösterreichischen Mostviertel (Neuhofen/Ybbs) stammende Sängerin, die sich als Vocalistin des Quartetts "wosisig" und als Poetry Slammerin Giga Ritsch (auch bei Donnerstagsdemos) einen Namen gemacht hat, hat im März 2020 ihr zweites Album "I bleib do" veröffentlicht. Vorgestellt hat sie das von Ernst Molden co-produziertes Werk u.a. im Rabenhof-Theater und in der Elbphilharmonie Hamburg, bis die Corona-Krise ihre Träume von einer Promotion-Tour durch Europa beendete. Jetzt, nach 6 Monaten, wird der Gig-Kalender wieder voller. Nach einem Auftritt in Tirol düste Horn per Auto zum Wiener Naschmarkt, wo sie im Rahmen des Kultursommers einige ihrer Lieder aus ihren bisher erschienenen Alben "Sog I bin weg" (2018) und "I bleib do" (2020) präsentierte.

 

Gekleidet ist die seit dem letztjährigen Popfest hochgefeierte Liedermacherin stets in schwarz, die Augen beim Singen geschlossen, konzentriert, authentisch - eine Sängerin, der man nicht nur bei ihren Liedern, sondern auch bei ihren Erzählungen dazwischen gerne zuhört. Musikalisch begleitet sich Horn bei diesem Auftritt selbst mittels Ukulele und Keyboard, ansonsten tritt sie auch im Trio (wie am 2. September im Museumsquartier) auf.

 

Die Themen der in Dialekt vorgetragenen Songs drehen sich um Familiengeschichten, Umwelt, Gedanken über das Leben und die Zukunft oder um emotionale Liebesgefühle. Mit "Baun", einer Anklage gegen die Zersiedelung der österreichischen Landschaft, gewann Horn 2019 den FM4-Protestsongcontest. "Daham" reflektiert den Heimatbegriff, der in einer multikulturellen Gesellschaft nur schwer eruierbar ist. Ein Wink auf ihre eigene Historie, der Vater ist ein in Chile aufgewachsener Bildhauer. Die erste Single "Radl" aus ihrem neuen Album widmete Horn ihren Großeltern, die seit über 60 Jahren glücklich miteinander verheiratet sind und ihre Karriere gefördert haben. 

 

"Kassandra" (nicht zufällig namensgleich mit der Seherin aus der griechischen Mythologie"), "Heazn", "Frühling" "Ripm" und "Zombies" sind weitere Songs aus dem Repertoire, die das Publikum am Naschmarkt bezaubern, bis sich stärkerer Regen in die Performance der jungen Sängerin einmischt. Man kann aber getrost behaupten, dass trotz der teils düsteren Texte die Sonne für Sigrid Horn steil aufsteigt...

https://www.sigridhorn.at/

 

"Save the Rave"-Demo in der Wiener Innenstadt für die Erhaltung der Clubkultur!

Gemeinderatswahlen 2020: Mehr als 30 Prozent der Wiener dürfen nicht wählen!

Am 11. Oktober 2020 wird in Wien gewählt, und zwar sowohl der Gemeinderat als auch die jeweiligen Bezirksvertretungen. Das heißt aber noch lange nicht, dass am Wahltag jeder in Wien lebende Bürger zur Wahlurne schreiten darf und jene Partei wählen kann, die seine politischen Wertvorstellungen und Lebensbedürfnisse vertritt.

 

Denn aufgrund der aktuellen gesetzlichen Bestimmungen darf in Wien fast ein Drittel der Bürger nicht wählen. Laut Statistik Austria lebten am 1. Jänner 2020 in der Bundeshauptstadt insgesamt 1.615.475 Personen im wahlberechtigten Alter. Davon sind – aufgrund mangelnder österreichischer Staatsbürgerschaft – 486.659 Wiener nicht teilnahmeberechtigt, das sind insgesamt 30,1 Prozent. Einzig allein EU-Bürger mit Hauptwohnsitz in Wien dürfen aufgrund des Vertrags von Maastricht (1992) an den Bezirksvertretungswahlen teilnehmen.

 

Die Situation hat sich so weit verschärft, dass trotz eines Anstiegs der Wiener Bevölkerung um mehr als ein Viertel seit 1990 und einer Senkung des Wahlalters von 18 auf 16 im Jahr 2007 sich die Anzahl der Wahlberechtigten in Wien sogar reduziert hat. Bei der letzten Gemeinderatswahll betrug die Wahlbeteiligung 74,8 Prozent, real allerdings nur knapp 56 Prozent.

 

Der Verein SOS Mitmensch, der auch dieses Jahr wieder eine Pass Egal-Wahl durchführen wird, fordert in diesem Zusammenhang ein volles nationales und kommunales Wahlrecht spätestens nach drei Jahren Lebensmittelpunkt in Österreich. Als Vorbild gilt hier insbesondere Neuseeland, wo Menschen bereits nach einem Jahr ununterbrochenem Aufenthalt auf allen Ebenen wählen dürfen. Zahlreiche EU-Länder (wie Dänemark, Spanien, Schweden, Portugal, Ungarn oder Großbritannien) sehen ein Wahlrecht für Drittstaatsangehörige bei Kommunalwahlen vor.

 

In Österreich dürfte die Umsetzung allerdings schwierig sein, da für eine Änderung des Wahlrechts eine Verfassungsänderung per 2/3-Mehrheit beschlossen werden muss und sich die mehrheitlich rechtskonservativen Parteien der ÖVP und FPÖ strikt gegen ein Ausländerwahlrecht aussprechen.

 

Eine Alternative wäre eine (einfachgesetzliche) Änderung des österreichischen Staatsbürgerschaftsrechts, das zu den restriktivsten der Welt zählt. Im Jahr 2018 wurden nur 4121 Ausländer eingebürgert, eine Rate von 0,67 Prozent. Um österreichischer Staatsbürger zu werden, müssen nicht nur zahlreiche Hürden (wie jahrelange, ununterbrochene Wartefristen und qualifizierte Sprachkenntnisse) absolviert und hohe Gebühren bezahlt, sondern auch ein „hinreichend gesicherter Lebensunterhalt“ (im Sinne eines Mindesteinkommens oder Mindestpension) nachgewiesen werden. Ältere Personen, Teilzeitarbeitskräfte, prekär Beschäftigte und überproportional Frauen können aufgrund dieser Grenzwerte nicht Staatsbürger werden, obwohl sie bereits jahrzehntelang in Österreich leben. Auch Kinder, die in Österreich geboren sind, werden nicht ex lege zu österreichischen Staatsbürgern. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Kinder die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen, wenn ein Elternteil seit 8 Jahren im Staatsgebiet lebt. Rechtlich unzulässig sind auch Doppelstaatsbürgerschaften, was vor allem traditionell geprägtere Migranten davon abhält, Österreicher zu werden.

 

Der Wahlausschluss von mehr als 30 Prozent der Wiener hat auch seine gefährlichen Komponenten. Rechte Parteien schüren im Wahlkampf zumeist mit Unterstützung diverser Boulevardmedien den Ausländerhass und spalten die Wiener Bevölkerung, die eigentlich eine verschworene Gemeinschaft unabhängig von Herkunft und Religion darstellen sollte. Und auch integre Parteien zielen „wahleffizient“ mehr auf die Wünsche und Interessen der tatsächlich Wahlberechtigten ab als auf jene, die sich nicht am Wahltag mit einer Stimme bedanken können.

 

 

Es ist daher 5 Minuten vor 12. Damit Wahlen künftig weiterhin repräsentativ sind und die gesamte Bevölkerung Einfluss auf die politische Richtung des Landes nehmen kann, müssen die Rahmenbedingungen im Sinne eines weltoffenen, progressiven Wahlrechts und schnellerer Einbürgerungen verändert werden. Die Pass Egal-Wahl von SOS Mitmensch darf nur der erste Schritt sein…

"Achtung, Klatschsaft": Ankathie Koi rockt beim Wiener Kultursommer in Oberlaa!

Fünf Monate nach dem Ausbruch der Corona-Krise befindet sich Österreich trotz geringer Infektionszahlen, vor allem geringer Hospitalisierungszahlen, veranstaltungstechnisch noch immer im Tiefschlaf: Stadthalle, Gasometer und die meisten aller Locations sind geschlossen, durchgeführt werden derzeit nur vereinzelt Sitzplatzkonzerte mit wenigen Gästen wie im Fluc oder im Chelsea. Während die Klassikfestivals zwar dezimiert, aber zumindest stattfinden (bei den Salzburger Festspielen alleine 110 Einzelaufführungen mit fast 90.000 Plätzen), fällt der gesamte Pop-, Rock-Dance-Zirkus den Corona-Restriktionen zum Opfer.

 

Die Sperrstunde in der Gastronomie wurde mit 1 Uhr nachts festgelegt, die Clubs dürfen trotz durchdachter Konzepte nicht öffnen und bangen um ihr Überleben. Stattdessen feiern die Kids und Party People auf dem Karlsplatz, dem Donaukanal und auf zahlreichen illegalen Rave Parties, bei denen auf Physical Distancing  eher wenig Wert gelegt wird. Wohl nicht im Sinne der Corona-"Oberlehrer", die Zahlen steigen aber - ebenso wie nach Großdemonstrationen - trotzdem nicht.

 

Als legalen Ersatz für die vielen abgesagten oder verschobenen Konzerte, Auftritte und Aufführungen hat die Stadt Wien den sogenannten "Wiener Kultursommer" organisiert. Unter der Mithilfe von zehn Experten, darunter so klingende Namen wie Mira Lou Kovacs, Fritz Ostermayer oder Tina Leisch, werden bis Ende August ca. 2000 Künstler und Künstlerinnen auf 25 verschiedenen Spielstätten in Wien auftreten. Die Besucher sind verpflichtet, beim Eingang Name, Telefonnummer und E-Mail-Adresse anzugeben, damit im Falle eines Corona-Verdachtsfalles die Gesundheitsbehörden potentielle Infektionsketten mittels "Contact Tracing" eruieren können. Da die Veranstaltungen alle im Freien stattfinden, geht die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei gleichzeitiger Einhaltung eines obligatorischen Sicherheitsabstandes allerdings ohnehin gegen Null. 

 

Eine, die ansonsten auf Abstände und Limitierungen überhaupt keinen Wert legt und sich auch gerne in die Zuschauermenge wirft, stand Samstag Abend auf der Main Stage in Oberlaa: Ankathie Koi, die ursprünglich aus Oberbayern stammende, in Wien lebende extravagante Performerin, die kürzlich ihr zweites Album "Prominent Libido" veröffentlicht hat. Wie üblich mit pinken Haaren und sexy Outfit, die Band im trashigen 80´s-Style. Auf der Setlist ihre Hits "Little Hell" und "Royal Boy", ihren über sechsminütigen Burner "Strong like a Hurricane" oder ihre phänomenalen Woman-Tracks "Viktoria", "Adriana" und "Shanghai mazes". Bei letzterem handelt es sich laut Ankathie um ihr einziges Liebeslied, auch wenn die verschmähte Frau am Ende dem Mann den Kopf abschneidet. 

 

Was allerdings anders ist: Die Fans der freakigen Künstlerin stehen nicht schweißüberströmt und kreischend vor der Bühne, sondern sitzen wie in einem dystopischen Science Fiction-Thriller jeweils mit Sicherheitsabstand zu anderen Besuchergruppen auf pinken Strandsesseln. Getanzt wird nicht, ein bisschen geswingt und ausgezuckt aber beim Weg zwischen Bierstand und Beach Chair. Das stört auch die mit Schutzmasken ausgestatteten Securities nicht.

 

Auch für Ankathie Koi eine Premiere. Sie hat zum ersten Mal das Publikum gebeten, auf keinen Fall mitzusingen. Die gefährlichen Aerosole. Außerdem warnte sie vor dem "Klatschsaft" und forderte die Fans auf, "die Hände hohl aufeinander bouncen zu lassen". Das erzeuge weniger Schweiß. Das mehr als einstündige Konzert hat trotz all dieser Skurrilitäten allen Spaß gemacht. Gleichzeitig warten aber alle bereits auf Konzerte wie in den "guten, alten, exzessiven Pre-Corona-Zeiten". Die Menschen wollen tanzen, singen, ausflippen, nicht nur, aber auch zu den elektropoppigen Beats Ankathie Kois...

 

Das Kultursommer-Programm auf: https://kultursommerwien.at/

Szene-Porträts und Wiener Aufbruch: Michael Horowitz-Fotografien in der Albertina!

Mit 18 Jahren besuchte der junge Fotograf Michael Horowitz die aus Kärnten stammende Kiki Kogelnik in New York, die sich dort im Dunstkreis von Andy Warhol einen Namen als gesellschaftskritische Künstlerin gemacht hat. Eines der imposanten Bilder: Kiki mit Bomben aus Plastik, fotografiert auf einem Dach eines Gebäudes in der Lower East Side.

 

Viele weitere großartige Bilder des 1950 in Wien geborenen Fotografen, Schriftstellers, Journalisten und Verlegers Horowitz sind noch bis 6. September in der Wiener Albertina zu bewundern. Im Mittelpunkt stehen vor allem Aufnahmen aus den 1960er- bis 1980ern, als Horowitz als freier Fotograf arbeitete und Porträts zu seiner Lieblingsdisziplin zählten. Sein persönlicher Freund Qualtinger, Arnold Schwarzenegger, der ansonsten eher scheue Thomas Bernhard, Klaus Maria Brandauer, Helmut Berger & Sydney Rome, Oskar Werner, Udo Proksch, Erika Pluhar, Senta Berger, "Ostbahn Kurti" Willi Resetarits, Legenden des österreichischen Kultur-, Theater- und Gesellschaftslebens, die alle vor der Linse von Horowitz landeten. 

 

Zu sehen sind in der in der Basteihalle der Albertina platzierten Ausstellung allerdings auch Pop-Heroes wie Mick Jagger (beim Konzert der Rolling Stones in Wien 1967), John Lennon und Yoko One, die deutsche Chanson-Legende Hildegard Knef oder Andy Warhol, den Horowitz bei einer privaten Fotosession mit der Hans Dichand-Tochter Johanna porträtierte.

 

Die ersten eindrucksvollen Fotos publizierte Horowitz bereits im zarten Alter von 15, als er linke Aktivisten in den Straßen Wiens ablichtete, die gegen rechtsextreme Umtriebe auf den Universitäten und den Ernst Kirchweger-Mord demonstrierten. Für den Spiegel fotografierte er 1977 am burgenländischen Friedrichshof die umstrittene Otto Mühl-Kommune. Zu seinen Motiven gehörten auch die Gugginger Künstler Johann Hauser oder Ernst Herbeck, deren Werke 1970 erstmals in der Galerie nächst St. Stephan ausgestellt wurden. Den gesellschaftlichen Aufbruch Wiens zu einer liberalen, weltoffenen Stadt veranschaulicht Horowitz, der 1989 das Kurier-Magazin "Freizeit" gründete, durch pointierte Alltagsszenen der Sixties, als transparente Blusen noch zu einem "Tumult in Vienna" führten. 

 

"Michael Horowitz" - Von 28. Februar bis 6. September 2020 in der Galerie der Basteihalle der Wiener Albertina...

Sperrklausel von 5 Prozent: Wiener Landtagswahlrecht diskriminiert Kleinparteien!

"Alle Menschen sollen das Recht auf ein gutes Leben haben, auf soziale Sicherheit, auf Unversehrtheit" - Mit dieser sympathischen Message und kapitalismuskritischen Parolen startet die Liste Links rund um kompetente Protagonisten wie AK-Rechtsberaterin Anna Svec, Anti-Türkis-Blau-Demo-Mitorganisator Can Gülcü und Ex-Epicenter-Works-Datenschützerin Angelika Adensamer in den Wiener Landtagswahlkampf.

 

Bis zum 14. August müssen neue Listen, die nicht im Landtag vertreten sind, Unterstützungserklärungen sammeln, und zwar 1800 für einen wienweiten Antritt plus 50 weitere Unterschriften pro Bezirk für die parallel stattfindenden Bezirksvertretungswahlen. Unterschriften via Bürgerkarte oder Handysignatur sind - im Gegensatz zum novellierten Petitionsrecht - nicht zulässig, die in den politischen Gremien vertretenen Parteien wollen augenscheinlich Konkurrenz verhindern. Noch effektiver erreicht wird dies durch die gesetzliche Verankerung einer Sperrklausel.

 

Laut der Wiener Gemeindewahlordnung müssen Parteien - abgesehen von der Alternative eines bis dato quasi unerreichbaren Grundmandats - mindestens 5 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen erreichen. Dies gilt analog auf Bezirksebene. Diese Hürde von 5 Prozent liegt damit sogar um 1 Prozent höher als bei Wahlen zum Nationalrat. Auf Bundesebene wurde diese Sperrklausel 1992 eingeführt, die Gesetzeserläuterungen bezeichnen diese Schranke als  "zulässige Maßnahme gegen eine mögliche Parteienzersplitterung". 

 

Tatsächlich handelt es sich dabei laut Verfassungsrechtlerin Teresa Radatz um eine "Ungleichheit des Wahlrechts", da die abgegebenen Stimmen nicht denselben Erfolgswert haben". Ca. 6-7 % der Stimmen gehen durchschnittlich "verloren" und wandern auf das Konto der "Großparteien". Dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass viele Bürger zumeist in letzter Sekunde ihr Wahlverhalten ändern und statt einer Kleinpartei (die möglicherweise nicht die Sperrklausel überwindet) einer größeren Partei mit ähnlichem Programm die Stimme geben.

 

In Wien schafften es in den letzten 25 Jahren nur die Neos, als neue Liste in den Wiener Landtag zu ziehen. Vielleicht gelingt es dieses Jahr der engagierten Liste Links. In der neuen Legislaturperiode sollten dann alle Parteien gemeinsam mit Rechtsexperten und NGO´s ein neues modernes Wahlrecht konzipieren, mit Abschaffung bzw. Reduzierung der Sperrklausel, digitalisierten Unterstützungserklärungen und einer expliziten Erweiterung der Wahlberechtigung auf Ausländer mit mindestens fünfjährigem Hauptwohnsitz in der Bundeshauptstadt...

"Show Off" - 40 Jahre Austrian Fashion Design im MAK!

Österreich ist im Vergleich zu Paris, Mailand oder New York sicher nicht das Mode-Mekka der Welt, es schaffTen allerdings schon zahlreiche Austro-Designer in den letzten Jahrzehnten den Sprung an die Fashion-Weltspitze. Der Bekannteste sicher: Helmut Lang, der sich 2005 von der Modewelt zurückgezogen hat und jetzt als in New York lebender Künstler tätig ist. Was es noch nie in Österreich gab, das ist eine Ausstellung über die österreichische Fashion-Szene. Diese Lücke wurde jetzt gefüllt durch die Exhibition "Show Off" im MAK (Museum der angewandten Kunst) am Stubenring. 

 

"Show Off", zu deutsch etwa "sich aufspielen" bzw. "protzen", ist hier allerdings positiv im Sinne von "Dress to Impress" zu verstehen. Die in der Haupthalle präsentierten Kleider, Schuhe, Jacken, Taschen und Accessoires der letzten 40 Jahre bieten einen - nicht chronologischen - Überblick über die kreativ-schrille Fashion-Szene der Alpenrepublik, der selbst auf Trachten nicht vergisst. Platziert wurden diese auf einem von Architekt Gregor Eichinger konzipierten, ca. 7 Meter hohen und 18 Tonnen schweren Gerüst, das die Besucher per Stiegen betreten können und dadurch die Möglichkeit haben, die Designerstücke von allen Seiten zu betrachten. Rund 60 Designer sind vertreten, darunter die bereits verstorbene 60er-Legende Rudi Gernreich (von dem die "Mondbasis Alpha 1-Uniformen stammten), das Duo Wendy & Jim (das einst auf den Straßen von Paris Spaziergänger für eine Fashion-Show castete), Lena Hoschek, Helmut Lang, der kürzlich in London mit Lobeshymnen überschüttete Petar Petrov, Andreas Eberharter aka And I (dessen mechanische Augenklappen im Lady Gaga-Clip "Paparazzi" verwendet wurden) oder Shooting Star Maximilian Rittler, der für seine "Rock me Amadeus"-Abschlussarbeit in Antwerpen mit einem Award ausgezeichnet wurde. 

 

Auf den Seitenwänden der Zentralen Halle beeindrucken großformatige Bilder 30 bekannter Modefotografen, während man im vorderen Gang auf Filmprojektionen prominenter Zeitzeugen trifft, die Anekdoten aus der Fashion-Szene erzählen. Zumindest 15 Sekunden fühlt man sich als Star, wenn man einen von Video Screens umhüllten Red Carpet abschreitet. Präsentiert werden dort auch per Videoinstallation Highlights aus der Modeklasse der Universität für angewandte Kunst.

 

Der ehemalige Rektor, der kürzlich verstorbene Oswald Oberhuber, war zu Beginn der 80er einer der innovativen Geister des österreichischen Fashion-Booms. Er lud mit Karl Lagerfeld erstmals einen Gastprofessor an die Uni, Jil Sander, Vivienne Westwood, Helmut Lang und viele weitere folgten. Der pulsierende Zeitgeist, zahlreiche Magazine wie das erstmals 1979 erschienene Lifestylemagazin "Wiener" (das laut Co-Kurator Andreas Bergbaur Kooperationen mit dem renommierten "Face"-Magazin in London eingegangen ist), Events wie die U Mode (1984) in Ossi Schellmanns Szenedisco U 4 und Multiplikatoren wie Superstar Falco waren weitere Faktoren für die Entwicklung einer kleinen, aber feinen Szene. Zu sehen mit zahlreichen Fotos, Videos, Zeitschriften und Kuriositäten in einem abgesonderten Saal der Ausstellung.

 

Wie es in der Mode-Szene weitergeht, das steht in den Sternen. Fashion-Kenner prognostizieren nach der Corona-Krise eine Reduzierung des Tempos so nach dem Prinzip "Why do we need so many things", der gegenteilige Effekt würde uns aber auch nicht wundern...

 

Show Off - Noch bis 30. August 2020. im MAK.

Mozartbrunnen in Wien-Wieden: Erinnerung an die "Zauberflöte"-Premiere 1791!

"Er war ein Punker, und er lebte in der großen Stadt. Es war in Wien, war Vienna, wo er alles tat". So rühmte Österreichs Pop-Star Falco das Komponisten-Genie Wolfgang Amadeus Mozart in seiner weltweiten Nr. 1-Single "Rock me Amadeus" aus dem Jahre 1985. Und tatsächlich verbrachte dieser - nach der Entlassung aus den Diensten des Salzburger Erzbischofs - seine erfolgreichsten und umtriebigsten Jahre in Wien.

