"DANCE OR DIE" - "AND THE BEAT GOES ON" - Beat Patrol & Love Parade 2010

Hot Spot St. Pölten – Insgesamt 27.000 Besucher feiern frenetisch beim 2. Beat Patrol eine Electronic Party deluxe. Abgerechnet wird in (Beat Patrol)-Schillingen (die 1,3 Euro wert sind), abgetanzt in fetten Beats Per Minutes.

 

Am Open Air Stage regnet es teils in Strömen, Dutchman Tiesto, die australischen Newcomer TV Rock (bekannt durch den Axwell-Remix vom fulminanten „In the Air“) und Trance-Urgestein Paul Oakenfold locken trotzdem die Massen unter das dunkle Himmelsfirmament. (Electro)-House im überdachten VAZ lieferte der Stargate Stage: Im Line-Up die Austro-Headliner Olivarez, Snow und Anderson/Cappella (die auch die Fete Blanche am Wörthersee mit Ibiza-Djane Sarah Main beschallten), Italo-Producer Alex Gaudino (der auch seinen neuen Hit „I´m in Love“ präsentierte) und Hollands neuer Shooting-Star Afrojack, der mit David Guetta dieser Tage seinen Hit „Louder than Words“ veröffentlicht und auch bei der Pacha-Fuck me I´m Famous-Tour in Ibiza mit von der Partie ist. Die Girls-Herzen frohlockten aber vor allem bei Madonna-Lover Jesus Luz, den man wohl lieber im Schlafgemach als hinter den Turntables sehen wollte. Und das lag sicher nicht an dessen „What is Love – Lady don´t hurt me“-Soundselection. Härterer Electro-Punk-Sound in der DIM MAK-Halle mit Crookers, Bloody Beetroots und Steve Aoki, dazu noch Psytrance in der Samsara-Hall und Drum´n“-Bass. Für alle Geschmäcker etwas dabei, und das unter dem kongenialen Motto „The Beat goes on“.

 

Auch in Duisburg bei der diesjährigen Love Parade wurde getanzt, geflirtet, geknutscht. Über 100.000 Party People feierten ekstatisch David Guetta, Fedde le Grand, Westbam und Mark Knight. Und das um 23 Uhr, als eine Massenpanik 6 Stunden (!) zuvor 19 Menschen zwischen 20 und 40 das Leben kostete und 342 Menschen teils schwer verletzte. Tanz auf dem Vulkan oder „The Beat goes on“ – wer weiß das schon ? Und es ändert auch nichts dran.

 

Die 21. Love Parade war gleichzeitig auch die letzte. Begonnen hat alles 1989 mit einer von Dr. Motte initiierten Demonstration in Berlin unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ kurz vor dem Mauerfall, 1999 waren mehr als 1,5 Millionen Raver auf der Piste. Seit 2001 gilt die Love Parade nicht mehr als Versammlung, sondern als kommerzielle Veranstaltung, mit dessen Charakter sich 2006 auch Dr. Motte nicht mehr identifizieren konnte. 2009 wurde die mittlerweile ins Ruhrgebiet abgewanderte Veranstaltung in Bochum abgesagt – wegen grober Sicherheitsrisken. Die sah man in Duisburg, einer wegen eklatanter Budgetdefizite unter Haushaltsaufsicht stehender hoch verschuldeten Stadt, nicht.

 

Als Love Parade-Gelände wurde ein altes Güterbahnhof-Areal gewählt, laut Planungsdezernat für 250.000 Menschen genehmigt. Die eintrittsfreie Love Parade hat gewöhnlich zumindest 1 Million Besucher. Als „Eintrittsschleuse“ gelten zwei schaurige Tunnels, 16 m breit, die in einen einzigen (!) Zu- und Abgang auf eine Rampe Richtung Gelände münden. Eine Horror-Todesfalle, vor der bereits im Internet Wochen zuvor gewarnt wurde. Laut ersten Ergebnissen kam es in diesem Bereich um ca. 17 Uhr außerhalb der Tunnels aufgrund einer Überfüllung zu einer Massenpanik, als Besucher über eine Leiter und über eine Treppe dem Klaustrophobie-Trip entkommen wollten und in die Menschenmenge fielen. Ein Panikforscher spricht in diesem Zusammenhang von unbewussten Kontrollverlusten der Masse aufgrund fehlender Ellbogenfreiheit, Menschen werden zerquetscht, niedergetrampelt, verlieren das Bewusstsein.

 

Auf die Frage, wie man 1 Million Personen durch einen (!) Zugang auf eine Veranstaltung, die höchstens 500.000 Personen aufnehmen könne, lotsen könne, erhält man bei der skandalösen Sonntags-Pressekonferenz vom Pressesprecher der Love Parade die lapidare Antwort: „Das ist eine Detailfrage. Über die könne man keine Antwort geben, die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit.“ Das tut sie in der Tat – und das zwar wegen fahrlässiger Tötung (und fahrlässiger Körperverletzung). Am Pranger stehen der Veranstalter und die Stadtverantwortlichen, die anscheinend wegen zu hoher Kosten ein billigeres Sicherheitskonzept durchgepeitscht haben und von den Risiken der Veranstaltung informiert waren.

 

Auch wenn es die Menschenleben nicht zurückholen wird, diese Personen gehören aus dem Verkehr gezogen. Die Love Parade selbst ist tot, aber es wird sicher weitere Massenveranstaltungen dieser Art geben. Mit hoffentlich besserer Planung und höheren Sicherheitsvorkehrungen. Denn „The Beat goes on“, auch wenn er kurzfristig brutal gestoppt wurde.

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