Addicted to Ibiza 2010 - "The Beat goes on !"

Es Vedra, die sagenumwobene Felseninsel an der Südwestspitze Ibizas. Sirenen, halb Mensch, halb Vogel, haben laut einer Legende einst diese Insel bewohnt und Schiffe mit ihrem betörenden Gesang angelockt. So auch Odysseus nach dem Trojanischen Krieg. Um nicht unweigerlich an den Klippen zu zerschellen, befahl der König der Ithaker daher seiner Mannschaft, sich die Ohren mit Wachs zu verstopfen. Um selbst den bezaubernden Gesang zu hören, ließ er sich selbst an den Mast binden. Auch gegenwärtig werden Party People aller Welt vom hedonistisch-verführerischen Sound der „La Isla Blanca“ angelockt, dem sie hemmungslos verfallen: Sex, Drugs & House-Exzess pur – das ist Ibiza im 21. Jahrhundert.

 

Die drittgrößte Baleareninsel gehört geographisch zu Spanien, hat aber den Status einer autonomen Region und wird von einer eigenen Regierung verwaltet. 125.000 Einwohner wohnen dauerhaft auf der „Perle des Mittelmeeres“, davon 47.000 in der Hauptstadt Eivissa (Ibiza-Stadt) und 18.000 in der Briten-Ferienmetropole Sant Antoni. 1958 wurde der Flughafen eröffnet, seitdem grassiert der Tourismus als Haupteinnahmequelle. 95 % des Bruttoinlandsproduktes sind dem Tourismus zugeordnet, wobei Ibiza das höchste BIP aller spanischen Territorien aufweist. Trotz des Massentourismus blieb der Originalzustand der Insel weitestgehend erhalten, vor allem im Landesinneren, wo die Finca-Besitzer ein ruhiges, beschauliches Leben führen können. 1999 verlieh die UNESCO Ibiza den Status eines Weltkulturerbes, zu verdanken vor allem der wunderschönen Altstadt Dalt Vila, die derzeit behutsam renoviert wird. Ein geplanter Bau einer sechsspurigen Autobahn und eines opulenten Golfplatzes wurde nicht nur von einem Großteil der Einheimischen, sondern auch auch von Frankreichs Fußballstar Zinedine Zidane bekämpft und besiegelte den Sturz der konservativen Regierung. Eine links-grüne Koalition verwaltet derzeit die Baleareninsel.

 

Ibiza hat aufgrund seines gigantischen Hypes auf junge Leute (vorwiegend aus Spanien, Italien, Deutschland, Holland und England) das Image einer „Partyinsel“. Dass diese mediale Qualifikation nicht immer richtig (aber eigentlich auch nichts Negatives ist), zeigt nicht nur ein Trip in den tourismusarmen Norden mit seinen verlassenen, romantischen Stränden und Buchten, sondern auch ein historischer Streifzug in die Altstadt Ibizas. Als Held der Insel gilt der ibizenkische Korsar Antonio Riquer Arabi (1773-1846), der hunderte englische Schiffe – zehnmal so groß wie sein eigenes – in unmittelbarer Nähe zum Hafen untergehen ließ. Ihm wurde direkt vor dem Fährhafen in La Marina mit dem „Obelisc als corsaris“ ein Denkmal gesetzt (Anm.: Er scheint auch 2010 noch eine Funktion innezuhaben, nämlich den deutschen Ballermann-Halli-Galli-Schlagermist von der Insel fernzuhalten, was ihm eindrucksvoll gelingt).

 

Als Wach- und Wehrturm Eivissas diente die Kathedrale Santa Maria de les Neus auf der Placa de la Catedral. Die die Stadt umschließenden mächtigen Festungsmauern des italienischen Architekten Calvi, seit 1959 unter Denkmalschutz, hielten den Kanonen der angreifenden Piraten stand und waren selbst auch Stützpunkte für Kanonen. Die Stadtmauern bieten heute einen eindrucksvollen Blick auf das gesamte Umfeld der Dalt Vila, auf den neuen Hafen Marina Botofoch mit seinen luxuriösen Riesenyachten (wo vermutlich auch Paris Hilton öfter ihr Höschen blitzen lässt), Casino und Nobel-Hotels, auf den originären Hafen La Marina, das alte Viertel Sa Penya (das gleichzeitig Treffpunkt der Gay-Szene mit Kult-Disco Anfora ist) und auf die südlich Ibizas liegende Nachbarinsel Formentera mit ihren weiten Salzfeldern.

