Songcontest 2011: Der Siegeszug des modernen Euro-Pop.

“I will be popular, I will be popular. I'm gonna get there, popular.” Der schwedische Euro-Popper Eric Saade, Dritter beim diesjährigen 56. Songcontest in Düsseldorf, bringt es in seinem Disco-Stomper “Popular” auf den Punkt und auf die Show-Bühne. Die europäische Popmusik bricht voller Leidenschaft und Ekstase aus dem Glaskäfig aus und erobert – mit Hilfe sympathisch-schriller Mainstream-Ikonen – die Herzen der Songcontest-Fans und verdrängt verstaubte, altmodische Schlager- und Chansonmelancholien in die längst herbeigesehnte Bedeutungslosigkeit. So wie den französischen Pseudo-Tenor Amaury Vassili mit seinen vangelistischen Sound-Sequenzen oder den finnischen Paradise Oskar, der in seiner Grund-Thematik an die Siegel-Nicole´sche „Ein bisschen Frieden“-Correctness erinnerte.

 

Vor 36.000 Zuschauern im umgebauten Fußball-Stadion von Fortuna Düsseldorf und vor ca. 120 Millionen TV-Zuschauern zelebrierte das Gastgeberland Deutschland – unter der Patronanz von Lena-Entdecker Stefan Raab und Anke Engelke – eine Party der Superlative. Die Bühne wurde kreiert vom Münchner Showdesigner Florian Wieder, mit much experience von den MTV-Awards, Deutschland sucht den Superstar und X-Factor (den Säulen internationaler Popkultur). Beeindruckend der 60x18m große LED-Screen, der nach den Auftritten den „Green Room“ der Kandidatenländer offenlegte. Dass Deutschland seinen Vorjahreserfolg nicht wiederholen konnte, störte nicht einmal das Veranstalterland und auch nicht die fast 20jährige Lena, die bei der Eröffnung inmitten von 42 Lena-Doubles und Entdecker Raab kurz ihren Siegerhit „Satellite“ begleitete und dann mit dem minimalistisch angehauchten „Taken by a Stranger“ immerhin Platz 10 erreichte.

 

Der Songcontest hat seine Schlaftablettenzeit überwunden, das zeigte sich auch an der Teilnahmerliste: Die Take-That-Epigonen Blue, einst überall Nr. 1 im Duett mit Elton John („Sorry seems to be the hardest word“), nützen die originär eigentlich als Komponistenwettbewerb angelegte Show als PR-Lokomotive und beeindrucken – mit Nacktfotos in Gay Magazines – nicht nur die treueste Fangruppe des Songcontests, die Schwulen. Lady Gaga-Producer Red One supportet den russischen Beitrag, die „X-Factor“-Trash-Stars Jedward aus Irland überfordern im positiven Sinne selbst hemmungslose Spaßbomben, und nach 14 Jahren Abstinenz beteiligt sich auch Italien wieder am Songcontest – in Gestalt des San Remo-Nachwuchssiegers Raphael Gualazzi, der mit einer an Conte & Celentano erinnernde Swing-Nummer („Follia d´amore“, dt. „Liebeswahn“) für prickelndes, elektrisierendes Dolce Vita sorgt und mit 189 Punkten den sensationellen 2. Platz belegte.

 

Geschlagen nur vom gemischten Duo „Ell & Nikki“ aus Aserbeidschan, die – produziert von schwedischen Hit-Schreibern - komplett in weiß gekleidet einen Timbaland-One Republic-ähnlichen Titel namens „Running Scared“ präsentieren und damit souverän mit 221 Punkten den Songcontest 2011 gewinnen. Aserbeidschan ist erst seit dem Jahr 2008 beim Songcontest vertreten und belegte während dieser 4 Jahre den 8., 3., 5. und 1. Platz. Österreich kann von derartigen Platzierungen nur träumen, mit biederem „Whitney Houston“-Retro-Sound der 80er und null Showeffects (nicht einmal mit einer Sandmalerei wie die viertgereihte Ukrainerin Mika Newton) wie die ist im neuen Pop-Jahrtausend wohl nichts zu gewinnen (mit peinlichem Plöchl-„Proleten leben länger“-Atzen-Sound genausowenig). Anmerkung am Rande: Die Fachhochschule Krems organisiert derzeit ein Tourismanagement-Bachelor-Programm in Baku, der Hauptstadt von Aserbeidschan und vermutlich nächstem Veranstaltungsort der Show. Vielleicht können uns die dort Tips für den nächsten Songcontest geben.

 

4.600 Kilometer (!) von Österreich entfernt, wird dieser am 26. Mai 2012 stattfinden. Die Künstler werden dort – aufgrund der 3stündigen Zeitdifferenz – erst um Mitternacht mit ihren Auftritten beginnen. Wer zu nachtschlafener Zeit dann das Rennen machen wird, ist schwer zu prognostizieren. Eines aber ist sicher – es wird wieder ein modernes internationales Festival europäischer Popkultur werden.....

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