ERINNERUNGEN AN PAPA

Am 15. Februar 1935 "erblicktest du die Welt, es war eine schlechte Zeit, knapp die Arbeit, wenig Geld." Aufgewachsen bist du in Großsiegharts, im nördlichen Waldviertel als einer von vier Brüdern. 

 

Dein Lebensprinzip war immer: "Wer dauern will, muss schaffen. Denn nur die Tat besteht, ein Leitmotiv, das stets in deinem Kopfe schwebt." Das zeigte sich bereits in deiner Volksschulzeit. Rechnen, Schreiben und Lesen waren deine Lieblingsfächer, und du hattest lauter Einser im Zeugnis. Vor allem in Mathe warst du deinen Schulkollegen überlegen, und so hast du bereits nach 3 Jahren (!) die Volksschule erfolgreich absolviert und bist ins Realgymnasium nach Waidhofen/Thaya gewechselt.

 

"In dieser Zeit lerntest du auswendig viele Gedichte, manchmal kamen sie dir durcheinander, das war eine Geschichte." Plötzlich ein Schicksalsschlag: Dein Vater starb, als du 13 warst. Die Verhältnisse nach dem Krieg waren trist, kein Geld, wenig Kleidung und hohe Armut. Du hast dich, ohne um Hilfe zu bitten, durchgeschlagen. "Eines Tages zogest du deinen schwarzen Anzug an, und da wusste auch deine Mutter, dass die Matura begann." Brillierst hast du in Mathematik und Latein, "in Geschichte warst du nicht so gewandt." 

 

Es war 1952, mitten in der Besatzungszeit, "du hattest das Maturazeugnis in der Hand und standest verlassen in einer Stadt auf dem Land."  Heute zieht es die meisten Maturanten Richtung Universität und Fachhochschule, viele lang nicht so intelligent und ehrgeizig wie du. Doch du musstest dir hart dein Brot verdienen. Und begannst zu arbeiten in einer Färberei, dort wurdest du bereits nach einem Jahr zum Leiter befördert. Bewundert und beneidet zugleich.

 

Dein wahres Steckenpferd war aber der Fußball. Du spieltest bei einem kleinen Verein und hattest bereits in deinen Teenagerjahren einen knallharten Schuss. Bei einem Spiel trafest du irrtümlich einen Zuschauer, der - von der Wucht des Balles erfasst - die Böschung runterrollte. Er blieb zum Glück unverletzt.

 

"Glück spielt im Leben eine große Rolle, oft greift man ins Leere, aber manchmal ins Volle" – Auch einer der deiner vielen intelligenten Sprüche. Und er hat dein Leben geprägt. Bei einem Osterturnier in Großsiegharts hast du die Tormannlegende Jenny Türk bezwungen, die KSC-Funktionäre lockten dich in die Wachau nach Krems, die wunderschöne Stadt an der Donau wurde dein Lebensmittelpunkt. In allen Belangen.

 

An der HTL Krems begannst du Hochbau zu studieren, das zweite Maturazeugnis war dir gewiss. Und der Präsident des KSC, Sepp Doll – heute ist das Stadion nach seinem Namen benannt – wurde zu deinem Gönner und Unterstützer. Und du hast es ihm hundertfach "zurückgezahlt". Noch heute sprechen die Zeitzeugen von damals – ich gehörte leider nicht dazu – von deinem schnellen Antritt, deinem rechten Haken und deinen legendären Torparaden. Mit dir als Mittelstürmer stieg der KSC 1955 in die Staatsliga A auf, du spieltest vor über 10.000 Zuschauern gegen die Rapid-Götter Zeman, Dienst und Hanappi. Fußball-Hysterie in der Wachaumetropole, dank dir, Kaubek, Marangoni & Co..

 

In der Regionalliga Ost, damals 2. Spielklasse, wurdest du zweimal überlegener Torschützenkönig, einmal mit 32, einmal mit 26 Toren. Als einziger Spieler der zweiten Liga wurdest du damals ins B-Nationalteam einberufen, bei einem Spiel in Linz gegen eine oberösterreichische Auswahl. Neben dir kickte Rapid-Legende Kaltenbrunner. Es war trotz toller Leistung leider deine einzige Einberufung: "Waunst aus da Provinz kummst, hast ka Chance", deine Worte. Und du hattest damals auch großartige Angebote von der Admira und der Vienna, hast aber deiner Heimat Krems stets die Treue gehalten. Und sorgtest in der schönen Wachau für neue Torrekorde: 8 Tore beim 9:3 gegen Waidhofen und 7 Tore (inkl. Doppelhattrick) beim 9:2 gegen Ternitz.

