„Welches Thema sollte die Politik in Österreich mit Blick auf die jungen Menschen dringend angehen?“ Diese Frage wurde offen (also ohne Antwortschema) an repräsentativ ausgewählte Jugendliche gestellt. Auf Platz 1 landeten dabei mit 21 Prozent die Lebenserhaltungskosten, dahinter gleich leistbares Wohnen (20 %) und die individuellen Zukunftsaussichten im Sinne von Schule/Ausbildung/Arbeit (20 %). Mit einigem Abstand folgten Klima & Umwelt (13 %), Verteilungsfragen (12 %), Migration & Integration (6 %) und Sicherheit (3 %). Demokratie, Digitalisierung & KI, bald fixer Bestandteil der Lehrpläne, belegten abgeschlagen die letzten Positionen.
Die österreichische Politik wird seit Jahren durch Krisen belastet, deren Bewältigung nicht unbedingt von Erfolg gekrönt war. Die Inflationsrate zählt zu den höchsten der Eurozone, die Staatsverschuldung übersteigt die Maastricht-Kriterien, als Folge wurde ein EU-Defizitverfahren gegen Österreich eingeleitet. Korruptionsfälle erschüttern das Land, die Wartezeiten im Gesundheitssystem steigen, das Gefälle zwischen Reich und Arm wird immer höher, ein Fünftel der Schüler kann nach Pflichtschulabschluss nicht sinnerfassend lesen. Es war daher mit Spannung zu erwarten, wie sich diese Schwachstellen im politischen System auf die Ergebnisse der Studie „Junge Menschen und Demokratie 2025“ auswirken.
Befragt wurden insgesamt 1009 junge Menschen zwischen 16 und 26 mit österreichischem Wohnsitz. Die Interviews fanden von 28.September bis 25. November 2025 statt, zur Hälfte telefonisch, zur Hälfte online. Die Grundgesamtheit dieser ausgewählten Zielgruppe beträgt 1.083.800, das sind 14 % der Bevölkerung im Wahlalter bzw. 11 % der Wahlberechtigten. Für Vergleiche mit der älteren Bevölkerung wurde der Demokratie Monitor herangezogen, der seit 2018 einmal pro Jahr untersucht wird.
Funktionieren des politischen Systems
Laut der aktuellen Studie denken 44 % der 16- bis 26-Jährigen, dass das politische System in Österreich sehr gut oder ziemlich gut funktioniert. Diese Werte haben sich gegenüber 2018 (69 %) drastisch verschlechtert. Interessant ist die Feststellung, dass sich die Umfrageergebnisse nach der Ibiza-Affäre (2019) wieder kurzfristig erholt haben, seit 2022 aber auf einem schwachen Level stagnieren. Die Zufriedenheit mit dem politischen System hängt weiters vom Einkommen und der Bildung ab: So bewerten 49 % der Befragten aus finanziell abgesicherten Haushalten die Politik als positiv (im Vergleich zu 32 % aus ärmeren Familien). Die Werte von Akademikern sind mit 54 % erheblich höher als bei Personen ohne akademischen Abschluss (40 %). Bedenklich erscheint, dass die ältere Bevölkerung noch politikverdrossener ist als die (manchmal) rebellische Jugend. Nur 33 % der Personen ab 27 sind der Meinung, dass das politische System in Österreich gut funktioniert, 30 % bewerten es als „gar nicht gut“ (das sind doppelt so viel als die Jugend).
Vertrauen in Institutionen
Beim Vertrauen in die Institutionen schneiden bei den jungen Menschen – ebenso wie bei den Älteren - die Polizei und die Gerichte mit jeweils 68 % am besten ab. Schlechtere Zensuren dagegen erhalten die Landtage (44 %), das Parlament (41 %) und die Bundesregierung (37 %). Auffallend sind die stark sinkenden Werte des Parlaments und der Bundesregierung, die im Jahr 2020 noch 56 % bzw. 51 % erreichten. Das Vertrauen in das Europäische Parlament und die Europäische Kommission liegt bei 46 bzw. 45 %. Bei besserer finanzieller Lage und akademischem Abschluss wurden höhere Vertrauenswerte bei allen Institutionen festgestellt. Frauen vertrauen dem Parlament allerdings mit 37 % bei weitem weniger als Männer (44 %).
