Where nothing happens: Ibiza-Nightlife-Kritik der Künstlerin Irene de Andres…

Sommer, Sonne, Nightlife – Das sind sicher die Hauptgründe, warum mehr als 3 Millionen Touristen pro Jahr auf den Party-Hot Spot Ibiza düsen. Es gibt aber auch viel Kunst auf der Baleareninsel zu besichtigen, so u.a. im MACE, dem Museum für zeitgenössische Kunst direkt in der Hauptstadt Eivissa. Dieses erreicht man ziemlich einfach, indem man die Zugbrücke beim Portal de ses Taules überquert und dann links aufwärts schreitet. Der Eintritt ist frei, gezeigt werden Kunstwerke ab den 50ern bis zur Gegenwart, darunter jene der weltberühmten Grupo Ibiza 59 (wie Erwin Broner, Antonio Ruiz oder Erwin Bechtold).

 

Besonders ins Auge fällt im Erdgeschoß eine Installation am Fenster des Museums. Diese trägt den Titel „A Place where nothing ever happens“. Und das macht sofort etwas stutzig. Ein Platz, wo nichts jemals passiert ? Eine Insel, die – mit Ausnahme der Corona-Zeit – nahezu ausgebucht ist mit Touristen aus aller Welt, die in den randvoll gefüllten Clubs und Diskotheken abtanzen bis in den Morgengrauen (und das vor den behördlichen Restriktionen sogar bis mittags) ? 

 

Die Idee dahinter stammt von der in Ibiza 1986 geborenen und in Madrid lebenden Künstlerin Irene de Andres. Die Intervention am Fenster ist auch nicht das Hauptwerk, sondern „nur“ eine Collage ihres Projekts „Donde nada ocurre“ („Where nothing happens“) aus dem Jahre 2016. Man erkennt dabei schemenhaft Diskotheken, tanzende Menschen, alte Vinylscheiben, verknitterte Event-Plakate, Gebäuderuinen und verwucherte Wälder. Andres zeigt allerdings nicht die aktuellen Clubs – laut ihrer Diktion die „neuen Tempel unserer Zeit“ - sondern fünf ehemalige geschlossene Nightclubs, Idea, Festival Club, Heaven, Glory´s und Toro Mar. Letzterer war ursprünglich eine Stierkämpfer-Schule (!) und wurde während des aufkommenden Tourismus-Booms transformiert in eine Diskothek mit Kuppel (die wegen umweltbehördlicher Auflagen und fehlender Lizenzen wieder abgerissen werden musste). Nach dem Konkurs der Inhaber wurden dort illegale Rave-Parties veranstaltet, direkt neben einem Natur- und Tierpark.

 

Irene de Andres, u. a. Absolventin der Fine Arts an der Universidad Complutense de Madrid und vielfach ausgezeichnete spanische Künstlerin, dokumentiert die Anekdoten der geschlossenen Clubs mittels Fotografien, Skulpturen, Bauwerken, Plakaten und Zeitungsmaterial. Zu sehen war die Ausstellung nicht nur in spanischen Städten (wie im Sa Punta des Molí von San Antonio oder komplett in Valladolid), sondern auch bei der Exhibition „Energy Flash – The Rave Movement“ in Antwerpen. Ein Stückchen Nostalgie steckt auch dahinter. Die vergleichsweise kleinen Tanzclubs waren damals ein Mittel zur Flucht aus dem Alltag, die Preise moderat, VIP-Räume nicht existent. 

 

Heute ist Ibiza das „Clubbing Capital of the World“, die ganze Insel lebt von der Tourismusindustrie und der immer exklusiveren Vergnügungsstätten und Luxushotels. Die Clubbetreiber und Immobilienunternehmer machen Millionengewinne, aber wie geht es eigentlich der einheimischen Bevölkerung und der Working Class? Diese arbeitet rund um die Uhr, damit die reichen 24-Hour-Party People bedient werden, und was haben sie davon? So wenig Lohn, dass sie sich bei den immens gestiegenen Mieten nicht einmal eine angemessene Wohnung leisten können und in kleinen Zimmern, Gemeinschaftsräumen und Wohnwägen übernachten müssen. Eine soziale Lunte, die eigentlich die Politiker Ibizas schon längst löschen hätte müssen. Sie brennt allerdings weiter…

 

https://irenedeandres.com/