"Back to the Sixties" - "Beatles, Pille, Revolte" @ Schallaburg Melk

Frauen sollen vor allem ordentlich kochen können, gute Mütter sein und tüchtig im Haushalt – das Zitat eines primitiven Machos aus der Wiener Donaustadt oder eines anarchisch denkenden türkischen Migrantenkindes dritter Generation ? Nein, das ganz normale, patriarchalische Frauenbild Anfang der 60er in unseren Breitengraden. Kurz, bevor die Emanzipationswelle und die sexuelle Revolution – mit Hilfe der Einführung der Pille – auch Österreich erfassten. Und nur eines von vielen Themen, die im Rahmen der Ausstellung „Die 60er – Beatles, Pille und Revolte“ auf der Melker Schallaburg erläutert werden. In 23 Räumen werden über 1.000 Exponate, die sich zu 80 % im Privatbesitz befinden, präsentiert. Der bunte, plakative Stil-Mix, der sich selbst keine qualitativen und regionalen Grenzen setzt, beinhält – klarerweise skizziert und zumeist ohne tieferen Hintergrund – die wichtigsten Ereignisse der turbulenten Jahre 1960-1969 und durchstreift – von Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Sport, Musik und Film – so gut wie alle Sparten relevanter Chroniken.

 

Gleich in den ersten Räumen blickt man auf das vertraute Gesicht John F. Kennedys, der vor seiner Ermordung in Dallas auch Österreich einen Besuch abstattete, in Begleitung seiner Gattin Jackie Kennedy, die mit ihrem Pillbox-Hut als Stil-Ikone der 60er galt. Ob der beliebte Präsident trotzdem eine leidenschaftliche Affäre mit Sexbombe Marilyn Monroe hatte, wer weiß das schon ? Das Pop-Art-Porträt Warhols und eine nicht ganz geglückte Figur-Darstellung Marilyns – in weißem, wehendem Kleid über einem U-Bahn-Schacht – warten auf jeden Fall auf die in Erinnerung schwelgenden „Oldies“ und auf jüngere Fans der Roaring Sixties. Dass damals beizeiten nicht alles Love, Peace & Happiness war, erblickt man bereits in den ersten 15 Minuten: Vietnamkrieg, Studentenausschreitungen in Berlin und Paris, der fälschlich oft glorifizierte Widerstandskampf Che Guevaras oder die brutale Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch Warschauer-Pakt-Truppen sind nur einige Exempel negativer Schlagzeilen der damaligen Zeit.

 

Die Vielzahl österreichischer Schilling-Banknoten kennzeichnet das nationale Wirtschaftswachstum der damaligen Zeit, das auch bereits seine negativen Seiten zeigte. Der Greißler mit seiner soziologischen Funktion innerhalb der Gemeindebauten, seinem eingeschränkten Sortiment und Ferry Ebert-PEZ- und Manner-Automaten verlor zunehmend an Bedeutung zugunsten großer, seelenloser Supermärkte, die mit billigen Slogans a la „Willst du behalten deinen Führerschein, soll dein Trunk Frucade sein“ für hohe Kundenströme sorgten. Man fuhr in den Urlaub mit dem eigenen fahrbaren Untersatz nach Jesolo oder per Flugzeug nach Mallorca. Der Wohnbau boomte, nicht immer mit dem Segen umweltbewusster Künstler (Arik Brauer – „Sie ham a Haus baut“), Prestigebauten wie der Donauturm (1963), die Europabrücke (1962) oder der aktuell mit finanziellen Expansions-Turbulenzen kämpfende Flughafen Schwechat haben heute noch Bestand. Hans Hollein, in den 80ern Erbauer des Haas-Hauses, gilt als Meister postmoderner Architektur. Im Möbel-Design war dies der Däne Verner Panton, der hinterbeinlose Pop-Art-Möbel herstellte.

