„Auf der Reeperbahn nachts um halb eins. Ob du'n Mädel hast oder ob kein's. Amüsierst du dich. Denn das findet sich. Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ - Hans Albers hat dieses Lied in den 50ern berühmt gemacht, entstanden ist es bereits 1912 durch Ralph Arthur Roberts für seine Revue „Bunt ist die Welt“. Ein legendärer Schlager über das Nachtleben St. Paulis und die „sündigste Meile der Welt“, die Reeperbahn. Dort, wo heute noch immer die Bordsteinschwalben in ihre Etablissements locken, Party-Touristen gnadenlos in den Clubs und Bars abstürzen und gescheiterte Existenzen ihre letzten Euros in 24 Stunden-Kneipen verprassen.
History
Es gibt allerdings seit 2006 ein Wochenende im Jahr, an dem die Indie-Hipster, Pop-Fetischisten und Elektronik-Freaks den Hamburger Vergnügungs-Hot Spot St. Pauli stürmen, um dort den heißesten Newcomern und neuesten Trends der internationalen und nationalen Musikszene zu lauschen. It´s Time for Reeperbahn Festival, seines Zeichens Europas größtes Clubfestival und Plattform für internationale Popkultur. Ein Live-Event zum Angreifen mit rund 45.000 Besuchern in einer Welt, die sich immer mehr in den sozialen Medien verkriecht und sich von platten Algorithmen steuern lässt. Viele Stars von heute hatten in den letzten 20 Jahren ihre ersten Auftritte beim Reeperbahn-Festival, darunter The Last Dinner Party, Aurora, Kraftklub, Lewis Capaldi, Rag´n´Bone Man, Jake Bugg oder Ed Sheeran, der nach seinem Akustik-Auftritt 2011 im East Hotel einen Plattenvertrag bei einem Major Label erhielt.
Konzept
Das Konzept des Reeperbahn-Festivals hat sich seitdem nicht verändert. Rund 450 Acts aus 30 Nationen standen dieses Jahr auf der Bühne, verteilt auf unglaubliche 70 (!) Locations. Darunter befinden sich nicht nur die großen Clubs der Reeperbahn wie das Docks, der Mojo Club, das Knust oder die Große Freiheit 36, sondern auch zahlreiche kleine Lokale wie der Nochtspeicher, das Häkken oder der 25 Club. Mit einem Festivalticket bzw. einzelnen Tagestickets hat man Zugang zu allen Konzerten, allerdings keine Garantie auf Einlass. Ist die Location voll (was neben der Security zusätzlich durch eine App kommuniziert wird), muss man sein Festival-Programm umdisponieren. Dass vor allem nach Einbruch der Dunkelheit oft zwei oder mehr persönliche Favourites parallel spielen, tut ein Übriges. Eine lose Programmplanung während des Tages, die nötige Fitness für die Märsche zwischen den Locations und schnell gekippte Bier nach dem Ende eines Gigs, alles Must be´s für eine coole Festival-Night im Hexenkessel der Reeperbahn.
Molotow Nights
Einige Highlights der individuellen St. Pauli-Magical Mystery Tour. Und diese Wortkombination ist nicht zufällig gewählt. Denn die Beatles spielten Anfang der 60er vor ihrem internationalen Durchbruch in den Clubs und Bars der Reeperbahn. Insgesamt 92mal, und das bis zu 8 Stunden pro Abend, traten die Liverpooler Pilzköpfe im Top Ten Club auf. Heute residiert an der Reeperbahn 136 der Kult-Club Molotow, der Ende 2024 seinen Standort am Nobistor aufgeben musste. Die gebuchten Bands dort sorgten auf jeden Fall für schweißtreibende Konzert-Nächte, egal ob die australischen Indie-Rocker Delivery oder die Dubliner Post Punker Just Mustard (mit der cool-sphärischen Front-Frau Katie Ball). Neue, zartere Akzente setzte die Blood Red Shoes-Sängerin Laura Mary Carter mit folkigen Tracks aus ihrem Debüt-Album.
Uebel und Gefährlich
Im kleinen Underground-Club Bahnhof Pauli präsentierte das schottisch-amerikanische Duo Witch Post mystischen Indie-Pop. Im ehemaligen Hamburger Flak-Turm Uebel und Gefährlich, rund 1 km entfernt von der Reeperbahn, begeisterten das texanische Dark-Wave-Duo Twin Tribes und die aus dem Indie-Rave-Paradies Manchester stammende Chloe Slater. Die Britin dürfte bereits einen Karriere-Turbo gezündet haben, sie ist 2026 Teil des Line Ups beim hochklassigen Madrider Mad Cool-Festival. Bereits zur Creme de la Creme der europäischen Musikszene zählt die dänische Elektronik-Künstlerin Mo, die in der Großen Freiheit 36 ihr neues Album „Playgirl“ und natürlich ihren mit Major Lazer produzierten Nr. 1-Hit „Lean on“ servierte. Sein Vater und seine Mutter thronten wochenlang auf den Spitzenplätzen der Charts, jetzt versucht es der Sohn. Gene Gallagher, Sprössling von Oasis-Legende Liam Gallagher und Nicole Appleton (All Saints), geigte mit seiner Band Villanelle – noch ohne offiziellen Release – im 25 Club auf. Auch auf ihn wartet im Sommer die heiße Madrider Sonne.
Robert Stadlober
Gesellschaftskritik und politische Lyrik dürfen beim Reeperbahn-Festival nicht fehlen. Der österreichische Schauspieler und Musiker Robert Stadlober lädt, lässig gestylt mit Shorts und Hut, zu einem Tucholsky-Abend in die pittoreske St. Pauli-Kirche. „Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut“ heißen das Programm und das dazu gehörende Album, auf dem Stadlober Gedichte des linken Berliner Schriftstellers Kurt Tucholsky (1890-1935) vertont. „Vom jugendlichen Überschwang über die Melancholie des mittleren Alters bis zum erlösenden Ende“, so Stadlober in einem Interview.
Lovehead vs. Kraftklub
Absolute Newcomer sind die drei burgenländischen Musikerinnen Anna, Elena und Mara aka lovehead. Auf FM4 belegten sie mit ihrer „Wir sind Helden“-angehauchten Debüt-Single „Denkst du an mich“ wochenlang Platz 1 der Charts. Judith Holofernes „Nur ein Wort“ durfte dann naturgemäß bei ihrem mitreißenden Set im Kaiserkeller nicht fehlen. Dort, wo die Beatles einst 1960 ihre ersten Gigs spielten.
Der besondere Clou: Als Support (!) der Girls enterten Kraftklub gemeinsam mit der Rapperin Domiziana die Stage und präsentierten dort ihre neue Single „Unsterblich sein“. Einer von 15 (!) Kurz-Auftritten der Chemnitzer Band in einer einzigen Nacht. Eine Kiez-Tour deluxe von der St. Pauli-Kirche, dem FC St. Pauli-Fanshop bis hin zum Molotow, dem Kaiserkeller, dem Docks und schlussendlich dem Grünspan. Ein perfektes Marketing-Instrument für das neue Album „Sterben in Karl-Marx-Stadt“, aber auch ein Dankeschön für das Reeperbahn-Festival, bei dem sie erstmals 2011 aufgetreten sind. Kurze Zeit später schossen sie mit ihrem Debüt-Album auf Platz 1 der deutschen Charts. Und damit schließt sich der Kreis.
























