Performance-Superstar: Marina Abramovic-Retrospektive in der Albertina Modern

„Mein Körper ist das Medium, mein Blut ist die Farbe, das Rasiermesser ist mein Werkzeug“. So begann die Karriere der heute berühmtesten Performance-Künstlerin der Welt: Marina Abramovic, geboren 1946 in Belgrad als Tochter ehemaliger Weltkriegs-Partisanen. Die Serbin kam durch die Arbeit ihrer Mutter im Kulturministerium Titos früh mit Kunst in Berührung und absolvierte die Akademie der bildenden Künste im Fach Malerei. Ihre erste Performance, „Rhythm 10“, präsentierte sie 1973 im Rahmen des Edinburgh Festivals. Sie verwendete dabei 20 verschiedene Messer, mit denen sie zwischen ihre gespreizten Finger stach. Bei jeder Verletzung wechselte sie das Messer und nahm gleichzeitig die Messerstich-Rhythmen auf. 

 

Fotos von dieser Performance sind auch in der neuen Retrospektive von Marina Abramovic zu sehen. Eröffnet in der Londoner Royal Academy wanderte die Ausstellung ins Stedelijk Museum nach Amsterdam, dann ins Kunsthaus Zürich und zuletzt nach Österreich in die Albertina Modern (als Ersatz-Location für das aufgrund der Signa-Insolvenz geschlossene Kunstforum).

 

The Artist is present

 

„The spirit in any condition does not burn“ – Mit diesem Zitat begrüßt Marina Abramovic in Zwangsjacke die Besucher der Exhibition, die in 12 verschiedene Räume aufgeteilt ist. Gleich zu Beginn kommen die Gäste in Kontakt mit einer ihrer bekanntesten Performances: „The Artist is Present“. Diese fand 2010 im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) statt. Die Requisiten: Ein Tisch, zwei Stühle. Abramovic saß dabei am Tisch und empfing hintereinander jeweils einen Besucher, der sich gegenüber ihr niederließ. Im direkten Blickkontakt, schweigend und ohne Zeitbegrenzung. 3 Monate bzw. 700 Stunden dauerte diese Langzeit-Performance, die sich auch Stars wie Lady Gaga, Sharon Stone, Björk, Tilda Swinton und ihr Ex-Lebensgefährte Ulay nicht entgehen ließen. Die Ausstellung zeigt in einer Fotogalerie die komplett unterschiedlichen Reaktionen beider Seiten, die bis zu Tränenausbrüchen ausarteten.

 

Rhythm 0

 

„Das Publikum ist mein Spiegel, und ich bin der Spiegel meines Publikums“, das Motto der Künstlerin, die sich nach eigenen Angaben in ihrer Jugend schüchtern im Atelier versteckte und erst später durch die Besucher die notwendige Energie inhalierte. Dass derartige Experimente gefährlich abdriften können, zeigt ihre 74er-Performance „Rhythm 0“ im Studio Morra in Neapel. Abramovic geriert sich dabei sechs Stunden lang als stillstehendes Objekt, die anwesenden Personen haben die freie Wahl, 72 vor ihr liegende Gegenstände an ihr einzusetzen. Die Interaktionen werden im Laufe der Zeit immer gewalttätiger, die Künstlerin wird bis zur Taille entkleidet, geritzt und gefesselt. Als „Höhepunkt“ wird ihr eine geladene Pistole an den Hals gehalten. 

 

Balkon Baroque

 

Im Raum 5 wird die Video-Installation „Balkan Baroque“ gezeigt, mit der Abramovic 1997 den Goldenen Löwen bei der Biennale in Venedig gewann. Als Reaktion auf den Balkan-Krieg reinigte sie dort vier Tage lang 1500 blutige Rinderknochen und sang dazu parallel jugoslawische Volkslieder. 22 Jahre früher erregte sie bereits Aufsehen mit der blutigen Performance „Lips of Thomas“ in der Innsbrucker Galerie Krinzinger. Sie ritzte sich u.a. den fünfzackigen kommunistischen Stern in den Bauch und legte sich danach auf einen Eisblock. 

