Conchita Wurst – Der Sieg perfekt inszenierter Extravaganz, nicht der pinken Toleranz.

"Queen of Austria", "Wir sind Songcontest" oder "das Cordoba des Schlagers" – so liest man es in den sozialen Netzwerken und Medien. Wir haben es schon immer gewusst, und das obwohl noch vor wenigen Tagen laut einer Zeitungs-Umfrage 79 % nicht stolz auf "unsere Conchita" als Österreich-Vertreterin waren. Vor allem die Vertreter der Gay Community sehen den Erfolg "ihrer" Conchita als "ihren" Erfolg und als Zeichen gegen Diskrimierung und Homophobie. Dies ist – wenn es auch in den Medien so verkauft wird – allerdings komplett verfehlt.

 

Der erste Sieg eines Österreichers (und "keiner bärtigen Sängerin", wie es der ORF immer diskreditierend darstellt) seit Udo Jürgens´ "Merci Cherie" 1966 ist ganz alleine der Erfolg von Thomas Neuwirth und dem schon jahrzehntelang mit Erfolg praktizierten System einer "Kunstfigur". David Bowie war einst "Ziggy Stardust", dann poppiger Sakko-trägender Dandy. Freddie Mercury, der androgyne Queen-Sänger, hielt lange seine Homosexualität verborgen, während er schwulenfeindliche Rocker mit "We will rock you" begeisterte. Auch unser Falco war eine perfekt inszenierte Kunstfigur: Ohne DoRo´s Video mit Hansi Hölzel als "Pop-Amadeus"-Reinkarnation wäre der erste weiße Rapper –trotz genialster Songs - nie in den weltweiten Charts gelandet. Und natürlich 80er-Transvestit Boy George, jetzt als "normaler" DJ im Einsatz, der sich per Twitter als Conchita Wurst-Fan outete („@ConchitaWurst Ha! I love it“).

 

Auch beim Songcontest funktioniert das Erfolgsrezept "schrille Kunstfigur": Dana International als Transsexueller triumphierte vor 16 Jahren für Israel, die grauslichen "Lordi"-Masken hardrockten "Hallelujah" und gewannen 2006 für Finnland, und dieses Jahr verwandelte sich der talentierte Ex-Boybandpopper Thomas Neuwirth in eine kontroversielle bärtige Diva, die sich von Sarah-Connor-Fließbandproduzenten eine mehr als mittelmäßige Shirley Bassey-Nummer unter Zuhilfenahme ungarischer Philharmoniker auf die makellose Figur schneidern ließ. Dies hätte vor 2 Jahren mit einer ungleich besseren Nummer ("That´s what I am") schon funktionieren können, wäre Conchita Wurst, damals ähnlich angefeindet wie jetzt, nicht an den Trackshittaz in der Vorausscheidung gescheitert.

 

Dem ORF, der angeblich mangels Geldes 2014 keinen nationale Endausscheidung inszeniert hat, ist dieser Erfolg "passiert", es ist sowieso nicht seiner. Es ist alleine der Triumph von Thomas Neuwirth, der – wie ca. 10 – 15 % der Österreicher - in einer normalen homosexuellen Beziehung lebt. Nicht einmal sein Freund wusste monatelang von seinem Alter Ego als Conchita Wurst. Und hier liegt der Kardinalsdenkfehler der Gay & Lesbian Communities: Privat läuft der Thomas herum wie ein stinknormaler, gutaussehender Mittzwanziger und nicht wie eine exaltierte, extravagante Diva mit Perücke und aufgemaltem Bart.

 

Das Erfolgsrezept "Kunstfigur" wird weiterhin kopiert werden, mehr "Schein als Sein" wird die Äußerlichkeit in den Mittelpunkt stellen und nicht den Inhalt. Ohne Neuwirths phänomenale Metamorphose in Conchita Wurst wären die an die "Summerwine"-Sixties Idole Lee Hazelwood & Nancy Sinatra erinnernden Common Linnets aus Holland wohl die überlegenen Sieger des 59. Songcontests in Kopenhagen geworden.

 

Die Auswirkungen des Austro-Drag Queen-Siegs auf die homosexuelle Szene werden dagegen vergleichsweise gering sein. Der Österreicher ist stolz auf "seine Wurst", händchenhaltende Frauen oder küssende Männer hält er weiterhin für, gelinde gesagt, "andersartig". Im Gegenteil – man wird die pinke Community noch mehr ins schwülstige "Regenbogenlicht" zerren anstatt homosexuelle Beziehungen als normal Alltägliches zu betrachten. Eine Analogie zu der Stellung von David Alaba in bezug auf "gewöhnliche" Schwarzafrikaner.

 

Stellt sich noch die Frage, was mit Conchita Neuwirth passieren wird. "Rise like a Phoenix", mit 12 Punkten belohnt aus den wichtigsten europäischen Musik-Staaten England, Italien, Spanien, Schweden, Portugal,... (mit Ausnahme der 7 Punkte aus Deutschland), könnte ein Riesen-Hit werden, vermutlich auch adaptiert für die Dancefloor-Szene. Hört man sich die ersten Stellungnahmen vom Songcontestsieger an, dann braucht man sich – auch bei einem "One Hit Wonder" - um ihn keine Sorgen machen: Intelligent, eloquent, sympathisch, politisch nicht überschießend – das Zitat "gegen Putin" ist im Vergleich zu den skandalösen Ausbuhungen gegen Russland fast unangemessen zurückhaltend – und ironisch.

 

Bei der ersten Pressekonferenz in Wien meinte er auf Anfrage eines Journalisten nach dem österreichischen Austragungsort des ESC 2015, "er könne ja seine Garage ausräumen". ORF-Generaldirektor Wrabetz, ein Roter mit 44.000 Euro-Gage pro Monat, würde es freuen. Bleiben mehr Rundfunkgebühren für politische Zwecke...

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