"1 Jahr wie eine Ewigkeit" - Jörg Haider 1 Jahr tot !

Samstag, 11. Oktober 2008. Nach einer Club-Night in der Und Lounge schaltete ich um 5 Uhr früh den ORF-Teletext ein. Die unglaubliche Schlagzeile: Jörg Haider bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Knapp danach kamen die ersten SMS von heimgekommenen Barkeeperinnen und Nachtschwärmern bzw. emsigen Frühaufstehern. Keiner konnte es glauben, dass der seit 1986 gegen Privilegien, Parteibuchwirtschaft, Postenschacher und das rot-schwarze-Politsystem kämpfende Rechtspopulist für immer von uns gegangen ist. Zu Sonnenaufgang um 6 Uhr früh startete der ORF eine dreistündige Sondersendung, während "in Kärnten die Sonne vom Himmel gefallen ist". Es folgten authentisch-bizarre Trauermonate mit verweinten Lebensmenschen, krausen Verschwörungstheorien und sonderbarem Totenkult-Polit-Marketing ("Weil sie weiß, was er wollte…wissen wir, was wir an ihr haben").

 

365 Tage danach ist der Tango der Skurrilitäten noch lang nicht zu Ende. In einem ehemaligen Nazi-Stollen wird ein Haider-Museum eröffnet - mit dem Schaukelpferd aus Babytagen, Jörgls Lieblingssakkos und Fotos vom todbringenden Phaeton. Dazu Messen, Kerzenparaden am Unfallort und seltsame Interviews "oranger Irrlichter". Und als Bonmot das sexuelle Outing eines Lovers des Ex-Polit-Popstars in der "Bild": Ein gewisser Rene (31), ein Kellner aus dem pink angehauchten Klagenfurt, behauptet, 8 Jahre lang der Liebhaber von Jörg Haider gewesen zu sein. Mit 23 (!) habe er ihn beim Villacher Kirtag kennengelernt, an seinem letzten Tag hatten sie zweimal Sex, und er habe noch um 0045 kurz vor seinem 142 km/h Crash (bei 1,77 Promille im Blut, obduktionstechnisch erklärt durch Alkoholisierung über einen längeren Zeitraum oder durch starke Wodka-Shots in kurzer Zeit) mit ihm telefoniert. Der vielleicht deswegen passierte, weil Rene wegen eines Vorstellungsgespräches keine Zeit für ein Schäferstündchen hatte.

 

Wundert eigentlich keinen - der "Dorian Gray der Innenpolitik" war doch mitverantwortlich für den horriblen Aufstieg der "Buberlpartie". Seine bisexuellen Ausschweifungen stören aber - außer seiner Familie (vermutlich nicht mal der) auch niemanden, haben sogar einen innovativen Bohemian-Chic (siehe Wowereit, Westerwelle). Dass er korrupt agierende IQ-Kapazunder wie Meischberger, Rumpold oder Westenthaler (der sogar das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich bekam), den "schönsten Finanzminister aller Zeiten" und diverse ewigggestrige Burschenschafter zu höheren beruflichen und finanziellen Ehren verhalf, dafür umso mehr.

 

Der ehemalige FPÖ-Obmann Norbert Steger, den Haider 1986 in einer Kampfabstimmung ablöste, brachte es in der ORF-Sendung "Im Zentrum" auf einen Punkt: "Haider war der größter Polit-Kommunikator aller Zeiten, Showmensch und Diva, aber kein Gruppenspieler." Er war dafür verantwortlich, dass das rot-schwarze-Zwei-Parteiensystem zerfallen ist und das dritte Lager durch berechtigte Systemkritik, harte Ausländersprüche und strategischem Polit-Marketing 27 % der Stimmen (1999) erreichte. Das, was er aufgebaut hat, hat er aber bald wieder zerstört, u. a. auch durch die Demontage gleichwertiger Polit-Partner wie Heide Schmidt, Norbert Gugerbauer oder Susanne Riess-Passer.

 

Die Buberln sind ihm stets geblieben. Was auch geblieben ist: Die eklige Parteibuchwirtschaft vor allem in Niederösterreich - siehe ORF, IMC, Landeskrankenhaus St. Pölten (wo sogar Köchinnen und Bettenfahrer ein schwarzes Parteibuch brauchen),....  Ob diese sein legitimer Erbe, HC Strache, beseitigen kann, ist mehr als fraglich. Schicke Sunglasses als Schutz vor oranger Blendung wird er allerdings nur in den mondänen House-Clubs dieser Welt brauchen. Der "BZÖ"-Treppenwitz wird bald Geschichte sein. Das wissen (un)bewusst auch deren Protagonisten. Vielleicht mit Ausnahme eines "eifersüchtigen Pressesprechers".

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