"Hochmair, wo bist du?" - Eine Buchpräsentation als schrille Performance-Show

„Philipp Hochmair ist als Schauspieler schwer zu bändigen und als Mensch oft nicht zu gebrauchen, aber er ist nie egal“, so die Autorin Katharina von der Leyen im Vorwort ihrer Biographie über den „Jedermann“-Star. Bei einem Live-Podcast in der Buch Wien beschreibt Hochmair das Schauspiel als „Balanceakt zwischen Ekstase und Kontrolle“. Im Linzer Schauspielhaus, Schauplatz einer Buchpräsentation oder nennen wir es passender Bühnen-Performance, mag dies noch auf den ersten Teil zutreffen, auf die Verlesung des Vorworts und auf ein lässiges Interview mit dem Hamburger Journalisten David Baum. Wenn dann die ersten „Hochmair, wo bist du“-Schreie ertönen, dann existiert nur mehr ein Motto: You gotta say yes to another excess.

 

Immer Funktionieren

 

Der dritte Versuch einer Biographie, zwei scheiterten, ist für Hochmair kein schlichtes Marketingprodukt, sondern ein Mittel zur Selbstreflexion. „Wenn ich Artikel über mich lese, frage ich mich: Wer ist dieser Mann, der hier beschrieben wird? Kenne ich den?“ schreibt Hochmair im Nachwort, das vom Bühnenexzentriker live performt wird. Immer wieder spricht der in Ottakring aufgewachsene Sohn eines Ingenieurs und einer auch am Burgtheater tätigen Ärztin von der Enge und der Einsamkeit in Wien. „Es ging in meinem Leben von Anfang an immer ums Funktionieren. Als Kind, in der Schule und zu Hause. Und ich habe immer funktioniert.“ Sein Vater war fassungslos, als Hochmair als Kind die Balladenverse des österreichischen Schauspielers Albin Skoda (1909-1961) zitierte. 

 

Totentanz

 

In der Schule fiel sein Schauspieltalent zum ersten Mal auf, als er – im Stile des „Clubs der toten Dichter“ – auf einen Tisch stieg und dort den „Totentanz“präsentierte. „Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins, Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins, Und unten zerschellt das Gerippe.“ Die Ballade Goethes aus dem Jahr 1813 dürfte bald populärer als manch ein Falco-Song, sie stand auf der „Tracklist“ im TV, bei der Buch Wien und natürlich bei den bisherigen Performances im Wiener Volkstheater, im Hamburger Thalia-Theater und im Linzer Schauspielhaus.

 

Der Taucher

 

„"Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, Zu tauchen in diesen Schlund?“ - Eine weitere Ballade, Schillers „Taucher“, war das Eintrittstor Hochmairs in eine neue, faszinierende Welt der Kunst und des Theaters. Klaus Maria Brandauer lauschte seinem Vortrag bei den Aufnahmetests und nahm ihn ins Max Reinhardt-Seminar auf, seine erste Rolle spielte er im Salzbergwerk von Altaussee. 1997 wurde Hochmair Mitglied der „Gruppe Stemann“, benannt nach dem Hamburger Gründer Nicolas Stemann. Hochmair kreierte gemeinsam mit dem Regisseur ein neues Theaterformat, und zwar die Transformation eines ganzen Stücks in einen Monolog. „Werther“ war der erste Streich, viele andere folgten sogleich, Kafkas „Prozess“, Stifters „Hagestolz“, die Schiller-Raves und natürlich der „Jedermann“. 

 

Theaterkarriere

 

„Am liebsten auf der Bühne schlafen, Textbuch essen, im Kostüm leben und reisen, als selbstrekrutierter Kunstkrieger, als kreativer Soldat“: Hochmair spielte am Burgtheater und am Hamburger Thalia-Theater, bei den Salzburger Festspielen war er bereits 2008 als Franz Moor („Die Räuber“) und 2011 als Fausts Mephisto zu sehen. Mit dem „Jedermann“ beschäftigt sich Hochmair als Work in Progress seit 2012, in seiner Adaption spielt er alle Rollen selbst und tobt wie ein Rockstar über die Bühne, begleitet von den ehemaligen Dresdner Ostpunks „Elektrohand Gottes“. Die „Jedermann Reloaded“-Shows (u.a. als Premiere 2013 in Salzburg, im Burgtheater und sogar im Wiener Stephansdom als Life Ball-Benefiz) wurden so populär, dass eines Tages im August 2018 ein Anruf kam. Bei den Bühnenperformances schrillte laut das Telefon. 

 

„Jedermann“ Tobias Moretti erkrankte während der Salzburger Festspiele, Hochmair wurde gefragt, ob er einspringen könne. Ohne Proben. „Und ich habe Ja gesagt“, Applaus brandet im Publikum auf. Für insgesamt fünf Aufführungen schlüpft Hochmair in die Rolle des reichen Mannes, der plötzlich mit dem Tod konfrontiert wird.

 

Jedermair

 

„Und dann kam gar nichts. Sie haben Lars Eidinger gefragt. Aber ich bin doch der Jedermann!“ rotierte Hochmair hysterisch-verzweifelt auf dem Bühnenparkett. Es folgte – zumindest bei der Performance – der steile Absturz ins Bodenlose. Hochmair wird zum homosexuellen Stricher auf St. Pauli, der sich in 24-Stunden Kneipen wie dem berüchtigten Elbschlosskeller seiner Alkoholsucht hingibt. Ein stilistisches Mittel, wie Hochmair bei der Buch Wien erklärt. Der Zuschauer liebt Krisen, daher vermische er bei seiner Performance Dichtung und Wahrheit und baue fiktionale Elemente ein. Als „Gestiefelter Kater“ (eine Rolle, die er tatsächlich am Thalia Theater gespielt hat) kämpft er sich zurück, macht eine Entziehungskur und wird schlussendlich zum Star auf den TV-Schirmen, als „blinder Katzenkommissar“ („Kommissar Blind“), homosexueller Skandalpolitiker Schnitzler („Danke Frau Zechner für die Rolle in den Vorstadtweibern“) und als „Wannseekonferenz“-Leiter Reinhard Heydrich. Bis wieder das Telefon klingelt.

 

Magic Mushrooms

 

Die 2. Chance, und dieses Mal ohne Einspringen. 2024 wird der unangepasste Charismatiker Hochmair zum neuen „Jedermann“ nach einer modernen Inszenierung von Robert Carsen. „Weg mit der Armeehose, weg mit den Schuhen!“, die Elektrohand Gottes spielt im Schauspielhaus eine kurze Jamsession. Bis Hochmair, mit Hippie-Perücke und nur mit Unterhose bekleidet, noch in einen – von Doors-Endzeitsound begleiteten – minutenlangen Magic Mushroom-Taumel stürzt. Eine Therapie, die er tatsächlich in Amsterdam absolviert hat. 

 

„Plötzlich sehe ich mich selbst, Danke fürs tolle Leben, es ist alles richtig, es lebe das Theater“, kurz vor dem Szenen-Applaus auf den Tribünen. Danach gibt es Autogramme und einige Selfies im Foyer, traditionell mit nacktem Oberkörper und ohne Schuhe. Man fährt ja auch in die Gruben nackt und bloß“, ein Vorgeschmack auf den „Jedermann“ im Sommer 2026. Hochmair spielt zum dritten Mal die Rolle seines Lebens…