Widerstand gegen Putins Macht-Regime: Anna Jermolaewa in der Kunsthalle Krems

Sie war auf den Spuren ihres 1930 deportierten Urgroßvaters und fand eine der inhaftierten „Pussy Riot“-Musikerinnen in einem Arbeitslager Sibiriens: Anna Jermolaewa, eine russische Künstlerin, die 1989 wegen ihrer Mitgliedschaft in der oppositionellen Demokratischen Union das Land verließ und als politischer Flüchtling ins Lager Traiskirchen kam.

 

In der Kunsthalle Krems präsentiert sie bis 17. Februar 2013 spannend-subtile Video-Dokus, Fotos und Installationen. Die neueste Film-Doku nennt sich „Gulag-Raum“ und zeigt eben jene Expedition per Auto Richtung Gefängnis von Marija Aljochina, der sie – ohne persönlichen Kontakt – dort Lebensmittel aushändigte und dabei per verdeckter Kamera filmte. „In den vergangenen Jahren hat man politisch Andersdenkende zumindest unter einem Vorwand verurteilt, ihnen Drogen untergeschoben,... Pussy Riot sitzen einfach wegen Putin, Man muss also sagen: Es gibt wieder Gulags (Straflager) in Russland.“ – so die Widerstandskünstlerin Jermolaewa.

 

Die Menschen in Russland lassen sich aber zusehends weniger gefallen und rebellieren gegen das System Putin. Zuletzt wurden Demonstrationen wegen Wahlmanipulation – Putin wurde unter fragwürdigen Umständen zum dritten Mal Staatspräsident – brutal polizeilich beendet und danach Internet- und Versammlungsgesetze verschärft. Russische Aktivisten organisierten eine Demonstration mit Plastikspielzeugfiguren (!!!), auch über diese verhängte die Regierung ein Verbot, da die in China hergestellten Objekte keine russischen Staatsbürger seien. Die Lego- und Stofffiguren mit scharfzüngigen Slogans wie „Wir sind eine Bürgergesellschaft, und wir werden unser Land nicht Gaunern, Diktatoren und Okkupanten überlassen“ oder „Wahlen gibt es, aber keine Wahl“ sieht man auch in der Kunsthalle im Rahmen der Installation „Methods of social resistance on russian Examples“.

 

Dazu Ratten im Überlebenskampf, Sexismus-Kritik (mit einem Spielzeugsportwagen, der über den nackten Körper einer Frau braust), Beziehungsrealität mittels sich zerfleischender Mickey Mouse-Figuren („Kiss“), hysterische Spielzeugaffen, aus der Bahn geworfene russische Stehaufmännchen, Drogenhunde bei Sicherheitskontrollen, Hauszerstörungen und Kameras als moderne Waffen der Manipulation der Politik und der Medien. Seit 20 Jahren lebt die in Petersburg geborene Jermolaewa übrigens in Wien, das auch Schauplatz zweier Videos ist. Einerseits der Naschmarkt, wo jeden Samstag um 18 Uhr Menschenmassen nach herrenlosen Flohmarktgegenständen im Kampf gegen die MA 48 jagen, und andererseits der Westbahnhof als Musterbeispiel für obdachlosenfeindliche Architektur.

 

Nicht weniger visuell-originell die zweite neue Ausstellung der Kremser Kunsthalle. Thomas Feuersteins „Candylab“ versetzt in die Besucher in eine kühle Science Fiction-Welt, so frei nach seinem Credo „Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter. In Wirklichkeit gibt es nur Atome und den leeren Raum.“ Der Innsbrucker Künstler wandelt dabei Atemluft in Alkohol um („Genius in the Bottle“) und erstellt aus Hegel-Büchern Denkmäler und Skulpturen („Pancreas“). Im Obergeschoß steht neben einer riesigen Faust aus Atommolekülen außerdem ein Flipper-Gerät. Hier gilt ähnlich wie im realen Leben: Die Kugel darf niemals das Spiel-Areal verlassen, sonst ist die „Sweeternity“ am Erlöschen.

 

In der österreichischen Politik kann man von „Sweeternity“ schon lange nicht mehr sprechen. Der Bundesregierung sei aber der Besuch des „Gulag“-Raumes in der Kunsthalle (inkl. visueller Besichtigung des sibirischen Arbeitslagers) zu empfehlen. Es ist nämlich Schande genug, dass das offizielle Österreich gegen die Inhaftierung der „Pussy Riots“ keine Schritte setzt und schweigend Putins Machtrepressionen gegen Andersdenkende duldet. Wehret den Anfängen...

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Kommentare: 1
  • #1

    Konrad (Dienstag, 04 Dezember 2012 12:05)

    Ich denke, dass wir alle wissen, dass in Russland einiges drunter und drüber läuft. Putin sollte sich schon mehr für die Meinungen seiner Bevölkerung interessieren und die Forderungen gegebenenfalls umsetzen. Ich persönlich finde die Ansichten von http://die-russische-frage.de richtig. Diesen Weg sollte Russland einschlagen, um das Leben in Russland zu verbessern.