„Hochmair, wo bist du?“ – Exzessive Buch-Performance im Wiener Volkstheater

„Philipp Hochmair ist als Schauspieler schwer zu bändigen und als Mensch oft nicht zu gebrauchen, aber er ist nie egal“, Katharina von der Leyen in ihrer Biographie „Hochmair, wo bist du?“ Die Autorin war bei der zweiten Buchpräsentation im Wiener Volkstheater persönlich nicht anwesend, stattdessen lief ein Mitschnitt aus dem Hörbuch über ihr Vorwort, bis der Held des Buches die Bühne betrat und sich gleich einmal freute, dass sein Buch im Sommer 5 Wochen auf Platz 1 der Bestsellerliste stand. Einer der wenigen Momente des Abends, die an eine Buchpräsentation im konventionellen Sinn hinwiesen. Denn eigentlich handelt es sich bei diesen – dramaturgisch immer unterschiedlich ablaufenden – Events um exzessive Performances eines theatralischen Grenzgängers. 

 

Kunstsoldat

 

„Ohne festen Wohnsitz, am liebsten auf der Bühne schlafen, das Textbuch essen, im Kostüm leben und reisen, als selbstrekrutierter Kunstkrieger, als kreativer Soldat“, so ein Textabschnitt aus dem Buch, den der 1973 in Wien geborene Künstler selbst verfasst hat und den er zu Beginn der Show präsentiert. Mit technischen Loops („Es geht immer ums Funktionieren“ oder „Das Glück ist immer nur Moment“) und sogar Interview-Einblendungen aus der Claudia Stöckl-Sendung „Frühstück bei mir“. Ist dieser Hochmair auf Drogen? Wenn, dann schon auf dem Trip der Kunst und der Literatur.

 

Postdramatik

 

1992 wurde Philipp Hochmair im Max Reinhardt-Seminar aufgenommen, sein Lehrmeister war der berühmte Klaus Maria Brandauer, den er immer wieder in seiner Performance preist. Nach dem Studium entwickelte er gemeinsam mit dem Regisseur Nicolas Stemann die „Postdramatik der 90er“: Aus klassischen Werken wurden packende Monologe gestrickt, so entstanden im Laufe der Zeit adaptierte Versionen vom „Werther“, von Kafkas „Prozess“ und natürlich der „Jedermann Reloaded“. Bereits in seiner Jugend war Hochmair fasziniert vom ehemaligen Burgtheater-Schauspieler Albin Skoda, dessen rezitierte Balladen er auf Langspielplatte hörte. Populäre Balladen stehen auch auf der Setlist Hochmairs, vorgetragen in fetzigem Shirt, mit Camouflage-Hose und Militärstiefeln: Goethes düsterer „Totentanz“ und Schillers Meisterwerk „Der Taucher“ aus dem Jahre 1797, das als Parabel auf die Selbstüberschätzung des Menschen und den herrschaftlichen Machtmissbrauch heute zeitgemäßer wirkt denn je. Musikalisch umflutet werden Hochmairs literarische Ergüsse durch die Dresdner Formation Elektrohand Gottes, die seit 2013 mit experimentellem Ambient-Rock-Sound die „Schiller“-Raves und „Jedermann Reloaded“-Nights begleitet.

 

Hamburg

 

Hochmair war von 2003 bis 2009 Ensemblemitglied am Burgtheater und danach von 2009 bis 2014 am Hamburger Thalia Theater. Dort spielte er u.a. in „Nathan der Weise“, „Der zerbrochene Krug“ und in Nicolas Stemanns-„Räuber“-Adaption. Bei seiner Performance dagegen schlüpft er – mit nacktem Oberkörper und wilder Perücke – in die Rolle eines homosexuellen Strichers, der auf die schiefe (Reeper)-Bahn gerät und durch „Horst“ die Liebe seines Lebens kennenlernt.

 

Vorstadtweiber & Jedermann

 

Gerettet wird er durch einen Anruf des ORF in Form von Kathi Zechner, die ihn für die Serie „Vorstadtweiber“ engagiert. „Österreich ist schwul, Österreich ist frei“ – durch seine Rolle als homosexueller Minister Dr. Joachim Schnitzler. Ein weiterer Anruf torpediert Hochmair zu den Salzburger Festspielen. Tobias Moretti erkrankte, Hochmair sprang für fünf Abende als „Jedermann“ ein. „Ohne Probe, ohne Text lernen“. 

 

Magic Mushrooms

 

Dass Hochmair nicht sofort nach der Moretti-Ära engagiert wurde (sondern zuerst Lars Eidinger, dann Michael Maertens), dürfte ihn zumindest rudimentär beschäftigt haben. „Danke, dass ich erst nach 6 Jahren zum Zug kam“, heißt es im abgeklärten Schluss-Furioso, das im Buch aufgrund seiner Aktualität nicht thematisiert wurde. Hochmair unterzog sich im letzten Jahr einer (ärztlich kontrollierten) Magic Mushroom-Therapie in Amsterdam, um sein Denken zu verändern und mit sich selbst ins Reine zu kommen. In der schrillen Bühnenversion fantasiert Hochmair – nur mehr mit Unterhose bekleidet - über einen „Snakeman“ und einen „Shitman“, der bekannte Bodybuilder Roman Kettner entert die Stage und lässt den Künstler rotieren, untermalt werden die Trainspotting-reifen Texte von psychedelischem Doors-Endzeitsound. 

 

Allerdings mit einem Happy End: „Danke an alle, die mich geformt haben, es war immer alles richtig, es lebe die Kunst und das Theater“. Und die Literatur. Bei der traditionellen Signierung des Buchs im Foyer drängten die Menschenmassen von Jung bis Alt. Weitere Termine folgen im Sommer, und das sogar Open-Air...