 

Ibiza am Tag dient nicht nur der lässigen Stranderholung und der eitlen Sonnenbräunung der vergnügungssüchtigen Party People, sondern bietet auch genügend Sportmöglichkeiten wie Kitesurfen, Wasserskifahren oder Beach-Tennis. Wer Lust dazu hat, kann sich massieren oder sich coole Tattoos und Piercings direkt am Strand anfertigen lassen. Getreu dem kongenialen Motto der Insel, „The Beat goes on“, erschallt bereits am frühen Nachmittag der coole, straighte House-Beat aus den Beach-Bars der Playa d´en Bossa. Rund um die populären Jet Bossa-Apartments animiert DJ Mettylectro aus Germany die bunt gemischte Celebration Generation mit Axwell-Anthems zum Cocktail-Trinken, (Betten)-Tanzen und Flirten unter der prallen, aber nie zu heißen Ibiza-Sonne. Auch die ersten Joints kreisen herum zwischen den Palmen. Welche Drogen sonst noch das sonnige Lächeln im Gesicht euphorisieren, wer weiß das schon oder will das schon wissen ? (Bescheid wissen da höchstens die schwarzafrikanischen Pacha-CD-Verkäufer in den unverdächtigen Einkaufsstraßen oder die Schmuckverkäufer der exzessiven Nightlife-Meilen.) Die ausgeflippt und sexy gekleideten Promoter der Clubs machen direkt Werbung am Strand und verteilen Flyer und (billigere) Tickets, während am Bora Bora Beach erst ab 16.30 Uhr (aufgrund der neuen gesetzlichen Restriktionen) die Party People zu House- und Minimal Techno tanzen. Direkt unter den abhebenden Flugzeugen, die vom naheliegenden Flughafen die Holiday-Trippers wieder in die Heimat bringen.

 

Wenn sich die Sonne langsam dem Horizont nähert, dann lohnt sich ein Trip ins 17 km entfernte Sant Antoni. Trommelwirbel, Feuerschlucker und der chillige Ambient-Sound des 1980 von Lluis Güell erbauten Cafe del Mar und des Cafe Mambo glorifizieren den Sonnenuntergang zum glamourösen Natur-Ereignis, dem an den schlichten Felsenbuchten tausende Urlauber und Einheimische beiwohnen. Ex-Kellner und DJ Jose Padilla kreierte einst 1991 das nicht geplante Marketing-Produkt „Cafe del Mar“, das trotz hemmungslosem Merchandising auch heute noch Bestand hat. Padilla selbst wollte davon nichts mehr wissen, verließ 1999 die Bar und betreibt derzeit einen eigenen Radiosender. Weniger verträumt geht es ansonsten in Sant Antonio rings um das überdimensionale Ei des Kolumbus (einem geborenen Ibizenco) zu: Horden von Teenager berauschen sich in den berüchtigten „Westend“-Meilen und in den Hafenbars mit billigem, hochprozentigem Alkohol und sonstigen, leicht erhältlichen Suchtmitteln, tanzen die Nächte durch in seichten Hard Dance-Diskotheken und schlafen nicht selten, completely wasted, auf den Straßen. Einzig allein das „Eden“ (mit Sunday-Resident-DJ Judge Jules) und das tempelartige „Es Paradis“, bekannt durch die exzessiven „Fiesta de la Aqua“-Nights mit Guru Josh und das „I turn to you“-Video von Melanie C, heben das Anspruchsniveau des britischen Ballermann-Pendants.

 

Ibiza-Kenner sehen das Ganze allerdings auch positiv als „Evolutionskette“ – die Jungen feierten ihre ersten trashigen Single-Holidays in Sant Antonio. Verdienen sie dann einige Jahre später Geld oder haben eine fixe Freundin, dann ordern sie ihre Drinks in Ibiza-Stadt, in der „sündigen“ Meile. Dort, wo ein 1 Pint nicht mehr 1,5 Euro, sondern über 10 Euro kostet. Dafür sitzt man dann gegen Mitternacht im trendigen „Zoo“, lässt sich von Disco-Schleppern (angeblich eine Londoner Idee) mit Ticket-/Drinkangeboten fast schon physisch belästigen und hat einen Look auf die schrill-schräge Gay- und Transvestitenszene, die danach in Sa Penya ihre Dark-Room-Ambitionen auslebt.