Ulay

 

1975 lernte sie in Amsterdam den Künstler Uwe Laysiepen aka Ulay kennen. Die beiden wurden nicht nur ein privates Liebespaar, sondern ein kongeniales Performance-Duo, das jegliche physische und psychische Grenzen auslotete. Die Albertina Modern präsentiert in ihrer größten Halle unter der Rubrik „Body Limits“ u.a. die an einen Kuss erinnernde Performance „Breathing in – Breathing out“, „Light/Dark“ (bei der sich die beiden gegenseitig ins Gesicht schlagen), „Art must be beautiful, Artist must be beautiful“ und „Imponderabilia“. Bei letzterer Performance stellten sich Abramovic und Ulay erstmals 1977 in Bologna nackt an den engen Eingang eines Museums. Die Besucher mussten sich zwischen beiden durchzwängen, um in die partizipative Kunstwelt einzutauchen. Als besonderes Highlight der Ausstellung wird diese Performance – neben drei anderen – durch speziell geschulte Actors „nachgespielt“. Abramovic und (der 2020 verstorbene) Ulay waren bis 1988 ein Paar. Die Trennung erfolgte spektakulär. Nach einem beidseitigen Marsch von jeweils 2500 Kilometern auf der Chinesischen Mauer trafen sie einander in der Mitte mit der unwiderruflichen Conclusio, dass sie sowohl privat als auch künstlerisch auseinandergehen wollen.

Transitory Objects

 

„Die drei großen Emotionen sind Schmerz, Leid und das Wissen um die eigene Vergänglichkeit“, Abramovic im Kuratoren-Talk. Mit dem Tod beschäftigt sich die Künstlerin u.a. bei der „Nude with Skeleton“-Performance. Der geistige Background stammt von tibetanischen Mönchen, die neben Toten schlafen, um die Angst vor dem Tod zu bezwingen. Ein großer Raum der Albertina Modern ist den „Transitory Objects“ gewidmet. Dabei handelt es sich um Figurationen aus verschiedenen Kristallen, mit denen die Besucher, sitzend, stehend und liegend, in Kontakt treten und ihre Energie aufladen können. Bei den 70 kg schweren „Shoes for Departures“ gilt die Maxime: „Bare Feet, Eyes Closed, Motionless. Mentally Depart“. Am Ende des Parcours beeindrucken die „Four Crosses“ im Stil des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt und das in einem verdunkelten Raum positionierte Portal aus weißen Selenitkristallen. Ein Symbol für den Übergang zwischen Leben und Tod bzw. Licht und Dunkelheit.

 

Glastonbury

 

Abramovic, die am 30. November 2026 80 Jahre alt wird, spart übrigens nicht mit Details über ihre eigene Beerdigung: "Ich wünsche mir ein fröhliches Fest, eigentlich drei, die gleichzeitig an verschiedenen Orten stattfinden sollen. Alle, die eingeladen sind, sollen sich gegenseitig meine schlimmsten Witze erzählen. Und bloß keine schwarzen Kleider!" Antithese pur: Beim legendären Glastonbury-Festival stand Abramovic als weiß gekleidetes Peace-Symbol vor 250.000 Menschen auf der Bühne, die Besucher schwiegen auf Anordnung der Friedensaktivistin ganze sieben Minuten lang. Das schaffen Lady Gaga, Harry Styles oder Charli XCX beileibe nicht…

 

Anm.: Wer sich intensiver mit einer der „Abramovic-Methoden“ beschäftigen will, hat dazu am Ende der Ausstellung eine exklusive Chance. Die Instruktion für „Counting the Rice“: Kopfhörer auf, den Reis von den Linsen trennen und die Reiskörner zählen. „Genau das ist es, was man tun muss, um seine Zeit zurückzugewinnen. Wenn du nicht in der Lage bist, für drei Stunden Reis zu zählen, bist du nicht in der Lage, irgendetwas Gutes im Leben zu tun.“