Dance or die: Lady Gaga´s Mayhem Ball in der Stockholmer Avicii Arena

„Next Stop Mayhem“ – So wurden die Lady Gaga-Fans bereits vor dem Eingang zum Arlanda Express begrüßt, der die Besucher unmittelbar ins Zentrum Stockholms bringt. Im Oktober 2025 herrschte gleich drei Tage Ausnahmezustand in der schwedischen Hauptstadt. Gleich dreimal hintereinander trat der New Yorker Superstar in der futuristischen Avicii Arena-Kugel auf, alle drei Termine waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Auf diversen Verkaufsbörsen tauchten Tickets zu astronomischen Preisen auf, für einige „little monsters“ (so die Bezeichnung der Fans) die letzte Möglichkeit, noch eine Karte für die mit Spannung erwartete Mayhem Tour zu ergattern.

 

„The Mayhem Ball“ ist die insgesamt achte Tour von Stefani Joanne Angelina Germanotta aka Lady Gaga, die sie um den gesamten Erdball führt. Die Tour begann am 16. Juli 2025 in Paradise (USA) und endet am 13. April 2026 im New Yorker Madison Square Garden. Insgesamt 87 Shows wurden in dieser Zeitspanne gebucht. Nicht zu vergessen die spektakulären Preview-Shows im Frühjahr. Lady Gaga performte u.a. beim legendären Coachella-Festival und auf dem Copacabana Beach in Rio de Janeiro. Bei letzterem handelte es sich um einen Live-Auftritt vor über 2,5 Millionen Besuchern, das größte Konzert eines weiblichen Popstars bis dato.

 

Im Mittelpunkt der neuen Show stehen natürlich die Tracks aus dem im März erschienenen Albums „Mayhem“ (dt.: Chaos). Die Grundthematik, die wird bereits aus dem bizarren Video der ersten Single „Disease“ ersichtlich: Lady Gaga im Kampf gegen sich selbst. „Ich denke viel über die Beziehung nach, die ich zu meinen eigenen inneren Dämonen habe. Es war nie einfach für mich, mich damit auseinanderzusetzen, wie sehr mich Chaos und Aufruhr verführen. Ich fühle mich dann klaustrophobisch“, so die Künstlerin im Musikexpress. Der Sound ihres siebten Studioalbums, der auch das grammy-ausgezeichnete Duett mit Bruno Mars („Die with a Smile“) enthält, erinnert frappant an die Anfangsjahre Lady Gagas, als die damals 22jährige mit Euro Dance-Beats a la „Just Dance“, „Poker Face“ und „Bad Romance“ erstmals die Charts stürmte. Die Rezepte ihrer damaligen Hit-Partitur, die stammen vom schwedisch-marokannischen Produzenten Red One. „„Stockholm, you´ve meant so much to me from the start of my career. I love you!“ – das hört man dementsprechend bei ihren Live-Gigs in der schwedischen Metropole. 

 

Bei „Mayhem“ standen andere Namen auf der Produzentenliste: Andrew Watt (der auch das letzte Rolling Stones-Album „Hackney Diamonds“ abmixte), der Kanadier Cirkut oder der französische Techno-DJ Gesaffelstein, der mit dem hypnotischen Electro-Track „Killah“ eines der Highlights des neuen Albums beisteuerte. Zum Superhit wurde allerdings die zweite Single „Abracadabra“ mit den fast schon dadaistischen Lyrics „"Abracadabra, amor-ooh-na-na. Abracadabra, morta-ooh-ga-ga. Abracadabra, abra-ooh-na-na. In her tongue she said, "Death or love tonight". Ein grenzgenialer Welt-Hit für alle Generationen.

 

Insofern ist es wenig überraschend, dass „Abracadabra“ gleich am Beginn der Tour-Setlist platziert wurde. Nach einem kongenial zur Opernhaus-Kulisse passenden halbstündigen Arien-Intro und einem kurzen „Bloody Mary“-Part taucht Lady Gaga auf der Spitze eines riesigen Kleides auf, das sich nach den Worten „Dance or die“ öffnet und zu einem Stahlkäfig mit Tänzern transformiert. Die Regie zu „Abracadabra“ erinnert an den mit einem MTV-Videoaward ausgezeichneten Clip. Und tatsächlich steckt dieselbe kreative Künstlerin dahinter, die neuseeländische Choreographin Parris Goebel, die das gesamte „Mayhem Ball“-Konzept erstellt hat.

 

Bei „Poker Face“ bewegen sich die 22 Tänzer und Tänzerinnen in schwarzem bzw. weißem Outfit auf einem Schachbrett, eine Metapher auf den Kampf zwischen den zwei Lady Gaga-Egos. Im zweiten Akt „And she fell into a gothic dream“ liegt Lady Gaga beim Track „Perfect Celebrity“ in einem Sandgrab mit Skeletten, die beim nachfolgenden Song „Disease“ sich zu ihren Tänzerinnen „verwandeln“. Ein riesiger Totenkopf wird bei „Killah“ auf die Main Stage geschleppt. Im weiß-schwarzen Gothic Outfit performt Lady Gaga ihren neuen Hit „The Dead Dance“, bei einer Show im Londoner O2 hüpften als Surprise Act die „Wednesday“-Darstellerinnen Emma Myers (Enid Sinclair) und Evie Templeton (Agnes de Mille) auf die Bühne. Ein Tribute an den Gast-Auftritt Lady Gagas als ehemalige „Nevermore“-Lehrerin Rosaline Rotwood in der zweiten Staffel der Tim Burton-Serie. Als Referenz an das Totenreich (und an das Musical „Phantom der Oper“) erweist sich die Ballade „Shallow“ (aus dem Film „A Star is born“), bei der Lady Gaga wie der Fährmann Charon mit einer Gondel über die Bühne gleitet. 

 

Auf der Setlist der Mayhem-Ball-Tour stehen zusätzlich zu den neuen Tracks nahezu alle Superhits ihrer Karriere: „Just dance“, „Paparazzi“, „Alejandro“, „Love Game“, die LGBTIQ-Hymne „Born this Way“ und natürlich „Bad Romance“ als Final Track. Als Schlusssequenz geht das kolossale Opernhaus in Flammen auf. Nach einer Off-Stage-Performance zu „How bad do u want me“ betreten Lady Gaga und ihre Dance Crew noch einmal die Bühne und lassen sich vom enthusiastischen Publikum feiern. 

 

Nach einer derartig bombastischen Show stellt sich natürlich die Frage, ob Lady Gaga dies noch toppen kann bzw. will. „Being a Mom is my greatest vision“, das hat die mit dem Unternehmer Michael Polansky verlobte 39jährige Künstlerin kürzlich in einigen Interviews verraten. Was allerdings auszuschließen ist, dass sie keine Songs mehr schreiben wird. Das zeigt schon ihr berühmtes Rilke-Tattoo: „Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: Muss ich schreiben?“