 

Zwischen 1781 und 1791 wohnte Mozart gemeinsam mit seiner Frau Constanze Weber in zahlreichen mondänen Gefilden Wiens und schuf  u.a. das Singspiel "Die Entführung aus dem Serail", die Oper "Figaros Hochzeit", "Don Giovanni", "Cosi Fan Tutte", zahlreiche Streichquartette und Sinfonien und die Oper "Die Zauberflöte". Diese wurde am 30. September 1791, nur wenige Monate vor seinem Tod (am 5. Dezember) in Emanuel Schikaneders Theater im Freihaus auf der Wieden uraufgeführt. Schikaneder selbst war auch Textdichter der Oper, die bis heute mit Arien wie "Der Vogelfänger bin ich ja", "Dies Bildnis ist bezaubernd schön" oder "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen" (gesungen von der Königin der Nacht) Jung und Alt begeistert.

 

Zu Erinnerung an die Premiere wurde auf dem 1862 nach dem Komponisten benannten Mozartplatz der Mozart- oder Zauberflötenbrunnen errichtet, der die beiden Hauptfiguren der "Zauberflöte", Tamino und Pamina, zeigt. Entstanden ist der Brunnen 1905 während der Amtszeit von Bürgermeister Karl Lueger. Der Entwurf stammt vom Architekten Otto Schönthal, als Bildhauer fungierte der in Mähren geborene Wiener Bildhauer Carl Wollek. Der Brunnen zählt wegen seiner reichen Ausstattung und malerischen Silhouette zu den wichtigsten Werken der secessionistischen Plastik in Wien.

 

Weitere Spuren von Mozart finden sich verstreut in der gesamten Stadt: Das Mozarthaus in der Domgasse (mit Museum und original erhaltener Mozart-Wohnung im 1. Stock), das Mozart-Denkmal (1896) im Burggarten, das Denkmal Mozarts auf dem St. Marxer Friedhof, das Sterbehaus in der Rauhensteingasse 8 und das Mozart-Denkmal auf dem Wiener Zentralfriedhof.

 

Dort ist auch Österreichs Pop-Amadeus Hans Hölzel aka Falco begraben, der wie sein "klassischer" Vorgänger viel zu früh gestorben ist. Das berühmte Falco-Zitat "„In Wien musst erst sterben, dass sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst lang“ trifft auf beide zu...

Proud to be Queer: Ein Streifzug durch die Rainbow City Vienna!

Im Jahr 1994 flog ein gewisser Andreas Brunner nach New York, um das 25. Jubiläum der "Stonewall Riots", die alljährlich an den erstmaligen Widerstand der LGBT-Bewegung anno 1969 erinnert, live mitzuerleben. Zwei Jahre später organisierte er gemeinsam mit Gesinnungsgenossen die erste Wiener Regenbogenparade 1996, an der zuletzt im Rahmen der Euro Pride 2019 mehr als eine halbe Million Menschen teilnahmen und im Party-Trubel gegen Diskrimierung, Ausgrenzung und Stigmatisierung protestierten. Aufgrund der Corona-Krise muss die 25. Ausgabe der Regenbogenparade dieses Jahr ausfallen, stattdessen findet am 27. Juni ab 17 Uhr unter dem pinken Schirm der Online-Stream-Party "Global Pride" ein rund einstündiger Regenbogencorso mit Autos, Motorrädern, Fahnen, Plakaten und Transparenten statt.

 

Am Nimbus von Wien als toleranter und weltoffener Stadt rüttelt die Absage der Pride-Weeks nicht, allerdings an den Umsätzen der Tourismuswirtschaft. Im Jahr 2018 wurde die Donaumetropole bei den Australian LGBT-Awards als "Destination of the Year" ausgezeichnet, auch die pinke Reiseplattform GayTravel.com verlieh Wien den ersten Preis. Vor allem der Sicherheitsfaktor und die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber Homosexuellen sprechen für Wien. Als schwules Pärchen durch die Kärntner Straße oder über den Naschmarkt zu flanieren juckt - im Vergleich zu einigen anderen (vor allem osteuropäischen) EU-Staaten – kaum jemanden. Der historische Background und die kleinen, feinen Clubs, Bars und Cruising-Lokale für die Community sind ein zusätzliches, nicht unterschätzbares Dessert, in die Bundeshauptstadt zu reisen.

 

Einer der bekanntesten Schwulen der österreichischen Geschichte war Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736), dessen Sommerresidenz im wunderschönen Schloss Belvedere gelegen war. Er machte sich als Feldherr bei den Türkenkriegen einen Namen, erstmals 1683 bei der Entsatzschlacht von Wien. Ein Reiterstandbild aus dem Jahre 1865 thront noch heute vor der Nationalbibliothek auf dem Heldenplatz.

 

Weniger Ehre kam Erzherzog Ludwig Viktor, dem jüngeren schwulen Bruder Kaiser Franz Josephs, zuteil. In der legendären Herrensauna Kaiserbründl in der Weihburggasse, die auch heute noch die Szene mit ihren erotischen Wandmalereien und ihrer heißen Atmosphäre anlockt, machte sich der unter dem Namen „Luziwuzi“ bekannte Adelige an einen Offizier ran und kassierte dafür eine Ohrfeige. Die Verbannung auf Schloss Klessheim bei Salzburg folgte auf dem Fuße.

 

Eine schwule Beziehung wird auch Karl VI. (1685-1740) nachgesagt, und zwar zu Graf Michael Johann III. Althan. Der Vater Maria Theresias erteilte nach der Pestepidemie 1714 den Auftrag zur Bau der Karlskirche im 4. Gemeindebezirk Wieden nahe der Innenstadt. Dem eigenen Geschlecht zugeneigt war auch der Komponist Franz Schubert (1797-1828), dessen Sterbehaus in der Kettenbrückengasse 6 liegt, unweit zahlloser Lokale für die Gay Community.

 

Die Wiener Staatsoper wurde vom schwulen Architektenpaar Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg geplant. Aufgrund unterschiedlicher Niveaus zwischen Ringstraße und Oper kam es zu heftiger Kritik seitens Franz Joseph und der Öffentlichkeit. Der depressive van der Nüll beging Selbstmord, zehn Wochen später starb auch Sicardsburg.

 

Als schwule architektonische Ikonen der Stadt gelten die 1922 von Josef Müllner geschaffene Bronze-Skultur „Der Sieger“ vor dem Theseustempel, die Statuen des Herakles im Hofburg-Areal (am Michaelerplatz und im Inneren Burghof) und die muskulöse Gestalt des Traun auf dem Donnerbrunnen, die aufgrund von Bauarbeiten am Hohen Markt derzeit nicht begutachtet werden kann.

 

Stadtspaziergänge durch das schwule Wien werden von Qwien, dem Zentrum für queere Geschichte, angeboten (http://www.qwien.at/guide/). Führungsguide Andreas Brunner gibt dabei auch Tips für das Day- und Nightlife Homosexueller in Wien. Als Epizentrum gilt vor allem das Areal rund um den Naschmarkt, wenn auch Wiens älteste Gay Bar, die Alte Lampe in der Heumühlgasse, bereits geschlossen ist. Daneben befindet sich aber das Cafe und Vereinszentrum der Hosi Wien, das Gugg, das auch für Lesben spezielle Themenabende und Veranstaltungen organisiert. In der Schönbrunner Straße befinden sich die ehemalige Disco „Wiener Freiheit“, die nur mehr im Barbetrieb läuft, und die kleine Cafe-Bar Rifugio.

 

Als erste Kontaktanbahnung bietet sich auch das wunderschöne Cafe Savoy in der Linken Wienzeile an, das im Inneren mit riesigen, belgischen Spiegeln aus dem 19. Jahrhundert ausgestattet ist und im Außenbereich mit einem Schanigarten glänzt. Ca. 1 Kilometer westwärts liegt die Türkis Rosa Lila Vila, die seit ihrer Besetzung durch Aktivisten im Jahr 1982  Beratungsstelle für Homosexuelle ist und mit dem „Villa Vida“ auch ein queeres Community-Cafe inkludiert. Wer sich für queere Literatur interessiert, sollte die Buchhandlung Löwenherz in der Berggasse 8 aufsuchen. Der einst in Dürnstein inhaftierte Namensgeber, der englische König Richard Löwenherz, soll trotz einer Ehe mit Königin Berningaria vorwiegend sexuelle Neigungen für Männer gezeigt haben.

 

Wenn die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden ist, locken das Motto in der Schönbrunnerstraße (das auch mit einem Restaurant am Donaukanal vertreten ist), das Village, das Felixx in der Gumpendorferstraße oder die seit 1980 existierende Innenstadtdisco „Why Not“ im Tiefen Graben mit buntem Publikum und drei Soundfloors.

 

In der Kettenbrückengasse 4 – direkt nebem dem Schubert-Haus - wartet die „Men Only“-Cruising-Night Bar Sling auf aufgeschlossene Wiener und Touristen. Das Pissoir ist mit einer Glaswand ausgestaltet, die einen „wichtigen Teil des männlichen Körpers“ zeigt. Wer mehr auf Freiraum steht, soll laut Insidern vor allem im Rathauspark oder im Votivpark „fündig“ werden.

 

„No Homophobia! No Discussion“ – Das ist das Motto des Wiener Clubs Grelle Forelle an der Spittelauer Lände, die in den letzten Jahren zu einem der wichtigsen Safer Spaces für die LGBITQ-Community avanciert ist. Ein Regenbogen ziert dauerhaft die Gemäuer des Szene-Clubs, zu dessen Top-Events die queere Tech-House-Party „Fish Market“ unter dem Zepter von Gerald van der Hint zählt. Abgefeiert wird aber auch in der Arena („The Circle“), bei der Vienna Fetish Week, beim Kreativ- und Regenbogenball oder bei der Regenbogenparade, die aufgrund der Corona-Pandemie regulär erst wieder nächstes Jahr am 19. Juni 2021 stattfindet.

 

Die letzteren Zeilen klingen zwar nach Easy Life für queer lebende Menschen in Wien. Tatsächlich hinkt die konservative Politik weit hinter den progressiven gesellschaftlichen Entwicklungen nach. Homosexualität wurde in Österreich erst 1971 legalisiert. Im Jahre 2002 wurde nach einem VfGH-Erkenntnis das Schutzalter für männliche Homosexuelle von 18 auf 14 Jahre gesenkt. Erst seit 2004 ist die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung infolge der Umsetzung von EU-Antidiskriminierungsvorschriften verboten.

 

Seit 1. Jänner 2010 dürfen Homosexuelle eine eingetragene Partnerschaft eingehen. Adoptionen leiblicher Kinder sind seit 1. August 2013, jene nichtleiblicher Kinder durch verpartnerte Paare seit 1. Jänner 2016 zulässig. Diese neuen Rechtsansprüche basieren nicht auf dem Willen des Gesetzgebers, sondern auf verfassungsgerichtlichen Erkenntnissen. Dies gilt auch für die gleichgeschlechtliche Ehe, die seit 1. Jänner 2019 eingegangen werden kann und die ÖVP und FPÖ trotz höchstgerichtlicher Entscheidungen noch verhindern wollten.

 

Zahlreiche Vertreter der Gay Community hofften, dass mit dem Regierungseintritt der Grünen eine weitere Verbesserung der Rechte von Schwulen, Lesben und Transgender kommen würde. Das war allerdings ein Irrglaube. Die SPÖ brachte erst kürzlich im Nationalrat einen Antrag auf eine Erweiterung des Diskriminierungsschutzes („Levelling Up“) ein. Die Grünen stimmen ebenso wie die ÖVP und die FPÖ gegen diesen Antrag.

 

Koalitionsdisziplin gegenüber der rechtskonservativen Kurz-ÖVP, die seit jeher alle rechtlichen Gleichstellungen und Gleichbehandlungen für Homosexuelle verhindern wollte, ist anscheinend wichtiger als die Interessen ihrer (einstigen?) Wähler aus dem queeren Lager zu vertreten, die weiterhin ohne Sanktionen aus Kaffeehäusern und Pubs geschmissen oder bei Mietvertragsverhandlungen diskriminiert werden dürfen. Ein politisches Trauerspiel, das den Grünen noch leid tun wird… 

"Die Große Pause": Daniel Hosenberg-Installation auf Haupteingang des Burgtheaters!

Das Wiener Burgtheater hat derzeit aufgrund der Corona-Krise seine Pforten geschlossen, stattdessen fällt den Einheimischen und (noch) spärlichen Touristen eine vierteilige Installation des Malers Daniel Hosenberg ins Auge. Kongenialer Titel: "Die Große Pause".

 

"Mit dem Triptychon direkt am Haupteingang - das vierte Werk steht auf der Wiese vor dem Vestibül - wird die Brücke des Burgtheaters in die Öffentlichkeit vollends versperrt. Gleichzeitig wird mit den großformatigen Werken ein Lebenszeichen gesendet", so der ursprünglich aus Klagenfurt stammende Wiener Künstler, der auf der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studiert hat. Als Basis seiner Werke dienen Bildausschnitte, die fotografisch reproduziert, digital bearbeitet, gedruckt und als letzter Schritt übermalt werden. Bei seiner Burgtheater-Installationen waren dies klarerweise Szenen aus diversen Burgtheater-Produktionen: Dörte Lyssewski in "The Party", Felix Rech im Zukunftsthriller "Dies Irae-Tag des Zorns", Birgit Minichmayr in "Das Interview", Itay Tiran und Martin Reinke in "Der Henker" sowie Aufnahmen von Ensemble-Star Bibiana Beglau.

 

"Die Schauspieler und Schauspielerinnen schweigen. Es gibt kein Publikum". Insofern steht die Maske als globales Symbol dieses Schweigens. Durch die Veranstaltungsverbote erhalten allerdings der öffentliche Raum und urbane Flächen eine erweiterte Bedeutung als Kulturvermittler, so Hosenberg.

 

Die Theaterfans sehnen sich aber schon nach der Wiedereröffnung des Burgtheaters. Das umfangreiche Programm 2020/21 wurde kürzlich präsentiert und reicht von "Das Leben ein Traum", dem 9/11-Grundrechts-Epos "Reich des Todes. Politische Theorie" (von Rainald Goetz) bis hin zu den "Troerinnen" und "Des Kaisers Neue Kleider". Man kann nur hoffen, dass die türkis-grüne Bundesregierung den Theaterherbst nicht durch Zutrittsbeschränkungen oder Sitzplatzdezimierungen sabotiert. Ausnahmsweise darf hier der Flugverkehr Vorbild sein...

Zeitlose Rollenspiele: "The Cindy Sherman Effect" im Kunstforum Wien!

Die in New Jersey 1954 geborene Künstlerin Cynthia Morris "Cindy" Sherman gilt als Ikone der US-Fotografie, die sich in ihren Fotoserien vor allem mit der Identität und den Rollenbildern der Gesellschaft auseinandersetzt. Von 1972 bis 1976 studierte sie am Art Department der State University of New York und gründete zusammen mit ihren Freunden Charles Clough und Robert Longo die unabhängige Künstlergalerie Hallwalls in Buffalo. Bereits zu Beginn ihrer Karriere in den 70ern erstellte sie ihre stilprägenden Fotoserien "Untitled Film Stills" (1977-1980) und "Bus Riders" (1976), bei denen Sherman alle Funktionen am Set selbst übernahm. Inklusive der Rolle als Foto-Model im Stil einer Kunstfigur, die man persönlich auf der Straße nicht erkannt. Eine progressive "Selfie"-Protagonistin in einer Ära, als Internet und soziale Medien noch weit in der Zukunft lagen.

 

Die Werke Cindy Shermans zählen zu den teuersten am Kunstmarkt und übersteigen an den Auktionshäusern die Millionen Euro-Grenzen. Das Museum of Modern Art in New York zeigte 2012 eine Ausstellung unter dem Titel Cindy Sherman. A retrospective.

 

Das Bank Austria-Kunstforum konzipierte unter der Trademark "The Cindy Sherman Effect" eine spannende Konfrontation zwischen den Kunstwerken der Amerikanerin und neuen zeitgenössischen Positionen, die sich ebenfalls mit Identitäten, Rollentäuschungen, Klischees und queeren Geschlechterbildern beschäftigen. Sherman, die zuletzt 2019 mit dem Max Beckmann-Preis ausgezeichnet wurde, war von der Idee begeistert. 

 

Zu sehen sind in der Ausstellung einige Exponate Shermans aus der berühmten Schwarz-Weiß-Bildserie "Untitled Film Stills", bei denen Sherman die stereotype Darstellung von Frauen in den Hollywood-Filmen und der Werbung kritisierte, aber auch kontroverse Werke der "Disasters"-Serie und der "Sex Pictures"-Reihe, bei denen sie Schaufensterpuppen, Prothesen und anatomische Modelle in Szene setzte. Sherman bezeichnete einst die artifiziell inszenierten Körper der Mode-Fotografie ekelhafter als ihre eigenen Schöpfungen.

 

Insgesamt 21 internationale und nationale Künstler hat die Kuratorin des Kunstforums, Bettina Busse, selektiert und den Werken Cindy Shermans gegenübergestellt. So wie die US-Ikone porträtiert sich der aus Kamerun stammende Samuel Fosso selbst, in Schwarz-Weiß als Malcolm X und Angela Davies oder knallbunt als "The Liberated American Woman of the 70´s". Die Britin Sarah Lucas sitzt lässig-"manlike" auf einem Sessel, Spiegeleier dort platziert, wo sich ihre Brüste am Pullover erheben. Der deutsche Filmkünstler Julian Rosefeld lässt Hollywood-Star Cate Blanchett in verschiedene Rollen schlüpfen ("Manifesto"). Latin LGBTIQ-Spirit versprüht die aus Guatemala stammende Künstlerin Martine Gutierrez. In der Säulenhalle lässt Monica Bonvicini schwarze Gurtbänder von der Decke baumeln, als Trennlinie zwischen einem Madonna-Porträt Shermans mit blanker Brust und einer Fotografie Catherine Opies, die ein Kind stillt. Der "Young British Artist" Gavin Turk schockiert mit demolierten Face-Skulpturen. Eine außergewöhnliche Perspektive wählte die französische Künstlerin Sophie Calle. Sie ließ sich von einem Detektiv beschatten, dessen Fotos und Berichte wurden im Rahmen des Kunstwerks "Der Schatten" in einem Medizinschrank ausgestellt.

 

Erstmals wurden im Kunstforum auch Videoinstallationen eingesetzt, und zwar in den kleineren Sälen, die - über den Buch-Shop erreichbar - den Beginn der Ausstellung darstellen. Die in Berlin lebende Südafrikanerin Candice Breitz imitiert in der siebenteiligen Installation "Becoming" Filmszenen mit Julia Roberts, Meg Ryan und Cameron Diaz. Die Schweizerin Pipilotti Rist zeigt in dem Videoloop "Ever is Over All" (1997) eine Frau im kurzen Kleid, die mit einem Blumenstengel die Fenster geparkter Autos einschlägt und dabei von einer Polizistin freundlich begrüßt wird.

 

 

Den Selbstdarstellungs-Fetischismus von Social Media-Influencern thematisiert der amerikanische Filmregisseur Ryan Trecartin. "The Re´Search" stammt aus dem Jahre 2010 und ist heute brisanter denn je. Cindy Sherman selbst bezeichnete 2016 im New York Times Magazine soziale Medien als "vulgär", jetzt hat sie selbst ein Profil auf der heißbegehrten Foto-Plattform Instagram. Dem Zeitgeist-Express entspechend prall gefüllt mit Animationen, Videos, Face-Verzerrungen und gesellschaftlichen Statements. Wie zu Beginn ihrer Karriere in den 70ern…

"Von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden": "Good Life" in der Kunsthalle Wien!

Eröffnet wurde die Gruppenausstellung "... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden" in der Kunsthalle Wien bereits am 8. März. Wenige Tage später wurde das Museum allerdings wegen der Corona-Krise vorübergehend geschlossen. Jetzt wurden aufgrund der Lockerungsmaßnahmen die Pforten im Areal des Museumsquartiers wieder geöffnet.

 

Der Titel der Exhibition basiert auf den Gedanken des libanesischen Schriftstellers Bilal Khbeiz, der zu Beginn der 2000er-Jahre mit diesen fünf Worten jene Grundbedürfnisse auf den Punkt brachte, die für die Menschen ein "gutes Leben" darstellten. Im Gegensatz zu früher seien diese jetzt aber auch für Bewohner von Orten gefährdet, an denen sie früher selbstverständlich waren. Die Werte haben laut den Kuratoren (WHW) sogar mittlerweile einen "üblen Beigeschmack". Die Gründe reichen vom Klimawandel, der global ungerechten Verteilung von Nahrungsmitteln, dem Luxuskonsum bis hin zum Überwachungsstaat und populistischen Strömungen. 

 

Die amerikanische Autorin Laurent Berlant bezeichnet in ihrem Buch "Cruel Optimism" die Vorstellung des guten Lebens als eine Fantasie, als eine hartnäckige und grausame Anhänglichkeit an eine Welt, die es nicht mehr gibt. Die Künstler der Ausstellung versuchen mit ihren Werken das Gegenteil zu beweisen und eröffnen mit ihren Kreationen Reflexionen auf die Vergangenheit und Perspektiven für die Zukunft. In Form von Malereien, Installationen, Videos, Gedichten, Skulpturen, Basteleien, Zeitungsschnipseln, Wandvorhängen, Cartoons oder einfach nur Zitaten. 

 

So präsentiert die Londoner Künstlerin Sonia Boyce ihr "Dada Migrant Wallpaper", das im Rahmen eines Improvisationsworkshops in Nizza erstellt wurde. Die Wienerin Melanie Ebenhoch thematisiert die Repräsentation von Frauen in der Kunst, indem sie im Hintergrund eines ihrer Plakate mit der Aufschrift "I mean I use my brains so much that at night they don´t seem to do anything else but rest" nackte weibliche Oberschenkel abbildet.  Vlatka Horvat platziert auf einem dünnen Holzbalken, der fragil zwischen zwei Stühlen angebracht ist, verschiedene Alltagsobjekte von Bällen, Obst, Nägel, Klopapier, Fäden bis hin zu einer Discokugel. "Balance Beam" nennt sich die Installation und soll das prekäre System widerspiegeln, in dem wir leben. Die aus Ankara stammende Künstlerin Gülsün Karamustafa deutet mit ihrem in den 80ern entstandenen Wandteppich "Motorcycle" den fließenden Übergang zwischen Tradition und Moderne in ihrem Heimatland an.