 

4 Splitter Mondgestein (von der 2. Mondlandung), eine Leihgabe des Technischen Museums Wien. Die Krone titelte damals „Man fliegt zum Mond und redet schon vom Mars“. Die Amerikaner entschieden im Juli 1969 den Wettbewerb um den ersten Mondspaziergang für sich (nachdem die Russen mit Juri Gagarin 1961 als ersten Mann im All die Nase vorn hatten) – alles andere bloß pure Science Fiction. Seit Dezember 1972 blieb der Mond menschenleer. Österreich entschied sich im Rahmen einer Volksabstimmung 1978 gegen das AKW Zwentendorf, ein Brennstab aus dem Atominstitut der TU Wien beweist, dass in Österreich bereits zuvor Kernreaktoren in Seibersdorf betrieben wurden, allerdings nur zu Forschungszwecken. Für eine wissenschaftliche Sensation sorgte 1969 Christiaan Barnard, der in Kapstadt die erste Herztransplantation durchführte. 18 Tage nach dem Eingriff starb der Patient an einer Lungenentzündung, Barnard selbst wurde 2001 2 Tage vor seinem Tod österreichischer Staatsbürger.

 

Carl Djerassi, in Österreich geboren und aufgrund seiner jüdischen Abstammung nach Amerika emigriert, gilt als Erfinder der Anti-Baby-Pille, die 1961 in den Handel kam und binnen kürzester Zeit von Millionen von Frauen als Verhütungsmittel angewandt wurde. Das Zeitalter der sexuellen Revolution (und Promiskuität ?) konnte beginnen, als Aphrodisiakum fungierten Sexbomben a la Monroe, „Barbarella“ Jane Fonda oder Brigitte Bardot bzw. billig produzierte Sex-Trash-Streifen vom Busenfetischisten Russ Meyer. Stilvoller die Mode der Sixties, vor allem in London, wo Mary Quant 1965 den Minirock kreierte und die spindeldürre Twiggy als Fashion-Ikone galt.

 

Österreich punktete in den 60ern als Sportnation – alleine bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck 1964 regnete es 4 Gold-, 5 Silber- und 3 Bronzemedaillen. Die spätere Innenministerin Liese Prokop wurde Olympia-Zweite im Fünfkampf, Hans Orsolics Boxeuropameister, sein „Potschertes Leben“ (als Single-Cover ausgestellt) kam erst später. Drei Rapid-Legenden setzten sich auch in anderen Berufszweigen durch, Happel und Merkel als Trainer, Gerhard Hanappi (1961 mit den „Grün-Weißen“ im Europacup-Semifinale) als Architekt der späteren Rapid-Heimstätte. Der Pop-Star im Sportmilieu der 60er war allerdings die Formel 1-Legende Jochen Rindt, eigentlich Deutscher mit österreichischer Rennlizenz, der nicht nur halsbrecherische Rennen fuhr, sondern auch medial (mit der „Jochen Rindt Show“) und celebrity-mäßig mit seiner wunderschönen Frau Nina glänzte. 1970 verunglückte er beim Training in Monza wegen eines Bruches der Bremswelle und wurde posthum Weltmeister. Den Pokal nahm die trauernde Witwe entgegen.

 

Kunst ist sehr schnell, weil jede Kunstform, kaum bekannt gemacht, in einer Woche wieder altmodisch ist“ – a real Andy Warhol, jener New Yorker Avantgarde-Künstler, der Alltagsgegenstände wie Coca Cola-Dosen in seine Werke rezipierte und damit progressive Antithesen gegen „traditionelle“ Maler wie Chagall oder Picasso setzte. Zu sehen in der 60er-Ausstellung ist auch Warhols Underground-Film „Kiss“, bei dem 50 Minuten lang küssende Paare gezeigt werden. Nevermind, ob hetero, schwul oder lesbisch. Ästhetisch radikaler der Wiener Aktionismus rund um Nitsch, Mühl, Brus & Co., denen ein eigener Raum der Ausstellung gewidmet ist. „Ins Gefängnis mit dem obszönen Gesindel“ titelte die damalige Wiener Montagszeitung, ohne die öffentlichen Sex- und Fäkalienspiele auf der Uni Wien dezidiert zu beschreiben. Ob Destruktionen weiblicher, gasmaskenverhüllter Körper (im Wiener Nachtlokal Chattanooga), Einmauerungs-„Anti-Vietnam“-Happenings, Männer an der Hundeleine oder gegenseitige Beschmierung mit Lebensmitteln, Farben, Schlamm und Körperflüssigkeiten tatsächlich etwas mit Kunst zu tun haben, muss wohl jeder für sich selbst beantworten.

