"Tour of the Universe" - Depeche Mode live in der Wiener Stadthalle!

Gegründet 1980 in der Nähe von London, benannt nach einem französischen Modemagazin, 12 Studio-Alben, mehr als 100 Millionen verkaufte Platten, dazwischen ein Leben auf der Überholspur zwischen Genie und Wahnsinn, auf dem schmalen Grat zwischen Exzess und Todessehnsucht. Depeche Mode, die Synthi-Götter der 80er und Groß-Meister des schwermütigen Electro-Pop, beehrten im Rahmen ihrer weltweiten "Tour of the Universe 2009" nun auch die Wiener Stadthalle. Und das auf weiten Strecken beeindruckend, begeisternd und lasziv-betörend mit einem Schuss Subtilität.

 

Sänger David Gahan, 1996 nach einer Heroinüberdosis für 2 Minuten klinisch tot und 2009 aufgrund eines Blasentumors kurzfristig außer Gefecht, zeigte sich bei seinem Wien-Auftritt in Bestform. Sein Markenzeichen, das Herumwirbeln des Mikro-Ständers um seine eigene Achse, lässt auch die 13.900 anwesenden Depechies rotieren. Da nimmt man ihm die modischen Fauxpas (Gilet über antiquierten Tätowierungen) nicht krumm. Im Glitzeroutfit Main-Songwriter und Keyboarder Martin Gore, der sich das Trinken abgewöhnt hat. Leider aber das Singen angewöhnt - dessen Vocal-Darbietungen zählten zu den wenigen Schwachpunkten der 110 Minuten langen Show. Stoisch im Hintergrund Andy Fletcher, einer der Gründungsmitglieder der Band. Seit 1997 dabei Österreichs Beitrag zur Band, der exzellente Schlagzeuger Christian Eigner.

 

Seltsam langsam beginnt die Depeche Mode-Show - "In Chains" aus dem neuen Album scheint nicht nur die Botschaft des Openers, sondern auch Hemmungsschuh der Elektro-Protagonisten zu sein. Schallbombastisch Depeche Mode neuester Mega-Hit "Wrong", tribal-minimalistisch "Hole to feed". Sound aus dem neuen Millennium, der die nostalgisch-verklärte Audience noch nicht aus der Reserve lockt. Das besorgt als erster Konzert-Kracher "A Question of Time". Ein All-Time-Klassiker aus ihrem 80er-Kult-Album "Black Celebration". Und ein Wendepunkt in ihrer Karriere. Seit dem dazu abgedrehten Video-Clip 1986 ist der niederländische Filmregisseur und Fotograf Anton Corbijn (auch Regisseur der faszinierenden Joy Division-Ian Curtis-Hommage "Control") als Art Director mit von der Partie. Er ist auch verantwortlich für das sensationelle Bühnenbild und die brillante Light-Show der aktuellen Konzerttournee: Hypermoderne "Morphing"-Techniques (bei denen ein Bild in ein anderes durch Einsatz von zusätzlich gezielten Verzerrungen übergeführt wird), eine überdimensionale Glitzerkugel mit Face-Projektionen, ein riesiger LED-Screen mit Shadow-Effects, gruseligen Raben, Luftballonen und den Depeche Mode-Members als futuristischen Astronauten. Eine antike Schreibmaschine tippte - zum Song "It´s no good" - in riesigen Lettern Daniel Ladinskys Meisterpoem "I have learned" auf den Video-Screen: "I have learned so much from God. That I can no longer call myself a Christian, a Hindu, a Muslim, A Buddhist, a Jew. The Truth has shared so much of itself with me. That I can no longer call myself a man, a woman, an angel or even pure soul." 

 

Eine Botschaft zum Nachdenken, die im nostalgischen Retro-Pleonasmus der 2. Konzerthälfte (nicht unüberraschend) untergeht: "I feel you", "In your Room", "Behind the Wheel", das auch von Rammstein gecoverte "Stripped" fesseln alle Altersschichten zwischen 16 und 50. Tränen in den Augen der Eighties-Generation aufgrund der Trauer über die längst vergangene Jugend bei "Never let me down again", einst Ende der 80er Morning-Hymne der gestrandeten Nachtschwärmer im Ex-"Tube" (dessen neuer Pächter Mario Fürst gemeinsam mit der Kremser DJ-Ikone Lorenz van Dürnstein dem Live-Spektakel beiwohnte). "Words are very unnecessary" - Gahan durfte schweigen, die Fans sorgten für den Gesang. Absolutes Gänsehaut-Feeling beim größten Hit der Band, "Enjoy the Silence", aus dem 90er-Meisterwerk "Violator". Dieses gilt bei Hardcore-Fans als letztes echtes Depeche Mode-Album. Die Vergangenheit kann man aber nicht zurückdrehen, auch ein "Personal Jesus" nicht. Nach dem Final-Song des sensationellen (Retro)-Konzerts von Depeche Mode (das leider ohne die Frühperlen "People are People", "Just can´t enough", "Master and Servant" und "Strange Love" vonstatten ging), kann man sich da nicht mehr so sicher sein - denn manchmal ist auch die Zukunft die Vergangenheit.

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