 

Eines der Glanzstücke der Ausstellung ist das überdimensionale Comic-Wandbild "Under Water" der Russin Victoria Lomasko. Während die Stadtkulisse (vermutlich von Moskau) nur rudimentär aus dem Wasser ragt, findet das echte, prickelnde Leben abseits folkloristischer Klischees im Untergrund statt. "Immer wenn ich nach Russland zurückkehre, fühle ich, wie ich langsam zurück zu Boden sinke. wie ein Wesen, das an Land kroch, aber ursprünglich für ein Leben im Wasser geboren war", so die Künstlerin.

 

"Jetzt! Solidarität! Diversität!" - Das ist einer der aktivistischen Slogans auf dem Protest-Wagen der Berlinerin Marina Naprushkina, die sich vor allem im Arbeiterbezirk Moabit für sozial benachteiligte Menschen und Migranten einsetzt. Unmittelbar daneben sticht eine Installation der Künstlerin HC Playner (der Name ist natürlich kein Pseudonym :-) über die Burschenschaft Hysteria ins Auge, Hyänen, Akademiker-Ball-Assoziationen, Stefanie Sargnagel und "Gegen Nazis"-Sprüche natürlich inbegriffen.

 

Eine Video-Serie des Wieners Oliver Ressler unter dem schnittigen Titel "Everything´s coming together while everything´s falling apart" befasst sich mit dem Versagen internationaler Klimapolitik. So seien die "Technologien zur Überwindung des fossilen Zeitalters bereits vollständig vorhanden, die Behörden allerdings verweigern deren Anwendung, um der Wirtschaft nicht zu schaden". Beeindruckend ist auch die "Heads"-Installation des Berliner Künstlers Andreas Siekmann, der die Väter und Mütter des Kapitalismus und Neoliberalismus als Plastillin-Figuren modelliert und daraus ein mehrdimensionales Netzwerk konstruiert hat.

 

Es gibt bei "Von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden" vieles zu entdecken, reflektieren, sinnieren, vielleicht auch zu visionieren. Ein 155 Seiten dickes Programm-Heft bietet zusätzliche Information. Manchmal erzeugt aber auch die individuelle Interpretation eines Kunstwerkes jenes Brainstorming, das man für neue Inspirationen braucht. Spontane Eindrücke über die Ausstellung in der Kunsthalle Wien können dort unmittelbar per "Flaschenpost" übermittelt werden...

 

Noch zu sehen bis 4. Oktober 2020 

"Black Lives Matter" in Vienna: 50.000 setzen ein buntes Zeichen gegen Rassismus!

"Black Lives Matter" erobert die Wiener Innenstadt. Trotz anfänglichen Regenwetters und der Corona-Krise versammelten sich laut Polizei rund 50.000 zumeist junge Demonstranten im Areal rund um das Museumsquartier und den Karlsplatz, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren.

 

Anlassfall war der Tod des Schwarzen Eric Floyd im Rahmen einer Festnahme in Minneapolis: Ein Polizist kniete fast neun Minuten auf seinem Nacken und ließ auch nicht davon ab, als er verzweifelt "I can´t breathe" stöhnte. Der Polizist wurde jetzt wegen "Mord zweiten Grades" (im Sinne von Totschlag), drei Kollegen wegen Beihilfe angeklagt. Es drohen bis zu 40 Jahre Haft. Seitdem finden auf der ganzen Welt Anti-Rassismus-Kundgebungen und Demonstrationen unter der Trademark "Black Lives Matter" ("Schwarze Leben zählen") statt. Diese internationale Bewegung ist im Juli 2013 innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten entstanden. Proteste werden zumeist per sozialen Medien organisiert, eine formale Struktur existiert nicht.

 

Rassistische Beschimpfungen in öffentlichen Verkehrsmitteln, Diskriminierungen bei Job- und Wohnungssuche, Mobbing in Schulen, Racial Profiling bei Polizeikontrollen. Der Rassismus ist längst in Österreich angekommen. Die Mitorganisatorin der Demonstration, Ärztin und SPÖ-Politikerin Mireille Ngosso, spricht von "strukturellem Rassismus", der sich durch alle Institutionen zieht. Von fehlender politischer Repräsentanz, schlechteren Aufstiegschancen im Bildungssystem bis hin zu Jobnachteilen aufgrund der Herkunft oder des Namens trotz bester Ausbildung. Faktoren, die auch in den Vereinigten Staaten zu immer größerer sozialer Ungleichheit und zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt haben.

 

Zuerst nur als Kundgebung, dann als Demonstration für 3000 Personen angemeldet, strömten laut der Veranstalter "alle zehn Minuten 5000 Menschen hinzu". Großteils mit Maskenschutz und zumindest mit dem Vorsatz, die Abstandsregel einzuhalten. Start der Demonstration war der Platz der Menschenrechte vor dem Museumsquartier, wo 2003 das Marcus Omofuma-Denkmal von der Bildhauerin Ulrike Truger errichtet wurde. Zur traurigen Erinnerung an den gleichnamigen nigerianischen Asylwerber, der im Rahmen eines Abschiebefluges von Wien nach Sofia von drei Polizisten fahrlässig getötet wurde. Die Täter wurden zu 8 Monate bedingter Haft verurteilt und wieder in den Exekutivdienst aufgenommen. Die Flüchtlingshilfe Asyl in Not bezeichnete dieses Urteil als "Rassenjustiz" und eine "Verhöhnung des Opfers und der Menschenrechte".

 

 

Insofern ist es ein wunderbares Zeichen, dass 50.000 Menschen verschiedener Hautfarbe, Herkunft und Religion begeistert und entschlossen auf die Straße gehen und in einem kilometerlangen Demonstrationszug klarmachen, dass Rassismus und Diskriminierung in Österreich nichts zu suchen haben. Wenn auch einige Reden aufgrund des Massenandrangs abgesagt wurden, die Inhalte der mitgebrachten Banner sprechen für sich: "Racism is the Real Pandemic", "Dark Skin is not a Crime", "Silence is Violence", "No Freedom till we are equal" oder "no justice, no peace". Wien kann stolz sein auf seine bunte, multikulturelle Community!

 

"White Noise" - Bücherinstallation von Claudia Märzendorfer in der MQ Art Box!

Leopoldmuseum, Mumok, Kunsthalle Wien - Das sind die Flaggschiffe des Wiener Museumsquartiers. Es gibt allerdings im hippen Areal des 7. Bezirks auch Kunst abseits der großen Museen, und zwar seit 2014 in der MQ Art Box. Kuratiert wird dieser vor dem Haupthof befindliche Ausstellungsraum für temporäre Kunstinstallationen von Elisabeth Melichar. Zu sehen sind in diesem transparenten Raum bis zu 6 Installationen internationaler und nationaler Künstler pro Jahr, 24/7.

 

Von 15. Mai bis zum 1.Juli erblickt man in der Art Box übereinandergestapelte weiße Bücher, konzipiert von der studierten Bildhauerin Claudia Märzendorfer aus Wien. "White Noise" nennt sich die Kunstwerk-Bibliothek. Die Bücher wurden dementsprechend mit einer Frequenzkurve am Schnitt schraffiert. Die Gestaltung des Bücherregals erfolgt nach den Regeln der Proportionalität: Das Verhältnis von Regalböden und den mit Büchern gefüllten Bereichen beschreibt exakt die Verhältnisse einer aufgeschlagenen Doppelseite. 

 

Der Titel "White Noise" ist natürlich nicht zufällig gewählt, sondern zieht einen Konnex zur Akustik, bei der weißes Rauschen als gleichmäßige Überlagerung aller Frequenzbereiche definiert ist. Analog beschreibt die Installation Mayerhofers ein überdimensionales, weißes Buch als Summe der Inhalte aller Bücher. Die Regalböden repräsentieren die Zeilenraster, die Bücher die Sprache an sich.

 

Aufgrund der Platzierung inmitten des MQ erinnert die Installation auch an das einstige Projekt eines Leseturms, das schlussendlich nach heftigen Debatten verworfen wurde. Stattdessen flattert hier bald eine Libelle :-)

"Der Mond. Sehnsucht, Kunst und Wissenschaft" im Naturhistorischen Museum Wien

Zum 50. Jubiläum der ersten bemannten Mondlandung präsentierte das Naturhistorische Museum in Wien eine Sonderausstellung zum Thema "Der Mond. Sehnsucht, Kunst und Wissenschaft."

 

Neil Armstrong war der erste Mann, der am 21. Juli 1969 den Mond betrat. Keineswegs anonym, denn ca. 600 Millionen weltweit verfolgten die Expedition auf den Fernsehschirmen. In der Ausstellung sind zahlreiche Fotos der Astronauten Armstrong, Edwin "Buzz" Aldrinn und Michael Collins und der Apollo-Raketen zu sehen, die u.a. vom deutschen Weltraum-Techniker Wernher von Braun, zuvor in Diensten der Nationalsozialisten, entwickelt wurden. Der Sieg im internen Wettbewerb gegen die Russen, die mit Yuri Gagarin 1961 den ersten Mensch ins All schossen, war keineswegs sicher. Davon zeugt auch ein publizierter Brief des US-Präsidenten Nixon, der veröffentlicht worden wäre, wenn die Mission gescheitert wäre. 

 

Speziell für das NHM wurde ein Mond-Rover entwickelt, mit dem Besucher virtuell ein Mond-Fahrzeug auf einem Bildschirm steuern können. Zu den besonderen Highlights der Ausstellung zählt ein neu erworbener Mondmeteorit, der 2011 von Nomaden gefunden wurde.

 

Der Schwerpunkt der Ausstellung ist laut Kurator Christian Köberl naturwissenschaftlicher Art. Gezeigt werden u.a. die Entstehung und Entwicklung des Mondes, seine Zusammensetzung und Mineralogie, Mondbahn, Mondphasen bzw. Sonnen- und Mondfinsternisse. Bei einer Mondfinsternis wirft die Erde ihren Schatten auf den Mond, der aber auch bei einer totalen Finsternis - durch eine Brechung des Sonnenlichts in der Erdatmosphäre - in rot erscheint. Bei einer totalen Sonnenfinsternis deckt der Mond die Sonne ab, die letzte war am 11. August 1999. Die nächste wird erst am 3. September 2081 stattfinden, in etwa 700 Millionen Jahren wird es diese Erscheinung nicht mehr geben, da sich der Abstand von Erde und Mond immer mehr vergrößert.

 

Auf dem Plakat der Ausstellung sieht man einen Hasen, der ebenso wie der Mond in vielen Kulturen als Symbol der Fruchtbarkeit gilt. Aztekische Legenden beispielsweise zeigen den Mond als halbmondförmiges Gefäß, in dem das Abbild eines Hasen erscheint.

 

Zahlreiche Artefakte zeigen in der Ausstellung den Einfluss des Mondes auf die Kunst: Von Statuen ägyptischer Mondgötter, Sichelmonden, Ton-Monden (aus der Hallstatt-Kultur) bis hin zu Gemälden (u.a. von Klemens Brosch oder Robert Rauschenberg), Science Fiction-Literatur, Mond-Songs aus der digitalen Juke-Box (a la "Space Oddity", "Moonlight Drive" oder "Walking on the Moon") und Gedichten von Trakl, Borchert oder Heine, die auf die Wand projiziert wurden.

 

Die unmittelbarste Auswirkung des Mondes auf die Erde erfolgt durch die sogenannten Gezeiten, Ebbe und Flut, deren unterschiedlich hohen Wasserstände sich durch die Stellung von Mond, Erde und Sonne zueinander ergeben. Bei Tieren hat der Mond Einfluss auf deren Tätigkeiten (Zugvögel fliegen in hellen Vollmondnächten, Löwen jagen in dunklen Neumondnächten), dient als Kompass oder sorgt für das Zusammenkommen der Geschlechtspartner.

 

Die Folgen der Mondphasen auf Schlaf, Menstruation, Geburt oder Arztbesuche von Menschen konnten bisher nicht wissenschaftlich bestätigt werden. Schaut der Vollmond allerdings freundlich ins offene Schlafzimmerfenster, dann hat die Wissenschaft meistens bereits ein Nickerchen eingelegt :-)

 

"Der Mond. Sehnsucht, Kunst und Wissenschaft."  (30. Oktober 2019-1. Juni 2020)

"Into the Night": Avantgardistische Clubkultur von 1880 bis 1970 im Unteren Belvedere!

Das Nacht- und Kulturleben ist durch die Corona-Krise derzeit weltweit lahmgelegt, was nicht nur die Akteure, sondern auch die Konsumenten emotional beeinträchtigt. Online Streams im Internet oder in den sozialen Medien sollen die traurig-düstere „time between“ überbrücken, eine echte Alternative sind sie allerdings nicht. Wie im Zeitraum zwischen 1880 und den 1960er Jahren Clubkultur und Cafe-Avantgarde zelebriert wurde, das zeigt die spannende Ausstellung „Into the Night“ im Unteren Belvedere und in der Orangerie, die noch bis 1. Juni zu sehen ist.

 

Im Mittelpunkt der mit dem Londoner Barbican organisierten Ausstellung stehen 11 Clubs, Kabaretts und Cafes aus 11 Metropolen und Arealen, die zu unterschiedlichen Zeiten eine gewisse Avantgarde-Kultur verströmt haben. Dargestellt wird dies unchronologisch durch Bilder, Entwürfe, Karikaturen, Skulpturen und Original-Rekonstruktionen. Wien ist vertreten mit dem legendären Kabarett Fledermaus in der Johannesgasse, das zwischen 1907 und 1911 mit Tanz-, Theater- und Diskussionsabenden die Szene belebte. Der Barbereich mit seinen Mosaikfliesen wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universität für angewandte Kunst nachgebaut.

 

Das im Künstlerviertel Montmartre gelegene Pariser Chat Noir – mit seiner schwarzen Katze als Trademark auf zahlreichen Plakaten – beeindruckt mit seinem Schattentheater aus den 1880-Jahren, das als Vorläufer der Kinokultur galt. Die Weimarer Republik war geprägt durch Armut, Arbeitslosigkeit und politischen Extremismus, es wurde aber auch laut und exzessiv bis in den Morgengrauen gefeiert. Vor allem die Frauen, die 1919 erstmals wählen durften, zogen mit schickem Kurzhaarschnitt durch die sündigen Clubs und Bars von „Babylon Berlin“. Natürlich frönten auch die Italiener dem nächtlichen Dolce Vita und waren gleichzeitig auch Vorreiter für coole Designerclubs wie dem Bal Tik Tak oder dem Fortunato Depero´s Cabaret del Diavolo in Rom.

 

„Into the Night“ beschränkt sich nicht nur auf die europäische Clubkultur, sondern besucht auch die verraucht-jazzigen Clubs im New Yorker Harlemsviertel. Im legendären „Cotton Club“ wurden nur Weiße eingelassen, während Schwarze (wie Louis Armstrong oder Ella Fitzgerald) für die Unterhaltung sorgten. Ein Schmelztiegel für Anti-Rassismus-Bewegungen, bei der auch die Protagonisten der Nacht ihre Zepter schwangen.

 

Im Unteren Belvedere zu sehen sind Bilder, Wandbemalungen und Fassadengestaltungen aus dem Mbari Mbayo Club in Nigeria, für dessen Straßenfront die österreichische Künstlerin Susanne Wenger einen Fries aus Silhouetten von Menschen und Tieren konzipierte. Im Spannungsfeld zwischen Traditionalismus und zeitgenössischen Strömungen stand der Teheraner Club Rasht 29, eigentlich ein privates Atelier, das als iranisches Epizentrum für Kreative Ende der 60er galt.

 

„Kunst zu den Massen zu bringen“, das war das Motto der Estridentismus-Bewegung während der mexikanischen Revolution in den 1920ern. Dieser Maxime kann man sich hundert Jahre später nur anschließen. 

Boutique Romana: Skero eröffnet Galerie mit Masken-Motiven von Stylianos Schicho!

Skero ist nicht nur Rapper und Musiker, sondern hat auch Grafik und Design an der HTL studiert und an der Akademie der Bildenden Künste bei Daniel Richter das Malereistudium absolviert. Jetzt hat der umtriebige Künstler ein Atelier und eine kleine Galerie in der Nevillegasse 2 direkt neben dem Wienfluss eröffnet.  Die "mit Abstand beste Galerie Wiens" trägt - wie das einstige Modegeschäft - die Trademark "Boutique Romana".

 

Die Beifügung ist natürlich eine Anspielung auf die besonders für freie Künstler existenzbedrohende Corona-Krise. Inklusive der Aufforderung "Kommen Sie bitte nicht zu zahlreich, sonst könnten wir die illegale Grenze von 11 Personen überschreiten, und man könnte meinen, wir machen eine Veranstaltung!" Die Eröffnung fand dementsprechend in geschlossenem Zustand statt.

 

Zu sehen sind bis zum 12. Juni Bilder des österreichischen Malers Stylianos Schicho, der die Universität für angewandte Kunst mit Auszeichnung abgeschlossen hat und dessen Werke seit 2006 in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen - eine seiner ersten in der Kunsthalle Krems ("Real") - zu sehen sind. Hinter den großen Scheiben der Boutique Romana präsentiert Schicho seine - mit Kohlestrichen gezeichneten - überlebensgroßen  Gesichter mit aufgerissenen Augen und Mundschutz. 

 

"Ich möchte, dass sich im Betrachter der Gedanke aufdrängt, dass meine Bildformate Nähe erwünschen, ja beinahe erzwingen. Für die Figuren in meinen Bildern bedeutet dies aber zugleich, dass ihre Vermummungen kein sicherer Schutz mehr sind. Die Figuren drehen daher den Betrachtern den Rücken zu. Man erkennt darin eine gewisse Verweigerungshaltung, ein Abwenden, vielleicht den ultimaten Rückzug", so Schicho in einem Interview mit dem Kunstmagazin Parnass.

 

Wie lange Gesichtsverhüllungen noch den gesellschaftlichen Alltag prägen werden, ist schwer zu prognostizieren. Bis dahin: "Spiegeln Sie ihre Masken in der Auslage der Boutique Romana!", so Newcomer-Galerist Skero.

 

https://www.instagram.com/boutique_romana_vienna/

 

https://www.facebook.com/skero.at

Dystopia Vienna - Wenn ein Virus Metropolen und Grundrechte lahmlegt!

Frühling 2020. Die gleißenden Sonnenstrahlen brennen auf das fast menschenleere Museumsquartier. Eine Radfahrerin mit Mundschutzmaske fährt mit starrem Blick nach vorne über den Platz. Ein Kind zappelt fröhlich vor seiner Mutter und dem leeren Kinderwagen. Auf den Stufen lässt sich ein junger Hipster mit Joint in der Hand sonnen. Der monumentale Mumok-Bau im Hintergrund. Szenen aus einem Endzeitthriller? Allerdings ohne Regisseur und Kameramann.

 

Wien befindet sich wie nahezu ganz Europa und Nordamerika in einem realen 24-7-Lockdown. Der unsichtbare Feind: Ein aus China von Fledermäusen übertragenes Virus namens SARS-COV2 aus der Familie der Corona-Viren. Mehr als 11.000 Menschen in Österreich wurden bereits mit diesem Virus infiziert, weltweit über 1,1 Millionen. Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher. Um nicht die gesamten Gesundheitskapazitäten auszuschöpfen, wurde auch in Österreich fast das gesamte wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben auf ein Minimum heruntergefahren. Die damit einhergehenden grund- und freiheitsrechtlichen Einschränkungen sind allerdings fast ebenso gefährlich wie das Virus selbst, wenn langfristig nicht noch dramatischer.

 

„Kranke Zeiten“ – Das kongeniale T-Shirt zum Lockdown wurde in der Auslage der Wiener Innenstadt-Boutique „Indie“ platziert, daneben eine Flasche des mexikanischen Leichtbiers Corona, das schon seit den 90ern bei Szene-Clubbings konsumiert wird. Damit ist vorerst Schluss, der mexikanische Bierbrauer hat die Herstellung gestoppt.

 

Getanzt wird derzeit auch nur in der eigenen Wohnung. „Stay at Home“ lautet die (rechtlich überschießende) Order, um Social Distancing zu wahren und das Virus nicht weiterauszubreiten. Und tatsächlich strahlt die lebenswerteste Stadt der Welt mit seinen historischen Monumenten und verlassenen, fast menschenleeren Straßen derzeit eine gespenstische Aura aus: Eine Handvoll Spaziergänger nur auf der Shoppingmeile der Kärntner Straße, einige mit Schutzmasken, andere mit Fotohandy. Der Stephansdom oder das Haas Haus ohne Touristen und Flanierer hat fast künstlerischen Seltenheitswert.

 

Ein trauriges Bild bietet auch der Naschmarkt. Dort, wo sich sonst Menschentrauben durch die engen Marktgassen drängen, herrscht gähnende Leere, obwohl die Marktstandler geöffnet haben. Ein einsamer Straßenmusiker spielt neben einem geschlossenen Gastro-Stand traurigen Blues-Sound, er könnte nicht passender sein. Vor der barocken Karlskirche spielen drei Kinder, kaum anzunehmen, dass dort in einigen Monaten tausende Menschen beim Wiener Popfest tanzen, trinken und lachen.

 

Im Wiener Stadtpark flanieren junge Familien mit ihren Kindern und Babies, einige Wiener sitzen chillig auf den Parkbänken. Fragt sich nur, wie lange. Denn die Polizeipatrouille lässt nicht lange auf sich warten. Es wird geprüft, ob die miteinander kommunizierenden Bürger im gemeinsamen Haushalt leben – nicht nur das Recht auf Privatsphäre wurde durch Türkis-Grün eliminiert – bzw. ob genügend Sicherheitsabstand zwischen „fremden Personen“ eingehalten wurde. Ansonsten liegt eine Verwaltungsübertretung mit Geldstrafe bis zu 3600 Euro vor. Im Vergleich dazu wirkt das Corona-Virus sogar sympathisch. Nur in den Bundesgärten (wie Schönbrunn, Burg-, Volks- oder Augarten) ist man vor solchen Schikanen befreit, denn die wurden von der türkis-grünen Bundesregierung für Besucher gleich komplett gesperrt. Der Hass der Landjugend auf die urbane Bevölkerung muss unendlich groß sein.

