„Es gibt Reiseführer, Bergführer, Restaurantführer, nur keinen Schulführer“, Andreas Salcher bei der Präsentation seines 13. Buches im Thalia Wien-Mitte. Jetzt gibt es ihn allerdings. Der Titel „Das Beste für mein Kind – Schule erfolgreich meistern“. Der ehemalige Wiener Landtagsabgeordnete und Mitbegründer der Sir Popper Schule für Hochbegabte bezeichnet sein neuestes Werk metaphorisch als „Überlebensführer durch den Dschungel des Schulsystems“ und spart bei seiner Vorstellung nicht mit gewitzten Anekdoten und Zitaten.
Zeitmaschine
Würde man einen Lehrer mit der Zeitmaschine 100 Jahre zurückschicken, dann könnte dieser sofort weitermachen, mit Kreide an der Tafel und mit dem Rücken zur Schuklasse. In seinem Buch zitiert er als Dacapo den PISA-Koordinator Andreas Schleicher: „Wenn wir die Kinder des 21. Jahrhunderts von Lehrern mit einem Ausbildungsstand des 20. Jahrhunderts in einem Schulsystem unterrichten lassen, das im 19. Jahrhundert konzipiert wurde und sich seitdem nur graduell verändert hat, dann kann das so nicht funktionieren.“ Österreich hat das zweithöchste Bildungsbudget pro Kind in Europa, der Output ist allerdings nicht befriedigend. So kann nach neun Jahren Pflichtschule ein Fünftel der 15jährigen nicht sinnerfassend lesen, der Anteil an Spitzenschülern ist unterdurchschnittlich. Die Mühlen mahlen im stark fragmentierten Bildungssystem langsam, und so sind de facto Änderungen im Konzept, der Organisation und im Lehrplan nur schwer durchsetzbar.
Co-Lehrer
So fordert Salcher einen radikalen Ausbau der verschränkten Ganztagsschulen, nur dann könnten vor allem Kinder aus bildungsferneren Familien davon profitieren. „Anwesenheitspflicht am Vormittag, Nachlernpflicht am Nachmittag“, das sei die derzeitige Realität. Die Eltern seien „Co-Lehrer“, die eigentlich nach erfolgreichem Schulabschluss des Kindes auch ein Maturazeugnis erhalten sollten.
Lernen durch Beziehung und Sinn
5936 Schulen gibt es insgesamt in Österreich, die Schulwahl gehört dabei zu den wichtigsten und schwierigsten Entscheidungen des Lebens. Im Mittelpunkt der Ausbildung steht dabei der Lehrer, denn Lernen funktioniere nur durch Beziehung. Die Lehrer sollen die Schüler fordern, dann erhalten sie den nötigen Respekt. Vorbild für die Kinder sind in jeder Hinsicht aber vor allem die Eltern, so frei nach dem Motto „Bücher lesen statt Reality-TV“. Menschen strengen sich laut Salcher gerne an, wenn sie einen Sinn bei ihrer Aktivität erkennen. Als Beispiel nennt Salcher die vielen Jogger im eisigen Wien, die bereits jetzt für den Marathon trainieren. Man müsse als Bezugsperson „aus den Lebensträumen der Kinder Lernziele machen“. So könne man einen Tierarzt in spe viel leichter für das Fach Biologie begeistern.
Noten
Beim Lernen gelte das 80/20-Prinzip. 80 Prozent des Stoffes soll Freude machen, die restlichen 20 Prozent inkludieren die Grundkenntnisse wie Grammatik, Mathematik, sinnerfassendes Lesen und fehlerfreies Schreiben. Eine Notenabschaffung hält Salcher für unrealistisch, dafür müsse man das gesamte System umstellen. Die subjektive Bewertung der Schulleistungen sei allerdings ein Problem. Eine Schularbeit könne zwischen 1 und 5 beurteilt werden, je nachdem, ob der Lehrer mehr die inhaltliche Qualität oder die darin enthaltenen Fehler als Kriterium heranzieht. Von der AHS-Reife gar nicht zu reden. In Tirol (wo nur 26 % der Schüler eine AHS besuchen) ist ein Zweier in einem Hauptgegenstand bereits ein Aufstiegshindernis, in Wien mit rund 50 Prozent AHS-Schülern könne man auch mit einigen „Gut“ und sogar einem Dreier in die AHS aufsteigen.
Digital vs. Analog
„Das ist wie mit der Zahnpasta. Wenn die einmal aus der Tube heraus ist, kriegst du sie nicht mehr zurück“, so Salcher zu den brisanten Themen „Handy-Verbot“ und „ChatGPT“. Man müsse die richtige Balance finden. Dass ein exzessiver Handy-Konsum allerdings (nicht nur) bei Jugendlichen zu Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen und im schlimmsten Falle zu Suchtverhalten führt, sei aber evident. In den digitalen Vorzeigeländern Schweden und Dänemark kommt es derzeit sogar zu einem Umdenken. Smartphones werden aus dem Klassenzimmer verbannt, und man setzt wieder auf gedruckte Lernbücher. Laut wissenschaftlichen Erkenntnissen sind die Schreib- und Lesekompetenzen der Schüler in analogen Lernumgebungen höher als vor dem Bildschirm.
Vorbild Alemannenschule
„Unterricht ist aller Übel Anfang“: Das ist das progressive Motto der Lieblingsschule von Andreas Salcher, der Alemannenschule in Wutöschingen (Baden Württemberg). Der Bildungsprotagonist und seit kurzem pensionierte Schulleiter Stefan Ruppaner hat über seine ehemalige Schule sogar ein Buch geschrieben: „Das könnte Schule machen“. In dieser Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe wird nahezu selbstverantwortlich gelernt. Die Schüler (= „Lernpartner“) erhalten das Lernmaterial von einer digitalen Lernplattform und erarbeiten sich den Stoff selbstständig je nach Lerngeschwindigkeit. Am Nachmittag wird fächerübergreifend gemeinsam in „Clubs“ gelernt. Jeder Schüler hat einen Lerncoach, den er einmal pro Woche trifft. Zu einer Prüfung kann man jederzeit antreten, Die Klassenstufen sind vollkommen aufgelöst, bei den einzelnen Fächern kann man sich je nach Kompetenz in unterschiedlichen Phasen „aufhalten“. Der Erfolg gibt Ruppaner recht: Bei den bundesweiten Vera-Tests lagen die Schüler der Alemannenschule regelmäßig über dem Durchschnitt, 2019 und 2021 wurde die Schule mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.
Revolution
„Es gibt nichts mehr zu reformieren, wir brauchen eine Revolution“, ein kämpferisches Zitat von Daniel Ruppaner, das auch von Andreas Salcher stammen könnte. Eine seiner Forderungen könnte bald in die Tat umgesetzt werden, nämlich eine Änderung des Lehrplanes mit eigenen Fächern für Medien- und Demokratiebildung und Künstliche Intelligenz. Der geplante Gegenzug, eine Kürzung von Latein bzw. einer Lebenden Fremdsprache (Französisch, Spanisch), ist allerdings mehr als umstritten.


