Tanz der Totenköpfe: Depeche Mode auf "Memento Mori"-Tour in Klagenfurt!

Progressive Techno-Beats ertönen als Appetizer vor dem Depeche Mode-Konzert in der Klagenfurter 28 Black Arena (aka Wörthersee-Stadion). Und das unter dem Deckmantel des düsteren Tour-Mottos „Memento Mori“, auf deutsch „Sei dir der Sterblichkeit bewusst“. Davor soll man allerdings noch das Leben genießen und feiern, mögen die Umstände noch so widrig sein. Und da hatten sogar die gefährlichen Kärntner Unwetter ein Einsehen und beendeten kurz vor dem ersten österreichischen Stadion-Konzert von Depeche Mode ihr Unwesen. Als Support lieferte die junge Bristoler Trip Hop-Formation Haelos rund um Sängerin Lotti Bernadout eine elektronisch-melancholische Werkschau inklusive der neuen Single „Hear me“, bevor Gahan, Gore & Co. mit dem neuen Song „My Cosmos is Mine“ ihre Show starteten, der brillante Techno-Remix der brasilianischen DJ Anna wäre fast noch passender gewesen.

 

The Band

 

Depeche Mode-Kult-Video-Regisseur Anton Corbijn hat die Bühne gestaltet, mit einem großen M in der Mitte und zahlreichen Visuals und ohne den Pyro-Wahnsinn vergleichbarer Stadien-Größen. Denn im Mittelpunkt steht die Band: Depeche Mode, 1980 gegründet, benannt nach einem französischen Modemagazin, entdeckt durch den Mute Records-Boss Daniel Miller als Vorgruppe bei einem Fad Gadget-Konzert im Londoner Club Bridgehouse und mit über 100 Millionen verkauften Tonträgern „the most popular electronic band the world has ever known“ (so die Zeitschrift „Q“). Von der Original-Formation sind noch Sänger Dave Gahan und Martin Gore (Keyboard, Synthesizer, Gitarre, Gesang) mit dabei, der „Kitt der Band“, Andrew Fletcher, starb im Vorjahr kurz vor den Aufnahmen zu „Memento Mori“ im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Aortendissektion. „Im Geiste wird er mit uns sein und uns beurteilen“, so Gahan. Auf der Bühne stehen weiters der Keyboarder Peter Gordeno, der bereits seit 1997 das frühere Stamm-Mitglied Alan Wilder ersetzt, und der österreichische Schlagzeuger Christian Eigner, der mit seinen Drum-Beats die treibende Kraft des Live-Sounds darstellt. 

 

Christian Eigner

 

Eigner ist 1994 mit 24 nach London gezogen und lernte 1997 zufällig den Keyboarder Dave Clayton kennen, der an der Produktion des Depeche Mode-Albums „Ultra“ beteiligt war und Eigner der Band vorstellte. Depeche Mode standen damals kurz vor der Auflösung: Soundarrangeur Wilder weg, Alkoholprobleme von Gore, Depressionen bei Fletcher, und Gahan erlitt ein Jahr zuvor aufgrund eines Kokain-Heroin-Speedballs einen Herzstillstand, war zwei Minuten klinisch tot und absolvierte ein Therapieprogramm für Drogenabhängige. Von der Kunstfertigkeit Eigners waren alle sofort begeistert, und seitdem ist der in Niederösterreich lebende Musiker unbestrittenes Mitglied der Live-Touren Depeche Modes. 

 

Memento Mori

 

Das neue Album „Memento Mori“ wird von nahezu allen Musikkritikern als das beste Depeche Mode-Album seit vielen Jahren bezeichnet, insofern ist es schade, dass „nur“ 5 neue Tracks (excl. dem Kraftwerk-angehauchten „People are good“, „My Favourite Stranger“ und „Never let me go“) auf der Setlist der neuen Tour stehen. Bei einer bisherigen Diskography von 15 Alben aber kein Wunder. Die ersten Mega-Hits „Walking in my Shoes“ und „It´s no good“ tauchen bereits im ersten Teil der Show auf, Dave Gahan ist da bereits in Bestform, mit tänzelnden Schritten und zahlreichen Pirouetten mit ausgestreckten Armen. Die altersmäßig bunt gemischten Zuschauer, großteils in Black gekleidet, liegen dem charismatischen Frontman zu Füßen, als erster großer Höhepunkt der kapitalismuskritische 83er-Genie-Streich „Everything counts“ (in large amounts). Martin Gore sorgt mit dem neuen Track „Speak to me“ und „A Question of Lust“ für leisere Momente, bis Dave Gahan den ersten MM-Single-Hit „Ghosts again“ präsentiert. Auf den Videoscreens: Der düstere Corbijn-Video-Clip, in dem Gahan und Gore, verhüllt in dunklen Hoodies, in Anlehnung an den Bergman-Film „Das siebente Siegel“ Schach spielen. 

 

Hommage an Andrew Fletcher

 

Nach dem „Songs of Faith and Devotion“-Klassiker „I feel you“ und „Pain that I´m used to“ folgt dann die Hommage an den 2022 verstorbenen Keyboarder Andrew Fletcher: Sein Favourite Track „World in my Eyes“, visualisiert durch sich verändernde Porträts des Depeche Mode-Gründungsmitglieds. Ein weiteres Highlight des Konzert: Das dämonisch-erotische „Stripped“ aus dem 86er-Album „Black Celebration“. Nach dem eher selten gespielten Track „John the Revelator“ schlägt dann endgültig die Stunde der Fans: „All I ever wanted. All I ever needed. Is here in my arms. Words are very unnecessary. They can only do harm“, Dave Gahan könnte sich die Vocals sparen, „Enjoy the Silence“, der erfolgreichste Hit der Band aus dem 90er-Album „Violator“, dazu rotieren auch die riesigen Totenköpfe auf den Videoleinwänden.

 

Encore

 

„Waiting for the Night“ läutet dann den Zugabenteil ein mit den All Time-Live-Krachern „Just can´t get enough“, „Never let me down again“ und dem Final Track „Personal Jesus“, „Reach out, touch faith“ vor einer Kulisse von rund 25.000 Fans. Ob die 2024 fortgesetzte „Memento Mori“-Tour die letzte Tour von Depeche Mode sein wird? Time will tell. „Die Band wird immer größer. Im Normalfall ist jede Tour größer als die Tour davor“, so Christian Eigner in einem TV-Interview. Stellt sich die Frage: Ist die aktuelle Tour eigentlich noch irgendwie zu toppen?