 

Dort, wo sich kleine Boutiquen an urbane Hipsterläden und lässige Pubs reihen und normalerweise das pulsierende City Life Wiens stattfindet, dort blickt man nur auf endlose, deprimierende, parkende Autokolonnen. Manchen Fußgängern ist fast das schlechte Gewissen anzusehen, dass sie in der Frühlingssonne spazierengehen. Radfahrer wappen sich mit Schutzmasken. Fragt sich nur, wen diese eigentlich schützen sollen, wenn ohnehin sich kaum jemand in die Öffentlichkeit traut.

 

„Österreich beugt sich dem Staatswillen“, schreibt die NZZ. Sic est. Und erzeugt dadurch eine gewaltige Spaltung in der Gesellschaft, deren drastische Auswirkungen sich erst künftig zeigen werden. Kinder aus ärmeren, bildungsferneren Familien, viele auch mit Migrationshintergrund, werden aufgrund der Corona-Krise in den Schule nicht unterrichtet, für das virtuelle Home-Learning fehlen sowohl Geld, Equipment als auch die mentale und intellektuelle Unterstützung. Deren Eltern sind zumeist als unterbezahlte und gefährdete Systemerhalter tätig, egal ob in Supermärkten, in der Pflege oder auf der Baustelle. Am Wochenende sitzen sie zusammengekauert in kleinen Wohnungen ohne Balkon, Terrasse oder Garten. Sogar ein Ausflug per U-Bahn, Bus oder Straßenbahn in die grüne Natur wird ihnen verwehrt, das verbietet die Verordnung des grünen Gesundheitsministers.

 

Im Gegenzug dazu stehen jene, die sich gemütlich ein Home Office einrichten, sich auf der Terrasse sonnen, per SUV in die Natur düsen (das ist rechtlich erlaubt) und dann sich vielleicht noch auf Facebook oder Twitter über jene mokieren, die sich dem türkisen „Bleib daheim“-Order widersetzen und sich in den engen Gassen der Vorstadt und des Gürtels die Füße vertreten. Der türkise Innenminister bezeichnet diese ungeniert als „Lebensgefährder“, normalerweise ein Jargon für IS-Terroristen oder Rechtsradikale.

 

„Gaudeamus igitur, iuvenes dum sumus!“ -  Lasst uns fröhlich sein, solange wir noch jung sind.“ Ein mittelalterliches Studentenlied, das auch heute noch die Lebensphilosophie der Akademiker in spe widerspiegelt und gerne bei Sponsionen an der ältesten Universität Wiens erklingt. Was ist heute davon geblieben? Statt lachenden, paukenden, scherzenden und Zukunftspläne schmiedenden Studenten eine verlassene Alma Mater, ein menschenleerer Votivpark, geschlossene Campus-Cafes und eine apokalyptische U-Bahn-Station Schottentor. Die in geringeren Frequenzen fahrenden Garnituren fast ausgestorben, die Plattformen leer, die dort verweilenden Personen wirken aus der Ferne wie Dealer, die in dieser düsteren Atmosphäre verbotene Substanzen anbieten wollen. Nur an wen?

 

 

„It´s the End of the World as we know it“, R.E.M. 1987. Eine neue Version der brasilianischen Art Rock-Band Room klingt so gefährlich verführerisch, als würde Eurydike ihr Leid aus der Unterwelt klagen. Bei „I feel fine“ darf sich die Welt auf keinen Fall umdrehen. Wir wollen unsere offene Gesellschaft zurück, Clubs, Parties, Kulturevents, Fußballspiele, Kinderlachen, Reisefreiheit, Flirts und heiße Sommernächte. Was wir aber auf keinen Fall wollen: Einen aus Anlass der Corona-Pandemie institutionalisierten, repressiven Überwachungsstaat unter der Kontrolle rechtskonservativer Parteien und Politiker.

The Rock´n Roll Star is back - Liam Gallagher im ausverkauften Wiener Gasometer!

"Tonight I´m a Rock´n Roll Star" - So selbstbewusst und rotzig präsentierte sich Liam Gallagher als Oasis-Sänger mit dem Opening-Track ihres ersten Albums "Live Forever", im August 1994. Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis die fünf Jungs aus Manchester dieses Versprechen einlösten. Im Laufe ihrer Karriere, die trotz vieler Skandale und Streitereien bis 2009 andauerte (als Noel Gallagher beim Pariser Rock en Seine die Band verließ), verkauften Oasis weltweit mehr als 75 Millionen Platten, landeten mit allen 7 Studio-Alben auf Platz 1 der UK-Charts, heimsten zahlreiche Awards ein und spielten vor Millionen begeisterter Fans.

 

Die Trademark "Rock´n Roll Star" hat Liam Gallagher niemals aufgegeben. Und so ist der Oasis-Debütsong auch bei seinem Solo-Konzert im ausverkauften Gasometer der vielumjubelte Opener. "I´m here to give people what they want, and if that´s boring, so be it.", ein berühmtes Zitat Gallaghers. Lassen wir "langweilig" weg, dann trifft das auch zu. Wie einst zu Oasis-Zeiten steht Liam auf der Bühne, mit (weißem) Parka, leicht nach vorne gebückt, Hände nach hinten gestreckt. Angeblich soll da die Stimme besser zur Geltung kommen. 

 

Auf der Setlist stehen mehrheitlich Oasis-Songs, insgesamt 11,  aus den verrückt-exzessiven 90ern, bei diesen Tracks erscheint auch Oasis-Gründungsmitglied Paul "Bonehead" Arthurs auf der Bühne. Dazu die eingängigsten Songs Liams aus seinen zwei Solo-Alben "As you were" (2017) und "Why Me? Why Not", die beide wieder auf Platz 1 der britischen Charts kletterten: Das piano-lastige "Halo", das aggressive Shockwave" und natürlich das John Lennon-angehauchte "Once" mit den herrlich traurigen Zeilen "When the Dawn came up you felt so inspired to do it again. But it turns out, you only get to do it once."

 

Fußball-Star Eric Cantona durfte im "Once"-Video die Hauptrolle übernehmen, Fußball-Stimmung auch im ausverkauften Gasometer: Dauer Hands-Up und Schlachtgesänge, sich umarmende Jungs und Mädels aller Altersklassen, Schweißausbrüche, Bierduschen, kollektive Party. Es ist wieder (fast) wie damals, als die Working Class Heroes (und Labour-Unterstützer) von Oasis die europäische Musikwelt aufmischten und für eine klassenlose Gesellschaft in den überfüllten Zuschauermengen sorgten. "Stand by me, nobody knows the way it´s gonna be" oder "We´ll see things they´ll never see. You and I are gonna live forever", Hymnen für eine verunsicherte, frustrierte Generation, die den Glauben an die Zukunft verloren hat und im rauschigen Gemeinschaftsgefühl neue Kraft schöpft.

 

What doesn´t kill us makes us stronger. Gilt nicht nur für die Fans, sondern auch für Liam Gallagher, der für seine neuen Alben den für den Lady Gaga-Hit "Shallow" verantwortlichen US-Produzenten Andrew Wyatt als Noel-Ersatz herangezogen hat. Rock Icon MTV Award, Hochzeit und ein neues Album mit dem Arbeitstitel "Come on you know", es läuft bestens für Liam.

 

Trotz aller (PR?)-Streitigkeiten mit Bruder Noel Gallagher sollte man auch eine Oasis-Reunion niemals ausschließen. Denn wer den Hexenkessel im Wiener Gasometer bei Liams Oasis-Performances miterlebt hat, der weiß, dass das letzte Kapitel (vermutlich) noch nicht geschrieben ist: "Roll with it", "Supersonic", das über 7 Minuten lange "Champagne Supernova" und "Cigarettes & Alcohol", die heiß umjubelten Zugaben beim Gallagher-Auftritt. 

 

Auf "Wonderwall", "Whatever" oder "Don´t look back in anger" mussten die Fans (wie auch bei den meisten anderen Europa-Tour-Gigs) verzichten. Als Entschädigung dafür ein Tweet des Rock´n Roll Stars persönlich: "Thank you Vienna, you were biblical. Stay young lg x".

Time is Thirsty! - Subtil-Minimalistische 90s-Ausstellung in der Kunsthalle Wien!

"Time is Thirsty" - So nennt sich eine noch bis 26. Jänner laufende Ausstellung der Kunsthalle Wien des im Museumsquartier. Thematisiert wird das Jahr 1992 (gleichzeitig das Gründungsjahr der Kunsthalle), durchaus auf eine unkonventionelle Art und Weise nach einer Idee des Kurators Luca Lo Pinto, der nach dieser Ausstellung als Direktor des Museo d´Arte Contemporanea di Roma (MACRO) tätig wird.

 

Betritt man den großen Hauptraum der Kunsthalle, dann wird man nicht - wie üblich - mit hunderten Artefakten eines Jahrzehnts und zahlreichen Inhalten erschlagen, sondern befindet sich in einer vergleichsweise leeren Halle mit verschiedensten Objekten, die - ohne Erklärungen (ein Booklet erhält man an der Kasse) - zwar schwer zuordenbar sind, allerdings nach freier Fantastie zu Assoziationen verknüpft oder zu sinnlichen Erlebnissen transformiert werden können. "The Feeling of this Show is an in-between status, like being in a club, where you don´t understand if the party just finished or has yet to start", so Pinto.

 

Durch die ganze Halle dröhnen Techno-Beats des britischen Experimentalmusikers Peter Rehberg und Soundloops des italienischen Elektronik-Duos Vipa, auf der Seite stehen leere Gläser von Jason Dodge, so wie einst auf den illegalen Rave-Floors der 90er. Die norwegische Künstlerin Sissel Tolaas versetzt das technoide Ambiente mit Geruch aus den Nineties. Ann Veronica Janssens besprüht in der Mitte der Halle den Boden mit "Blue Glitter", dessen Farbe sich je nach Blickwinkel verändert. Daneben ragt eine überlebensgroße, styropor-gefüllte Levis-Jeans, damals die Kult-Hose schlechthin. Weniger stilsicher zumindest nach heutigem Geschmack die multikulturelle Sportswear der niederländisch-chinesischen Designerin Carla Maria Fong Leng, dargestellt mit fünf Ankleidepuppen. Auf den Wänden platziert sind riesige Fleischwunden, laut Schöpferin Georgia Sagri "gleichsam soziale und ästhetische Körper", und das Bild einer Äffin mit gezücktem Revolver, die den aktuellen Selfie- und Instagramwahn mancher Frauen stellvertreterisch persifliert.

 

Die Worte "Merry Christmas" weisen auf ein revolutionäres Ereignis vom 3. Dezember 1992 hin, als der junge Testingenieur Neil Papworth die erste SMS mit diesem Text über das Vodafone-Netzwerk an das Telefon von Richard Jarvis schickte. "Why I hate the Internet", ein aus einem Buch herausgerissenes Gedicht von Dorothea Lasky, regt zum Nachdenken an über die sinnentleerte Like-Culture der Jetzt-Zeit. 

 

Ohne Zeitangabe auf den Wänden zu lesen sind selektierte Artikel über Ereignisse von 1992, die so auch in der Gegenwart passieren könnten:_ Demos gegen Fremdenhass (in Deutschland), Ausschreitungen wegen Polizeigewalt in Los Angeles (der Fall Rodney King) oder ausgeartete Meinungsverschiedenheiten zwischen Rave Hippies und Dorfbewohnern in England.

 

Kurator Pinto verbindet geschickt künstlerische Positionen der Vergangenheit mit der Gegenwart unter der (kaum widerlegbaren) Prämisse, dass nahezu alle aktuellen Kreationen Reinkarnationen, Variationen oder Kopien früherer Jahre sind. Nicht in der Kunsthalle Wien, aber im Stadtraum zu sehen, ist ein Plakat mit dem Schriftzug "Es ist nur eine Frage von Zeit". Der Schöpfer dieses Plakats aus dem Jahre 1992, Felix-Gonzales-Torres, ist 1996 an Aids gestorben. Die Immunschwächekrankheit ist auch heute noch unheilbar...

 

"Time is Thirsty" ist noch bis 26. Jänner im MQ zu sehen...

 

A "Klans" Glücksspiel: Voodoo Jürgens live in der ausverkauften Wiener Arena!

"Es geht nur in 2 Songs ums Kartendübeln. Es ist auch das Musizieren damit gemeint. Das Glück, das man hat, wenn man unterwegs ist und spielen kann." Voodoo Jürgens über den Titel seines zweiten im November erschienenen Albums "'S Klane Glücksspiel". Man kann mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit annehmen, dass Voodoo Jürgens und sein siebenköpfiges Ensemble "Ansa Panier" beim Live-Spielen erfolgreicher sind als beim Gamblen. Beide Konzerte in der Wiener Arena waren innerhalb weniger Tage ausverkauft.

 

Die Vorzeichen standen einst für David Öllerer, so sein echter Name, nicht so gut. Aufgewachsen im eher biederen Tulln musste sein Vater mit 7 eine Haftstrafe antreten, die Lehr-, Schul- und Studienjahre waren wenig lukrativ. Ab 19 wohnte er in der Großstadt Wien und konnte dort seiner Passion, der Musik, frönen. Öllerer spielte fast zehn Jahre in einer schrägen Indie-Formation namens "Die Eternias", nebenbei arbeitete er u.a als Friedhofsgärtner. Vielleicht entstand in diesem Zusammenhang auch die Idee für seinen ersten Hit als Voodoo Jürgens, "Heite grob ma Tote aus", der 2016 auf Platz 1 der FM4-Charts landete und in dessen Windschatten sein erstes Album "Ansa Woar" Platz 1 der Verkaufscharts enterte.

 

Strizzipoet, Dichter der einfachen Leute, Beislpossenschleuderer oder einfach nur Wiener Liedermacher im Stile von Ambros, Qualtinger & Co., viele Attribute treffen auf Voodoo Jürgens zu. Ähnlich dem Nino aus Wien, mit dem Öllerer eine Hommage an Hansi Orsolics ("Hansi da Boxer") gebastelt hat. Unter Vertrag ist Voodoo Jürgens beim Wanda-Manager Redelsteiner (Lotterlabel), drei Jahre konnte er sich Zeit lassen, ein Nachfolgewerk zu konzipieren. Auf der faulen Haut lag er allerdings nicht: Live-Konzerte en masse auch in Deutschland und der Schweiz, ein Theater-Projekt mit Stefanie Sargnagel, eine Ludwig Hirsch-Tribute-Tour, Mitwirkung in einem TV-"Tatort" ("Her mit der Marie"), in dem sich die Kunstfigur Voodoo Jürgens de facto selbst spielt, als Belohnung ein FM4-Amadeus Alternative Award 2017.

 

Der Übergang vom kleinen Beisl-Poeten zum hallenfüllenden Austro-Pop-Phänomen scheint gelungen. Über 90 Minuten begeistern Voodoo Jürgens und seine top-eingespielte Ansa Panier die prall gefüllte Wiener Arena mit ihren witzig-düsteren Liedern über das Wiener Lokalkolorit. Blickfang neben dem stets im 70er-Look mit Schnauzbart, Schlaghosen und Hemd auftretenden Voodoo Jürgens ist die Akkordeon-Spielerin Alicia Edelweiss, die kürzlich ein exzellentes Indie-Folk-Album ("When I´m enlightened, everything will be better") veröffentlicht hat.

 

Lieder aus dem Debüt-Album wie "Gitti" oder die urig romantische Liebesballade "In deiner Nähe" mit so Passagen wie "Es ist mir wurscht, wo du her bist. Oda wos du mochst. Hauptsoch is dassd jetzt do bist" wechseln mit schunkelig-neuen Tracks wie den "Scheidungsleichn" (gemeint sind damit ländliche Rohbauten, die sich die getrennten Paare nicht mehr leisten können), "Kumma ned" oder der herrlichen seiner kleinen Tochter gewidmete Gemeindebau-Hymne "Wem gheard des Mensch?". Auch wenn sich Voodoo Jürgens nicht direkt politisch äußert, das wuchtige "Angst haums" als finaler Track vor dem Zugabenblock ist - im Stile des Hofas - ein klares Statement gegen die grassierende Fremdenfeindlichkeit und den Rechtspopulismus  in unseren Breiten.

 

In vielen Liedern beschäftigt sich Voodoo Jürgens mit seiner Schulzeit in der niederösterreichischen Kleinstadt Tulln, besonders nachdenklich in seinem neuen Song "2 Liter Eistee, 1 Sackerl Chips." Eine Jausen-"Mahlzeit" in der Schulpause, die meistens auf nachlässige Familienverhältnisse deutete. Witziger sind da schon die Vorfälle während einer Eisdisco in Tulln ("Eislaufplotz"), mit szeneauthentisch geschilderten Teenager-Typen wie dem Horstl und den Skukalek-Zwillingen. Voodoo Jürgens steht dabei alleine auf der Bühne, lässig mit Gitarre im rötlichen Licht , im Stile eines geschichtenerzählenden Gauklers der Vergangenheit.

 

Zum Abschluss-Lied erscheint wieder die gesamte Ansa Panier auf der Bühne. Im Mittelpunkt erneut "Tulln" als kleinbürgerliche Personifikation zwischen Euphorie und Depression, jugendlicher Aufbruchsstimmung und provinzieller Beschränkung. "Ich habe mein junges Leben nicht negativ empfunden. Der Song war schlicht ein Ventil, um das herauszulassen, worüber sonst nie geredet worden ist", so Voodoo Jürgens. Tja, Hände Falten, Gosch´n halten war schon immer ein Problem in der Alpenrepublik...

Black Friday for Future in Wien: 20.000 Klimaschützer gegen fossile Großkonzerne!

"Ölkonzerne pumpen in der Ferne, zerstören unsere Umwelt, nur für ´nen Batzen Geld. Worin wir unsere Zukunft sehn´, erneuerbare Energien" oder "Was ich gerne hätte, autofreie Städte". Songs und Slogans bei der Fridays for Future-Demo am 29. November in Wien, die im Rahmen des vierten weltweiten Klimastreiks organisiert wurde.

 

In Wien beteiligten sich ca. 20.000 Klimaschützer an der Demo, die von der OMV-Zentrale Richtung Innenstadt zog. Grund für diese Route: Die OMV gehört zu den 100 größten fossilen Unternehmen, die zusammen für 70 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sind. Aktuell plant die OMV neue Bohrungen vor der neuseeländischen Küste, die Wale und Delphine gefährdet. Greenpeace bekämpft diese mit zahlreichen Besetzungen und Aktionen.

 

Die "Black Friday"-Demo, benannt nach dem "Rabatt-Tag" der Handelsriesen, fordert von der nächsten Bundesregierung einen Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle, die Aufnahme des Klimaschutzes in die Verfassung, einen Stopp fossiler Großprojekte (wie den Neu- und Ausbau von Flughäfen und Autobahnen), eine ökosoziale Steuerreform mit einer CO2-Bepreisung und die Abschaffung umweltschädlicher Subventionen. Man darf gespannt sein, wie die Grünen (von denen viele Vertreter an der Demo teilnahmen) diese Forderungen in einer etwaigen Regierung umsetzen werden. Sie verhandeln bekanntlich mit einer Partei, der KurzVP, die auf EU-Ebene sich GEGEN den Klimanotstand in Europa ausgesprochen hat.

 

Zu den Forderungen der Klimaschützer zählt auch der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, vor allem der Bahn. Laut Umweltbundesamt ist ein Kilometer, der mit einem Diesel- oder Benzin-betriebenem Auto zurückgelegt wird, über 15mal so klimaschädlich wie ein Kilometer mit der Bahn. Ein Kilometer mit dem Flugzeug ist sogar über 31mal so emissionsintensiv. Problematisch ist allerdings die derzeitige Verbindungsinfrastruktur in Europa. SPÖ-Abgeordnete Julia Herr hat dies, PR-mäßig gelungen, eindeutig bewiesen. 43 Stunden dauerte ihre Reise von Wien nach Madrid zur UNO-Klimakonferenz per Bahn und kostete um die 1000 Euro. Ein durchschnittlicher Flug hätte 90 Euro gekostet, bei einer Flugdauer von 3 Stunden.

 

An der Demo beteiligten sich nicht nur Schüler und Studenten, sondern auch Eltern teilweise sogar mit ihren Babies und zahlreiche besorgte Bürger verschiedenster Altersschichten, die unzufrieden mit der weltweiten Klimapolitik sind und dagegen diese mit unterschiedlichsten Parolen agitieren: Climate Justice, Besteuerung von Emissionen, kein Plastik im Meer, No Shopping on a dead planet oder Wrong Amazon is burning. Der Kreativität waren an dem kalten Novembertag keine Grenzen gesetzt.

 

Globales Ziel der Klimaaktivisten ist eine maximale Erderwärmung um 1,5 Grad bis 2100. Vereinbart wurde dieses Ziel 2015 in Paris durch die G20-Staaten, die für 80 Prozent des Treibhausausstoßes verantwortlich sind. Laut eines NGO-Berichts ist kein einziges Land auf Kurs. Im Gegenteil: Die Treibhausgasemissionen stiegen 2018 sogar um 1,8 Prozent.

 

Viele weitere Demonstrationen und Aktionen werden daher seitens von Aktivisten, NGO´s und Bürgern notwendig sein, um die Industriestaaten und Großkonzerne zum Klima- und Planetenschutz zu zwingen.

Urban Art: Street Life Photography im Kunst Haus Wien

Junge Liebespärchen, spielende Kinder, betrunkene Party People, einsame Pensionisten, extravagante Freaks, heimlich gefilmte Menschen mit melancholischen Blicken in Metros und auf U-Bahnplattformen,....  - Die Palette an Motiven in der neuen Kunst Haus Wien-Ausstellung "Street Life Photography" ist genauso so bunt und vielfältig wie das urbane Leben selbst. Und regt, animiert durch zahlreiche Zitate der Künstler, auch zum Nachdenken über die menschliche Seele an.

 

Im 3. und 4. Stock des Kunsthauses werden über 200 Werke des Genres, von den 1930er-Jahren bis heute, präsentiert. Der Ausstellungsraum wird in 5 Kapitel unterteilt: Street Life, Crashes, Public Transfer, Anonymity und Alienation. Die New Yorker Fotografin Melanie Einzig bringt die Ausstellung mit einem Zitat auf den Punkt: "Life itself offers situations far more strange and beautiful than anything I could set up."