 

Szenenwechsel. An einer Juke-Box konnte man sich wie einst in den schummrigen Bars und Cafes Rock´n Roll- und Schlagerschmachtfetzen per Schallplatten abspielen lassen. Schuld war nur der Bossa Nova, Roy Blacks „Du bist nicht allein“, Peter Alexander, Rex Gildo, Freddy Quinns Seemann-Hymnen – „Will die Jugend nur Schlager ? die einschlägigen Fragen in diversen Zeitungskolumnen. Und tatsächlich: So wie auch in der Film-Industrie (mit Winnetou-, Heimat-, Lümmel- und Paukerfilmen) beherrschten Anfang der 60er noch die deutschsprachigen Produktionen den Lebensstil der jungen Generation. Udo Jürgens gewann mit „Merci Cherie“ 1966 bei seinem 3. Antritt für Österreich den Songcontest, der damals noch eine international renommierte Show war und auch Künstler wie die bezaubernde Gigliola Chinquetti (No Ho L'Eta, 1964) oder die barfußtanzende Sandy Shaw (Puppet on a String, 1967) bekanntmachte.

 

Wer moderne Transistor-Taschenradios besaß, entging bald dem elterlichen Schlagermonopol und hörte ab Oktober 1967 Ö3, wo – im Gegensatz zum heutigen langweiligen Formatradio – jede Musikrichtung seinen Platz hatte. Die Jugend wollte natürlich internationale Popmusik hören. Am enthusiastischen die Beatles, die 1965 ein einziges Mal nach Österreich kamen, für Dreharbeiten zu ihrem „Help“-Streifen nach Obertauern, wo sie auch ein Spontankonzert im Hotel Marietta gaben. Poster, Plastikfiguren, Buttons, Pilzkopf-Perücken, Beatles-Nylonstrümpfe – das Zeitalter des Merchandising hatte begonnen. Die Goldene Pop-Rock-Ära der Sixties sowieso – die Rolling Stones („die bessere Live-, aber schlechtere Studioband“), Bee Gees, Frank Zappa, Doors, Kinks,.... sogar ein gewisser Erwin Pröll versuchte sich in Studentenzeiten als Gitarrist, manch Besucher der Ausstellung auch als „Ruby Tuesday“-Jagger-Epigonen.

 

Für Woodstock hätte dies vermutlich aber nicht gereicht. Bei diesem legendären Hippie-Event im August 1969 spielten 32 Bands und Solisten (darunter Janis Joplin, Joe Cocker, Santana oder Jimi Hendrix) vor 400.000 Besuchern ein im wahrten Sinne des Wortes (LSD)-berauschtes Konzert. Jim Morrison fehlte, allerdings nur weil er Freiluftkonzerte ablehnte. Der scheinbar endlose „Summer of Love“ endete ein paar Monate später, als bei einem Konzert der Rolling Stones ein 18jähriger, der unter Drogeneinfluss mit einer Schusswaffe auf die Band zielte, von einem „Hells Angels“-Ordner in Nothilfe erstochen wurde. Zu Ende ist auch die Ausstellung „Beatles, Pille und Revolte“ – man blickt noch voller Wehmut auf einen bunten VW-Bus außerhalb der Ausstellungsräume und sehnt sich nach Free Love, Drugs, zügellosen Outdoor-Parties und Happiness. Manfred Rommel sieht es gelassener „Nostalgie ist die Fähigkeit, darüber zu trauern, dass es nicht mehr so ist, wie es früher nicht gewesen ist“. Und irgendwie hat er nicht Unrecht.

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Kommentare: 2
  • #1

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