Rien ne va plus in St. Pölten – Dostojewskis „Spieler“ als „Drama“-Version.

1866 verfiel der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski in Deutschland der Spielsucht und kam in ärgste Existenznöte. Sein Mittel dagegen: Er schrieb in nur 26 Tagen einen Roman über einen spielsüchtigen Hauslehrer namens Alexej, der im fiktiven Kurort Roulettenburg inmitten einer illustren, intriganten Gesellschaft sich in die Abgründe der menschlichen Spiel-Existenz begibt. Helmut Peschina nahm sich dieses höchst aktuellen Stoffes an und erstellte eine Drama-Version, die unter der Regie des bekannten Regisseurs Johannes Gleim am Landestheater Niederösterreich aufgeführt wurde.

 

Valentin Schreyer, der auch in Filmen wie „Der Bockerer 2“ oder „Die verrückte Welt der Ute Bock“ sein Talent aufblitzen ließ und bereits für die Romy nominiert wurde, agiert in der Rolle des Alexej, der aufgrund seiner Liebe zu Polina (gespielt von der aus Deutschland stammenden Katharina von Harsdorf, „Heidi“, „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“) in die unentrinnbare Phalanx des Roulettes gerät. Die „Rouge/Noir“-Schreckensmaschinerie befindet sich im Theater auf einer erhöhten zweiten Ebene, wo ein weiß geschminkter, mephistolesartiger Croupier (Jürgen Weisert) das Rattern der Kugeln akustisch imitiert und in einer Plastikkabine rings um ein goldenes Kalb die „Sein oder Nichtsein“-Resultate der Spielrunde verkündet. Der schnöde Mammon oder besser gesagt das Fehlen dessen zieht sich das ganze Theaterstück als zweiter dunkler Faden durch die Story.

 

Polina ist die Stieftochter eines russischen, schwer verschuldeten Generals, der auf das Ableben seiner russischen Erbtante (gespielt von der Burgschauspielerin Else Ludwig) wartet. Diese aber taucht plötzlich in Roulettenburg auf und verspielt mit Hilfe von Alexej einen großen Teil ihres Vermögens. Der General erleidet einen Nervenzusammenbruch und wird von der hysterischen, geld- und titelsüchtigen Mademoiselle Blanc (gespielt von der Mödlingerin Antje Hochholdinger, „Don Carlos“) verlassen. Polina wird nach dem Spielchaos von dem arroganten Franzosen Marquies de Grieux im Stich gelassen, ihre Liebe zu Alexej erfüllt sich allerdings auch nicht, da dieser nach einem sensationellen Gewinn in die Spielsucht ableitet, in Paris mit Mademoiselle Blanc das gesamte Geld verprasst und in die Armutsfalle tappt. Polina, die jetzt beim britischen Gentleman Mr. Astley in der Schweiz lebt, will Alexej noch einmal wiedersehen. Das geliehene Fahrgeld in die Schweiz landet allerdings in den teuflischen Händen des Roulettecroupiers – Alexejs Schicksal ist besiegelt.

 

Eines, das er mit ca. 100.000 Spielsüchtigen in Österreich teilt, die tagtäglich verzweifelt und unbekehrbar versuchen, das Geld zurückzugewinnen, das sie verloren haben. 84,2 % der Spielsüchtigen sind laut einer Umfrage den Spielautomaten verfallen. So gesehen ein Skandal, dass in der Donaumetropole Krems seitens der Politik keine Anstrengungen unternommen wurden, das kürzlich in der Dinstlstraße neueröffnete Casinos Austria-Unternehmen WINWIN (das 50 Spielmoloche beherbergt) mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern. Die Fiktionsgestalt des Alexej ist im 21. Jahrhundert realer denn je. Rien ne va plus – zuerst im Spiel, dann im Leben...

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