"The Fall of the Bourgeoisie" - Oliver´s WM-Blog (4)

Wettbüros lukrieren während einer Fußball-Weltmeisterschaft einen zusätzlichen Monatsumsatz. Freude kommt in den Managementzentralen vor allem bei Unentschieden und Außenseitersiegen auf, Favoritensiege vermindern (trotz wahrscheinlichkeitsminimierter Quote) aufgrund der hohen Anzahl von Siegern den Umsatz. Die Bourgeoisie der Fußballszene dürfte mit den Wettanbietern einen faustischen Pakt des Teufels eingegangen sein.

 

In der Gruppe A steht der Weltmeister des Jahres 1998, Frankreich, vor einem blamablen Vorrunden-K.O. Mexiko siegte in der zweiten Runde verdient mit 2:0, Chelsea-Star Nicolas Anelka beschimpfte in der Pause angeblich den auch von den Medien heftig gescholtenen Teamtrainer Raymond Domenech abfällig mit „Hurensohn“ und wurde am Samstag aus dem WM-Team entlassen. Frankreich muss das letzte Spiel gegen Südafrika unbedingt gewinnen, das Parallelmatch zwischen den punktegleichen Mexiko und Uruquay darf dabei nicht Unentschieden enden. Was sogar noch klappen könnte, denn der Zweite der Gruppe A spielt im Achtelfinale gegen den vermutlichen Sieger der Gruppe B, den beide in dieser Turnierperiode meiden wollen: Argentinien. Dort sieht man sich nach dem 4:1 gegen Südkorea und den drei Treffern von Gonzalo Higuain als WM-Favorit Nr.1, einzig allein Diego Maradonas peinliche Tiraden gegen die brasilianische Legende Pele („Der gehört ins Museum“) ziehen einen negativen Beigeschmack mit sich. Griechenland feierte unter dem 71jährigen Trainer Otto Rehagel seinen ersten WM-Sieg und kann sich ebenso wie Südkorea und die noch punktelosen Nigerianer in der dritten Runde noch für das Achtelfinale klassifizieren.

 

Niemals in der Geschichte der WM wurde den vielen so wenig geboten“ – ein berühmtes Zitat aus einer Kriegsrede Winston Churchills. Die britische Boulevardzeitung „The Sun“ meint damit die „Three Lions 2010“, die englische Fußballnationalmannschaft. Unter der Anwesenheit von Prince Harry und William, die stattdessen auf die glamouröse schwedische Hochzeit Victorias verzichteten, blamierten sich Rooney, Lampard, Gerrard & Co. mit einem blamablen 0:0 gegen Algerien. Rooney beschimpfte nach dem Match die eigenen Fans, die die Vuvuzelas mit lauten Buh-Rufen übertönten, ein britischer Fan drang trotz aller Sicherheitsvorkehrungen nach dem Schlusspfiff in die Kabinen der Engländer ein und beschimpfte den Trainer Fabio Capello. Der zumindest den Kickerfrauen, den „WAG´S“ (= „Women & Girlfriends“) einen Gefallen getan hat, indem er ihnen den dauerhaften Kontakt zu den Kickern verboten hat und ihnen somit einige Schmach erspart hat. England muss nächste Woche gegen Slowenien gewinnen, sonst ertönt „Shout for England“, Dizzee Rascals Nr. 1, nur mehr aus den Top 40-Pop-Charts. Ein afrikanischer Schiedsrichter aus Mali vermasselte ihren Kontrahenten, den Amerikanern, eine bessere Ausgangsposition in der Gruppe C – statt 3:2 nur 2:2 gegen Slowenien, der Grund für die Aberkennung von Edu´s vermeintlichem Siegestreffer bleibt ein Mysterium ähnlich dem Ende der Mystery-Serie „Twin Peaks“.

 

In der Wiener Strandbar Herrmann feuerten Deutsche und österreichische Deutschland-Fans (die gibt es wirklich, man glaubt es kaum) mit Podolski-T-Shirts Jogi Löws Truppe frenetisch an. Just die Nr. 10 der deutschen Nationalmannschaft vergab 7 Torchancen und einen Elfmeter, souverän gehalten durch Serbiens Keeper Stojkovic. Nach dem 0:1 liegen bei den Deutschen die Nerven blank, sogar der betont zurückhaltende Trainer Löw zertrümmerte Wasserflaschen und verwechselte bei der Pressekonferenz die jugoslawischen Nachfolgestaaten. Die Zeichen für einen Achtelfinaleinzug der Deutschen stehen trotzdem nicht schlecht – ein direkter Drittrundensieg gegen Ghana, das gegen eine dezimierte australische Mannschaft mit Hilfe eines umstrittenen Hands-Elfmeters nur 1:1-Remis spielte, sollte kein Hindernis sein. Ausgenommen die Glücksgöttin Fortuna streikt in den harten Krisenzeiten zum zweitenmal oder lässt sich von der Wettspielindustrie kaufen.

 

Wenig Tore, das Fehlen sogenannter Underdogs aufgrund taktisch top aufgestellter Mannschaften, bisher schwache Leistungen ehemaliger Gardetruppen und katastrophale Tormannfehler kennzeichnen bis jetzt die Fußball-WM in Südafrika. Manchen ist – aufgrund des geringen Luftwiderstands in Höhen über 1000 m - auch der neue, „flatterhafte“ WM-Ball, der „Jabulani“, zu schnell und zu schwer kontrollierbar. Obwohl alles ja so einfach ist. Zumindest laut ORF-Chefanalytiker Herbert Prohaska. Sein Erfolgsrezept: „Offensiv spielen und verteidigen“. Wie hoch die Gage für diese geistige Erleuchtung beziffert ist, weiß wohl nicht einmal die Finanzabteilung des österreichischen Staatsfunks.

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