Oliver´s WM-Blog (9): Brasilianischer Horrortrip in 6:40 Minuten !

"Wann sind wir Brasilianer je so vorgeführt worden ? Was sind wir jetzt noch, wenn wir nicht mehr das Land des Fußballs sind ?" so ein brasilianischer Fan nach dem unfassbaren 1:7-Debakel der Selecao gegen die Deutschen. Noch drastischer einige südamerikanische Medien: "Massaker", "historisches Debakel", "neues nationales Fußballtrauma".

 

Fakt ist: Es war – so wie es Trainer Felipe Scolari (der 2002 die Brasilianer zum 5. WM-Titel führte) im ersten Interview bezeichnete – die "höchste WM-Niederlage aller Zeiten". Ganz nachvollziehbar ist sie – trotz des Fehlens des Barcelona-Superstars Neymar (Lendenwirbelbruch) und des Abwehrkapitäns Silva (dumme gelbe Karte) – trotzdem nicht. Denn im brasilianischen Team standen keine amateurhaften Unterligisten, sondern exzellente, hochdotierte Ballprofis von Real Madrid, Chelsea, Barcelona oder Bayern München.

 

Und trotzdem trafen die Deutschen innerhalb von 6:40 Minuten 4 mal ins brasilianische Tor und erhöhten – nach dem Führungstreffer des vollkommen freistehenden Thomas Müller – zwischen der 23. und 29. Minute von 1:0 auf 5:0 (!!!). Zuerst Klose (der damit mit 16 Treffern erfolgreichster Torschütze aller Zeiten ist), dann zweimal der neue Real Madrid-Legionär Kroos und dann Khedira. "Ein 6 Minuten Kurzschluss bzw. ein 6 Minuten Psycho-Schock vor den Zuschauern im Estádio Mineirão von Belo Horizonte und den 200 Millionen Brasilianern vor dem TV-Schirm, die sich nichts sehnlicher wünschten als den 6. WM-Titel ?"

 

Ein ähnliches Debakel geschah vor 6 Jahren in der österreichischen Liga. Rapid besiegte in einem meisterschaftsentscheidenden Spiel Red Bull Salzburg mit 7:0, bereits nach 17 Minuten stand es 0:4. In einem Interview 2013 zitierte man den damaligen Trainer Giovanni Trappatoni folgendermaßen: "Drei Tore in fünf Minuten, das ist unmöglich. Ich dachte mir: Die sind entweder Idioten oder sie stehen unter Drogen oder sie haben das Spiel verkauft, aber dafür habe ich natürlich keine Beweise."

 

Sei´s wie´s sei: Deutschland erhöhte in der 2. Hälfte noch durch Chelsea-Legionär Schürrle auf 7:0, der souveräne Keeper Neuer verhinderte eine Resultatkosmetik, ehe Oscar in der 90. Minute doch noch ein schmeichelhafter Ehrentreffer gelang.

 

Währenddessen ergoss sich über das brasilianische Nationalteam bereits ein Tal aus Tränen, Ärger und Spott. "Ich wollte nur meinem Volk Freude bereiten", so Verteidiger David Luiz schluchzend beim Interview. Die Abwehrleistung (unter Anführungszeichen) war tatsächlich zum Weinen. Imposant aber auch die Effektivität der Deutschen: Von 10 Torschüssen gingen 7 ins Tor.

 

"Auf dem Feld standen heute Robben, van Persie, Sneijder auf der einen Seite und Messi, Lavezzi oder Higuain auf der anderen. Dass es in diesem Spiel trotzdem kaum Chancen gab, zeigt, wie sehr es von der Taktik geprägt war." Hollands Star-Trainer Louis van Gaal resümiert nicht unrichtig über das zweite WM-Semifinale, muss sich aber von Experten (wie Mehmet Scholl) auch dafür kritisieren lassen, die Oranjes zu defensiv eingestellt zu haben. Robben hatte zwar kurz vor Ende der regulären Spielzeit den Matchball auf dem Fuße, insgesamt gab es aber bis dahin nur einen Torschuss der Holländer auf das argentinische Tor.  

 

Das sollte sich rächen: 0:0 nach 120 Minuten, das Elfmeterschießen entschieden die Argentinier durch zwei große Paraden ihres Schlussmannes Sergio Romero bei den Penaltys von Vlaar und Snejder mit 4:2 für sich. Apropos Romero: Der wurde einst von van Gaal zu Alkmaar geholt und feierte dort mit ihm den holländischen Meistertitel. Derzeit steht er bei AS Monaco unter Vertrag, war aber dort zuletzt nur Ersatztormann. Der Einzug ins Finale gehört sicherlich zu seinem Karrierehöhepunkt, die Holländer dagegen schäumen und müssen das ungeliebte Spiel um Platz 3 gegen die Brasilianer am Samstag bestreiten.

 

Fazit:  Das Finale am Sonntag im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro ist ein Duell zweier Weltmeister. Die Deutschen zelebrierten bereits 1954 in der Schweiz, 1974 in Deutschland und 1990 in Italien, die Argentinier mit dem legendären Mario Kempes 1978 in ihrer Heimat und 1986 mit Superstar Diego Maradona in Mexiko. Daraus resultierten auch zwei direkte Finalduelle: 1986 besiegten die Argentinier die Deutschen mit 3:2, die Revanche erfolgte 1990 in einem schwachen Finale durch ein Elfmetertor von Brehme. Bei der WM in Südafrika 2010 schmissen die Deutschen die Argentinier im Viertelfinale durch ein 4:0 aus dem Turnier. Klose (2x), Friedrich und Thomas Müller waren damals die Torschützen...

 

Nicht nur die Medien und Fußball-Experten sehen nach dem sensationellen Auftritt gegen Brasilien die Deutschen als klaren Favoriten, sondern auch die Buchmacher. Die Quoten von Deutschland bewegen sich zwischen 1,5 und 1,66, jene der Gauchos zwischen 2,2 und 2,55. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Deutschen sich mit taktisch defensiv eingestellten Teams schwer tun und ihre Glanzpunkte bei der WM gegen in der Verteidigung hochriskant agierenden Offensivzauberer wie Brasilien und Portugal setzten. Oder wie es Pele nach dem Debakel der Selecao ausdrückte: "Fußball ist eine Kiste von Überraschungen". Und das ist gut so...

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