"GERMAN INVASION" - Oliver´s WM-Blog (9)

Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel. Die durstige Menge bestellt Bier und Hot Dogs en masse, besetzt mit Stöckelschuhen, legeren T-Shirts und Motorradhelmen die heiß begehrten Strandliegen. So wie in ballermännischen Mallorca. Nicht Orange oder Pink sind die Modefarben, sondern Schwarz-Rot-Gold. Die Minuten und Sekunden vor der Stunde X vergehen, die Spannung steigt langsam ins Unermessliche. Über 2000 Fans feiern frenetisch vor einer Public Viewing-Leinwand eine Mannschaft, die deutsche Mannschaft. Nicht irgendwo in Köln, München oder Frankfurt. Nein, mitten in Wien, in der Strandbar Hermann, wo die deutschen Fans die Mission „54, 74, 90, 2010“ zur Lebensmaxime erklärt haben. Die nach dem sensationellen 4:0-Kantersieg gegen Argentinien im Viertelfinale letzten Samstag keine Mission Impossible mehr darstellt.

 

Der Messi bekommt heute auf die Fressi“ titelte lautstark und eitel die „Bild“-Zeitung und hatte (ausnahmsweise) Recht. Während 2006 die Gauchos mit Pech an Deutschland im Elfmeterschießen scheiterten, hatten sie 2010 keinen Funken einer Chance. Thomas Müller, vor 1 Jahr noch bei den Bayern Amateuren und leider im Semifinale wegen einer Gelben Karte gesperrt, zweimal Klose und Friedrich scorten, die argentinische Abwehr vollkommen von der Rolle. Es war die höchste WM-Niederlage Argentiniens seit 1958 (1:6 gegen die CSSR), Teamchef Diego Maradona, den Tränen nahe, meinte in einem Interview: „Das ist wie ein Faustschlag von Muhammad Ali. Ich habe zu nichts mehr Kraft.“ Fußball-Modeikone Jogi Löw, vor der WM wegen der Teamaufstellung im eigenen Land heftigst kritisiert, triumphiert gelassen und verweist auf eine mangelnde Abstimmung zwischen Defensive und Offensive bei den Südamerikanern, die Deutschland eiskalt ausgenützt hat.

 

Bei dieser Form der Deutschen wird es der Semifinalgegner Spanien am Mittwoch schwer haben. Die Bosque-Truppe hatte schon im Viertelfinalduell gegen Paraguay zu kämpfen. Knapper 1:0-Sieg wieder durch ein Tor des Top-Scorers David Villa. Das Spiel selber enttäuschend, aufgehellt nur durch einige (egalisierende) Fehlentscheidungen und durch zwei verschossene Elfmeter (und ein nicht gegebenes spanisches Elfmetertor wegen zu früher Betretung des Strafraumes) in drei Minuten. Bei der Neuauflage des Euro-Finales 2008 – damals hat Spanien mit 1:0 durch ein Tor des bei der WM verletzungsbedingt schwachen Fernando Torres gewonnen – werden die Karten allerdings neu gemischt.

 

Im zweiten Semifinale treffen am Dienstag die Holländer auf die nunmehr einzigen südamerikanischen Vertreter aus Uruguay. Brasilien musste am Freitag die Heimreise antreten, obwohl sie gegen die Niederlande durch ein Tor von Robinho noch 1:0 in Führung gegangen sind. Dann folgten allerdings das unglückliche Eigentor von Felipe Melo, der später auch noch aufgrund eines brutalen Tritts gegen Bayern-Star Robben ausgeschlossen wurde, und der Orange-Siegestreffer durch Wesley Snejder. Auch Paris Hilton und ihre Freundin waren an diesem Tag im Stadion, wähnten sich aber anscheinend geistig in einem holländischen Coffee-Shop. Wegen Besitzes eines Marihuana-Joints wurden beide im Stadion festgenommen, Hiltons Freundin bekannte sich schuldig und muss eine Geldbuße von 100 Euro bezahlen.

 

Die hätte sicher auch gerne der Ghanaer Asamoah Gyan, die tragische Figur des zweiten Freitag-Spiels bezahlt, um gegen Holland im Semifinale zu spielen. Beim Stande von 1:1 wehrte Luis Suarez im Viertelfinal-Thriller Uruguay-Ghana in der 122. Minute einen Schuss Adijiahs auf der Torlinie mit der Hand ab. Gyan trat zum Elfmeter an und hätte mit erfolgreichem Abschluss für Afrika den größten WM-Erfolg aller Zeiten erreicht, die Latte war trotz trötendem Vuvuzela-Lärm dagegen. Im Elfmeterschießen traf Gyan souverän, es flatterten aber die Nerven der anderen Afrikaner. „El Loco“ Sebastian Abreu dagegen beförderte im Stile von Antonin Panenka mit einem Schupferl mitten aufs Tor die Jungs aus Ghana aus dem Turnier. „Held oder Schurke“ titelten die Gazetten über das Hands von Suarez, zu überlegen wäre hier eine Änderung der FIFA-Regeln in Richtung Torentscheid, wenn der Ball durch einen Feldspieler vorsätzlich auf der Linie mit der Hand abgewehrt wird. Sonst macht dieses „instinktive Verhalten“, das Suarez nur ein Spiel Sperre eingebracht hat, Schule.

 

Die Conclusio: Die WM-Favoriten Brasilien und Argentinien sind draußen, the European Empire has struck back. Laut www.wettbasis.com gelten die Spanier weiterhin als Top-Favorit für den Weltmeistertitel (3,0), knapp dahinter schon die Deutschen und Holland (je 3,25). Uruguay werden nur Außenseiterchancen eingeräumt (13,0). Ob das einen Diego Forlan, seines Zeichens Euro-League-Sieger mit Athletico Madrid, nicht zusätzlich anspornt ? Man darf gespannt sein.

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