Westminster London: Where People have the Power !

Big Ben is watching you, sollte man meinen. Dürfte aber nur mehr auf die Touristenmassen zutreffen, die täglich mit Bussen, Booten oder zu Fuß das Westminster-Areal Londons betreten. Denn seit dem 23. Juni ist die Zukunft des Vereinigten Königreichs unsicher, als 51,9 % der Abstimmenden für den „Brexit“ votierten. Initiiert von Regierungschef David Cameron, scheinbar um wiedergewählt zu werden und die EU-feindliche UKIP zu schwächen. Ein hoher Preis. In der Downing Street 10, dem Regierungs- und Privatsitz des Premierministers, sitzt jetzt bereits dessen Nachfolgerin Therese May, die sich über ihr weiteres Vorgehen nicht so richtig in die Karten blicken lässt. Die Sicherheitsvorkehrungen dort wurden bereits seit 9/11 erheblich verschärft, die Tür kann außerdem nur von innen geöffnet werden und hat kein Schlüsselloch auf der Außenseite.

 

Die legislative Kraft Großbritanniens liegt – direkt an der Themse – im Palace of Westminster, einem neugotischen Gebäude, das nach einem Brand 1834 wieder neuaufgebaut werden musste. In den sogenannten Houses of Parliament residieren die Abgeordneten des britischen Ober- und Unterhauses. 

 

Das „House of Commons“ besteht aus 650 Mandataren, die nach dem Mehrheitswahlrecht aus ebensovielen Wahlkreisen bestimmt werden. Das bedeutet de facto, dass – trotz hoher Stimmenanteile der Liberal Democrats oder neuerdings der UKIP – der Großteil der Abgeordneten der Conservative Party oder der Labour Party zugehörig ist und aus diesen Reihen dann auch der Premierminister mit der Regierungsbildung betraut wird. 

 

Im „House of Lords“, das derzeit aus 786 Mitgliedern besteht, sitzen heute vor allem auf Lebenszeit ernannte Adelige (life peers), die die Aufgabe haben, die vom House of Commons erlassenen Gesetze zu überprüfen. Das (beschränkte) Vetorecht kann durch das Unterhaus mit dem Parliament Act entkräftet werden. Eine Auflösung bzw. Reduzierung der zweiten Kammer steht schon länger im Raum.

 

Der berühmteste Teil des Palace of Westminster ist übrigens der 96 Meter hohe Uhrturm („Clock Tower“) an der Ostseite des Gebäudes, der seit 2012 den Namen Elizabeth Tower trägt. Der Volksmund nennt ihn allerdings seit jeher „Big Ben“, obwohl damit eigentlich nur die mit 13,5 Tonnen schwerste der fünf Glocken gemeint ist. Woher dieser Name kommt, ist nicht klar belegt. Eine Theorie weist auf Sir Benjamin Hall, den First Commissioner of Works zum Zeitpunkt der Installation der Glocke, hin, eine andere auf den Spitznamen des Schwergewichtsboxers Ben Caunt, der im Entstehungsjahr der Glocke seinen letzten Kampf hatte. Eine Besichtigung von „Big Ben“ ist aufgrund Terrorgefahrs derzeit auf britische Einwohner beschränkt. 

 

Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreiches ist der britische Monarch, derzeit Elizabeth II., die trotz wichtiger Funktionen wie der Ernennung des Premierministers, dem Royal Assent zu verabschiedeten Gesetzen oder der Auflösung des Unterhauses de facto nur eine repräsentative Funktion ausübt. Die offizielle Residenz der Monarchin ist der Buckingham Palace, direkt gelegen neben dem St. James Park und dem Park Lake. Dieses Areal war einst eine sumpfige Wiese, dann ein Jagdgebiet mit Hirschen und ist heute eines der schönsten und erholsamsten grünen Lungen im Herzen Londons.

 

Gekrönt und beigesetzt werden die britischen Monarchen in der Westminster Abbey, die sich westlich des Palace of Westminster befindet. Die Stiftskirche ist aufgrund ihrer Funktion keiner Diözese zugehörig, sondern „royal peculiar“ der britischen Monarchie. Laut der Volkszählung sind 48,4 Prozent der Londoner Christen, 12,4 Prozent Muslime und 5 Prozent Hindus. Die Mehrheit der Christen gehört der Anglikanischen Kirche an, deren Hauptkirche, die St. Paul´s Cathedral, im Stadtbezirk „The City“ liegt. Diese ist häufig auch Schauplatz wichtiger staatlicher Zeremonien wie dem Staatsbegräbnis von Lord Nelson, dem goldenen Thronjubiläum Elisabeths II. ooder der Trauung von Prince Charles und Lady Diana. Die katholische Hauptkirche ist die Westminster Cathedral in der Frances Street, nicht zu verwechseln mit der Westminster Abbey. 

 

London gilt aber auch als Stadt des Islam in Großbritannien. Ca. 38 % der 2,7 Millionen britischen Muslime leben in London. Die größte Moschee der Stadt, die Bait ul-Futuh („Haus der Siege“), liegt im Südwesten Londons. Seit dem 7. Mai 2016 hat London den ersten Bürgermeister muslimischen Glaubens, Sadiq Khan von der Labour Party. Sein Hauptwahlkampfthema war vor allem die Wohnungsnot in London aufgrund der steigenden Immobilienpreise und der hohen Mieten. Der ehemalige Unterhaus-Abgeordnete Khan ist Menschenrechtsanwalt, EU-Befürworter und Verfechter der gleichgeschlechtlichen Ehe. Nicht unspannend in einer Zeit politischer und religiöser Konflikte.

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