 

Beruflich lief es ebenfalls prima, im Juni 1957 hast du am Magistrat Krems deine Arbeit angetreten, als Bautechniker in der Abteilung Hochbau. Und irgendwann hat dich auch Amors Pfeil getroffen, ganz tief und lebenslänglich.

 

Lebenslustig, sympathisch, sehr, sehr fesch und mit dem Hang zum richtigen Schnitt: Die schwarzhaarige Friseurin Hilde Ettenauer, die in Krems in der Unteren Landstraße unterhalb der Gozzoburg wohnte, hat dein Herz verzaubert. Meine zukünftige Mutti, die dir bereits im Kremser Stadion zu Füßen lag. Am 19. August 1961 wurde es dann "ernst": "Ing. – das Dekret hast du einige Tage zuvor bekommen - Helmut Plischek im Hafen der Ehe gelandet", so die NÖN-Schlagzeile. Standesamtlich in Stein, konfessionell in der wunderschönen Pfarrkirche Krems, Opa und Marangoni waren die Trauzeugen, vertreten Prominenz aus Sport, Politik und Gesellschaft.

 

Sportlich war diese Zeit die Ära deiner Schützenrekorde, bis eine Achillessehnenverletzung deine Karriere beendete. Die letzte Draufgabe war der Meistertitel mit dem Kremser Zweitverein Avanti. Dann waren deine Ambitionen Beruf und Familie. Künstler verwenden auch gerne den Satz "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht". So war es auch bei dir. Planungen, Konzepte, Renovierungen, Restaurierungen, Bauleitungen für deine geliebte Heimatstadt Krems: Sie waren für dich keine "Tätigkeiten mit Büroschluss", sondern eine Herzensangelegenheit, die du gerne auch in der Freizeit betrieben hast. Hafnerplatz, Bauhof, Alten- und Schwesternwohnheime, Kindergärten, Rathaus Stein, Kunsteisbahn,... – alles dokumentiert in deinen anfangs schwarz-weißen Fotoalben.

 

Deine Hilde kam da aber nie zu kurz, zahlreichen Reisen in die südlichen Nachbarländer, eine kleine, feine Freundesschar und eine konfliktlose Partnerschaft zeugen davon. Und das anstrengende Kindchen hat ja in den 60ern noch nicht das Lebenslicht erblickt.

 

Die Zeit des (bei dir nur raren) Windelwechselns begann am 29. November 1970. Da kam ich in den frühen Morgenstunden zur Welt, du hast erst einige Stunden später davon erfahren. Die Kindheit war eine wunderschöne Zeit mit dir. Du als Mathe-Genie lerntest mir bei unseren zahlreichen Kreuzberg-Touren schnell die Zahlen, prüftest mich die Hauptstädte der Welt ab und hast mit mir und meiner lieben Nachbarin Petra Ball und Tennis im unseren kleinen Hof in der Kasernstraße 23 gespielt. Mit der ersten Schultüte kam der Ernst des Lebens, an der Volksschule Hafnerplatz, wo du auf meine sehr guten Leistungen in deinen Standard-Fächern Deutsch und Rechnen stolz warst. Am Abend warst du gerne im Cafe Aumüller unterwegs: Kartenspielen mit alten Freunden und ein bisschen "unter Dampf", während die Mutter mich immer rechtzeitig ins Bett brachte.

 

Einst mit deinen Kicker-Jungs genossest du das Dolce Vita in Barcelona, ansonsten warst du kein Weltenbummler, sondern ein Österreich-Fan. Kein See in Österreich, den wir nicht bereist haben, dazu die Krimmler Wasserfälle, die Eisriesenwelt in Werfen, die Riesenrodelbahn Rolba Run in Saalfelden, Tierparks, Minimundus, unterirdische Salzbergwerke, die später tragisch verunglückte Gletscherbahn nach Kaprun oder die tollkühne Fahrt auf den Großglockner mit heiß gewordenem Volkswagen. Immer mit dabei die Sofortbildkamera, deren Fotos mich zeit meines Lebens an unsere Familien-Touren zu dritt erinnern wird. 

