Der wahre Kreisky – Vernissage im Karikaturmuseum Krems mit hitziger Podiumsdiskussion.

Am 22. Jänner 2011 wäre der ehemalige Bundeskanzler Bruno Kreisky 100 Jahre alt geworden. Grund genug, dem oft als „Sonnenkönig“ bezeichneten sozialdemokratischen Politiker eine Ausstellung im Karikaturmuseum Krems zu widmen. Der Schöpfer der Werke natürlich Gustav Peichl, der im Ironimus-Kabinett über 50 seiner besten Kreisky-Karikaturen zwischen 1964 und 1983 präsentiert. Die Vernissage der Ausstellung wurde begleitet von einer spannenden Podiumsdiskussion, an der neben der Direktorin Jutta Pichler und Peichl der ehemalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher, Kreisky ehemaliger Pressesprecher Johannes Kunz und der ehemalige SPÖ-Zentralsekretär und Innenminister Karl „Charly“ Blecha teilnahmen.

 

Unter den zahlreichen Zuhörern Kreiskys Ex-Sekretär und Diplomat Wolfgang Petritsch, ORF-Journalisten wie Johannes Fischer oder Gerhard Vogl und natürlich viele sozialdemokratische Genossen, die mit harten Worten über den aktuellen Zustand der SPÖ konfrontiert wurden. So befände sich die SPÖ laut Gerd Bacher in einem derartig jämmerlichen Zustand, dass ihnen nur eine Jubelfeier über einen „prominenten Toten“ bliebe. Die aktuelle Regierung bezeichnete er als Sammelsurium von „B&C“-Leuten und „Würschtln“, bei denen man Angst haben würde, wenn sie nach Brüssel ausrücken. Bacher, ein langjähriger Gegenspieler Kreiskys und Verfechter eines parteiunabhängigen ORF, erzählte auch Anekdoten aus den 60ern mit Kreisky, als dieser seine Wahl zum Generalintendanten ablehnte, weil er zwei seiner Vertrauensleute aus dem Team schmiss und stattdessen sich für den ebenso roten Helmut Zilk entschied. Im Gegenzug würdigte er Kreisky aber als großen Kommunikator und Medienkanzler, der im Gegensatz zum eher biederen Kanzlervorgänger Klaus 24 Stunden lang öffentlich erreichbar war und freie Fragen der Presse zuließ.

 

SPÖ-Legende Blecha, trotz der Noricum- und Lucona-Skandale noch immer in hohen Partei-Funktionen, würdigte die Reformen Kreiskys Anfang der 70er, die Österreich nachhaltig veränderten: die Reform des Familien- und Strafrechts (unter Justizminister Broda), die Fristenlösung, die Gesetze zur Gleichberechtigung oder die Forcierung des Schul- und Universitätswesens. Der Diskussionsleiter Johannes Kunz charakterisierte Kreisky mit einem Wort „authentisch“. Zur Sprache kamen auch die Zerwürfnisse zwischen Kreisky und Ex-Finanzminister Hannes Androsch, ausgelöst durch seine „unvereinbare Zweittätigkeit“ in der Steuerberatungskanzlei. Kreisky wollte keine Korruptionsgefahr in seiner Regierung aufkommen lassen (Anm.: Eben das hätte man Schüssel rechtzeitig raten sollen, als er KHG Grasser in sein Team holte).

 

Die wahren Aufdecker sind die Karikaturisten, nicht die Aufdeckungsjournalisten und ihre dunklen Kanäle“ – so Peichl in einem kritischen Statement zur aktuellen Lage. Eine besseres Zeichnungsobjekt als Kreisky hätte es während seiner Karriere nicht gegeben. Ob er da nicht Jörg Haider vergisst ? Nicht vergessen darf man aber in Zeiten von bizarren „Heiligsprechungen“ Kreiskys auch nicht, dass der am längsten amtierende Bundeskanzler Österreichs auch Fehler gemacht hat. Sein Eintreten für ein Atomkraftwerk Zwentendorf (das nur durch eine Volksabstimmung verhindert wurde) hätte ihm in der Facebook-Zeit keiner verziehen, 1979 erreichte er dennoch (zum dritten und letzten Mal) die absolute Mehrheit.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0