Salzburger Festspiele 2010 - Jedermann goes Pop !

Steh nit auf grüne Buben an, du bist mein Buhl und lieber Mann“ – so bezirzt die Buhlschaft alias Birgit Minichmayr in roter Robe den zwischen Lebenslust und Todesahnungen oszillierenden Jedermann im gleichnamigen Salzburger Festspiel- Headliner-Drama von Hugo von Hofmannsthal. Worte sind zwar wie Schall und Rauch, diese haben aber ihren Ursprung nicht in der modernen Alltagssprache, sondern ihre weitesten Wurzeln im tiefsten Mittelalter diverser englischer „Everyman“-Plays und des deutschen Spruchdichters Hans Sachs.

 

Nichtsdestotrotz geht der Jedermann des Jahres 2010 Richtung Populärkultur, was aber vornehmlich an der progressiven Darstellerriege, der Regie Christian Stückls und des Marketings liegt, weniger an dem an sich antiquierten Inhalt des „Spiels vom Sterben des reichen Mannes“. Uraufgeführt wurde der „Jedermann“ 1911 im Berliner Zirkus Schumann, seit 1920 ist er Bestandteil der Salzburger Festspiele und geht somit dieses Jahr – mit Unterbrechungen durch die nationalsozialistische Besatzung – in sein 90. Jubiläum. Das Drama stammt aus der Tradition mittelalterlicher Mysterienspiele, als deren besondere Kennzeichen allegorische Figuren gelten: Gott, der Tod, der Teufel, der Mammon, die Werke und der Glaube (letztere meist in Frauengestalt) werden im „Jedermann“ als Personifikationen veranschaulicht. Im Mittelpunkt steht aber der Jedermann, in der aktuellen Inszenierung als erfolgreicher, skrupelloser Unternehmer charakterisiert, der in der Blüte seines Lebens plötzlich vom Tod heimgesucht wird und „Rechnung legen muss“ vor dem Jüngsten Gericht. Dabei muss er verzweifelt feststellen, dass nicht nur seine Freunde und Verwandten, sondern auch seine geliebte Buhlschaft ihm die letzte Gefolgschaft verweigert. Auch der Mammon behandelt ihn als seinen „Hampelmann recht brav“ und verwehrt ihm die Begleitung in das Totenreich. Nur die guten Werke und der Glaube – in der modernen Fassung als eine Person dargestellt – leisten ihm anstandslose Treue.

 

Seit Bestehen der Salzburger Festspiele werden vor allem die Rollen des Jedermann und der Buhlschaft mit renommierten Schauspielern besetzt. 2010 sind dies die beiden Shooting-Stars Nicholas Ofczarek und Birgit Minichmayr, die bereits viermal (u.a. im „Weibsteufel“ und Ödon von Horvaths „Geschichten aus dem Wienerwald“) gemeinsam gearbeitet haben. Der 39jährige Ofczarek ist vor allem aus dem Burgtheater bekannt und war im Falco-Film „Verdammt, wir leben noch“ als Plattenboss Markus Spiegel zu sehen. Als „Jedermann“ ist er nahezu das gesamte Stück auf der Bühne präsent und meistert seine Aufgabe souverän und exzessiv, indem er sich bei Auftreten des Todes sogar die Treppe rückwärts runterschlittern lässt. Reichlich überqualifiziert für die untergeordnete Rolle der hedonistisch-oberflächlichen Buhlschaft ist da schon Birgit Minichmayr, als deren Mentor Ex-Jedermann Klaus Maria Brandauer gilt und die bereits in vielen Kinofilmen („Alle Anderen“, „Der Knochenmann“, „Fallen“) und als Duettpartnerin von Campino brillierte. Aber that´s Part of the Game. Mit Asche übersät und dunkler, rauchiger Stimme begegnet uns der Tod alias Ben Becker, der zusätzlich mit seinem Privatleben – 2007 hat er sich fast eine Überdosis Heroin gespritzt – und seinen ambivalenten Interviews polarisiert. So bezeichnete er im Ö3-„Frühstück bei mir“, „bewaffnet“ mit dunklen Sonnenbrillen, Wein-Aphrodisiakum und einem Totenkopf-Ring – die Salzburger Festspiele als „Disneyworld zwischen Dekadenz und Größenwahn“ und Michael Schumacher wegen seiner 80 Autos und seiner Privat-Tankstelle in Zeiten verhungernder Kinder als einen „Typen mit einer Meise“. Er selbst taucht als Künstler und Kunstfigur zugleich auf After-Hour-Parties mit einer Kutsche auf und lässt damit sogar die fiktive Tischgesellschaft in der Jedermann-Inszenierung verblassen, die 80er-like als New Romantics und Wave-Gothics kostümiert wurden. Dazu passt auch gleich der Regisseur der TV-Live-Übertragung, Falco-Clip-Regisseur Hannes Rossacher, der den „rockenden Amadeus“ mit Hilfe eines genialen Videoclips zur Nr. 1 in England und Amerika gemacht hat.

 

Die Populärkultur hat (leider) dort ihre Grenzen, wo sie mit dem äußeren (und inneren) Schein des Stückes auch nur annähernd nicht mehr zusammenpasst. „Das Leben flieht wie Sand dahin, doch schwer umkehret sich der Sinn“ – so trifft es Jedermanns Mutter auf den Punkt. So „wirkt die tiefe Reu, die hat eine lohende Feuerskraft“ des Jedermann-Protagonisten Ofzcarek als solche nicht, sondern vielmehr als ein opportunistisches Last Exit-Management-Tool beim Tanz auf dem brodelnden Vulkan. Und das ist (leider) in Zeiten der Wirtschaftskrise populärer denn je.

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