„Wo wir sind, ist vorne, sind wir hinten, dann ist hinten vorne“: Eine Textzeile aus dem Falco-Track „Brillantin Brutal“. Das ebenso ultracoole Video u.a. mit Star-Model Cordula Reyer, das hat Rudi Dolezal gemeinsam mit seinem Partner Hannes Rossacher gedreht. Und zwar im Rahmen der rund 50minütigen Visualisierung des zweiten Falco-Albums „Junge Römer“, den großartigen Episodenfilm aus dem Jahr 1984 nannte man „Helden von heute“ nach dem (leider) nie als Single erschienenen „Einzelhaft“-Anthem.
Geschichten über Falco gibt es viele zu erzählen. Ob wahr oder falsch, wer weiß das schon. Vielleicht will man es manchmal auch nicht wissen. Einer, der den bowie-esken Grenzgänger aus nächster Nahe „miterlebt und miterlitten hat“, das ist der Videoregisseur und VIVA-Mitgründer Rudi Dolezal. Anlässlich des 40. Jubiläums von Falcos Nr. 1 in Amerika hat er jetzt ein neues Buch über den Falken herausgebracht. „Falco – Die ganze Wahrheit“. Mit dieser Trademark ist Dolezal auch unterwegs auf einer multimedialen Lesetour, eine Buchpräsentation im prallgefüllten Thalia-Wien Mitte durfte nicht fehlen.
Dolezal war 17, Hans Hölzel 18, als die beiden sich 1977 im Wiener Haus der Begegnung kennenlernten. Dolezal war unterwegs als Assistent des ORF-Musikmagazins „Ohne Maulkorb“, Hans Bassist (und für einen Song Solist) der Hallucination Company, die bei ihrem ersten Live-Konzert alle mitrissen. Nach einigen Wodka-Drinks und „grünen Zigaretten“ entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Dass die Teenager-Träume der beiden nach einer Welt-Karriere einst in Erfüllung gehen würden, das ahnte damals keiner, schon gar nicht sie selbst.
Dolezals aus 25 Kapiteln bestehende Buch ist keine klassische Biografie, sondern ein buntes Mosaik aus privaten Falco-Stories, dessen Verhältnis zu Kunst, den Frauen und den Mächtigen und spekulativen Ausblicken auf die Zukunft. Einige Passagen wurden – mit leichter Gänsehaut – bei der Buchpräsentation als Aphrodisiakum serviert. So „der Tag, der mein Leben veränderte“ (das Kapitel 1). Es war der 29. März 1986, als „Rock me Amadeus“ auf Platz 1 der US-Charts stürmte. „Wir sind Nr. 1, und ich hab das Video gedreht“, die euphorische Reaktion von Dolezal bei einem Ambros-Video-Dreh auf Fuerteventura. Fast depressiv dagegen Falco im Wiener Restaurant Oswald & Kalb: „Des wird i nie mehr schaffen“. Nichtsdestotrotz raste Falco dadurch in die Champions League der Popkultur, und das Video-Produzententeam DoRo wurde umschwirrt von Superstars wie Queen, Bowie und den Rolling Stones.
Auf Dolezals Setlist stand auch die witzige Episode „Sind Sie der Herr Rudl“, die aber gleichzeitig die Probleme Falcos mit Alkohol, Tabletten und Drogen illustrierte. Ein Künstler zwischen Genie und Wahnsinn, der einerseits im Alkoholrausch abstürzte, andererseits auf der Bühne und im Studio brillierte. Das Kapitel „Der schönste und schlimmste Tag meines Lebens“ wirft die nicht unbegründete Frage auf, ob Falco heute noch leben würde, wenn er zu Dolezals 40er-Birthday Party nach Purkersdorf gekommen wäre. Diese fand am 5. Februar 1998 im Lokal Nikodemus statt, eine All-Star-Band u.a. mit Brian May und Roger Taylor spielte dort exklusiv auf. Falco sollte eigentlich als Bassist mit den Queen-Mitgliedern auf der Bühne stehen. Der allerdings blieb in der Dominikanischen Republik und betrank sich dort aus Liebeskummer hemmungslos. Am 6. Februar 1998 – am Tag nach der Party – stieg er um 16.40 Ortszeit mit 1,5 Promille und Spuren von Kokain und THC in sein Auto und übersah einen Bus. Falco war sofort tot.
But the Spirit never dies. In einem „Brief an meinen Freund Hans“ thematisiert Dolezal die gigantische Falco-Industrie von neuen Compilations, Filmen, Musicals bis hin zu Restaurants, Wein und Autos. „Vieles würde dir nicht gefallen, aber gegen die Kohle hättest du nichts einzuwenden“, so die Diktion von Rudi Dolezal. Inklusive überzeugter Eigenwerbung: Das Falco-Buch gehört in jeden guten Haushalt wie ein ordentliches Kochbuch. Da fehlt allerdings der Zusatz: Diverse gefährliche Cocktails nur auf eigene Gefahr...



