"FLASH-SIDEWAYS" - Oliver´s WM-Blog (8)

Die “Herr der Fliegen”-Mystery-Adaption “Lost” verwendete in seiner letzten 6. Staffel die Technik der „Flash-Sideways“. In einer zweiten, alternativen Erzählebene stellte man sich die Frage, wie sich die Handlung und die Personen weiterentwickeln würden, wenn ein bestimmter Vorfall (der Flugzeugabsturz) nicht eingetreten wäre. Die Schiedsrichter der sonntäglichen WM-Achtelfinalbegegnungen England-Deutschland und Argentinien-Mexiko dürften zuviel „Lost“ geguckt haben und an psychotischen Wahrnehmungsverzerrungen erkrankt sein.

 

Geht es bei „Lost“ „nur“ um virtuelle, spannende Cliffhanger und hohe Einschaltquoten, so steht im Mittelpunkt einer realen Fußball-Weltmeisterschaft nicht nur die einzelnen Teams und deren Millionenprämien bei Erreichen bestimmter Leistungen oder die Euphorie vuvuzelalärmender Schlachtenbummler, sondern auch das Image der Sportart Fußball. Just jenes Land, das als Mutterland des Fußballs gilt und in dem 1863 (!) die ersten verbindlichen Regeln aufgestellt wurden, steht bereits zum zweitenmal im Zenit der Diskussionen. 1966 erzielte ein gewisser Geoff Hurst ebenfalls in einem (Final)-Match England gegen Deutschland das 3:2, der nach einem Lattenpendler in den Tormannbereich abgelenkte Ball landete allerdings – in den 90ern wissenschaftlich nachgewiesen – nicht mit vollem Umfang hinter der Linie. Dieser Treffer, eine Fehlentscheidung, ging als „Wembley-Tor“ in die Fußballgeschichte ein.

 

Allerdings Jahrzehnte vor Google Earth, Präzisions-Kamera-Infernos in den Stadien und perfektionierter Kommunikationsvernetzung. So gesehen handelte es sich bei dem nicht gegebenen Frank Lampard-Treffer in der 39. Minute, der von Millionen TV-Zuschauern sichtbar und als Treffer registriert vom Resultat-Insert, 40 cm (!!!) hinter der Linie landete, um den wohl größten WM-Skandal aller Zeiten. Eine Fehlentscheidung des uruguanischen Schiedsrichter-Teams rund um den nun unter Polizeischutz stehenden Jorge Larrionda, die trotz aller spielerischen Mängel des britischen Teams (katastrophale Abwehr trotz eines italienischen Teamtrainers, unterdurchschnittlicher Tormann) den Knackpunkt des Spiels darstellte. Ein 1:2 in der Pause, mit dem Unterbewusstsein einer brutalen Benachteiligung noch dazu gegen einen Angst-Gegner, gegen den man schon zweimal mit Pech (im Halbfinale 1990 und bei der Euro 1996 gescheitert ist), ist eine andere Ausgangssituation als ein 2:2 nach 45 Minuten, bei der eine andere Verteidigungsstrategie angewandt werden kann. Peinlich der zweifache deutsche Torschütze Thomas Müller, der das nicht gegebene Tor als „Wembley-gerechten Ausgleich“ bezeichnet hat. Bejubelt wurde natürgemäß der 4:1-Sieg der „Migrantenlegion“ (aus Polen, Türken, Tunesiern, Ghanaern und Brasilianern) von der „Bild“-Zeitung, im Stile des nasenbohrenden Jogi Löw.

 

Am Samstag ist hoffentlich – trotz aller Studenten-Analysen der Sporthochschule Köln - Endstation gegen die Argentinier, die allerdings auch einen Pakt mit dem Schiedsrichter-Moloch geschlossen haben. Der Torschütze des 1:0 beim 3:1-Sieg gegen die Mexikaner, Carlos Tevez, stand bei der Ballabgabe Messis eindeutig im Abseits, auf der Video-Leinwand des Soccer-Stadions von Johannesburg wurde die Szene irrtümlich sogar in Zeitlupe wiederholt, jeder sah das Abseits, nur der Schiedsrichter Roberto Rosetti aus Italien nicht. Auch hier deutete der „Flash Sideway“ auf eine komplett andere Handlungsebene – die Mexikaner vergaben in 3 Minuten 3 Chancen, darunter einen Lattenpendler. Nach dem schockierenden 0:1 ein „Black Out“ eines Verteidigers – und die Chancen auf das WM-Viertelfinale waren dahin.

 

Die FIFA als Hüter von Tradition und scheinbarer Emotion allerdings verweigert weiterhin die Einführung eines Chipballes oder den Videobeweis, der im Eishockey und beim American Football bereits Status Quo ist. Und das obwohl 65 % weltweit und Dutzende Facebook-Gruppen diesen vehement fordern. Vermutlich muss zur Durchsetzung fairer Verhältnisse Captain Jack Sparrow (alias Johnny Depp) eingreifen, der direkt am südafrikanischen „Fluch der Karibik 4“-Set dem Untergang der englischen und mexikanischen Armada beiwohnte. Bis dahin sollten zumindest zwei zusätzliche Tor-Richter (wie in der Euro-League und nächstes Jahr in der Champions League und bei der nächsten Europameisterschaft) den Prozentsatz von Fehlentscheidungen mäßigen.