 

Der auch in der Techno-Szene bekannte deutsche Fotograf zeigt in einer Fotoserie Menschen, dicht aneinanderstehend in der U-Bahn, ein bisher wenig reflektiertes "sensual experience". Wo endet die Individualität, wo beginnt die Gruppe? Diese Frage wirft der in New York lebende dänische Fotograf Peter Funch auf: Mit einer Gruppe von Hundebesitzern und auf einer Straßenkreuzung. Dass Menschen die Masken fallen lassen, wenn sie die öffentlichen Straßen verlassen und scheinbar unbeobachtet in ihre privaten Gefilde abgleiten, das zeigt die aus Kairo stammende Weltbürgerin Yasmine Chatila mit brillanten Nachtaufnahmen direkt in die Schlafgemächer der Urban People.

 

Street Life Photography existiert auch in Wien, in der Ausstellung vertreten durch Alex Dietrich, Erich Lessing (u.a. mit Jubel-Fotos über den Staatsvertrag und kommunistischen Paraden) und die Fotografin Lies Maculan. Wer sich die sowohl inhaltlich als auch ästhetisch inspirierende Ausstellung nicht entgehen lassen will. Bis 16. Februar 2020 ist noch Zeit...

 

Eintritt: 9 Euro (bzw. 12 Euro im Kombi-Ticket mit dem Museum Hundertwasser)

 

Kunst Haus Wien, Untere Weißgerberstraße 13, 1030 Wien...

Open Piano for Refugees: Amanda Palmer-Nachmittagskonzert vor der Karlskirche!

"Alle dürfen spielen, alle dürfen zuhören. Alle sind willkommen."  Das ist das Motto der "Open Piano for Refugees"-Events. Platziert wurde der frei zugängliche Klavierflügel vom 13. bis 15. September am Wiener Karlsplatz. Mit einem derart prominenten Gast wie Amanda Palmer hat allerdings keiner gerechnet.

 

Die ehemalige Sängerin der Dresden Dolls, die am Samstag-Abend im Wiener Konzerthaus gastierte, ließ es sich nicht nehmen, an einem brütend heißen Nachmittag ein Gratis-Konzert vor der Karlskirche zu geben. Strictly in black gekleidet, inklusive black Sunglasses. Beim Radiohead-Cover "Creep" schwärmte Palmer durch die sitzende Menge, bis sie dann am Klavierflügel ein Best of ihrer Classics präsentierte (die beim nachträglichen Konzert nicht auf dem Programm standen): Vom Dresden Dolls-Kult-Track "Coin Operated Boy", "Drowning in the Sound" bis "Sing" und zur "Seeräuber-Jenny" aus Brechts Dreigroschenoper. 

 

Die Spenden aus diesem faszinierenden Nachmittagskonzert gingen an das soziale Musikinstitut DoReMi in Wien, das die Inklusion von geflüchteten und sozial benachteiligten Menschen fördern soll. Ein großartiges Zeichen für Toleranz, Nächstenliebe und die Unterstützung finanziell Schwacher.

 

https://www.setlist.fm/setlist/amanda-palmer/2019/karlsplatz-vienna-austria-b9ced96.html

 

"Als die Nacht sich senkte" - Buchpräsentation von Herbert Lackner im Thalia!

"Als die Nacht sich senkte - Europas Dichter und Denker zwischen den Kriegen und am Vorabend von Faschismus und NS-Barbarei" - So lautet der Titel des neuen Buches von Ex-Profil-Journalist Herbert Lackner, das er im Thalia-Wien Landstraße vor zahlreichen Besuchern und prominenten Politikern (wie Ex-LH Erwin Pröll, Ex-Vizebürgermeister Bernhard Görg und Heide Schmidt) vorstellte.

 

Moderiert wurde die Veranstaltung von ZIB 2-Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher, die den profunden Autor auch über die Entstehung des Buches interviewte. So handelt es sich bei "Als die Nacht sich senkte" eigentlich um das zeitlich vorgelagerte Prequel zu Lackners Buch "Die Flucht der Dichter und Denker - Wie Europas Künstler und Intellektuelle den Nazis entkamen", das 2017 mit dem Bruno Kreisky-Preis ausgezeichnet wurde.

 

Lackner beschreibt Leben und Denkweisen berühmter Künstler in der Zwischenkriegszeit, die speziellen Informationen erlangte der akribisch arbeitende Journalist aus digitalisierten Archiven der Nationalbibliothek, Karl Kraus´ Fackel oder aus den Schnitzler-Tagebüchern. Die Anekdoten sind spannend, geben Anlass zum Nachdenken über Assoziationen mit der Gegenwart und führen auch zum Kopfschütteln über (angeblich) humanistische Denker der Vergangenheit.

 

So waren Hugo von Hofmannsthal oder Oskar Kokoschka (zumindest anfangs) Anhänger des Kriegs, letzterer meldete sich sogar freiwillig und wurde durch einen Lungendurchschuss schwer verletzt. Alma Mahler galt als Antisemitin und ließ sich gemeinsam mit Franz Werfel im Auto Mussolinis durch ganz Europa kutschieren. Stefan Zweig sinnierte Ende des 1. Weltkrieges, dass eines Tages die Juden für die Kriegsniederlage zur Verantwortung gezogen werden.

 

Der Antisemitimus, vorwiegend betrieben von den Christlich-Sozialen, war eine gesellschaftlich akzeptierte Strömung. Dass diese in den NS-Holocaust münden würde, war Ende des 20er-Jahre zumindest oberflächlich nicht abzusehen, hatte die NSDAP damals noch lächerliche 2,6 Prozent Wähleranteil bei den deutschen Reichstagswahlen, der sich bis 1932 auf 37,8 Prozent erhöhte. Hitler selbst wurde laut Lackners Recherchen zum ersten Mal in den Suchmaschinen als Anführer einer durch München ziehenden Schlägerbande erwähnt.

 

Viele weitere historische Erzählungen (beispielsweise über Schlägereien bei Schnitzlers "Reigen"-Aufführungen, die Ermordung des "Stadt ohne Juden"-Autors Hugo Bettauer oder den NS-nahen Lyriker Josef Weinheber) finden sich in Lackners spannendem Buch über die kulturelle Zwischenkriegszeit. Und wer sich das Vorabwerk noch nicht zugelegt hat, der wird bei einem Besuch in der Buchhandlung gleich doppelt belohnt. :-)

https://www.thalia.at/shop/home/mehr-von-suche/ANY/sp/suche.html?mehrVon=Herbert%20Lackner

It´s Showtime: 9. Buskers Festival auf dem Wiener Karlsplatz!

"Straßenkünstler ist der ehrlichste Job der Welt" - So El Diabolero, Wiener Busker-Legende im Rahmen seiner spannenden Diabolo-Show-Auftritte beim Buskers-Festival auf dem Karlsplatz. Und er hat nicht unrecht. Die teilnehmenden Künstler erhalten von den Veranstaltern nur die Reisekosten, Kost und Logis, Gagen werden keine gezahlt. Die Artisten, Jongleure, Musiker, Clowns, Feuerakrobaten und Stand-Up-Comedians (oder kurz "Buskers") leben sozusagen vom "Hutgeld" der begeisterten Zuschauer. "Make them Stop, Make them Stay, Make them Watch, Make them Pay" - so kongenial hat dies einst Straßenzauberer-Ikone Jim Cellini zusammengefasst.

 

Das Wiener Buskers Festival findet seit 2011 statt und wird veranstaltet vom Verein zur Förderung der Straßenkunst. Mehr als 200 Festivals dieser Art gibt es weltweit, in Wien bewerben sich jährlich über 600 Gruppen und Einzelakteure aus der ganzen Welt. Auf insgesamt 6 Spots zwischen Resselpark und Karlskirche verzaubern die unterschiedlichsten Akteure das Publikum, dann erfolgt ein schneller Wechsel (der insofern leicht machbar ist, da Bühnen bei derartigen Festivals nicht "state of art" sind). Zahlreiche Installationen, Clowns, Pantomimen, Pop-Up-Markets, Graffiti- und Jonglage Workshops und gemeinnützige Initiativen (wie "Asyl in Not" oder der "Verein Ute Bock") machen - inmitten von köstlichen Gastro- und Snacksspezialitäten - den Aufenthalt kurzweilig und unterhaltsam.

 

Im Mittelpunkt des Buskers Festivals stehen natürlich die großartigen Künstler, die breitgestreute Menschentrauben um ihre Shows scharen: Straßenmusiker wie das lässige Instrumental-Trio Cobario oder "U-Bahn-Star" Nana (die u. a. mit einem Avicii-"Wake me Up"-Cover glänzt), die bogenschießende Schlangenfrau Sara Twister, das aus Uruquay stammende Akrobaten-Clown-Duo Clap Clap Circo, die Aerial Silk Vienna-Members (die wieder über dem Karlsplatz-Brunnen ihre Kunststücke präsentieren), Gentleman-Jongleur Mat Ricardo oder eben das "Maskottchen" des Buskers Festivals, El Diabolero, der verschmitzt-lässig bei ständiger Interaktion mit dem Publikum seine Diabolos bis zu 35 Meter in die Höhe wirft.

 

El Diabolero ist seit 1999 hauptberuflicher Straßen- und Zirkuskünstler und hat obendrein die Schauspielschule erfolgreich abgeschlossen. Er liebt an seinem Beruf die Spontanität, die Nähe zum Publikum und die Unvorhersehbarkeit der Situationen im öffentlichen Raum. Vor allem im Sommer ist Abraham Thill, so sein bürgerlicher Name, bei zahlreichen Festivals unterwegs. Früher ist er auch gerne auf dem Wiener Stephansplatz aufgetreten. Dies hat sich allerdings seit dem Inkrafttreten einer Novelle der Wiener Straßenkunstverordnung im Jahre 2012 geändert.

 

Früher durften Straßenkünstler an Orten wie der Kärntner Straße im Abstand von 25 Metern zwischen 13 und 22 Uhr ohne Genehmigung spielen. Aufgrund von Anrainer- und Gastrobeschwerden wurde dies 2012 untersagt. Straßenkünstler müssen seitdem eine Platzkarte bei der MA 36 (Kosten 6,54 Euro) beantragen. Die Reservierung eines bestimmten Ortes oder eines bestimmten Termins ist nicht möglich, eine Zuordnung erfolgt per Computer. Gespielt werden darf nur auf ca. 30 Stellen zwischen 16 und 20 Uhr. Kolportiert werden auch schikanöse Kontrollen durch die Polizei unter der Regentschaft der ehemaligen ÖVP-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel.

 

Eine untragbare Situation vor allem für Showmaster wie Thill. Er benötigt für seine Diabolo-Show weite Plätze, gutes Wetter und viele Zuschauer. Ideen für eine Reform der Straßenkunstverordnung hat der Straßenkünstler zur Genüge, die er auch bereits bei der rot-grünen Stadtregierung vorgelegt hat. Wenn man sieht, wie viele Besucher jährlich zum Buskers Festival pilgern, dann ist nicht auszuschließen, dass in Bälde eine Novelle in den Wiener Landtag flattert. 2020 wird bekanntlich in der Bundeshauptstadt gewählt :-)

Street Art-Kult: "Take Over"-Finale im Wien Museum!

Jede noch so innovative Idee gelangt einmal an einen Endpunkt (und sei es, auch nur durch neue kreative Inspirationen abgelöst zu werden). Im Falle der temporären "Take Over"-Ausstellung im Wien Museum am Karlsplatz ist das Finale allerdings im Umbau- und Sanierungsplan des 1959 von Oswald Haerdl eröffneten Gebäudes begründet.

 

Street Art, Graffiti, Do-it-yourself-Wände und ein Skaterpark haben das Wien Museum in den letzten 2 Monaten beherrscht. Dazu natürlich auch die Ehre, als Zentrale des Wiener Popfestes grandiose Acts wie Clara Luzia, Sigrid Horn oder Poetry Slammerin Mieze Meduza zu beherbergen und neben spannenden Talks über die schon längst nicht mehr langweilige österreichische Musikszene Robert Rotifer die Gelegenheit zu bieten, seine Popfest-Bibel "Ein Deka Pop" zu präsentieren.

 

"Falco lebt"-Wallsegmente, selbstbewusste Riot-Girls gegen den Rest der antifeministischen Gesellschaft, wandgroße Stencils mit animalischen Motiven, aber auch süße, kleine Liebeserklärungen und bunte Farbkleckser kennzeichnen die "Do it Yourself"-Arena im Erdgeschoß. Bekannte Namen der Wiener Street Art-Szene, die Anfang der 90er - meist auch gegen den Widerstand der Polizei und der Bürger - entstanden ist, geben sich im 1. Stock die Ehre: Nychos, Miss Isa, Abend, Speakers 23, und wie sie alle heißen.

 

Dazu ein Fotocorner mit legendären Street Art-Kunstwerken, die schon längst der Vergangenheit angehören und nur durch "Beweis-Schnappschüsse" noch gegenwärtig sind. Der einstige Groll über Sachbeschädigungen ist längst der Bewunderung über die Kunstfertigkeit der Urban Artists gewichen. Mit dem Projekt "Vienna Murals" des Fotografen Thomas Grötschnig existiert bereits ein eigener Online-Guide für die Street Art-Szene in Vienna. Auf der Suche nach unerforschten Arealen Wiens und deren versteckten Geheimnissen befinden sich die auch die 78er, die - formal benannt nach den kommunalen Magistratsabteilungen - als "Institut der Stadterkundung" nächtlich auf Häuser steigen und in U-Bahn-Tunnels und Kanäle klettern.

 

So gesehen ist das Hissen der weißen Flagge nach dem "Take Over" nur der brodelnde Beginn einer neuen Wertigkeitsstufe von Street Art und Graffiti in Vienna. Ähnliches gilt für das Wien Museum. Nach einer Entkernung und einer archäologischen Grabung startet voraussichtlich im Sommer 2020 der Umbau. Die Wiedereröffnung ist für 2023 geplant. Der Karlsplatz, in den 90ern Synonym für Drogensucht und soziales Elend, hat seine dunkle Vergangenheit weit hinter sich gelassen. Und das ist gut so...

"After Stonewall - 50 Years of Pride" - Fotoausstellung in Wien!

Es war in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969, als die New Yorker Polizei wieder einmal im Stonewall Inn, einer Bar für Homosexuelle und Transgender in der Christopher Street, eine schikanöse Razzia durchführte. Dieses Mal war die Situation anders, die Gäste wehrten sich mit Gewalt gegen die Diskriminierungen, tagelange Auseinandersetzungen waren die Folge. Der legendäre Widerstand gilt als Geburtsstunde der LGBTIQ-Bewegung, die sich symbolisch weltweit mit der Regenbogenfahne schmückte.

 

50 Jahre später konzipierte das Rainbow Cities Network (RCN) seine bislang 4. Fotoausstellung in Wien, kongenial zur Europride 2019. Das RCN, ein Zusammenschluss von über 30 Städten mit dem Ziel, kommunale Strategien für Gleichstellung und Antidiskriminierung zu entwickeln, wählte als Ort der Ausstellung die Fenster-Fassaden des Aids Hilfe-Hauses am Mariahilfergürtel.

 

Der Titel der Ausstellung (die noch bis zum 16. Juni zu sehen ist) lautet: "After Stonewall - 50 Years of Pride". Sie beinhält Fotoaufnahmen und Texte 17 verschiedener Städte, die alle einen gewissen Bezug zur LGBT-Bewegung aufweisen. Genf präsentiert den mit Regenbogenfarben beleuchteten 140 Meter hohen Wasserstrahl des Jet déau-Springbrunnens im Genfer See, deutsche Städte wie Köln, München und Hamburg zeigen CSD-Umzüge der 80er, Spaniens Gay-Metropole Barcelona eine Collage verschiedener Pride-Paraden direkt in den Ramblas. Paris setzt der Aktivisten-Ikone Francis Carrier ein Denkmal, während Sao Paulo die erste Anlaufstelle für Homosexuelle porträtiert. Brighton verbindet seine legendären Pride-Demonstrationen mit dem Thema Migration.

 

Das Wiener Foto von Martin Votava zeigt die im November 2016 vorgenommene Verleihung des Goldenen und Silbernen Wiener Verdienstzeichens an Rechtsanwalt Helmut Graupner (der durch VfGH-Beschwerden die "Ehe für alle" Ende 2018 ermöglicht hat) und an den Mitinitiator der ersten Wiener Regenbogenparade, Andreas Brunner. Die erste Ordensverleihung für LGBTIQ-Aktivismus in Österreich.

 

Das pfiffigste Zitat liefert der Züricher Beitrag: "We didn´t choose it, we were just lucky." Sic est, live and love your life, egal mit wem und wo...

"Gegen das Vergessen": Porträts von NS-Überlebenden am Wiener Burgring!

"Gegen das Vergessen" ist ein Erinnerungsprojekt des deutsch-italienischen Fotografen und Filmemachers Luigi Toscano. Der Künstler porträtierte dafür mehr als 300 Überlebende der NS-Verfolgung in Österreich, den USA, Deutschland, Russland, Israel und den Niederlanden.

 

Von 7. Mai bis 31. Mai sind ca. 100 überlebensgroße Porträts direkt am Burgring aufgestellt. Die Freiluft-Ausstellung wurde von Toscano gemeinsam mit dem Psychosozialen Zentrum ESRA (das NS-Überlebende und deren Angehörige betreut) initiiert und steht unter dem Ehrenschutz von Bundespräsident Alexander van der Bellen.

 

An den Porträts beigehaftet sind kleine Informationszettel, die das persönliche Schicksal der Holocaust-Überlebenden dokumentieren. Diese wahren Geschichten machen - in Verbindung mit der unmittelbaren Konfrontation mit der Person dahinter - sehr betroffen. Man liest von Deportationen, Todesmärschen in Konzentrationslager, Schüsse auf Kinder (durch "lächelnde Piloten"), Leben im Untergrund in Amsterdam, Paris oder Warschau (mit der Angst, jede Sekunde von den Nazis entdeckt zu werden), Fluchtstrapazen quer durch Europa nach Amerika und der Auslöschung ganzer Familien durch den NS-Terror.

 

"Gegen das Vergessen" wurde zum ersten Mal im Herbst 2015 in Mannheim gezeigt, es folgten weitere Stationen u.a. in Kiew, Berlin oder in New York beim Internationalen Holocaust-Tag. 

 

Das Projekt soll allerdings nicht nur einen Blick auf die (grauenvolle) Vergangenheit der NS-Überlebenden werfen, sondern soll die Besucher auch für aktuelle gesellschaftlich ausgrenzende Tendenzen (wie Rassismus, Nationalismus oder Rechtsextremismus) sensibilisieren. "Es fordert jeden einzelnen auf, alles zu tun, dass so etwas nie wieder geschehen kann". 

 

In einem Waisenhaus in Chemnitz wurde bei allen Kindern, die ein KZ überlebt haben, der Tag des Kriegsendes in Europa als Geburtsdatum angegeben. Dieser Tag, der 8. Mai, sollte endlich zum europäischen Feiertag erklärt werden.

"Fliegender Teppich, bitte bleib in Wien" - Eine Ausstellung von Flüchtlingen im Wien Museum!

Der "Fliegende Teppich" aus 1001 Nacht, er wird nicht zu Unrecht als Synonym für die monatelange Flucht Jugendlicher aus Afghanistan, Syrien und Somalia herangezogen, die diese nach Wien gebracht hat. Und er ist auch Trademark für eine kleine Ausstellung im 2. Stock des Wien Museums, der bis dato eigentlich für die Darstellung der Geschichte Wiens verwendet wird.

 

Die Ausstellung ist direkt gegenüber dem riesigen Stadtplanmodell Wiens positioniert und besteht nicht nur aus einem raumüberspannenden Teppich aus Bildern von jungen Flüchtlingen, sondern zusätzlich aus weiteren 20 Exponaten und einer berührenden Video-Installation. Erstellt wurde die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Jugendcollege der Stadt Wien, das seit 2016 asylwerbenden und asylberechtigten Jugendlichen zwischen 15 und 21 auf den Einstieg in das österreichische Ausbildungssystem und den Arbeitsmarkt vorbereitet.

 

Die Jugendlichen, betreut von den Atelier-Gründern Laleh Monsef und Rahman Hawy, wurden vor die Aufgabe gestellt, ihre Flucht zu beschreiben, ihre Träume und Visionen bildlich zu veranschaulichen und einen Konnex zu ihrer (derzeitigen) Heimatstadt Wien herzustellen. Diana Alo beispielsweise verknüpfte die Straßenansichten Wiens mit Hintergrundbildern ihrer syrischen Geburtsstadt, eine dreiteilige Installation unter dem Titel "Search for Happiness" zeigt das, was alle Flüchtlinge unabhängig von ihren Einzelschicksalen verbindet, die Suche nach dem Glück. Fahad ließ sich von einem Biedermeier-Bild eines Brezelverkäufers inspirieren und versetzte diesen in die Gegenwart, als Bier- und Weinverkäufer in einer Bar namens "Bagdad Wien". Andere Collegeteilnehmer wiederum beschrieben ihre privaten Träume (die eines DJ´s) oder visualisierten ihre Lieblingsorte wie die Moschee in Floridsdorf. Auch der "6er" scheint unter den Bildern auf, als sogenannte "Hassliebe", der die Flüchtlinge zum Jugendcollege bringt.

 

Im Mittelpunkt der u.a. von der Aktivistin und Journalistin Sara Hassan gedrehten Videoinstallation steht Fahad Alsamarai. Er ist 19 Jahre alt und ist vor 3 Jahren mit seiner Familie aus dem Irak geflüchtet. Er liebt Rugby, Kunst, den Donaukanal und die Parks, fühlt sich wohl in Wien. Vor einigen Tagen hat er einen negativen Asylbescheid erhalten.

 

Einige Kunstwerke der Ausstellung sind unvollendet. Ob sie jemals fertiggestellt werden können, ist fraglich, da es nicht sicher ist, ob die Künstler in Österreicher bleiben dürfen.

 

Fliegender Teppich, "bitte bleib in Wien", geschrieben in vier verschiedenen Sprachen, ist nicht nur der Untertitel der Ausstellung, sondern auch der fast flehende Wunsch der Flüchtlinge, die hier in Wien gestrandet sind. Es macht betroffen, dass er - trotz Einhaltung der Rechtsvorschriften - nicht für alle erfüllt wird...

Indie Rock, Electro Pop & Hip Hop: 24. FM4-Birthday Party in der Ottakringer Brauerei!

Wenn die überdimensionale, schrill-gelbe Ente ihr Revier aufgeschlagen hat, dann wissen die Insider Bescheid, dass FM4 wieder einmal eine heiße Party schmeißt. FM4, das ist jener österreichische Alternative-Sender, der seit 16. Jänner 1995 on Air ist. Gegründet als Antithese zum öden, ewig gleichklingenden Format-Radio-Mainstream feiert FM4 2019 somit seinen 24. Geburtstag. Nicht wie einst in klirrender (Open-Air)-Kälte, sondern in der kultigen Ottakringer Brauerei.

