Songcontest-Triumph für Schweden in Baku – Euphorischer Tanz in die Freiheit ?

8 Millionen Einwohner, Geburtsstätte von der nach den Beatles am meisten verkaufenden Band (Abba), Pop-Global-Player durch Interpreten wie Roxette, Ace of Base, Robyn, Dr. Alban oder Mando Diao und Produzenten wie Max Martin (Britney Spears), RedOne (Lady Gaga) oder den Electro-Heroes der Swedish House Mafia und seit Bestehen des Songcontests 1956 bereits 4 überzeugende Siege (Abba, Herreys, Carola, Charlotte Nilsson). Der fünfte erfolgte letzten Samstag in der von der österreichischen Voest Alpine erbauten bombastischen Crystal Hall in Baku in Gestalt der marokkannischen Migrantin Loreen, die mit dem club-tauglichen Dance-Burner „Euphoria“ ganz Europa begeistern konnte und für Schweden den 57. Europäischen Songcontest gewann.

 

18 mal Höchstpunkte-Wertung „12“, nur das ansonsten eigentlich sehr dance-orientierte Italien gab dem Summer-Break-Pop-Song keine Punkte. Vermutlich, um ihrer eigenen Interpretin Nina Zilli Start-Vorteile zu verschaffen, die allerdings trotz einer überzeugenden Amy Winehouse-Look-a-Like-Show nur den 9. Platz belegte. Loreen, die Siegerin, konnte allerdings nicht nur mit ihrer Performance punkten, sondern auch in Sachen Menschenrechte. Sie traf sich in Baku privat mit den regierungskritischen Aktivisten von „Sing Democracy“, und das bei einem (scheinbar) unpolitischen Event, in der sogar politische Texte verboten sind. Im ersten Sieger-Interview, aufgrund der Zeitverschiebung um 6 Uhr früh, behauptete sie freudenstrahlend, ihr (düsterer) „Tanz demonstriere Freiheit“.

 

Schön wär´s – denn Aserbaidschan galt in der Geschichte des Songcontests, die begleitet ist von zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen und bahnbrechenden Geschehnissen (Berliner Mauer, Diktatur Franco, Nordirland-Bürgerkrieg, Kalter Krieg, Ende des Kommunismus), als bisher wohl umstrittenster Austragungsort. An der Spitze des muslimischen Staates regiert ein autoritärer Familienclan, durchsetzt von Korruption, Freunderlwirtschaft und Nepotismus, Presse- und Meinungsfreiheit werden mit Füßen getreten, regierungskritische Beiträge auf Facebook können Aktivisten ins Gefängnis bringen bzw. ziehen einen Rausschmiss aus den Universitäten nach sich. Selbst am Tage des Songcontests wurden unter der gigantischen oberflächlichen Maske der Selbstbeweihräucherung und des Kommerzes 60 Demonstranten festgenommen. Die einzige etwas lächerlich anmutende politische Äußerung während der TV-Sendung: „Europe is watching you“ von der deutschen Jury-Sprecherin Anke Engelke, getroffen weit weg geschützt auf der Hamburger Reeperbahn.

 

Echter Widerstand gegen ein autoritäres Regime sieht anders aus, ist allerdings auch nicht unbedingt primärer Sinn eines völkerverständigenden Song-Wettbewerbes. Zynische Beobachter meinen, dass unabhängig vom Veranstaltungsort das Grauen sich bereits durch einen (Groß)-Teil der musikalischen Beiträge erhebt wie der Phönix aus der Asche. Sic est – man denke an die russischen Omas, gefangen in der Putinschen Marketingmaschinerie, die (gottseidank) nur Platz 2 belegten, die albanische Edvard Munch-„Schrei“-Reinkarnation Rona Nishliu (Platz 5) oder den ehemaligen Schlagerschnulzen-Star Engelbert, der für das Pop-Geburtsland England (!) startete und nur knapp den letzten Platz verfehlte. Stermann/Grissemann, die für den ORF im Zweikanalton moderierten, dazu live: „Die Toten werden sich an ihn noch erinnern können.“

 

Apropos ORF: Wer kann sich noch an den österreichischen Anal-Erotik-Beitrag „Woki mit dem Popo“ erinnern ? Zumindest die Schweden, deren (liberale) Morgen-Gazette „Sydsvenskan“ den Trackshittaz ungewöhnlich hart bescheinigte, „selbst der Maler aus Braunau hatte einen besseren Geschmack“. Letzter Platz im Halbfinale mit 8 Punkten – der Songcontest war keine Erfolgsgeschichte für den an sich sympathischen Lukas Plöchl, dessen musikalische Rap-Ergüsse aber (derzeit) leider grenzwertig sind.

 

Am europaweiten Sangeswettbewerb sollte Österreich aber auch 2013 wieder teilnehmen – wir haben international anerkannte Künstler wie Ex-Starmaniac Vera Böhnisch (derzeit mit dem deutschen House-God Tom Novy in den Charts), Swing-Experimentalist Parov Stelar oder die Electro-Popper Bunny Lake. Was noch fehlt, ist ein gutes Produzenten-Team und ein leidenschaftlicher Pop-Song. Und bringt dieses Zauberstück nur die urbane Musikmetropole Stockholm, doppelt so klein wie Wien, zusammen ? Oder bitten wir Schwedens Top-Produzent Avicii um Hilfe ? Ein zweites „Seek Bromance“ ist schnell geschrieben, während der DJ-Set-Übergänge beim Beatpatrol in St. Pölten.....

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Kommentare: 1
  • #1

    Juicers Reviews (Montag, 22 April 2013 09:26)

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