 

Auch beruflich ging es weiter mit dir bergauf: 1981 ernannte man dich zum Baudirektor-Stellvertreter, zum 50er folgte, überreicht vom damaligen Bürgermeister Wittig, die "Goldene Ehrennadel der Stadt Krems". Aufgrund besonderer Verdienste für die Wachaumetropole Krems. Auch im damaligen Ö-Regional Niederösterreich warst du 1985 zu hören, im Rahmen der Bewerbung von Krems als Landeshauptstadt Niederösterreichs. Die wurde – aufgrund der Größe – logischerweise St. Pölten. Legendär dein "Ausflug" auf eines deiner Prestigeprojekte, der Renovierung des Piaristenturmes, und zwar ohne Sicherung auf die Außenplattform.

 

Eine Glücksträhne hattest du 1986 auch im Fußball-Toto, 12 Richtige. Dein Sohnemann wurde zwar nicht wie der Papa ein Di Stefano, schulisch lief es aber bei den Piaristen bestens. 8 mal Vorzug plus ausgezeichneter Erfolg bei der Matura, dazu ein Ehrenring der Schule. Maßgeblich daran beteiligt du mit deinen exzellenten mathematischen Erklärungen über Funktionen, Tiefenwinkel und Normalverteilungen. Da hatten sogar die akademischen Mathe-Profs meist das Nachsehen.

 

Die 90er begannen, und sogar in unserer kleinen Stadt Krems tobte damals das Nachtleben. Eine Großraumdisco mit dem Namen M.A.O. im Gewerbepark eröffnete. Als einer der ersten betrat ich gemeinsam mit dir die noch nicht fertige Disco-Stätte. Nächtelange Ball- und Beisltouren, Cabrio-Trips mit Freund Ronald Sakulin & Co. und ein 3 wöchiger Interrail-Urlaub brachten dich etwas auf die Palme. Mit meiner Studienwahl warst du allerdings zufrieden: Rechtswissenschaften am Wiener Juridicum. Auch du hast gerne mitgebüffelt. Und der Erfolg war uns beschieden: Die Sponsion zum Magister fand im April 1996 statt, gemeinsam mit Mutti wohntest du der akademischen Feier in der Universität Wien bei. Ein seltener Ausflug zu den "Gscherten" in die Bundeshauptstadt.

 

Beruflich warst du damals schon in der Pension, nach turbulenten Jahren am Magistrat Krems. Der städtische Baudirektor Wessely, wie dein Bürokollege Josef Amon einer deiner Tennispartner, wurde nach internen Untersuchungen abgesetzt, du wurdest Interims-Baudirektor. Und anstatt dich am Ende deiner Karriere zum Baudirektor zu küren, wurde ein fachfremder Akademiker auf diesen Posten gehievt. Legendär der von dir überlieferte Satz des damaligen Kremser Stadtchefs: "Solange ich Bürgermeister bin, werden Sie nicht Baudirektor !"  Freunderl- und Parteibuchwirtschaft in Reinkultur. Und du, korrekt, fleißig, pflichtbewusst und unbestechlich, warst – wie du immer stolz gesagt hast -  "nie bei einer Partei, bei einem Verein bzw. einer Gewerkschaft".

 

Trost fandest du dagegen in der Verleihung des renommierten Ehrentitels "Regierungsrat", der dir immer sehr viel bedeutete. Die dazugehörige Feier fand im damaligen NÖ Landhaus in der Wiener Herrengasse statt, der Überreicher war der damals noch junge Landeshauptmann Pröll.

 

Deine Mutter starb 1991, Fahrten nach Großsiegharts in deine alte Heimat mit Mutti waren damals keine Seltenheit. Bei einem Unfall auf dem Weg dahin hattet ihr ziemliches Glück. Ein LKW verlor zwei Reifen, die auf deinen Golf zurollten, nur durch eine schnelle Reaktion konntest du Schlimmstes verhindern.

 

Nach deinem Pensionsantritt am 2. November 1994 wolltest du dein erspartes Geld anlegen, inspiriert wurdest du durch die Wohnungsneubauten direkt vor deinem  Küchenfenster. Eine Eigentumswohnung im 2. Stock in der Reifgasse 13, heute gegenüber den Campus-Bauten mit dem Köglberg im Hintergrund, hast du ausgesucht, heute wohne ich da drinnen. Du hast deiner geliebten Mietwohnung in der Kasernstraße 23, wo wir soviel erlebt haben, die ewige Treue geschworen. So wie deinem einstigen Fußballverein KSC, deinem Job im Bauamt der Stadt Krems und ... deiner lieben Ehefrau.