 

Auf 3 Soundfloors hat das FM4-Team ein buntes Line Up aus internationalen und nationalen Künstlern zusammengestellt, das sowohl Indie-, Rock-, Hip Hop- als auch Folk- und Electronic-Genres abdeckt.

 

Aus dem sonnigen South California stammen zum Beispiel die – Eigenbezeichnung -  „World Garage Rocker“ Wargirl, die unter der Fittiche von Produzent Matt Wignall einen funkigen, hippieesken Sound-Mix aus Rock, Latin, Afrobeats und Reggae zelebrieren. Auf der Bühne sind die Girls an der Front: Die lässig-laszive dunkelhäutige Sängerin Samantha Parks heizt mit Bassistin Tammy Raye und Keyboarderin Enya Preston und eingängigen Tracks a la „Poison“ oder „Mess around“ dem FM4-Publikum gleich zu Beginn der Birthday Party kräftig ein.

 

Im Keller der Ottakringer Brauerei folgen dann die zwei Berliner Slacker Pop-Girls von Gurr, die auch vor Stage Diving in der Menge nicht zurückschrecken, der melancholische Folk-Sänger Cosmo Sheldrake und der in der deutschen Hip Hop-Szene angesagte Trettmann.

 

Die Stiegen aufwärts einen Drink an der Bar genehmigen und dann noch einmal up in das „Wohnzimmer“ der FM4-Party, dem ehemaligen Hefeboden der Ottakringer Brauerei. Dort präsentierten die Newcomer von Paul´s Jets vorab ihr Debüt-Album, Erwin & Edwin und der in Berlin geborene Rapper Alix geben einen Einblick in „ihr“ Wien – mit der am meisten bejubelten Textline „HC Strache mag hier keiner“. Leisere Zwischentöne dann von Fil Bo Riva, bis die festivalerprobte Urban Brass-Formation „Moop Mama“ mit Rap und Blasmusik die FM4-Fans im menschenüberfüllten (und temporär bereits abgesperrten) Floor begeistert.

 

Österreichische Künstler, denen die Zukunft auch international weit offen steht, geben sich im „Badezimmer“ die Ehre, erreichbar über ein Nebengebäude und unmittelbar durch aus der Brauerei strebende Gänge. Bereits bekannt aus „Willkommen Österreich“ durch die Musicless Videos von Keyboarder Mario Wienerroither mit nachfolgendem Live-Auftritt präsentierten die im Electro-Pop-80´s-Genre angesiedelten „Dramas“ ihr erstes Album „Nothing is permanent“. Sängerin Viktoria Winter, elegant gestylt so wie einst „Shakespeare´s Sister“, trifft auch die schwierigsten Töne und fasziniert mit dem auch auf dem Album vertretenen Ultravox-Cover „Vienna“.

 

Internationales Format beweisen auch die Wiener Indie-Rocker At Pavillon, die nicht nur großartige Songs wie „Lions“ (einem Track gegen Rassismus und Unterdrückung jeglicher Art), „All Eyes on me“ oder „Stop this War“ im Repertoire haben, sondern mit Mwita Makaro auch einen charismatischen Sänger aufweisen, der das Publikum zum Kochen bringt. Die kanadische Rock-Band „We are the City“, aktuell Nr. 1 der österreichischen Indie-Charts mit „Dark Horizon“, beendet um 2 Uhr nachts den musikalischen Reigen am 3. Floor der FM4-Birthday Party.

 

Man darf gespannt sein auf das Programm im nächsten Jahr. Dann feiert FM4 nämlich seinen 25. Geburtstag. Vielleicht auch eine tolle Gelegenheit neben Newcomern und Geheimtips einen „Best of Floor“ der vergangenen Jahre zu konzipieren. 

Aids-Benefiz-Event im Dom: "Jedermann Reloaded" mit Mastermind Philipp Hochmair!

"Um den Tod dreht sich auch alles im berühmten Jedermann. Denn der kennt kein Reich, kein Arm, kein Homo- oder Heterosexuell, kein Alt oder Jung. Er ist unumgänglich - und wir haben nur eine Chance: Alles, was davor kommt in Liebe, Toleranz und gegenseitigem Respekt zu gestalten." So die gewohnt pathetischen Einführungsworte von Life Ball-Organisator Gary Keszler beim Benefiz-Event "Jedermann Reloaded im Dom".

 

Und tatsächlich passen bei dieser von Keszler und Kardinal Christoph Schönborn initiierten Veranstaltung alle Komponenten zusammen. Im theatralischen Mittelpunkt steht das "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" von Hugo von Hofmannsthal, 1911 im Berliner Zirkus unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt und seit August 1920 jährlich wiederkehrender Höhepunkt der Salzburger Festspiele.

 

Adaptiert wurde das Stück von Philipp Hochmair, einem der genialsten Schauspieler Österreichs. 1973 in Wien geboren, absolvierte er das Max Reinhardt Seminar und ein Konservatorium in Paris, war Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters und des Hamburger Thalia Theaters und glänzte u.a. als Mephisto, junger Werther und Dorfrichter Adam. Im Mainstream-TV kennt man ihn vor allem in seiner Rolle als aalglatter Politiker Schnitzler in den "Vorstadtweibern". Im August 2018 sprang er in Salzburg als Jedermann für den erkrankten Tobias Moretti ein. Dies war intellektuell deswegen möglich, da Hochmair seit 2013 an verschiedenen Standorten eine moderne Rock-Elektro-Version des Jedermann präsentiert. Begleitet von der Band Elektrohand Gottes verwendet er dabei die Original-Verse Hofmannsthals, spielt dabei aber (fast) alle Rollen selbst.

 

Auch im Wiener Stephansdom ist Hochmair das kraftvolle Epizentrum von "Jedermann Reloaded": Einmal stark geschminkt mit Camouflage Look, dann exzessiv mit nacktem Oberkörper und Bierflaschen in der Hand, dann wieder im goldenen Anzug oder umgeben vom goldenen Mammon. Für diese Spezialversion hat Hochmair zusätzlich hochkarätige Schauspielerinnen engagiert: Ulrike Beimpold als Buhlschaft, Erni Mangold als "gute Werke", Konstanze Breitebner als Mutter und Glaube und die Ex-Buhlschaft Sunnyi Melles als Teufelin. Als Tod ist das 8jährige derzeit im Musical "Bodyguard" agierende Jungtalent Siya Urbanitsch zu sehen, in Südafrika geboren und seit 2014 mit seiner Adoptivfamilie in Österreich. 

 

Siya ist nicht der einzige Konnex zu Südafrika. Die Benefiz-Veranstaltung am Vorabend des Welt-Aids-Tages hat nämlich das Ziel, Geld für das "Blessed Gerard´s Care Zentrum" des Malteser Ordens im südafrikanischen Mandeni zu lukrieren. Dort werden unter der Leitung des Paters Gerhard Lagleder 600 HIV-Patienten behandelt. Der durch die Jedermann-Sondervorstellung finanzierte Reinerlös von über 68.000 Euro (exkl. Spenden der 1600 Gäste) soll dabei die Versorgung der Patienten für einen Monat sichern.

 

Eine großartige Jedermann-Avantgarde-Show im Dom, Spenden für karitative Zwecke, zufriedene Gesichter im vorweihnachtlichen Reigen. Ein Win-Win-Event für alle...

 

 

Wien-Museum: Besucherrekord für Otto Wagner-Ausstellung!

"Überall triumphierte die Mittelmäßigkeit über den Künstler. Ein Leben der Enttäuschungen." So der Architektenkollege und Kulturpublizist Adolf Loos 1911 über Otto Wagner. Er bezog sich dabei auf die zahlreichen Entwürfe, Pläne und Visionen des 1841 in Wien-Penzing geborenen Architekten, die aufgrund traditioneller Vorstellungen, aber auch höchster politischer Machtspiele und Intrigen niemals verwirklicht wurden.

 

Bestes Beispiel: Die immer wieder überarbeiteten Pläne Wagners für ein pompöses Stadtmuseum mit einer Neustrukturierung des Karlsplatzes und einem Monumentalbrunnen. Erbaut wurde dieses als "Wien Museum" erst in restriktiver Form im Jahre 1959. Zum 100. Todestag am 11. April 1918 gedenkt man dort dem schöpferischen Werk des renommierten Architekten, Professors der Akademie der bildenden Künste und Stadtmetropolenvordenkers. Es handelt sich dabei um die erste Ausstellung über Otto Wagner seit 1963 (!), die - übersichtlich gegliedert in Stationen seines Lebens - im 1. Stock des Museums noch bis 7. Oktober 2018 zu sehen ist.

 

Dass sich die Wiener für ihre eigene Geschichte - und die hat Otto Wagner mit seinen Bauten und Visionen maßgeblich mitgeprägt - interessieren, zeigen die sensationellen Besucherzahlen. Mehr als 80.000 Menschen visitierten bereits die Wagner-Ausstellung, die damit - vor der "Sex in Wien"-Ausstellung - die erfolgreichste des Hauses ist.

 

Viele der über 500 Exponate stammen direkt aus dem Wien-Museum. Dazu zählen exklusive graphische Entwürfe des Künstlers, Fotos aus der "Secessions"-Ära, eine Dia-Präsentation seiner bekanntesten Bauten (wie den "Wienzeilenhäusern" oder dem Ankerhaus am Graben) und lebensgroße Modelle der Kirche am Steinhof mit ihrer goldenen Kuppel oder der Stadtbahnbögen. Das Stadtbahn-Konzept hat Otto Wagner um die Jahrhundertwende erstellt, architektonisch wurden diese erst ab den 60ern geschätzt und stehen heute unter Denkmalschutz. Kein Förderer Wagners war auch der Thronfolger Franz Ferdinand, der zahlreiche Projekte des progressiven Architekten vereitelt hat. So auch den Bau seines "Kriegsministeriums"-Entwurfs an der Ringstraße. Als "Revance" residiert zumindest heute direkt gegenüber eines seiner phänomenalen Hauptwerke: Die Postsparkasse.

 

Als letzte Station vor dem Ausgang zeigen die Kuratoren ein großes Modell des Stadtmuseums, wie es Otto Wagner einst geplant hat. Tatsächlich wird das Wien Museum ab Anfang Februar 2019 wieder umgebaut. Kosten: 108 Millionen Euro, voraussichtliche Fertigstellung 2022. Im Mittelpunkt steht dabei ein schwebender Neubau, der das denkmalgeschützte Alt-Gebäude umschließt. Dazu ein Dachgeschoß für Sonderausstellungen und eine öffentliche Terrasse mit Blick auf den Karlsplatz. Hätte Wagner vermutlich gefallen...

 

 

Fotografien als Schlaglichter der Zeit: Photo/Politics/Austria im Mumok Wien!

Spannende Fotoausstellung derzeit im Wiener Museumsquartier: Das Mumok zeigt im 1. Untergeschoß unter dem Titel "Photo/Politics/Austria 100 Fotos aus 100 Jahren, bezogen auf den Zeitraum 1918-2018.

 

Die Fotos stammen aus dem Mumok-Fotoarchiv und von Leihgebern wie der Austria Presse Agentur, dem Filmarchiv und der Nationalbibliothek. Gestaltet wurde der historische Parcours, der nicht nur 100 Fotos, sondern zusätzlich auch erklärende Zeitungsartikel, Texte und Plakate enthält, vom Künstler Markus Schinwald. Die Auswahl der einzelnen Fotos richtet sich einerseits nach der historischen Bedeutung des Ereignisses, andererseits nach der Wirkung der jeweiligen Bilder, "die durch ihre vollkommene Unmittelbarkeit Episoden aus der Vergangenheit wie mit Schlaglichtern erhellen".

 

Die Bandbreite der Fotos umfasst das gesamte politische, gesellschaftliche und boulevardeske Spektrum der 1. und 2. Republik: Nazi-Fotos mit Propagandaästhetik, badende Schönheiten vor durch den Weltkrieg zertrümmerten Gebäuden, das bis 1955 größte internationalste Medienereignis der Staatsvertragsunterzeichnung, die "Help"-Beatles-Dreharbeiten in Obertauern, die Wiener Aktionisten rund um Günter Brus, Elfie Semotans umstrittene "Palmers"-Plakate, Society-Löwe (und späterer sechsfacher Mörder) Udo Proksch, das Lichtermeer 1993 (die mit ca. 300.000 Teilnehmern bisher größte Demonstration Österreichs) Poplegende Falco (seltsamerweise mit "Madame Tussaud"-Bild), der Haider-Unfallswagen, Conchita Wursts sensationeller Songcontest-Sieg (inklusive der opportunistischen "Krone"-Lobeshymnen) oder on Video Screen die "Grasser"-Telefonprotokolle.

 

Die fotografische Zeitreise durch 100 Jahre Geschichte ist noch bis 3. Februar 2019 im Mumok zu sehen. Wer sich näher mit den einzelnen Materien beschäftigen will, kann im Shop dazu einen Ausstellungskatalog erwerben.

Buskers Festival Vienna: Straßenkünstler begeistern auf dem Wiener Karlsplatz!

"Straßenkünstler ist der ehrlichste Beruf der Welt. Man präsentiert ein Produkt, und danach entscheiden die Zuschauer, ob sie bereit dafür sind, etwas zu bezahlen", so der österreichische Akrobat Abraham Thill alias El Diabolero, der - neben der Schauspielerei - seit 1999 die Jonglage betreibt und seit Beginn des Wiener Buskers Festivals 2011 zu den beliebtesten Street Artists zählt.

 

"Busker" ist die englische Bezeichnung für Straßenkünstler bzw. Straßenmusikant. Das Konzept des Wiener Festivals: Die Veranstalter stellen den Künstlern Anfahrtskosten, Kost und Logis zur Verfügung, eine Gage wird nicht bezahlt. Diese erhalten die Akrobaten, Clowns, Musiker, Feuerschlucker,... als "Hutgeld" von den Besuchern. Und die werden pro Jahr mehr. Ca. 80.000 Besucher versammelten sich an drei aufeinanderfolgenden Tagen zwischen 14 und 22 Uhr, um die trickreichen, unterhaltsamen und prickelnden Shows der sympathischen Künstler zu betrachten.

 

Die Bandbreite ist weit gestreut: Von AgrotheClown, Jongleuren wie El Diabolero, Graffiti-Artists, der "spiegelnden" Broken Mirrow Crew, der Schlangenfrau Sara Twister (die mit ihren Füßen die Bogenschießkunst ausübt) bis hin zu heißen Feuershows von Nomad Cirquel ist alles dabei. Direkt über dem "See" vor der Karlskirche faszinieren die Athleten von Aerial Silk mit einer weltweit renommierten Form der Bewegungskunst, der Vertikaltuchakrobatik. Und machen dabei auch Werbung in eigener Sache: Aerial Silk Vienna bietet auch Kurse und Workshops für Sportinteressierte an...

"We are all the same People!" - Afrika-Tage 2018 mit Basar, Beats and Good Feelings!

"Wir wollen unseren Beitrag zum friedlichen Miteinander der Kulturen leisten, die Scheu vor dem Fremden nehmen und zeigen, dass wir eine Welt sind." So Medhat Abdelati, seit 2005 Veranstalter der Afrika Tage auf der Wiener Donauinsel. Und es zeigt Wirkung. Die Zuschauerströme des ohne öffentliche Gelder und Sponsoren stattfindenden Festivals werden von Jahr zu Jahr stärker.

 

Auf einer Fläche von 40.000 m2 gibt es für die Besucher zwei Wochen lang die Möglichkeit, afrikanische Kulturen kennenzulernen und mit Angehörigen fremder Völker in Kontakt zu kommen. Herzstück ist ein großer Basar, in dem Kunst- und Gebrauchshandwerk, Musikinstrumente, Kochutensilien, Textilien, Möbel, Masken und Schmuck angeboten werden. Auch die afrikanische Haarflechtkunst kann ausprobiert werden. Kinder (und natürlich auch Erwachsene) stehen vor dem spannenden Nervenkitzel, auf einem Kamel zu reiten. Tägliche Trommel-Sessions und Tanz-Shows vor dem Sahara-Zelt erzeugen ein schnelles Gemeinschaftsgefühl zwischen Einheimischen und Afrikanern. An zahlreichen gastronomischen Ständen können die Besucher afrikanische Spezialitäten (wie Couscous, Akara, Bissap oder Igishue) gustieren. NGO´S wie Ärzte ohne Grenzen, World Vision oder Amnesty International liefern nachhaltige Information und laden auch zur Unterstützung ihrer Projekte ein.

 

Täglich sorgten ab 18 Uhr zwei Live-Acts aus den Genres World Music und Reggae für euphorisch-chillige Atmosphäre bei zumeist heißen afrikanischen Temperaturen. Dazu zählten auch Hitparadenstars wie Inner Circle, die ihr 50 Jahr-Band-Jubiläum feierten, Ky-Mani Marley (ein Sohn des legendären Reggae-Großmeisters) oder die bereits 85jährige Latin-Legende Manu Dibango, einst mit "Soul Makossa" der erste afrikanische Musiker mit einer Nr. 1-Platzierung in den USA.

 

Erst seit 2009 im Business ist der aus Teneriffa stammende Reggae-Musiker Dactah Chando, der sein neues 6. Album "Global Cityzen" im Rahmen einer Europa-Tour vorstellt. Produziert wurde die neuen Tracks gemeinsam mit Gentleman´s Evolution Band. Sein Lebensmotto heißt genauso wie einer seiner eingängigsten Tracks: "Positivo".

 

Diese Philosophie pflegt auch der Italo-Jamaicaner Alberto d´Ascola. Der bereits in seiner Heimat Sizilien mit der Band "Reggae National Tickets" erfolgreiche Musiker wanderte 2001 nach Jamaica aus, um die authentische Rastafari- und Reggae-Kultur kennenzulernen. Mit seinem ersten Album als "Alborosie", Soul Pirate, gelang ihm 2007 auf beiden Seiten des Atlantik der kommerzielle Durchbruch. Gemeinsam mit dem multikulturellen Shengen Clan und zahlreichen Gastsängern präsentierte Alborosie bei den Afrika-Tagen - neben Classics wie "Kingston Town" oder "Herbalist" - sein brandneues Album "Unbreakable", das auch ein Cover des Metallica-Hits "Unforgiven" enthält. 

 

"One Love and Unity" und "We are all the same People" - Das sind Botschaften, die der sympathische Reggae-Musiker und (weißer) Vater zweier (schwarzer) Kinder immer wieder an die Fans weitergibt. Dort vor der Bühne sind sie längst angekommen, leider bei vielen Menschen weltweit (noch) nicht. Sonst wären gewisse Politiker, egal ob sie jetzt Trump, Le Pen, Orban, Kurz, Strache oder Salvini heißen, längst von der Bildfläche verschwunden.

Afrika-Tage 2018: Inner Circle mit Reggae-Hitfeuerwerk auf der Wiener Donaunsel!

Girl, I want to make you sweat, sweat till you can't sweat no more. And if you cry out, I'm gonna push it some more. A la la la la long, a la la la la long long." - Einer jener Superhits aus dem Jahre 1992, die man auch heute noch bei Retro-Parties oder im Radio-Mainstream-Format hört und an die man sich gerne erinnert (auch wenn man es öffentlich nicht zugibt).

 

Die dazugehörige Band, Inner Circle, die existiert noch immer und gastierte im Rahmen ihrer Europa-Tour bei den Afrika-Tagen auf der Wiener Donauinsel. Der damalige schwergewichtige Sänger Carlton Coffie ist allerdings nicht mehr mit dabei. Er trennte sich nach den großen 90er-Hits von Inner Circle und betreibt eine Solokarriere. Mit von der Partie sind allerdings noch die Gründungsmitglieder Ian und Roger Lewis. Tatsächlich wurde ja die aus dem Reggae-Ursprungsland stammende Band im Jahre 1968 (!) erstmals formiert. Deren erster Sänger, Jacob Miller, starb 1980 bei einem Autounfall und ist damit traurigerweise Mitglied des legendären "Club 27".

 

Die weltweit erfolgreichen Chart-Hits von Inner Circle entstanden unter den Vocals von Carlton Coffie: "Sweat", "Rock with you", "Games People Play" oder das auch als Hip Hop-Version für einen gleichnamigen Will Smith-Film remixte "Bad Boys". Alle diese Reggae-Ohrwürmer standen auch auf der Setlist des Inner Circle-Auftritts auf der Donauinsel, performt vom neuen Inner Circle-Sänger Kris Bentley, dem ehemaligen Lead-Vocalisten von "Skool".

 

Das Bühnen-Areal direkt neben den zahlreichen Afrika-Zelten war voll wie nie zuvor, und eine multikulturelle Fan-Schar feierte euphorisch die Reggae-Kulthits der Vergangenheit. Da durften natürlich auch einige Coverversionen des Groß-Meisters Bob Marley nicht fehlen. Bei "One Love" und "Three Little Birds" (Every little Thing is gonna be alright") begleitete ein spontaner Besucherchor die Vocals von Bentley. Inner Circle 2018 - Weiterhin ein Tip für stimmungsvolle Reggae-Sommernächte.

 

 

 

Calle Libre - Street Art in Vienna!

In den USA grassierte das Graffiti-Fever Ende der 70er, gemeinsam mit dem Aufkeimen der Hip Hop-Kultur. In Österreich war diese - trotz vereinzelter talentierter Interpreten - weniger ausgeprägt. Die Graffiti-Szene wurde lange - österreichtypisch - mit schiefen Augen anvisiert. Die Kritzeleien auf den Wänden seien bloße Sachbeschädigungen, die von der Polizei verfolgt werden müssen. So die Volksmeinung. Nichtsdestotrotz existierten bereits in den 90ern "legale Wände", auf denen die Sprayer ihre mehr oder weniger gesellschaftskritischen Graffitis kreieren konnten. Die Anzahl dieser Flächen stieg in den letzten Jahren zusehends an, und auch die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Street Art hat sich klar verbessert.

 

Seit 2014 organisiert der Wiener Jakob Kattner das "Calle Libre"-Festival (zu deutsch "freie Straße"). Im Rahmen dessen lädt er Künstler nach Wien, die live riesige Hausflächen in Wien bepinseln und besprayen. Das Veranstaltungsprogramm beinhaltet zusätzlich Workshops, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen und Urban Art Tours, bei der die Teilnehmer die besten Street Art-Kunstwerke kennenlernen. Obwohl von manchen kritisiert, bestehen auch Kooperationen mit dem "scheinbaren Establishment", mit dem Mumok oder der Albertina.