 

Ibiza war bis zum Ausbruch des Massentourismus eine Insel der Hippies, die in den 60ern noch an der Playa d´en Bossa bis zu den Festungsmauern ritten. Dann galt sie als „Insel der Reichen und Schönen“, die ihre ersten mondänen Feste in den 70ern in diversen umgebauten Finca-Clubs (wie dem Amnesia) feierten. Der Clubbing-Hype hatte seinen Ursprung im Jahre 1987: Die britischen DJ´s Danny Rampling, Nicky Holloway, Johnny Walker und – mostly famous – Paul Oakenfold bereisten die Baleareninsel und hörten im Amnesia die faszinierenden Balearic-House-Beats des dortigen Resident-DJ´s Alfredo. Der Sound wanderte dann nach England, wo gerade die Rave-, Acid- und Housekultur explodierte und sich die synthetische Ecstasy-Pille zur Modedroge der 24-Hour-Party-People kristallisierte Bald wurde Ibiza – mit Hilfe der britischen „Manumission“-Parties im Ku - zum Sommer-Epizentrum einer Generation, die sich ganz der „Have Fun tonight“-Philosophie verschrieben hat und deren Maxime das „Tanzen bis zum Umfallen“ darstellt. Die gigantischen In-Clubs von damals sind auch heute noch Anziehungspunkt für Dance-Maniacs aus aller Welt. Was sich seit einigen Jahren aber geändert hat, sind die gesetzlichen Vorschriften.

 

Ausgehend vom spanischen Festland wollte man auf Ibiza die „Get Wasted“-Drogenauswüchse der „Mehr als 3 Tage wach“-Clubber eindämmen und verbot ab sofort die legendären After-Hours. Clubs dürfen ab sofort in Ibiza (mit einer bestimmten Toleranzgrenze) nur mehr bis 6 Uhr früh geöffnet bleiben und erst ab 16.30 wieder aufsperren. Einer der Leidtragenden: das „Space“, das einst – als Open-Air-Club - bis weit nach Mittag die nimmermüden, ecstasyaufgeputschten Clubber mit harten, technoiden Sounds versorgte. Die seit 1989 bestehende Ibiza-Institution feierte dieser Tage ihren 21. Geburtstag, überdacht mit Sonnensegeln und einem Glasdach. Und getreu dem Motto „The Party must go on“ mit mehr als 3.000 schwitzend-tanzenden Leibern.

 

Per Disco-Bus (zum Preis von 3 Euro) geht es ab Richtung Sant Rafael, einer 7 km entfernten ehemaligen Töpfermetropole, in der in den letzten Jahren eine Art Gentrifizierung rund um die Mega-Clubs Amnesia und Privilege stattfand. In der Vergangenheit noch karges Innenland ohne Infrastruktur, entwickelte sich dort urbanes Leben rund um die Tanzepizentren. Das Amnesia stand in den 70ern im Besitz einer adeligen Künstlerwitwe und war Treffpunkt der Hippies mit wilden LSD-Parties. Nach dem Tod des Diktators Franco fielen die strengen Veranstaltungsgesetze, der neue Besitzer wandelte die ehemalige Finca in eine Disco um. Heute beinhält das Amnesia-Eventprogramm die populärsten und arriviertesten Parties der La Isla Blanca – die „Espuma“-Schaumparty mit meterhohen Schaumextraktionen aus riesigen Kanonen, die „La Troya“-Schwulenfete oder die Liverpooler Cream-Club Nights mit Star-DJ´s wie Paul van Dyk, Ferry Corsten oder Eric Prydz. Der Tuesday steht im Zeichen von (Progressive) Trance und House: Im Main Room Armin van Buuren, Sander van Doorn oder Newcomer wie Martin Schulz plus Abkühlung der überhitzten Party People durch die Trockeneismaschine, im glasüberdachten Terrace-Room House-Genie Roger Sanchez. Die größte Disco der Welt, das „Privilege“ (Ex-„Ku“, 1978), hat – bei einer Kapazität von 10.000 Besuchern – teils Schwierigkeiten, ihre Dancehalls zu füllen. Ausgenommen Montag – die Tiesto-Night ist immer ausverkauft.