 

Auch in deiner wohlverdienten Pension hast du noch bewiesen, dass du nicht zum alten Eisen gehörst. Im Rahmen meines zweiten Studiums BWL hast du mich in Mathematik & Statistik so gut trainiert, dass beim zweiten Antritt ein "Sehr Gut" herausschaute. Und das bei einem Stoff, der während deiner Schullaufbahn noch nicht gelehrt wurde. Und so konntest du dich Ende 2002 über einen weiteren Studienabschluss deines Sohnes freuen, inklusive einer Stadtmarketing-Diplomarbeit über deine Heimatstadt Krems, in der du seit 1954 gelebt hast.

 

Danach blühte mir ein ähnliches Schicksal wie dir einige Jahre zuvor: Trotz bester Qualifikationen, Enthusiasmus und Ehrgeiz kann man in Österreich meist nur dann zu bestimmten Jobs gelangen, wenn man Teil eines Netzwerkes oder einer Parteien-Freunderlwirtschaft ist. Obwohl die rot-schwarzen Machtparteien von früher in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Stimmen verloren und die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr hinter sich haben, dominieren sie immer noch die Machtstrukturen und blockieren die Karrierewege parteiunabhängiger Individualisten und Querdenker. 

 

Dir waren meine freiberuflichen Tätigkeiten im Nachtleben, Event Marketing oder im Schreiben von Jus- und Szenebüchern nicht immer ganz Recht, aber du hast auch erkannt, dass die Lebensläufe junger Leute heute nicht mehr so einheitlich und geradlinig sind wie früher und sich gewisse Chancen schon ergeben werden, wenn man nur hartnäckig seine Visionen und Ziele verfolgt.

 

Mit der Mutti hattest du eine wunderschöne Pensionszeit: Spaziergänge auf den Kreuzberg, Schwimmen im Bad, Radfahren an der Donau und gemeinsame TV-Abende in eurem beschaulichen Wohnzimmer. Pflichttermine waren nicht nur die Fußballmatches aus In- und Ausland, Musiksendungen und Quizshows, sondern auch die wöchentlichen Lottoziehungen. Zum großen Gewinn reichte es nicht, aber Geld ist nicht alles. Stattdessen habt ihr am 19. August 2011 eure Goldene Hochzeit gefeiert: 50 Jahre lang verheiratet mit vielen Höhen und kaum Tiefen.

 

In den letzten Jahren lerntest du auch meine liebe Freundin Anita kennen, die dir sofort sympathisch war: Bescheiden, ehrgeizig, intelligent, hilfsbereit und liebenswürdig. Und außerdem hat sie deinen lieben Sohn etwas aus dem Party-Zenit heruntergeholt, der nie so dein Fall war. 

 

2012 las man dann wieder den Namen "Plischek" in den Regionalzeitungen – Ich trat als unabhängiger Kandidat für die FPÖ bei den Gemeinderatswahlen in Krems an mit Themen, die auch dich ansprachen: Gegen Freunderlwirtschaft, Korruption und Geldverschwendung, für Bürgerbeteiligung und Gerechtigkeit. Der Einzug in den Gemeinderat gelang zwar nicht, aber im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Tätigkeit als parlamentarischer Mitarbeiter in Wien. Dort wo Anita und ich unsere zweite Heimat aufbauen wollen. Es war dir zeit deines Lebens immer wichtig, dass ich eine fixe berufliche Tätigkeit habe und diese mir auch Spaß macht. Das hat zwar spät, aber doch geklappt.

 

In deinen letzten Lebensjahren warst du aufgrund einer chronischen Krankheit gehandicapt und konntest kaum mehr das Haus verlassen. Meine liebe Mutti hat sich rührend um dich gekümmert, Anita und ich leisteten dir so oft es ging Gesellschaft und hatten viel Spaß mit dir und deinen Anekdoten aus der Vergangenheit. Bis 2 Wochen vor deinem traurigen Tod warst du noch in der alten Wohnung in der Kasernstraße 23, Tür 3, beheimatet. Am 4. März, um 11.17 Uhr, bist du friedlich entschlafen im benachbarten Thorwesten-Heim.

 

Ich werde dich, deine liebenswerte Art und die vielen Gespräche mit dir so vermissen. Ich glaube, dass ich dir in den letzten Jahren immer ähnlicher geworden bin. So wie du es immer gewollt hast: Fleißig, ehrgeizig, korrekt, auf jeden Fall zurückhaltender als früher. Vielleicht habe ich auch dein Lebensprinzip "Mehr Sein als Scheinen" übernommen. Eines weiß ich aber gewiss:: Du wirst immer mein Vorbild bleiben und für mich unvergesslich bleiben". So wie es auf unserem Kranz für die Trauerfeier steht. Am 11. März, dem Tag deines Begräbnisses.