 

Street Art ist auch im Austrian Way of Life angekommen und macht unsere Welt bunter, lebensfroher und schriller. Und dagegen kann keiner negative Argumente vorweisen.

"Summer of Love!" in Wien: Open Air-Techno mit Nina Kraviz, Maceo Plex & Co.

Junge Leute mit Sonnenblumen in den Haaren, Sunglasses im Gesicht, einem beschwingten Lächeln und tanzend am hellichten Tag unter freiem Himmel! Ibiza? Goa? Tomorrowland? Nein, Epizentrum Wien, Traktorfabrik mitten in Floridsdorf.

 

"Summer of Love" nennt sich das Open Air-Festival, das nach seiner Premiere im Vorjahr zum zweitenmal auf dem ca. 4000m2 großen Gelände der Traktorfabrik organisiert wurde. Die für Wiener Verhältnisse ungewöhnliche Veranstaltungszeit: 12 Uhr mittags bis 22 Uhr.

 

Auf dem Line Up standen nicht nur regionale Tech House- und Minimal-Techno-DJ´s, sondern auch internationale Top-Acts und Newcomers. Zu letzteren zählt beispielsweise der britische Industrial Techno-Produzent Blawan, der bereits für Radiohead-Remixes verpflichtet wurde und um 16 Uhr nachmittags die Party People zum Tanzen brachte.

 

Viele warteten zu dieser Zeit natürlich bereits auf die russische Techno-Queen Nina Kraviz. Die in Irkutsk geborene Doktorin der Zahnmedizin (sic est!) ist seit 2008 groß im Geschäft - mit Gigs im renommierten Moskauer Club Propaganda, Minimal Techno-Tracks a la "Pain in the Ass" oder "Ghetto Kraviz" und seit 2014 auch mit ihrem eigenen Label "Trip". "Techno is a Phenomenon like Jazz", so ihre Diktion. Auch die einschlägigen Medien wie MixMag sind von der temperamentvollen Djane begeistert ( https://mixmag.net/feature/nina-kraviz-is-our-dj-of-the-year), die keines ihrer Auftritte speziell vorbereitet, sondern sich vom Moment kreativ inspirieren lässt. Die "Summer of Love"-Besucher waren auf jeden Fall begeistert von ihrem frühabendlichen Set zwischen 17.30 Uhr und 19 Uhr.

 

Unmittelbar darauf betrat die Techno-Legende Rush die DJ-"Bühne" in der Silhouette der Traktorfabrik. Isaiah Major, so sein eigentlicher Name, stammt aus Chicago und war dort einer der stilprägenden Techno-Protagonisten in Clubs wie dem Powerhouse und dem legendären Warehouse. Obwohl bereits etwas älter als der Großteil der Techno Freaks trifft Rush weiterhin den Geschmack der Party People.

 

In Ibiza derzeit groß angesagt ist der in Valencia lebende US-Techno-Produzent Maceo Plex. So stehen u.a. Auftritte im Privilege, Amnesia ("Pyramid"), DC 10 oder Hi Ibiza in seinem Tour-Programm. Von den "Summer of Love"-Veranstaltern wurde er als innovativer "Surprise"-Act für die "Sperrstunde" bis 22 Uhr verpflichtet. Der Sound: Eine progressive Mixtur aus Future Techno, Trance und Minimal Beats, passend zum Sonnenuntergang und zu den Visuals. Mit auf der Setlist sein brandneuer "Blade Runner"-Remix. The Replicants are still alive. Dies gilt auch für die aufgeheizten Party People. Weiter getanzt wurde dann u.a. in der Grellen Forelle bei der offiziellen After Hour.

 

Man darf gespannt sein, ob auch nächstes Jahr wieder eine "Summer of Love" oder ein ähnliches Open Air-Event in Wien stattfindet. Die Veranstalter beklagten auf Facebook Probleme mit dem Magistrat und den Anrainern. Das Echo der Techno-Fans war auf jeden Fall mehr als positiv.

"Vorsicht Ausländer!" - Plakate gegen Rassismus von Patricio Handl!

Schlendert man auf der Linken Wienzeile direkt am Naschmarkt Richtung Karlsplatz, dann entdeckt man an der Scheibe eines Lokals ein großes Plakat mit einer Aufschrift, die einem sofort im Gedächtnis bleibt und Labsal ist in einer Welt, die immer mehr gekennzeichnet ist durch Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und mangelnde Nächstenliebe: "Ach Wien, ohne uns fremde Migranten, Zugewanderte, hättest du weder Vergangenheit noch Zukunft."

 

Dieses Plakat stammt vom Wiener Grafikdesigner Patricio Handl, selbst Kosmopolit und engagierter Aktivist gegen Xenophobie. Handls Vater floh 1938 von den Nazis nach Montevideo, dort wurde Patricio als Sohn einer Uruguayanerin geboren. Sein Lebensweg führte ihn weiter nach Chile, Buenos Aires, Hamburg (wo er studierte) bis vor 30 Jahren nach Wien. 

 

Äußerungen wie "Ein Land ist kein Einwanderungsland" stören ihn und widersprechen komplett der Realität. "Politiker, die so etwas verbreiten, hätten eine Macke" und haben nur ein Ziel: Die Bevölkerung gegen Ausländer und Migranten aufzuhetzen. 

 

Selbst in seinem Geburtsort Montevideo, seit jeher gekennzeichnet durch ein einwanderungsfreundliches Klima, seien Migranten mit Diskriminierungen bei der Arbeits- und Wohnungssuche konfrontiert.

 

Handls Plakate gegen Rassismus, die er gerne auch als "Patografie" bezeichnet, sind  - wie kürzlich in der ORF-Sendung "Heimat fremde Heimat" ausgestrahlt - jetzt auch in der Hauptstadt Uruguays zu betrachten. Und zwar im "Museum der Migrationen" unter dem ambivalenten Titel "Wir gegen die anderen". Teils in Übersetzung, teils original mit spanischer Erklärung. Aufdrucke wie "Vorsicht Ausländer" oder "Armländer sind Ausländer" zeigen auch in Montevideo ihre Wirkung und sorgen für Nachdenklichkeit und Betroffenheit, aber auch für Motivation, diese negativen gesellschaftlichen Strömungen zu bekämpfen.

 

Denn eine alternde Gesellschaft brauche Einwanderung. Und Migranten dürfen sich nicht fremd im fremden Land fühlen.

ORF-Beitrag aus der TV-Sendung "Heimat Fremde Heimat" (Juni 2018)

Donauinselfest Tag 3: Ina Regen; Ofenbach; Portugal the Man.

Die im oberösterreichischen Grieskirchen geborene Regina Mallinger war bis vor kurzem neben ihrer Tätigkeit als Gesangspädagogin eine talentierte Background-Sängerin. Das bezaubernde Lied "Wie a Kind" unter ihrem Pseudonym Ina Regen machte sie in ganz Österreich bekannt. Der Donauinselfest-Auftritt vor zehntausenden Besuchern zählt zu ihrem bisherigen Karriere-Highlight, was sie auch immer wieder freudenstrahlend betont.

 

Die für den Amadeus Award nominierte Künstlerin präsentierte - am Klavier sitzend - neben ihrer ersten Single auch das durch das Conchita-Duett bekannt gewordene Goisern-Cover "Heast as nit", die neue Single "Paris" und einige Uptempo-Tracks aus ihrem im Herbst erscheinenden Album "Klee". Überzeugen konnte die sympathische Sängerin auch mit einem Cover des Grönemeyer-Hits "Mensch".

 

Ein gutes Händchen beweisen die Donauinselfest-Veranstalter stets mit den sonntäglichen Dance-Acts. Nach Robin Schulz und Lost Frequencies wurden dieses Jahr die französischen Deep House-DJ´s von Ofenbach gebucht. Neben ihren Superhits "Be Mine", "Katchi" und "Party" mixten die Newcomer Laurent de Rummel und Dorian Lauduique auch bekannte "Rock-Samples" der Chillipeppers, White Stripes und Joan Jett in ihre unterhaltsame Set-List.

 

Das Finale bestritten auf der FM4-Bühne die Indie Rocker von Portugal the Man, die kürzlich für ihren Superhit "Feel it still" einen Grammy Award erhielten. Produziert von Gorillaz-Mixer Danger Mouse und unter der Regie von Sänger John Gourley spielte die aus Alaska stammende Band vor einer prall gefüllten Hügel-Kulisse im westlichen Bereich der Donauinsel. Mit dabei: Tracks aus ihrer seit 2004 bestehenden Band-History von "Modern Jesus", "Hip Hop Kids" bis "Live for the Moment", Covers von Pink Floyd ("Another Brick in the Wall") und den Beatles ("Hey Jude" als Finale), stets begleitet von witzigen Sprüchen auf den Videowalls (wie "The Hit is coming soon"). 

 

Insgesamt besuchten 2,4 Millionen Menschen das diesjährige 35. Donauinselfest mit insgesamt 18 Themeninseln und 600 Stunden Programm.  Trotz vergleichsweise kühler Temperaturen.

Donauinselfest Tag 2: Konstantin Wecker - Poesie & Widerstand gegen Rechts!

Es war zweifelsohne der wichtigste Auftritt beim Donauinselfest 2018. Und man sollte eigentlich jedem einzelnen österreichischen Wahlberechtigten eine Kopie dieser Performance schicken. Oder zumindest einen Textabzug. Konstantin Wecker, kürzlich 71 geworden, betrat Samstag Abend kurz vor 8 mit seiner Band die Bühne und sprach dort Klartext getreu seines letzten Albums "Poesie und Widerstand" und seiner persönlichen Wertvorstellungen.

 

Für eine offene Gesellschaft, Toleranz und Nächstenliebe und gegen Rassismus, Faschismus und jene widerwärtigen Rechtspopulisten, die in ganz Europa versuchen, die Gesellschaft zu spalten. Die österreichische Kurz-Strache-Regierung blieb nicht ungeschoren. Im Gegenteil: Sie wurde von Wecker genau in jenes Salvini-Orban-Le-Pen-Seehofer-Eck gestellt, in dem sie sich - eitel wie ein Pfau - medial präsentiert. Lieder wie "Empört euch", "Sage Nein" oder eine neue Version des legendären "Willi" (siehe Text unten) zeigen die Stoßrichtung, mit der die Mehrheit (die es noch immer gibt) auf Rechtsextremis und Ausländerhass reagieren soll und muss. 

 

"Deutschland weint, wenn Mexiko im Fußball gewinnt und schaut weg, wenn 600 Flüchtende im Meer ausharren und Italien die Häfen dicht macht." - Eine erschütternde Anekdote von Wecker in der Dämmerung der Nacht. Das zweite Spiel gewannen übrigens Deutschen gegen die Schweden durch ein Kroos-Tor in der letzten Minute. Die germanische Fußball-Welt ist wieder in Ordnung, die echte bricht in sich zusammen.

 

Der holländische Star-DJ Fedde le Grand, einst Nr. 1 in den UK-Charts mit "Put your Hands up for Detroit", liefert auf der Krone Hit-Bühne den Soundtrack für die house- und technoverliebte Young Generation der Donauinsel. Und erreicht zumindest auf dem Dancefloor jenen melting Pot unabhängig von Staatsangehörigkeit, Herkunft oder Religion, den wir uns gesellschaftlich so gerne wünschen.

 

Während Lisa Stansfield auf der Main Stage versucht, einen Spagat zwischen Klassikern wie "All around the World" und neuen Tracks wie "Deeper" zu finden, weiht der in Tulln geborene Liedermacher Voodoo Jürgens seine Gästeschar ins düstere Wiener Lied des 21. Jahrhunderts ein. Inklusive "Haberer" wie Kathi Trenk, Ernst Molden und natürlich den Nino aus Wien. Auch eine gelungene Ludwig Hirsch-Coverversion ("Omama") darf auf der kultigen FM4-Bühne nicht fehlen. Mehr davon gibt es im Herbst im Rahmen einer Voodoo Jürgens-Special Tour zu hören.

Donauinselfest Tag 1: Wanda; Rea Garvey; Mavi Phoenix; Mainframe Recordings.

2015 spielten die Jungs von Wanda noch auf der (kleineren) Indie-Bühne von FM4, 3 Jahre später brillieren sie als Headliner auf der Ö3-Main Stage vor zehntausenden Zuschauern. 3 Alben - "Amore", "Bussi" und "Niente" - haben sie seitdem produziert, zahlreiche Nr. 1-Platzierungen (zuletzt mit der Single "Columbo") und monatelange Tourneen auch durch Deutschland und die Schweiz.

 

Nach der zuletzt wieder ausverkauften Wiener Stadthalle zählt der Donauinsel-Auftritt zweifellos zu den bisherigen Highlights ihrer noch kurzen Karriere, Falco musste darauf länger warten und stand zuletzt (1993) auch im Regen. Wanda, die nicht nur ihre Gassenhauer "Bologna", "Bussi Baby" oder "Columbo" auf der Setlist hatten, sondern auch Avantgarde-Stücke wie "Schottenring", "Ich sterbe" oder "Ein letztes Wienerlied", wurden stattdessen mit kühleren Temperaturen konfrontiert. Die schien Sänger Marco, teils nur mit kurzem weißem T-Shirt bekleidet, allerdings kaum zu spüren.

 

Ein gerngesehener Gast auf der Donauinsel ist auch Rea Garvey. Einst Sänger der irischen Formation Reamonn (mit Superhit "Supergirl") wandelt Garvey seit 2010 auf Solopfaden. "Is it Love", die erste Single aus seinem neuem Album "Neon", stürmte prompt in die Charts und auch in die Herzen der Donauinselbesucher. Der auch politische engagierte Sänger appellierte an die Zuhörer, Politikern Widerstand zu leisten, die versuchen, mit Differenzierungen nach Hautfarbe, Herkunft oder Religion die Gesellschaft zu spalten.

 

Der Großvater von Marlene Nader kam einst als syrischer Flüchtling in den 70ern nach Österreich. Als musikalisches Alter Ego nennt sie sich Mavi Phoenix, angelehnt an den verstorbenen Hollywood-Schauspieler River Phoenix. Ebenso international ist ihr Sound, eine hippe Mixtur aus Hip Hop, Lo-Fi und R&B. Auf der FM4-Bühne präsentierte sie nicht nur ihre Indie Radio-Hits "Quiet" und "Yellow", sondern auch neue hitverdächtige Tracks wie "Bite". 

 

Direkt daneben auf der Eutopia-Bühne organisierten die Drum & Bass-Gurus von Mainframe Recordings eine heiße Party unter freiem Himmel. Wer davon noch nicht genug hatte, konnte weiterfeiern bei der After Party im Flex. Man ist ja nur einmal jung.

Pride Village 2018: Abschlussveranstaltung mit Conchita und den Weather Girls!

Finaler Höhepunkt der Pride Week 2018 war die auf dem prall gefüllten Wiener Rathausplatz stattfindende Abschlusskundgebung mit zahlreichen Reden, Appellen und musikalischen Acts.

 

Der ehemalige Bundeskanzler Christian Kern, seit jeher Unterstützer der "Pride"-Forderungen, ließ es sich nicht nehmen, die schwarz-blaue Retro-Regierung zu kritisieren, von denen kein einziger offizieller Vertreter zugegen war. Man könne aber in Feierstimmung sein, denn im Jänner 2019 werde aufgrund einer Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes die Ehe für alle in Österreich gelten. Die rechtskonservative Regierung, die anscheinend ohne juristische Reaktion die Frist bis dahin verstreichen lässt, könne dies nicht mehr verhindern.

 

Auf die Bühne geholt wurde von der Moderatorin Miss Candy auch jener Asylwerber aus dem Iran, der wegen Homosexualität aus seinem Heimatland geflüchtet ist und nunmehr mit einem einheimischen Lebensgefährten zusammenlebt. Die erstinstanzliche Behörde wies seinen Asylantrag ab mit der unfassbaren Begründung, dass er nicht schwul sei, weil er die Bedeutung der Farben der Regenbogenfahne nicht kenne. Navid hofft nun auf eine positive Entscheidung durch das zuständige Landesverwaltungsgericht.

 

Weitere Wortspenden gab es von den Leitern der Hosi Wien, Moritz Yvon und Lui Fidelsberger, der Pride-Organisatorin Katharina Kacerovsky, dem SPÖ-Stadtrat Czernohorszky, der schwarzhäutigen (und zuletzt auch rassistisch angegriffenen) stv. SPÖ-Bezirksvorsteherin Mireille Ngosso, dem einzigen offen schwulen Wiener Gemeinderat Peter Kraus von den Grünen, Wiens Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger, der grünen Bundesrätin Ewa Dziedzic und dem roten Nationalratsabgeordneten Mario Lindner.

 

Die Show durfte logischerweise auch nicht zu kurz kommen. Euro Pride 2019-Botschafterin Conchita Wurst präsentierte vor einer begeisterten Menge 3 Hits aus ihrem Repertoire, darunter auch den Songcontest-Siegerhit "Rise like a Phoenix". Eine tolle Setlist lieferten die (personell zur Ur-Besetzung veränderten) Weather Girls mit den größten Disco-Hits der 70er: Born to be alive, I´m so excited, Don´t leave me this way und natürlich das grandiose It´s raining Man. Schrill-coole House Vibes u. a. von Nica & Katie sorgten als letztes Open-Air-Aphrodisiakum für die danach stattfindenden Club Nights in der Bundeshauptstadt.

 

Wien auf jeden Fall ist für das nächste Jahr bestens gerüstet. Die Euro Pride 2019 soll unter dem Motto "Visions of Pride" vom 19. Mai bis 19. Juni stattfinden. Mit über 500 Einzelveranstaltungen, zwei Pride Villages am Rathausplatz und im Votivpark, einer Auftakt- und Abschlussveranstaltung, einer großen Menschenrechtskonferenz und natürlich wieder der Regenbogenparade. Zu feiern gibt es zusätzlich mit 50 Jahre Stonewall (1969) die Geburtsstunde der LGBT-Bewegung und 40 Jahre Hosi Wien. Der Regenbogen wird niemals heller erstrahlen.

Neuer Teilnehmerrekord: 200.000 bei der Wiener Regenbogenparade!

Ein Jahr vor dem großen "Euro Pride"-Event in Wien feierte die diesjährige 23. Regenbogenparade einen neuen Teilnehmerrekord. Insgesamt 200.000 Fans frequentierten die Strecke rund um die Wiener Ringstraße und zeigten ihre Sympathie für Toleranz und Gleichstellung aller Lebensformen.

 

Die Route wurde wie üblich "andersrum" in Angriff angenommen, angeführt von den mit regenbogenfarbenen Garnituren ausgestatteten Wiener Linien und den Guys on Bikes. Insgesamt 64 Starter nahmen an der "Party-Demonstration" teil, schrill dekoriert, mit lauter Techno-, Pop- und Schlagermusik aus den Boxen und mit schlagkräftigen Messages, die noch mehr Menschen für den eigentlichen Sinn der Veranstaltung begeistern sollen.

 

"Together and Proud" propagiert der bunt geschmückte PR-Truck der Euro Pride 2019, "Damit aus Spaß nicht Ernst wird" mahnt die Aids Hilfe Wien, afrikanische Teilnehmer kritisieren mit dem Slogan "No Pride in Deportation" die skandalöse Fremdenrechtspraxis bei homosexuellen Asylwerbern. Traditionell nicht fehlen dürfen auf der Regenbogenparade die Hosi Wien, der Club Kreativ, LMC Vienna, Libertine und natürlich Hermes Phettberg, dieses Jahr mit Regenbogenflagge in einem Oldtimer platziert.

 

Nichts geändert hat sich bei der politischen Unterstützung der Pride Week. Während die rechtskonservativen Parteien ÖVP und FPÖ mit kompletter Abwesenheit "glänzen" und im Simmeringer Amtshaus sogar die Hissung der Regenbogenfahne verhindert haben, zählen die SPÖ, die Grünen (mit langer Tanzschlange hinter dem Truck) und die Neos unter der Führung von Beate Meinl-Reisinger zu den Anhängern der Pink Community.

 

Dazu gehört auch das Getränkeunternehmen Almdudler, dessen Slogan "Dudel with Love, Respect & Condoms", gemeinsam mit den Pärchen, zu den Trademarks der diesjährigen Regenbogenparade gehörte. Deutlich ersichtlich war auch eine Verbreiterung der Botschaft in neue Gesellschaftsschichten: Diplomats for Equality, Pride Business, queer & hochschulen, Fußballfans gegen Homophobie oder auch die Callboys.  Die Solidarisierung gegen Intoleranz und sexuelle Diskriminierung ist allgemein im Steigen begriffen.

 

Wien gilt dabei als besonders liberales Pflaster. Die LGBT-Reiseplattform GayTravel.com zeichnete die Bundeshauptstadt 2017 als beste internationale Destination aus. Die Resonanz könnte 2019 durch die einmonatige Euro Pride noch weiter steigen. Kein Wunder, dass auch "Gay auf Reisen by Ruefa" diese Marketing-Chance bei der diesjährigen Parade nützte :-)

Pop Art mit Gesellschaftskritik: Keith Haring in der Wiener Albertina!

 

 

 

Egal, wo man derzeit im schönen Wien spazierengeht. Man sieht überall - auf rotem Hintergrund und umgeben von leuchtenden Strichen – ein geschlechtsloses Comic-Pärchen, das sich innig umarmt und echte Lebensfreude ausstrahlt. Frühling und Sommer 2018 können nicht sinnlicher zum Leben erweckt werden als mit dem Plakat der Keith Haring-Ausstellung in der Wiener Albertina.

 

Schöpfer Haring, in der Ausstellung selbst abgelichtet durch ein Foto Gottfried Helnweins, interpretiert die Umarmung des Pärchens so extensiv wie sie nur sein kann, als "human connection, togetherness, love and sexual intercourse, regardless of skin color and sexual orientation". Und ist damit auch ein idealer Protagonist für die im Juni stattfindende Pride Week in Wien, die für Toleranz, Gleichberechtigung und Gleichstellung aller Lebensformen eintritt.