Repräsentation
Laut diverser Forschungsergebnisse sinkt das Systemvertrauen der Bürger, wenn sie ihre Anliegen nicht mehr im politischen Prozess wiederfinden. Dies zeigt sich auch in der hier betrachteten Studie. So fühlen sich 2025 nur mehr 32 % der jungen Menschen gut im Parlament vertreten, 2018 waren dies noch 64 % (!), der „Knick“ war die Corona-Pandemie 2020. Der Zusammenhang zwischen Vertrauen und Repräsentation ist eindeutig erkennbar. Finanziell schwächere Haushalte, Personen ohne Universitätsabschluss und junge Frauen fühlen sich klar schwächer vertreten. Nicht ausgeschlossen, dass diese Ergebnisse mit der Zusammensetzung des Parlaments (und damit mit der Themensetzung) in Konnex stehen. Nur fünf der 183 Nationalratsabgeordneten sind zwischen 20 und 29 Jahre alt. Frauen stellen zwar mit 51 % die Mehrheit der Wahlberechtigten, im Parlament sind sie aber nur mit 36 % vertreten. Die Abgeordneten selbst zählen aufgrund ihrer monatlichen Bezüge (mit über 10.000 Euro brutto monatlich) zur höheren Einkommensklasse und werden von vielen nicht als „Vertreter des kleinen Mannes“ wahrgenommen.
Selbstwirksamkeit
Hinsichtlich der persönlichen politischen Wirksamkeit sind die jungen Menschen gespalten. 51 % gehen davon aus, mit Beteiligung etwas bewirken zu können. Auch hier hängt die positivere Einstellung von den eigenen Lebensrealitäten, also dem Einkommen oder der formalen Bildung, ab. Fast einhellig ist die Meinung der Jugendlichen zur Demokratie: 89 % bewerten sie als beste Staatsform. Dieser Wert entspricht jenem der älteren Bevölkerung, was zumindest einigermaßen beruhigt.
Informationsquellen
Die aktuelle Studie hat ergeben, dass sich bei den jungen Menschen seit 2018 – vermutlich aufgrund der Krisen - der Austausch und die Information über politische Themen stark erhöht haben. Die bevorzugten Informationsquellen dagegen sind nicht unproblematisch. 69 % der Jugendlichen informieren sich zumindest einmal pro Woche in den sozialen Medien über Politik. 2018 machten dies nur 30 %. Platz 1 unter den sozialen Medien belegt dabei Instagram mit 72 %, dahinter folgen TikTok (37 %), die Messengerdienste wie WhatsApp, Signal und Telegram (24 %) bzw. Facebook (22 %).
Weitere Informationsquellen der 16- bis 26-Jährigen sind andere Internetseiten (58 %), Print- und Onlineausgaben von Tageszeitungen (51 %), Fernsehen und Radio mit je 47 %, YouTube (34 %) bzw. Podcasts und Chatbots mit je 28 %. Trotz der Überlegenheit der sozialen Medien zeichnet die jungen Nutzer eine realistische Betrachtung der Medien aus. Nur ein Fünftel vertraut den sozialen Medien im Vergleich zu drei Viertel bei den „traditionellen“ Medien Zeitung, Fernsehen und Radio.
Mangelhafte politische Bildung
Schlechte Noten dagegen erhält die politische Bildung in der Schule. 61 % kritisieren, dass sie in der Schule zu wenig gelernt haben, wie man politische Debatten führt. 51 % (!) wissen zu wenig über ihre Rechte als Bürger, 40 % haben nur eine geringe Ahnung, wie das politische System in Österreich funktioniert. 59 % wurden in der Schule nicht instruiert, wie die Qualität von politischen Informationen in den Medien beurteilt werden kann. Die Folge: Junge Menschen – und nicht nur diese - haben dadurch Probleme, Fake News und politische Propaganda in den (unkommentierten) sozialen Medien zu erkennen.
Diese Ergebnisse stellen den aktuellen Bildungsminister Wiederkehr und seine Experten vor große Herausforderungen. Im Rahmen einer Lehrplanreform soll bereits ab dem Schuljahr 2027/28 ein neues Fach „Medien und Demokratie“ im Ausmaß von zwei Wochenstunden eingeführt werden. Ein notwendiger Schritt, dessen Effektivität allerdings von der Umsetzung abhängt. Die schlechte Bewertung der politischen Bildung ist ein Alarmzeichen.
