Queer Euphoria: 60.000 Fans bei Harry Styles-Show im Wiener Ernst Happel-Stadion

Pinke Federboas, bunte Brillen, Glitzer in den Haaren, fröhlich, junge Mädchen, die stundenlang auf der Wiese vor dem Ernst Happel-Stadion mit oder ohne Warteschlangentickets campen und auf ihren Star warten. Oder mit ihren teils überforderten Eltern Richtung Eingang strömen, um auf dem Stehplatz möglichst nahe der Bühne ausflippen zu können. Ein „safe space“ soll das Konzert mit rund 60.000 Besuchern werden, das hat der englische Superstar Harry Styles versprochen. Und dieses Versprechen wurde eingehalten. 

 

Wet Leg

 

Unabhängig von der Hysterie der Teenies, denen man kein besseres Idol wünschen könnte, war dieser Abend auch ein Rendezvous mit der britischen Pop-Elite. Im Vorprogramm spielten die von der Isle of Wight (südlich des Festlandes) stammenden Freundinnen Rhian Teasdale und Hester Chambers aka Wet Leg. Ihr gleichnamiges Debüt-Album stürmte sofort auf Platz 1 der UK-Charts, bei den Brit Awards gewannen sie die Preise in den Kategorien Best Alternative Music Album und Best Alternative Performance. Q.e.d.: Indie-Rock vom Feinsten mit grungigen Gassenhauern wie „Chaise Longue“, „Angelica“ oder „Ur Mum“ und subtil-feministischen Show-Einlagen. 

 

Superstar-Mania

 

Die Welle fließt durch das Stadion wie bei einem Fußball-Thriller, die Fans tanzen, kreischen und singen, noch bevor der durch die Boy-Band One Direction berühmt gewordene Harry Styles die Bühne betritt. Zur Musik von Freddie Mercury („Bohemian Rhapsody“), den Beatles („All you need is love“) und Robbie Williams („Angels“), alles Stars, die man mit Styles vergleichen könnte (in dieser Reihe fehlt nur Bowie). In einer Zeit, als es noch keine sozialen Medien und keine Smartphones gab. Heute zücken die Fans bereits vor dem ersten Erscheinen ihres Superstars die Handies, Instagram, Facebook und Tik Tok brauchen Material. Und das alles ist nicht unbedingt schlecht, wenn es sich um so sympathische Künstler wie Harry Styles handelt.

 

Queer Image

 

Der 1994 in Worcestershire aufgewachsene Harry Edwards Styles verzichtet bei seiner „Love on Tour“-Show auf Klimbim und Akrobatik-Einlagen. Die Bühne besteht aus einer Pyramide in der Mitte und vier Screens, auf denen neben Zeichentrickfiguren vorwiegend Styles und seine großteils weibliche Band zu sehen sind. Die Bandleaderin ist die großartige Drummerin Sarah Jones. Ein signifikantes Zeichen, mit dem Styles die patriarchalische Struktur der Musikszene aufbrechen will. „Styles repräsentiert alles, was Männer jetzt zu tun haben, empathisch sein, Diversität feiern, Frauen und queere Menschen unterstützen“, so der Männerforscher Christoph May. Die Regenbogenflagge und ein extravaganter Look dürfen nicht fehlen. In Wien trägt Styles eine hellgrüne Glitzer-Hose mit offenem Gilet, das Gucci-Rüschenkleid ist der Vogue vorbehalten, für die Styles im Dezember 2020 als erster Cover-Boy posiert hat.

 

„My Job is to entertain you“. Und den macht der 4fache Brit-Awards und 3fache Grammy-Gewinner exzellent, chronologisch perfekt aufgebaut: Unbekanntere, groovige Tracks am Anfang (wie „Golden“ und „Adore you“), die Superhits am Schluss, dazwischen One Direction-Covers und der bei jedem Konzert geplante persönliche Kontakt zu den Fans, bei denen Styles „Coming Out“-Fragen beantwortet. Selbst ist er diskreter und gibt keine Statements zu seinen sexuellen Präferenzen ab: „The whole point of where we should be heading, is accepting everybody and being more open“, so Styles im Guardian.

 

Encore

 

Vor allem bei den Mega-Hits könnte sich Styles, der seit fast zwei Jahren ununterbrochern auf Tour ist, jederzeit einen Schnitzer leisten. Die Fans im Front of stage-Bereich singen sowieso jede Textzeile lautstark mit. Dass „Watermelon Sugar“, sein brillanter erster Nr. 1-Hit in den USA, nicht über Wassermelonen handelt, sondern über Oralsex, muss man den Teenies (oder ihren Eltern) ja nicht direkt auf die Nase binden. Bei der ersten Zugabe, seiner an David Bowie angelehnten Ballade „Sign of the Times“ (seiner ersten Nr. 1 in England), gehen im ganzen Stadion die Handy-Lichter an, Gänsehaut pur. „You know, it´s not the same, as it was“, Harry Styles melancholisch-poppiger Track über Liebe, Einsamkeit und Verlust, sein bisher größter Hit aus seinem aktuellen Album „Harry´s House“ (mit 15 Wochen auf Platz in den Staaten), verwandelt das Stadion in einen kreischenden Hexenkessel. Den Schlusspunkt setzen Styles und seine großartige Band mit dem Indie-Kracher „Kiwi“. Ohne Tortenschlacht wie im Video, aber mit lächelnden, glücklichen Gesichtern der Fans. Rock´ Roll will never die. Das gilt nicht nur für die jungen Römer…