 

Ohne grobe Fehler der Referees kamen die beiden WM-Favoriten Holland und Brasilien in die nächste Runde, deren Duell am Freitag in Port Elizabeth zu den Leckerbissen des Viertelfinales zählt. Die Slowaken, die in der Vorrunde sensationell die Italiener heimgeschickt haben, hatten trotz einiger Tormöglichkeiten des Top-Scorers Robert Vittek nicht den Funken einer Chance. Sehenswert der Treffer des Bayern-Legionärs Arjen Robben, der nach einem Pass von Wesley Snejder zwei Verteidiger überspielte und dann eiskalt das 1:0 erzielte. Endstand: 2:1 für Holland. Brasilien bleibt für die tapfer kämpfenden Chilener weiterhin der Angstgegner – der fünfmalige Weltmeister besiegte durch Tore von Juan, Fabiano und Robinho Chile glatt mit 3:0. Ein Deja-Vu nach dem Ausscheiden bei der WM 1998 und zwei Niederlagen in der WM-Qualifikation.

 

Das zweite Viertelfinalspiel kommenden Freitag bestreiten Uruguay und Ghana. Die Südamerikaner besiegten Südkorea durch 2 Tore von Ajax-Tormaschine Luis Suarez mit 2:1, ihr größter Erfolg seit dem Semifinaleinzug 1970. Bill Clinton und Mick Jagger waren live im Stadion vor Ort, es half leider nichts. Die USA, die in der Vorrunde ebenfalls mit einigen Schiedsrichter-Fehlern haderte, konnte in der Verlängerung nach dem 2:1-Führungstreffer Asamoah Gyans gegen die letzte afrikanische Mannschaft im Bewerb, Ghana, nicht mehr zusetzen und muss die Heimreise antreten. In Amerika freut dies nur die Rechten, dessen Radio-Voice, Gordon Liddy, einst im Watergate-Skandal verstrickt, öffentlich wirres Zeug plappert: „Fußball kommt von den südamerikanischen Eingeborenen, und statt eines Balls benutzten sie den Kopf, den enthaupteten Kopf eines feindlichen Kriegers“.

 

Sturm Graz-Legende Ivica Osim war bis vor seinem Schlaganfall 2007 Trainer der Japaner. Von „magischem Dreieck“ allerdings keine Spur im enttäuschenden Achtelfinalspiel Japan-Paraguay, Catenaccio pur 120 Minuten lang. Im Elfmeterschießen siegten die Südamerikaner nach einem Lattenschuss von Komano 5:3. Gegner im Viertelfinal-Spiel am Samstag Abend sind die Spanier, die die Konkurrenten von der Iberischen Halbinsel, Portugal, verdient mit 1:0 besiegten. 61 % Ballbesitz und ein Verhältnis der Torschüsse von 19:9 sprechen eine klare Sprache für die Überlegenheit der „Tiquitaca“-Zauberer in diesem Achtelfinal-Hit. Matchwinner war wieder einmal der bescheidene Bergarbeitersohn und Torschützenkönig der Euro 2008, David Villa, der in der 63. Minute im Nachschuss den starken Schlussmann der Portugiesen, Eduardo, bezwang. Aus abseitsgefährdender Position, die allerdings laut FIFA-Regeln „im Zweifel für den Angreifer“ ausgelegt wird. Barcelona darf sich jedenfalls auf die 40 Millionen-Neuerwerbung „Villa Maravilla“ freuen. Im Kreuzfeuer der Kritik dagegen der 94 Millionen teure Starkapitän der Portugiesen, Cristiano Ronaldo. Eklatante Fehlschüsse, Leidenschaftslosigkeit, Müdigkeit – böse Stimmen behaupten, die Frisur sei ihm wichtiger als Portugal. Ein zorniges Ausspucken vor laufender Fernsehkameras tut sein Übriges.

 

Im Wettbewerb um den begehrten Weltmeisterpokal befinden sich vor den Viertelfinalthrillern 4 Südamerikaner, 3 Europäer und eine afrikanische Mannschaft. Das Sportwetten-Informationsportal wettbasis.com sieht Brasilien (3,50) vor Spanien (3,75), Argentinien (5,50), Deutschland (8,00) und Holland (8,00) als WM-Favoriten. Bereits am Freitag könnte diese Prognose Geschichte sein. Also weiterhin WM schauen, egal ob im trauten Eigenheim, beim überfüllten Public Viewing, in einem wetttestosteronerfüllten Glücksspiellokal oder in einer coolen Trend-Bar.

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