 

Die Kult-Disco der Ibizencos allerdings ist das Pacha, direkt gelegen in Eivissa im modernen Hafenbereich Marina Botofoch, dessen Crew 2011 auch das derzeit stillgelegte, nahegelegene El Divino übernehmen wird. 1972 wurden dort die ersten „Flower Power“-Parties gefeiert, dann zelebrierten „the Beautiful & The Rich“ dort ihre exzessiven Feste, als ob es kein Morgen gäbe. 3.000 Besucher umfasst das aus 4 Tanzebenen bestehende Pacha, das allerdings auch einen extensiven VIP-Bereich für Stars wie das spanische Fußballnationalteam, Paris Hilton, Kylie Minogue, Naomi Campbell & Co. oder diverse Abkömmlinge der Haute Volee umfasst (was von Ibiza-Protagonisten schwer kritisiert wird). Denn an sich ist bei einem Eintrittspreis von 80 Euro und Bier-Getränkepreisen von 12 Euro eine Trennung zwischen VIP´s und normalem Clubbing-Volk kaum mehr vertretbar. Dem Pariser Star-DJ David Guetta (der angeblich 140.000 Euro pro Auftritt kassiert) kann´s egal sein – seine „Fuck me I´m Famous“-Parties im „Two Red Cherries“-Nightclub sind – ebenso wie die House-Nights der Swedish House Mafia („Masquerade Motel“) oder von „Witch Doctor“ Erick Morillo – zum Bersten voll. Für vulkanöse Club-Atmosphäre sorgen nicht nur die Electro-House-Mixes von Guetta, Chuckie, Afrojack & Co., sondern auch die kaum verhüllten lasziv im Riesen-Cocktail-Glas und an der Stange tanzenden Pacha-Go Go´s und „Mr. Roboto“ Kryoman, der mit futuristischen Laser- und Pyroeffekten die Massen zum Beben bringt.

 

Sunbathing, Pre-Parties, Drinks en masse und ekstatisches Tanzen in den überhitzten und überfüllten Mega-Clubs bis zur Morgendämmerung mit breitem „Smiley“-Grinser und Hands up in the Air – wie halten das die 24-Hour-Party People Ibizas überhaupt aus ? Gibt das T-Shirt mit der Aufschrift „Drugs saved my Life“ die Antwort ? Laut einer Studie des spanischen Gesundheitsministeriums kommen 68 % der Touristen nur wegen des ausschweifenden Nachtlebens auf die Insel. Jeder 5. Urlauber greift zu Ecstasy oder Kokain, um den Party-Marathon zumindest physisch zu überstehen. Rechtlich ist zwar das öffentliche Rauchen von Joints verboten, der Besitz von Drogen allerdings stellt keinen Straftatbestand dar. Die Grenzziehung zwischen Eigengebrauch und Dealen allerdings ist eine sehr enge, gefährliche – im Zweifelsfall also das Pillchen schnell einschmeißen (smile). Fakt ist: In den letzten 4 Jahren hat die Polizei über 100 Tonnen Rauschgift beschlagnahmt, die Dunkelziffer dürfte – genauso wie der Prozentsatz der Drogenkonsumenten - viel höher sein. Bei einem Preis von 5 Euro/Ecstasy (im Vergleich zu den 12 Euro-Bier- und 20 Euro-Cocktailpreisen in den Discos) kein Wunder.

 

Ibiza ist eben Ibiza – 24 Hours ready for alcohol, clubs and drugs. Ein gefährlicher Tanz auf dem Vulkan ? Keineswegs, die „La Isla Blanca“ steht unter dem Schutz des französischen Propheten Nostradamus. Dieser behauptete bereits im 16. Jahrhundert, „Ibiza will be Earth's final refuge after Armageddon“ – aufgrund der besonderen Windverhältnisse werde Ibiza nach dem Weltuntergang der einzige Ort sein, an dem weiterhin Leben existieren kann. Keep on smiling, Party People of Ibiza !!!! The Beat goes on !

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Kommentare: 2
  • #1

    Julian (Samstag, 21 Juli 2012 22:21)

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  • #2

    Amir (Montag, 24 September 2012 21:16)

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