Der letzte Tanz: Retro-Chaos in der Wachaumetropole nach der Kremser Gemeinderatswahl

Nicht einmal die kühnsten Wahlanalysten trauten sich, ein derartiges Ergebnis vorherzusagen. Die ÖVP schlittert mit ihrer Bürgermeisterin Inge Rinke in das schrecklichste Debakel der Nachkriegszeit – im freien Fall von 46,26 auf 36,18 % (minus 5 Mandate). Rinke erklärt schockiert und mit glasigen Augen noch vor Verkündung des offiziellen Endergebnisses ihren Rücktritt. Jubel unter jenen, die das Parkzonenchaos verteufelten oder die das Eventsterben auf Facebook beklagten. Doch was unser schönes Donaustädtchen jetzt politisch erwartet, das ist schlimmer als ein Pröll´scher Wutanfall im St. Pöltner Landhaus. Krems ist de facto unregierbar geworden.

 

Die SPÖ legt lächerliche 135 Stimmen zu und ist plötzlich - wie zuletzt in den 50ern- wieder die Nr. 1 in Krems (37,88 %, 16 Mandate). Der an sich sympathische Spitzenkandidat, Dr. Resch, freut sich, dass die Schmutzkübelkampagne der ÖVP gegen ihn nicht gewirkt hat, Wunder sind von ihm und seinem eher visionslosen Team allerdings keine zu erwarten. Es ist zu bezweifeln, dass in den nächsten Monaten ein Budget zustandekommt, da die ÖVP nach dem Wahlschock vermutlich jegliche Zusammenarbeit verweigern wird. Was man Resch hoch anrechnen muss – er schließt – im Gegensatz zum Ausschuss-Angsthasen Faymann – Gespräche mit dem Korruptionsjäger Dr. Walter Rosenkranz nicht aus.

 

Die FPÖ hat allerdings nicht so zugelegt, dass sie bei der Koalitionsbildung Zünglein an der Waage sein kann. Die Blauen, angetreten mit verjüngtem Team, Facebook-Auftritt und HC Strache als Wahlkampf-Höhepunkt im Nightlife-Treiben der Stadt, legt „nur“ 2,13 % zu und hält nun bei 7,98 % (= 3 Mandate), was den Einzug in den aus 10 Personen bestehenden Stadtsenat bedeutet. Rosenkranz im Originalton: „Alles andere als ein Pakt SPÖ-ÖVP sei unrealistisch, so Rosenkranz. „Ein Flickwerk wäre das. 16 und 3 ist ein bisserl wenig.“ De facto also 2 Alternativen: Unregierbarkeit oder eine unerträgliche Rot-Schwarz-Koalition so wie auf Bundesebene, die schuld daran ist, dass immer mehr Personen den Wahlen fernbleiben – die Wahlbeteiligung ist von 66 auf 62,63 % gesunken – oder dubiose Retro-Gruppierungen unterstützen.

 

In Prag würde man sagen: „Der Prager Frühling ist ausgeträumt“ – ganze 969 Personen wählten in Krems die Kommunisten und Linkssozialisten, ein Urgestein der Polit-Szene, Franz Kral kehrt in den Gemeinderat zurück. Hat einen ähnlichen Innovationscharakter wie Karl Blecha als Parteiprogramm-Manager der SPÖ. Umso „moderner“ und clownesker die Grünen: Hautenge Morphsuits als Dienstkleidung für die Gemeinderatssitzungen. Wer darunter steckt, wen kümmerts. Die Linksabdrifter eint ein Satz: „Das Einzige, das ich ausschließen kann, ist eine Zusammenarbeit mit der FPÖ“ – diese Angst brauchen beide nicht zu haben. Überraschend der Einzug der UBK mit Spitzenkandidat Adi Krumbholz in den Gemeinderat mit 2 Mandaten, das Lokal mitten in der Landstraße hat anscheinend gefruchtet. Kein Mandat, aber immerhin 182 Stimmen, erreichte „Rechtsstaat-Retter“ Franz Stieger.

 

Noch stehen aufgrund des ÖVP-Vorzugsstimmenmodells (das die junge Generation als Stimmenfänger ausnützt, aber die Oldboy-Clans rund um Graf, Boyer & Co. aufgrund deren Kontakte bevorzugt) nicht alle Gemeinderatskandidaten fest. Was man aber fast ausschließen kann, dass es im Gemeinderat zu einer kompetenten Verjüngung des Gremiums kommt. Vielmehr tummeln sich dort Parteifunktionäre, Pensionisten, Polit-Urgesteine oder langweilige Jungkandidaten ein, die nicht einmal auf Facebook ihre Pläne, Visionen und Ideen veröffentlichen. Vermutlich, weil sie keine haben. Ein repräsentativer Querschnitt einer jungen, pulsierenden Metropole wie Krems ist das nicht. Aber die nächste Wahl in Krems kommt bestimmt, vielleicht schneller, als man denkt.

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