 

Der Pop Art-Künstler wurde 1958 in Pennsylvania geboren und interessierte sich dank gemeinsamer Comic-Zeichnungen mit seinem Vater schon früh für Kunst. Nach einem zweijährigen Studium der Werbegrafik in Pittsburg zog Haring nach New York, wo er nicht nur die School of Visual Arts besuchte, sondern auch schnell Bekanntschaft mit der dortigen Art-Szene schloss. Neben erster Ausstellungen, Collagen und Aktionen gegen Gentrifizierung erregte er erste Aufmerksamkeit durch die sogenannten "Subway Drawings". Haring bemalte freie, dunkle Werbeflächen in der New Yorker U-Bahn mit Tafelkreide, Originale seiner fast 10.000 Zeichnungen sind auch in der Albertina zu sehen.

 

Haring war nicht nur Künstler und Zeichner, sondern auch Gesellschaftskritiker und Aktivist, egal ob gegen Rassismus, Diskriminierung, Homophobie, Polizeigewalt, Kapitalismus, Atomkraftwerke oder die Macht der Medien. Mit einfachen Strichen, bunter Bildsprache und wiederholenden Motiven (wie Hunde, Babies, Fernsehern, Löchern im Körper oder Kreuzen) erweckte Haring, oft nicht auf den ersten Blick, Assoziationen zum Nachdenken über die gesellschaftlichen Zustände. Mit Ausnahme seines 15 m langen Monumentalwerkes „Die Matrix“ verleiht Haring seinen Kreationen keine Titel, um von vornherein die Fantasie der Betrachter anzuregen. Einer seiner Bewunderer war auch die Pop-Art-Legende Andy Warhol, für den er 1983 die auch in der Albertina zu sehende „Andy Mouse“ malte, eine Mischung aus Warhol und der Mickie Mouse.

 

Bedrohlicher und furchteinflößender wurde das „Alphabet“ Harings ab Mitte der 80er, und das hat einen Grund. Immer mehr Menschen in Harings Umfeld erkrankten zu dieser Zeit an AIDS. Der offen schwul lebende Haring stattet dabei seine menschlichen Figuren mit Punkten aus und demonstriert auf diese Weise die Stigmatisierung von Homosexuellen. Der Begriff „Gay Plague“ erodiert damals in den Boulevard-Zeitungen. In seinen düstersten Werken visualiert Haring den HI-Virus als ein todbringendes Monster, markiert mit einem roten Kreuz, bzw. als ein aus einem Ei schlüpfendes Riesenspermium. Haring selbst ereilt auch das tödliche Schicksal. Seine HIV-Infektion wurde 1988 diagnostiziert, am 16. Februar 1990 starb er in New York.

 

Fast 30 Jahre später ist eine vollständige Heilung der Krankheit noch immer nicht möglich. Durch seinen jahrelangen Kampf gegen Aids und seine 1989 gegründete Foundation setzt Haring auch weit nach seinem Tode noch wichtige Akzente zur Bekämpfung von Aids. Seine in Kooperation mit der Aids Hilfe Wien stattfindende Ausstellung ist noch bis 24. Juni in der Albertina zu sehen. 

"The Hoff" im Gasometer: Party bis weit nach dem Mauerfall!

Es war Mitte der 80er, 18.30. Uhr, als die Straßen und Plätze in Österreich meist leergefegt waren. Denn auf ORF 1 ermittelte wieder Michael Knight im Auftrag der Foundation für Recht und Verfassung. Sein loyalster Helfer: Das sprechende Auto K.I.T.T.. "Knight Rider" war die meistgesehene Serie der 80er. Auch musikalisch verdiente sich deren Hauptdarsteller David Hasselhoff, seine ersten Sporen. "Night Rocker" verkaufte sich allerdings nur in Österreich, verschämte Käufer im Teenager-Alter schickten meist ihre Eltern in die Schallplattenläden.

 

Mehr als 30 Jahre später ist David Hasselhoff auch als Sänger Kult. Vor dem Gasometer erblickt man nicht nur eine schnittige KITT-Kopie für coole Selfies, sondern auch Publikum allen Genres: Heavy Metaller, Hip Hopper, Techno-Freaks, Schlager-Fans, Alt, Mittel, Jung. Natürlich auch jene, die an diesem besonderen Abend in die "zweite Haut" Davids schlüpfen wollen, die "Baywatcher" mit den Badeanzügen, Hauben und Bojen. Die Party kann beginnen.

 

In der Planet Music Hall drängen sich die Besuchermassen, 3500 Fans, das Konzert ist ausverkauft. Nach dem Knight Rider Intro betritt "The Hoff" die Bühne, intoniert "We wanna rock the World". Ballermann-Fans kennen die Melodie: "Hey, wir wollen die Eisbären seh´n". Dass Hasselhoff musikalisch nirgends so erfolgreich ist wie in Österreich, das darf nicht unerwähnt bleiben. Der "Night Rocker" erdröhnt, auf den Video Screens und in real. Hasselhoff erzählt auch eine Anekdote vom nach Ansicht seiner Töchter peinlichen "Hooked on a Feeling"-Video, die vom Cheeseburger-Imbiss in alkoholisiertem Zustand, dessen Handy-Video die YouTube-Kanäle frequentierte, lässt er aus.

 

Inmitten von 90er-Hits wie "Gypsy Girl", "Is Everybody Happy" oder "Everybody Sunshine" erklingen zahllose Coverversionen, vor denen sogar gewiefte Retro-DJ´s meistens zurückschrecken. "It´s a Real good Feeling" von Peter Kent beispielsweise oder die Righteous Brothers-Schnulze "You´ve lost that Lovin´ Feeling". Die ekstatischen und alk-getränkten Fans sind trotzdem aus dem Häuschen und flippen bei den mit Disco-Beats aufgepimpten 70er-Gassenhauern "Take me Home, Country Roads" und "Sweet Caroline" vollkommen aus. Bei Hands Up in the Air und Schlachtgesängen haben dann auch die Rettungsschwimmer ihren Einsatz: Mitch Buchannon alias The Hoff rockt "I´m always Here" ins Mikro. 

 

Dann folgen Hit auf Hit: "Crazy for you", das in Österreich einst Doppelplatin erreichte, und der chillig-cheesige "Limbo Dance", bei dem Zeremonienmeister "The Hoff" auch einige Fans unter der Stange tanzen und taumeln lässt. David Bowies "Heroes" als Cover (mit deutscher Strophe) und "Looking for Freedom" ertönen als Doppelpack zum krönenden Finale. Ein Wink auf die Berlin-Connections von David Hasselhoff.

 

Im Jahr des Mauerfalls war "Looking for Freedom" (eine Coverversion des Marc Seaberg-Hits aus den 70ern) 8 Wochen Nr. 1 in Deutschland. David Hasselhoff war - trotz manch böser Gerüchte - nicht verantwortlich für den Sturz der Berliner Mauer, trat allerdings vor 500.000 Zuschauern bei der großen 89er-Silvesterparty vor dem Brandenburger Tor auf.  Damals wie heute Begeisterung über den singenden Schauspieler, der zu keiner Zeit seiner Karriere die Scheu hatte, Geschmacksgrenzen zu überwinden.

 

But: "Don´t hassel the Hoff". Obwohl sich beim "Heroes"-Cover eigentlich der Spaß aufhört, oder doch nicht?

 

Anm.:  Das Wien-Konzert von David Hasselhoff wird im Herbst als DVD veröffentlicht. 

 

"Wut": Terrorismusforscherin Julia Ebner präsentiert Buch über Extremismus!

"Passen Sie gut auf sich auf, wir nähern uns dem Endkampf!" - Diesen Zettel fand die Wiener Terrorismusforscherin Julia Ebner in ihrer Tasche, kurz nachdem sie Undercover zwei Versammlungen von Rechtsextremen und Islamisten besuchte. Von welcher Gruppierung diese Nachricht stammte, weiß sie bis heute nicht.

 

Es war allerdings einer der Anlässe, ein Buch über die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Rechtsextremismus und IS-Terror zu verfassen. "Rage" nennt sich das Originalwerk, die deutsche Fassung "Wut" präsentierte die derzeit in London beim Institute für Strategic Dialogue tätige Forscherin kürzlich in der Thalia-Buchhandlung in der Wiener Mariahilfer Straße.

 

Grundlage des Buches sind ihre Untersuchungen bei der Anti Extremismus-Organisation Quilliam Foundation, die sowohl online durch Einschleusung in einschlägige Social Media-Gruppen als auch offline durch direkte Gespräche mit Mitgliedern und Aussteigern extremistischer Organisationen vonstatten gingen. Ebner beschreibt in ihrem ausführlichen Werk einen Kulturkampf zwischen radikalen westlichen "Kreuzfahrern" und islamistischen Muslimen, die beide ähnliche Ziele verfolgen: Eine religiös einheitliche Gesellschaft, eine Rückgängigmachung des Fortschritts, verbunden mit Antisemitismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit.

 

Hauptzielgruppe ist die sogenannte "Generation Z", jene ab 1990 geborenen Personen, die vor allem durch Social Media, Computerspiele, Hochglanzbilder und Promotion-Filme zum "richtigen" Glauben verlockt werden sollen. Ziel ist die Spaltung der Gesellschaft, verstärkt durch Überreaktionen auf der politischen Ebene. Der wechselseitige Konnex zeigt sich dabei auch dadurch, dass ein islamistischer Anschlag die Solidarität und den Zusammenhalt der Rechtsextremisten stärkt und umgekehrt. Ebner weist in ihrem Buch sogar örtliche Zusammenhänge nach: Rechtsextreme Horte sind oft auch Brutstätten islamistischen Terrors (wie in speziellen Londoner Distrikten oder im Wupperthal).

 

"Fast jeder Terrorist ist ein Muslim", das behauptete FPÖ-Bundesparteiobmann Strache in einem Interview. Diese Aussage sei falsch, so Expertin Ebner. Islamistische Anschläge erhalten allerdings in den Boulevardmedien mehr Aufmerksamkeit und Resonanz als rechtsextremer Terror. Die Fakten zeigen anderes: In den USA wurden im Vorjahr 18 der 34 tödlichen Terroranschläge weißen Nationalisten zugeordnet.

 

Gemeinsam ist beiden Ideologien das "Opfernarrativ". Dieses wird befeuert durch Slogans wie "Fremd im eigenen Land" oder "Der Islam gehört nicht zu Europa". Werden derartige Aussagen durch Spitzenpolitiker getätigt, so wird dies für die eigene Propaganda und für die weitere Aufhetzung der Gesinnungsgemeinschaft verwendet. 

 

Ebner hat im Zuge der Recherchen auch einige Aussteiger kennengelernt und dabei festgestellt, dass die direkte Konfrontation mit dem "Feind" Vorurteile abbauen kann. Interpretationen von Wahlergebnissen zeigen Ähnliches: Dort wo Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen zusammenleben, schneiden rechte Parteien schlechter ab als in Distrikten, wo kein Ausländer ansässig ist.

 

Schuld an den extremistischen Auswüchsen sind auch die traditionellen politischen Parteien, die zu spät das "Zeitalter der Wut" registriert haben. Jeder einzelne müsse diesen negativen Entwicklungen gegensteuern, durch differenzierte Sprache, Aufdeckung von Manipulationen oder durch Unterstützung einschlägiger Kampagnen.

 

Bildung sei überhaupt das beste Mittel gegen Terrorismus, so Julia Ebner. Expertenwissen zu den Themen Rechtsextremismus und Islamismus bietet dazu ihr Erstlingsbuch.

 

 

 

Vienna City Marathon 2018: Kein Streckenrekord, aber Top-Werbung für die Stadt!

"Ab Kilometer 38 war es einfach zu heiß!", so die Siegerin Nancy Kiprop aus Kenia nach Absolvierung des Vienna-City Marathons. Für viele andere der mehr als 41.000 Teilnehmern aus 130 Ländern vermutlich bereits ab Kilometer Nummer 1.

 

Bei Mittagstemperaturen von 27 Grad war es für jeden einzelnen Läufer eine große Herausforderung, die gewählte Laufstrecke erfolgreich zurückzulegen. Die lange Hauptallee sorgte sogar bei den Spitzenläufern für konditionelle Schwierigkeiten. So auch beim sensationell laufenden Salzburger Peter Herzog, der als 10. unter tosendem Applaus ins Ziel kam und mit 2:16:57 Stunden 3 Sekunden (!) unter dem EM-Limit blieb.

 

Sieger bei den Herren wurde überraschend der Marokanner Salaheddine Bounasser mit einer Zeit von 2:09:29. Zwar kein Streckenrekord, aber klar vor einer Phalanx aus kenianischen Läufern. Weltrekordler Dennis Kimetto schied mit muskulären Problemen in der linken Wade nach der Halbzeit des Rennens aus.

 

Die weibliche Siegerin Kiprop verpasste zwar den Streckenrekord knapp, verbesserte aber ihre persönliche Bestleistung auf 2:24:18. Sie spendet wie letztes Jahr ihr Preisgeld an eine Schule in ihrem Heimatort.

 

Aufgrund der hohen Temperaturen musste das Rote Kreuz insgesamt 540mal Einsatz leisten, 50 Läufer mussten ins Spital eingeliefert werden. Sicherheitsprobleme seitens der Polizei wurden keine gemeldet.

 

Der Vienna City Marathon fand 2018 bereits zum 35stenmal statt. Er bringt laut Veranstalter einen Umsatz von 55 Millionen Euro und ca. 80000 Übernachtungen in und um Wien. Sieger ist somit nicht nur jeder einzelne Teilnehmer, sondern vor allem auch die Bundeshauptstadt selbst. Umso wichtiger, als schwarz-blaue Regierungspolitiker immer wieder versuchen, den Ruf Wiens zu ramponieren.

"Jump Around": 20. Argus Bike Festival auf dem Wiener Rathausplatz!

Das Argus Bike Festival fand zum ersten Mal im Jahr 1999 statt. 2018 feierten die Veranstalter das 20. Jubiläum, und zwar mit einer besonderen Attraktion. Wie vor 3 Jahren beim Vienna Air King lieferten sich internationale und nationale Biker tollkühne Duelle auf dem Parcours vor dem Wiener Rathaus. 

 

Der Dirt-Battle Vienna gliederte sich in zwei Teile. Bei der "Best Trick"-Competition vergab eine Jury Noten je nach Schwierigkeitsgrad und Ausführung, beim "Highest Air"-Bewerb zählte die übersprungene Höhe. Erreicht wurden phänomenale 8,5 Meter. Moderiert wurde die Show von Event-Profi Andi Brewi, der famose Hip Hop-Sound stammte von Mixmaster DJ Mosaken.

 

Ebenfalls seit 1999 dabei ist die Wiener BMX-Legende Senad Grosic, der im Rahmen seiner "School 2 Rock"-Show junge Nachwuchstalente fördert und schult. Aber auch für den "normalen" Radfan wurde auf dem jährlichen Bike Festival viel geboten: Eine Fahrradmesse mit über 100 Ausstellern, der Falter-Fahrrad-Flohmarkt, neue E-Bikes und Lastenfahrräder, die Fahrrad-Kinderwelt und natürlich die Radparade, bei der Sonntag mittags mehr als 12.000 Personen teilnahmen.

 

Der Radverkehr blieb 2017 - trotz eines Allzeithochs im Juni - konstant. Laut Modal Split lag der Anteil der mit dem Rad zurückgelegten Wege in Wien bei 7 Prozent. Die Ziele der rot-grünen Landesregierung liegen um einiges höher. Im Jahr 2025 sollen mindestens 80 Prozent der Wege im Öffentlichen Verkehr, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Die Radfahrquote soll dabei auf 13 Prozent gesteigert werden. 

 

Veranstaltungen wie das Bike Festival oder auch die ab 28. April in der Nordbahnhalle stattfindende Ausstellung "Bicycle - A Love Story" sind in diesem Sinne geeignete Motivatoren, in der Stadt auf das Auto zu verzichten und auf das sportliche, klimafreundliche Rad umzusteigen.

Otto Wagners "Stadttor" für Wien: Die Schemerlbrücke in Nussdorf!

Das Wien Museum bietet aktuell bis 7. Oktober eine Ausstellung über den renommierten Wiener Architekten und Stadtplaner Otto Wagner. Das Werbe-Plakat ziert die Schemerlbrücke in Nussdorf, dort wo der Wiener Donaukanal von der Donau abzweigt.

 

Benannt ist die Schemerlbrücke nach dem Wasserbauingenieur Joseph Maria Schemerl von Leythenbach, entworfen wurde sie von Otto Wagner im Zuge der Errichtung der Nussdorfer Wehr- und Schleusenanlage zwischen 1894 und 1899.

 

Wagner betrachtete die Wehr nicht nur funktional zur Verhinderung von Hochwasser und Eisstößen, sondern auch als "Stadttor". So wurde diese mit Pylonen ausgestattet, auf denen Löwenfiguren des barocken Wiener Bildhauers Rudolf Weyr thronen. Ebenfalls von Wagner stammt das ehemalige Verwaltungsgebäude der Donauwasserschutzkonferenz direkt neben der Schleusenanlage, das heute als Sitz der Magistratsabteilung 45 (Wiener Gewässer) fungiert.

 

Bereits im 1. Jahr der Fertigstellung lohnte sich die Mühe für den Einsatz. Die Nussdorfer Wehr (die aufgrund der Grenzziehung beim rechten Ufer des Donaukanals eigentlich großteils in Brigittenau liegt), verhinderte 1899 eine Hochwasserkatastrophe im Donaukanalbereich. Im April 1945 wurde die Schemerlbrücke wie viele andere Donaukanalbrücken durch die zurückweichenden SS-Truppen zerstört, in den 50ern wieder aufgebaut. Die letzte Sanierung wurde 2009 vorgenommen, um ca. 1 Million Euro wurden erhebliche Schäden am Stahltragwerk restauriert.

 

Seit dem Jahr 2005 befindet sich unter der Brücke das Wasserkraftwerk Nussdorf, das mit 12 Matrixturbinen 10.000 Haushalte mit Strom versorgt. Das historische Erscheinungsbild der "Löwenbrücke" wurde dadurch nicht beeinträchtigt.

Brutalismus am Stadtrand: Die Wotrubakirche und ihre mysteriöse Entstehungsgeschichte!

Eine historisch gewachsene Stadt wie Wien lebt von ihren Sagen, Legenden, Mythen, Gerüchten und Geschichten. Jene der Wotruba-Kirche im 23. Bezirk klingt wie ein ausgeklügelter, raffinierter Geheimdienst-Roman a la 007 Ian Fleming oder John Le Carre. Im Gegensatz zu diesen ist sie aber wahr.

 

Im Mittelpunkt steht die 29jährige Beamtin Margarethe Ottillinger, die 1948 gemeinsam mit dem Minister für Wirtschaftsplanung, Herbert Krauland, über die Ennsbrücke St. Valentin von der amerikanischen in die sowjetische Zone einfährt und dort festgenommen wird. Während Krauland aufgrund seiner Immunität und mit brisanten Unterlagen (wie dem Marshallplan) die Fahrt fortsetzen darf, wird Ottillinger in Isolationshaft gesperrt, laufend verhört und als US-Spionin angeklagt. 1949 wird sie zu 25 Jahren Gulag-Lager verurteilt und in ein Sumpflager von Potma südostlich von Moskau gebracht. Für viele ein Todesurteil aufgrund der Seuchen, der Infektionen und des Sumpffiebers. Die Kämpferin Ottillinger schwört, sollte sie je wieder nach Österreich zurückkehren, dort eine Kirche zu bauen.

 

Wer mit dem Bus 60A Richtung Liesing fährt, der weiß, dass Ottillinger es geschafft hat. Am Georgenberg steht auf dem Areal der ehemaligen Luftnachrichtentruppen-Kaserne die aus riesigen Betonblöcken bestehende Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit, die nach ihrem Schöpfer, dem Bildhauer Fritz Wotruba, benannt wurde. 

 

Freigelassen wurde Ottillinger im Laufe der Staatsvertragsverhandlungen, im Juni 1955 kam sie schwer krank in Wiener Neustadt an und wurde 1956 seitens der sowjetischen Behörden freigesprochen. Nach einer kurzen Erholungsphase stieg sie wieder in die Wirtschaft ein und wurde OMV-Vorstandsdirektorin. In dieser Funktion verhandelte sie auch die österreichischen Gas- und Erdöllieferverträge mit der Sowjetunion..

 

Der Traum von der Kirche war allerdings nicht ausgeträumt. Die Gestaltung des von Ottillinger initiierten Gottestempels passt sich dabei in ihrer Dimension durchaus der Lebensgeschichte Ottillingers an. Der Bildhauer Wotruba wollte nach eigenen Worten: „Etwas gestalten, das zeigt, dass Armut nicht hässlich sein muss, dass Entsagen in einer Umgebung sein kann, die trotz größter Einfachheit schön ist und auch glücklich macht.

 

Der während des 2. Weltkriegs emigrierte Künstler konzipierte gemeinsam mit dem Architekten Fritz Gerhard Mayr eine Kirche, die aus insgesamt 152 rohen Beton-Blöcken zwischen 0,84 m3 und 64m3 und verschieden hohen Fensteröffnungen besteht. Der höchste Block misst 13,10 Meter.

 

Brutalismus nennt sich der um 1950 entstandene Architekturstil, dessen bevorzugter Werkstoff roher Beton ("beton brut") ist und der durch ein kompromissloses Erscheinungsbild mit klaren geometrischen Körpern geprägt ist. Gegner bezeichnen diesen Baustil auch als "ästhetischen Vandalismus". Kein Wunder vor allem in Österreich, dass es fast 10 Jahre dauerte, bis 1974 mit dem Bau der Kirche begonnen wurde.

 

Wotruba selbst erlebte die Fertigstellung seiner Kirche im Oktober 1976 nicht mehr, er starb ein Jahr zuvor. Der Platz vor der Kirche wurde zu Ehren der 1992 verstorbenen Managerin und Initiatorin 2013 in Ottillinger-Platz benannt.

 

Die römisch-katholische Wotruba-Kirche ist heute nicht nur ein Wallfahrtsort für Architekturstudenten und Avantgarde-Touristen, sondern wird gemäß ihres originären Zwecks natürlich auch für Gottesdienste genützt. Geöffnet ist derzeit am Samstag von 14 bis 20 Uhr und am Sonntag von 9 bis 16.30 Uhr.

 

Bis Mitte 2019 wird vor der Kirche auch ein Lift errichtet, sodass Behinderte und Mütter mit Kindern das Gotteshaus barrierefrei betreten können. Denkmalamt und Architekt Mayr sprachen sich im Vorfeld gegen diese "Basisveränderung" aus, das Bundesverwaltungsgericht genehmigte den Zubau. Die Wege zu Gott dürfen nicht beschränkt werden.